Veranstaltungsberichte

Afghanistan - Pulverfass am Hindukusch?

von Natalie Miyoshi-Koop, Natalie Miyoshi-Koop, Ralf Altenhof, Ralf Altenhof
Mit den Worten "Heute Abend nehme ich Sie mit nach Kunduz in Afghanistan!" eröffnete Oberst i.G. Benecke die Veranstaltung "Pulverfass am Hindukusch?". Der starke Teilnehmeransturm an diesem Abend zeigt, wie aktuell das Thema für Deutschland ist. Wer zu spät kam, musste stehen. Doch auch das hinderte an diesem Abend keinen der 270 Teilnehmer, sich durch die authentischen Erzählungen von Uwe Benecke in eine ganz andere Welt, eine Welt der Unsicherheit und Angst, führen zu lassen.

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Besucheransturm im Hilton-Hotel

Oberst Benecke, von November 2008 bis April 2009 Befehlshaber der deutschen Truppen in Kunduz, geht es um die Menschen im Kriegsgebiet im Mittleren Osten. Mit bewegenden Aufnahmen über seine Arbeit im Krisengebiet macht Benecke deutlich: "Afghanistan ist schön, nur der Krieg ist es nicht". Es geht darum, die Situation der afghanischen Bevölkerung verstehen zu können, Toleranz zu schaffen und zu zeigen, wofür es sich lohnt "einen langen Atem zu haben".

Man müsse sich Afghanistan vorstellen wie Europa im tiefsten Mittelalter. In diesem Land müsse man die Menschen unterstützen und ein Gefühl von Sicherheit vermitteln, um etwas zu verändern. "Wer das Vertrauen der afghanischen Bevölkerung gewinnt, gibt den Ton an." Denn "sie wollen nur, dass man sich kümmert, so wie wir es auch von unseren Fürsten im mittelalterlichen Europa wollten. "Sich kümmern", das sei das Zauberwort schlechthin.

Die afghanische Bevölkerung will, dass langsam etwas passiert. Man "hat die Schnauze voll von Plünderung und Vergewaltigung", sagt Benecke drastisch. Wenn es um Hilfestellungen geht, auch finanzieller Natur, dann müsse es schnell gehen, fordert er. In Afghanistan warte man schon viel zu lange. "Die Bevölkerung, die heute kein Einkommen hat, will morgen arbeiten. Nicht in drei Jahren." Wenn wir die Menschen für uns gewinnen wollen, müsse man seinen Fokus auf die Gegenwart legen, weniger auf Hilfeleistungen in ferner Zukunft. Es sei nötig zu verstehen, wie das Leben der Menschen in Afghanistan aussieht, betont Benecke. Für die Muslime sei die Familie, ihre Gemeinschaft, ihr Dorf, das wichtigste. "Für 20,- US-Dollar wird dort jeder zum Bombenleger. Von 20,- US-Dollar lebt eine afghanische Familie ein bis zwei Monate, ohne zu hungern." Es geht darum, sich diese Umstände vor Augen zu halten. Das gleiche gelte für den Drogenanbau. Die Böden seien zu unfruchtbar, Opium hingegen wachse überall, sei leicht anzubauen und biete den Menschen ein solides Einkommen. "Für eine Alternative wäre jeder Afghane bereit, damit aufzuhören".

Kritisch betrachtet Benecke die derzeitige Exit-Strategie -etwa der Niederlande für das Jahr 2011-, die auch in Deutschland ihre Befürworter findet. "Mir fehlt das Verständnis wie der- oder diejenige diese Rechnung aufmacht. Ich könnte das nicht!" Die Stabilisierung in Afghanistan dauere seine Zeit, das hätte einem klar sein müssen, als Deutschland sich 2001 dazu entschloss, aktiv mitzuwirken. Wir brauchen einen langen Atem, denn "die Rechnung ist nach oben offen." Sicher ist sich Benecke jedoch damit, dass er nicht mehr deutsche Soldaten brauche, sondern vermehrt afghanische Polizisten. "Der Erfolg bedeutet immer mit den Afghanen gemeinsam vorzugehen", betont Benecke. "Afghanistan ist ein Fass ohne Boden, daher geht es für uns um Hilfe zur Selbsthilfe".

Uwe Benecke bekennt sich auch positiv zu der Äußerung von Verteidigungsminister, Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), der von „kriegsähnlichen Zuständen“ gesprochen hat. Auch im Norden Afghanistans, in Kunduz, das bislang als relativ sicher galt, wurde eine neue "Einsatzqualität" erreicht. "Auf unsere Soldaten wird scharf geschossen. Das sollte uns in Deutschland genauso bewusst sein, wie es unseren Soldaten in Kunduz jeden Tag bewusst ist. Jeder Soldat in Afghanistan ist immerzu in Gefahr", mahnt Benecke. So wichtig wie der Zusammenhalt der ISAF-Truppen in Afghanistan ist, genau so wichtig ist die Solidarität der deutschen Bevölkerung mit dem Einsatz in Afghanistan. Für Benecke stellen sich Fragen nach Tun oder Unterlassen nicht, denn aufgrund seiner Erfahrungen ist er "felsenfest davon überzeugt, dass die deutschen Soldaten in Afghanistan in ihrer Situation richtig handeln".

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