Veranstaltungsberichte

„Wenn wir über das Menschenbild sprechen, dann müssen wir auch über Gott reden“

Experten diskutierten über das Menschenbild im Christentum, Judentum und Islam

„Wir kommen um die Gottesfrage nicht herum“, sagte Dr. Petra Bahr, Leiterin der Hauptabteilung Politik und Beratung der Konrad-Adenauer-Stiftung, wenn es um das Menschenbild im Christentum geht. In einer Diskussionsveranstaltung der Akademie erläuterten Vertreter der monotheistischen Religionen die Facetten des Menschenbildes und stellten sie gegenüber.

Dabei wurde klar, dass bei allen im Zentrum Gott stand. Im Christentum stehe das Bildnis des leidenden Menschen Jesus Christus, in dem sich Gott zeige. Aber auch jeder einzelne Mensch sei ein Abbild Gottes, erklärte Bahr. Im Christentum beziehe sich die Freiheit des Einzelnen auch immer auf die Anderen (Nächstenliebe) und sei somit eingeschränkt. „Das Christentum gibt es in verschiedenen Facetten und Ausprägungen“, sagte Bahr. Dies bezog sie nicht nur auf die unterschiedlichen Konfessionen, sondern auch auf die individuellen Eigenschaften des Menschen: „Wir müssen über den Menschen so reden, dass ein leibhaftiger Mensch dabei heraus kommt“, mit all seinen Leidenschaften und Verfehlungen, so Bahr.

Wie im Christentum so auch im Judentum gab es eine dynamische Entwicklung des Menschenbildes durch die gesamte Geschichte. „Dabei ist jeder Mensch ein Kosmos für sich“, stellte Rabbiner Daniel Alter fest. Aufgrund der Freiheit des Individuums habe jeder die Wahl zwischen gut und böse und müsse entscheiden, wie er Gott näher kommen wolle. „Wir müssen über die Beziehung zwischen Mensch und Gott sprechen“, denn Gott sei wie im Christentum die Grundlage für das Menschsein, erklärte Alter.

In der Islamlehre wird über die Religion und Mystik das Gute im Göttlichen gesucht, erläuterte Alexander Schmidt, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum Islamische Theologie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Dabei stellte er klar: “Den Islam gibt es nicht, sondern er ist Objekt der Auseinandersetzung und Auslegung“. Mit der theologischen Entwicklung über die Jahrhunderte hinweg hätten sich auch die Fragen an die Religion geändert und damit auch das Menschenbild. Dies spüre er in seinem Lehralltag. An seiner Universität werden junge Muslime zu Lehrern für den Islamunterricht an Schulen ausgebildet. Die angehenden Lehrer werden dazu angehalten, „die Schüler zu mündigen Bürger zu erziehen“ und das islamische Menschenbild bei den jungen Muslimen zu verankern. Dazu gehöre unter anderem auch eine Auseinandersetzung mit der Shoa und der damit verbundenen jüdischen Geschichte. Um gegen latenten Antisemitismus vorzugehen, werde in der Lehrer-Ausbildung auf die positiven Phasen des Zusammenarbeitens zwischen Muslimen und Juden in der Historie hingewiesen. Schmidt ist davon überzeugt, dass diese Ausbildung Früchte tragen werde und zu einem veränderten Menschenbild in der islamischen Gesellschaft führen werde.

Rabbi Alter plädierte in diesem Zusammenhang für neue didaktische Ansätze im Geschichtsunterricht zum Thema Judenverfolgungen im Nationalsozialismus. Der klassische Ansatz einer binnendeutschen Perspektive spreche die Jugendlichen heute nicht mehr an. Einen Grund dafür sehe er im gestiegenen Anteil von Migranten im Klassenverbund. „Wir brauchen neue Ansätze um die Migrations-Communities und den Binnendeutschen Anteil anzusprechen“, forderte Alter. Alle drei monotheistischen Religionen bewegen sich in einem Spannungsfeld zwischen dem Umgang mit der eigenen Religion und den gesellschaftlichen Problemen.