Veranstaltungsberichte

"Barack Obama wird uns allen noch fehlen"

von Constanze Brinckmann

Amerika vor der Wahl des 45. Präsidenten

Kaum ein politisches Ereignis zieht mehr Menschen in den Bann als die Wahl zum US-Präsidenten. Der Wahlkampf zwischen dem republikanischen Kandidaten Donald Trump und der Demokratin Hillary Clinton glich in den letzten Wochen einem Spektakel, das mehr Ähnlichkeit mit Reality-TV als mit echter politischer Debatte hat. USA-Experte Dr. Tobias Endler vom Heidelberg Center for American Studies diskutierte am Montagabend über Stärken und Schwächen der beiden Kandidaten, mögliche Zukunftsszenarien für die Zeit nach der Wahl und die zerrissene Gesellschaft der einstigen Supermacht USA.

Für den USA-Experten Dr. Tobias Endler gleicht der bisherige Wahlkampf um das Amt des US-Präsidenten einem NASCAR-Rennen. Viel zu viele Autos fahren viel zu schnell auf einer viel zu engen Rennbahn. Während die Zuschauer an der Rennstrecke und zuhause vor dem Fernseher das Rennen verfolgen, warten sie insgeheim nur auf eine Sache: den einen spektakulären Crash.

Tornado Trump

Bei der Analyse des laufenden Wahlkampfes um das Amt des US-Präsidenten stellt sich eine Frage besonders häufig: Wie konnte überhaupt so weit kommen, dass Donald Trump als Kandidat für die Republikaner ins Rennen um das mächtigste Amt der Welt geht? So kontrovers die Person Donald Trump auch sein mag, man muss anerkennen, dass er sich im Vorwahlkampf erfolgreich gegen 16 Mitbewerber durchgesetzt hat, die bis auf wenige Ausnahmen über weit mehr Politikerfahrung verfügen als er selbst. Für Dr. Tobias Endler, USA-Kenner und Autor zahlreicher Bücher zur amerikanischen Politik, ist Donald Trump ein „gefährlicher Demagoge“, der es geschafft hat, seine eigene Person zur erfolgreichen Marke aufzubauen und die Medien geschickt für seine Zwecke einzusetzen. Den Erfolg Trumps erklärt Endler mit einer wachsenden Unzufriedenheit vieler Amerikaner, die sich von der politischen Elite Washingtons im Stich gelassen fühlen. „Das Vertrauen in Politik, Wirtschaft und Medien ist so niedrig wie nie zuvor“, sagt Endler am Montagabend bei der Diskussionsveranstaltung in der Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin. Donald Trump versteht es, die alltäglichen Sorgen vieler Amerikaner aufzugreifen und für jedes Problem, sei es die Angst um den eigenen Arbeitsplatz, Drogenkriminalität oder den Kampf gegen den internationalen Terrorismus, eine scheinbar einfache Lösung zu finden. Gerade die Bevölkerung in den ländlichen Gebieten hofft auf den erfolgreichen Geschäftsmann Trump und sein Heilsversprechen, die USA wieder zum großartigsten Land der Welt zu machen, getreu dem Motto: „Make Amerika Great Again“. Die Medien stecken derweil in einem Dilemma. Inhaltlich gibt es wenig über ihn zu berichten doch seine beinahe täglichen Verbalattacken gegen seine Gegnerin Hillary Clinton, Muslime oder ehemalige Schönheitsköniginnen gehen mit einer bemerkenswerten Zielgenauigkeit unter die Gürtellinie und sind fast immer eine Berichterstattung wert. So halten die Medien Trumps Kandidatur ungewollt am Leben und bringen ihm kostenlose Publicity. „Ob wir wollen oder nicht, Trump ist immer da“, lautet auch das Fazit von Moderatorin Britta Sophie Weck im Laufe der Diskussion.

Hillary Clinton: Mensch oder Maschine?

Hillary Clinton blickt auf 31 Jahre im politischen Geschäft zurück. Eliteuniversität, erfolgreiche Rechtsanwältin, First Lady im US-Bundestaats Arkansas, First Lady der Vereinigten Staaten und schließlich Außenministerin. Clinton hat ohne Frage die politische Erfahrung und das diplomatische Gespür für das mächtigste Amt der Welt. „Niemand zweifelt ihre Sachkenntnis an“, sagt auch Tobias Endler. Dennoch gilt Hillary Clinton bei vielen Amerikanern als unbeliebt, unglaubwürdig oder arrogant. Selbst nach dem dritten TV-Duell ist ihr Vorsprung auf Kontrahent Donald Trump immer noch erstaunlich gering. Wie kommt es, dass Hillary Clinton so wenig Rückhalt in der amerikanischen Bevölkerung hat? „Clintons größtes Problem ist ihre Glaubwürdigkeit“, sagt Tobias Endler. Sie stehe für den politischen Filz in Washington, die gierigen Banker der Wall Street und das gesamte Establishment, das vielen Amerikanern derzeit so verhasst ist. Während Donald Trump seinen Wahlkampf weitestgehend selbst finanziert und sich so als unabhängigen Kandidaten inszeniert, ist Hillary Clinton auf die Unterstützung ihres Super-PACS und enorme Wahlkampfspenden angewiesen. Trump hält ihr diese Nähe zur amerikanischen Upper Class immer wieder öffentlich vor, zuletzt bei der zweiten TV-Debatte in St. Louis, bei der er Clintons Nähe zur Wall Street an den Pranger stellte: „Her friends with the bank, Goldman Sachs and everybody else (…)“. Clinton könne die Menschen zudem nicht begeistern oder mitreißen. „Sie hat ein Enthusiasmusproblem“, so Endler. Der Politikwissenschaftler und Autor, der Clinton auf verschiedenen Wahlkampfterminen in den letzten Monaten erlebt hat, beschreibt sie als geradezu „roboterhaft perfekt“. Im Gegensatz zu ihrem Vorgänger Barack Obama oder auch ihrem Ehemann Bill fehle Hillary das Talent, auf die Menschen persönlich einzugehen und ihnen das Gefühl zu geben, dass sie und ihre Probleme gehört werden. Trotz aller Schwächen glaubt Tobias Endler an einen (wenn auch knappen) Sieg Clintons am 8. November. Trumps Skandale konnten bisher Hillarys Schwächen (Stichwort WikiLeaks oder Emails) überlagern. Ihren derzeitigen Vorsprung könne er nur dann noch einholen, wenn er von jetzt an eine makellose Performance - ohne Patzer und verbale Ausrutscher – hinlegt und alle Wahlmännerstimmen aus den bisher unentschlossen Staaten wie z.B. Florida oder Ohio holt. Nicht zuletzt kann sich Hillary Clinton auf eine gut geölte Wahlkampfmaschinerie und prominente Unterstützer verlassen. Vor allem die scheidende First Lady Michelle Obama konnte mit ihren öffentlichen Auftritten in den letzten Wochen viele Sympathiepunkte für Clinton holen.

Ein Blick in die Glaskugel

Egal wie die Wahl am 8. November ausgehen wird, bei einem ist sich Tobias Endler sicher: „Barack Obama wird uns allen noch fehlen“. Auf der außenpolitischen Ebene wird nach Einschätzung von Tobias Endler sowohl unter einem Präsidenten Donald Trump als auch unter einer Präsidentin Hillary Clinton ein ganz neuer Wind wehen. Während Clinton im Ausland deutlich entschiedener auftreten werde als noch ihr Vorgänger Obama, sehe Geschäftsmann Donald Trump Außenpolitik als „deal“ an, bei dem mehrere Seiten so lange verhandeln, bis jeder das bekommt, was er will. Donald Trump und Wladimir Putin an den Enden eines großen Verhandlungstischs? Im Publikum der Diskussionsrunde erweckt diese Vorstellung ungute Gefühle. In Sachen TTIP befürchtet Endler, dass die Verhandlungen nach der Präsidentschaftswahl - unabhängig vom Endergebnis – zunächst zum Stillstand kommen könnten. Trump ist gegen TTIP und Clinton konnte sich in ihrem bisherigen Wahlkampf auf keine eindeutige Richtung festlegen. Trump hat in der letzten TV-Debatte bereits angekündigt, das Wahlergebnis im Falle einer Niederlage nicht anzuerkennen. „Bei den Republikanern herrscht die Angst, dass Trump die ganze Partei mit in den Abgrund reißt“, analysiert Tobias Endler. Die Republikanische Partei müsse ich bei einem Sieg Clintons neu erfinden all die Wähler zurückgewinnen, die Trump in den letzten Monaten vergrault hat. Die nächsten Tage bis zur Wahl werden auf jeden Fall spannend bleiben. Sollte Hillary Clinton gewinnen, wird es jedoch kein Sieg für Clinton als Kandidatin sein, sondern ein Sieg gegen das größere Übel Donald Trump.

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