Veranstaltungsberichte

Freya Klier: "Flucht mit dem Moskau-Paris-Express"

von Janine Dufner
Waghalsige Sprünge auf fahrende Züge? Das Urteil eines Beamten der Deutschen Bahn lautete: „pädagogisch nicht wertvoll“.

Beinahe wäre Freya Kliers Dokumentation „Flucht mit dem Moskau-Paris-Express“ an dieser bürokratischen Hürde gescheitert. Der Film handelt von Jugendlichen, die 1964 aus der DDR flohen, indem sie an der Grenze auf den Moskau-Paris-Express aufsprangen – ein hochgefährliches Unterfangen, welches in nachgestellten Szenen zu sehen ist. Deshalb benötigte Klier für den Dreh die Unterstützung der Deutschen Bahn. Gut, dass der Beamte sich überzeugen ließ, denn ein derartiges Aufspringen auf einen Zug ist heutzutage aufgrund der fehlenden Trittbretter gar nicht mehr möglich.

So konnten Schüler der Oberschule an der Kurt-Schumacher-Allee in einer Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung den Film über die Fluchtversuche eines Freundeskreises in Ost-Berlin sehen. „Wir präsentieren euch diesen Film, weil die Ost-Berliner Oberschüler damals so alt waren wie ihr heute. Sie erkannten die Bedeutung der Freiheit erst, als diese mit dem Bau der Berliner Mauer verschwunden war“, sagte Ralf Altenhof, Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung Bremen. Sichere und euphorische Ankünfte am Bahnhof Zoo (im ehemaligen West-Berlin) sind genauso zu sehen wie schwere Verletzungen und Inhaftierungen wegen Republikflucht. Spannend schildert die Dokumentation, welche Kleinigkeiten über Erfolg und Misserfolg damals entschieden. Eine Flucht mit einem falschen Pass wäre beinahe gescheitert, weil der Zollbeamte den Fliehenden kannte. Doch: „Zwischen Mut und Feigheit gibt es etwas, das man Anstand nennt“, sagte Klier.

Anschaulich berichtete die ehemalige Bürgerrechtlerin wie die Stasi-Diktatur den Alltag der Jugendlichen von damals prägte. Der sogenannte Asozialenparagraph in den 1960er Jahren führte dazu, dass man auch für Haarschnitte, das Tragen einer Jeans, das Hören und Spielen von Jazzmusik belangt werden konnte. Die Klasse lachte, als Klier sagte, dass ihr Geschichtslehrer wegen seiner langen Haare damals inhaftiert worden wäre. Schlagartig ernst wurden alle hingegen, als Klier vom Schicksal ihres Bruders erzählte. Er und seine Freunde tauschten Beatles- und Rollingstones-Texte. Als sie sich gegenüber einem Beamten der Staatssicherheit weigerten, ihre Taschen zu lehren, rief dieser Verstärkung und sie wurden brutal zusammengeschlagen. Danach verurteilte die Justiz der DDR Kliers Bruder zu vier Jahren Haft; einige seiner Freunde, welche es wagten, die Sicherheitsbeamten als „Nazi-Schweine“ zu beschimpfen, bekamen sogar zehn Jahre Haft.

Vor dem Hintergrund dieser Ereignisse beschloss Freya Klier bei der nächsten Gelegenheit, die Flucht zu ergreifen. Über schwedische Freunde gelangte sie durch einen gefälschten Pass an Bord eines kleinen schwedischen Handelsschiffes. Versteckt in einer Kajüte weinte sie: „Ich heulte aus Sehnsucht nach meinem Freund, aus Angst um mich und meine Eltern, aber auch aus Vorfreude über die langersehnte Freiheit.“ Jedoch währte ihr Glück nicht lange. Eine Barfrau der Stasi erfuhr durch unvorsichtige schwedische Matrosen von dem „blinden Passagier“. Daraufhin wurde Klier von der Hafenpolizei abgeführt und für ein Jahr inhaftiert.

Die Schüler lauschten aufmerksam Kliers Ausführungen und stellten viele Fragen. Schnell wurde klar, dass es durchaus pädagogisch wertvoll sein kann, gefährliche Fluchtversuche aus der DDR-Diktatur zu zeigen, denn es zeigt wie außergewöhnlich die Freiheiten sind, die wir heutzutage als selbstverständlich erleben. „Demokratie ist wirklich etwas wertvolles“, sagte Freya Klier mit Nachdruck.

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Ansprechpartner

Dr. Ralf Altenhof

Dr

Landesbeauftragter für Bremen und Leiter des Politischen Bildungsforums Bremen

ralf.altenhof@kas.de +49 421 163009-0 +49 421 163009-9