Veranstaltungsberichte

Ein politischer Häftling berichtet in der Paula-Modersohn-Schule über seine Zeit in der DDR

von Janine Dufner
Die Konrad-Adenauer-Stiftung veranstaltete ein Zeitzeugengespräch mit Peter Drauschke in der Paula-Modersohn-Schule in Bremerhaven. 100 Schüler der Klasse 10 lauschten gespannt seinen Ausführungen über die Haftbedingungen politischer Gefangener in der DDR.

„Passports!“, ahmt Peter Drauschke das gebrochene Englisch des bulgarischen Beamten nach.

Es war 1972. Drauschke, seine Verlobte Beate Stern und sein langjähriger Freund Erwin Brüggen versuchten mit gefälschten Pässen und in Westklamotten über Bulgarien und Österreich nach Westdeutschland zu fliehen. Zwei Jahre hatten sie in die Vorbereitung gesteckt. „Zwei Jahre Vorbereitung hießen auch zwei Jahre Angst“, erklärt Drauschke. Seine Schwester und deren Mann haben sie bei dem Fluchtversuch unterstützt. Die gefälschten Pässe waren gut, sogar sehr gut. Dennoch war am Ende alles vergeblich. Auf der Liste des Flugzeuges aus der Bundesrepublik, mit dem sie behauptet hatten, angekommen zu sein, standen ihre Namen nicht. So wurde Drauschke zum politischen Häftling in der DDR.

30 Jahre später steht er in der Aula der Paula-Modersohn-Schule im Rahmen einer Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung mit dem Titel „Als politischer Häftling in der DDR“ und schildert 100 Schülern der 10. Klasse seine Erfahrungen in der Haft und wie er zum Republikflüchtling wurde. Schließlich entspricht Drauschke keineswegs der Norm – ursprünglich ist er 1963 als überzeugter Kommunist von der Bundesrepublik in die DDR eingewandert.

Er sei gleichermaßen politikinteressierter Idealist und rechthaberischer Dogmatiker gewesen. Als er mit seiner Schulklasse nach Berlin fuhr, war er schon so von der kommunistischen Ideologie beeinflusst, dass ihn die Fluchtversuche der Ostberliner, die er dort beobachtete, nicht einmal nachdenklich stimmten. Er glaubte der Propaganda der DDR. „Heute schäme ich mich“, sagt Drauschke.

Nachdem er mit seinem „Sandkastenfreund“ Erwin Brüggen in die DDR gegangen war, machte er Karriere. Erst war er FDJ-Sekretär in einem großen Warenhaus, dann FDJ-Sekretär für Agitation und Propaganda. An der Hochschule der FDJ studierte er marxistisch-leninistische Philosophie und Politische Ökonomie. Mit Brüggen, der ein klassisches Abeiterleben führte, geriet er deshalb immer wieder in Konflikt. „Er hörte jeden Tag, was die Arbeiter über den Arbeiter- und Bauernstaat sagten, aber ich war abgehoben – Ich wollte es nicht hören“, gesteht Drauschke.

„Überraschenderweise bekam mein Weltbild gerade durch mein Studium des Marxismus Risse“, stellt Drauschke fest. Denn Marx hat einst gesagt: „Das Kriterium der Wahrheit ist die Praxis.“ Brüggens und seine Meinung näherten sich wieder an. Als er die Panzerkolonnen auf ihrem Weg in die Tschechoslowakei, um den Prager Frühling niederzuschlagen, beobachtete, erkannte er wie nie zuvor, dass im real existierenden Sozialismus Praxis und Anspruch nicht vereinbar sind.

Nach seiner Festnahme festigte sich die Erkenntnis beim Prozess weiter. Der Anwalt habe seine Staatssicherheitsakte einen Tag vor Prozessbeginn durchgesehen und ihm mitgeteilt, was er sagen dürfe und was nicht. Nach der Urteilsverkündung verbrachte Drauschke drei Monate in Isolationshaft. Bedroht von einem bulligen Staatssicherheitsbeamten, die Zelle mit drei Schritten durchmessend, weinend vor Verzweiflung und Hilflosigkeit und unter permanenten Schlafentzug.

Nach sechs Monaten Haft kam Drauschke schließlich durch eine Amnestie frei – mit schweren seelischen Schäden. „Sprechen Sie, Herr Drauschke!“, fordert ihn sein Psychotherapeut auf. „Geben Sie Ihr Wissen weiter! So verschaffen Sie nicht nur anderen einen Einblick in das Unrecht der DDR, sondern verarbeiten auch Ihre Erfahrungen.“ Heute hält Drauschke im Durchschnitt drei bis vier Vorträge in Schulen pro Monat. Sein Freund Erwin Brüggen hat sich anders entschieden. Er beging Suizid.

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Ansprechpartner

Dr. Ralf Altenhof

Dr

Landesbeauftragter für Bremen und Leiter des Politischen Bildungsforums Bremen

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