Veranstaltungsberichte

Der Herr der Bilder

von Christian Schleicher
In seinem aktuellen Buch „KL - Gespräch über die Unsterblichkeit“ spielt der Schriftsteller und Dramaturg John von Düffel mit Identität, Wirklichkeit, Fiktion und Projektion.

KL – diese Initialen stehen natürlich wie sich unschwer vermuten lässt, für Karl Lagerfeld, den wohl berühmtesten deutschen Modeschöpfer unserer Zeit. Der Autor lässt es allerdings offen, ob es sich um eine Illusion des Designers, den echten Designer oder lediglich um den Designer beim Verfertigen seines eigenen Bildes handelt. Der Autor schickt einen namenlosen Erzähler nach Paris, um ihn mit KL ein philosophisches Gespräch über Schein und Sein, Genie und Zerstörung, Unsterblichkeit und Tod führen zu lassen. Dabei gibt KL dem Erzähler nicht nur interessante Einblicke in die Modewelt, sondern auch in sein Leben und sein Denken. So äußert er sich zum Beispiel über deutsche Tugenden wie Pflichtbewusstsein und Disziplin, aber auch über Erfolg, Konsum, Verzicht, Medien, Kultur, Umwelt und die Macht der Bilder.

John von Düffel passt auf vortreffliche Weise in die diesjährige Reihe „Literatur & Identität“, spielt die Identität in seinem Werk doch eine tragende Rolle. In seinem aktuellen Buch steht der Protagonist KL, dessen wahre Identität verschleiert wird, exemplarisch für das Spiel mit der eigenen Identität als Fiktion seiner selbst. Ihm liegt sehr daran, seine Identität zu perfektionieren und zu konservieren, sich unsterblich zu machen. In seinem Buch „Wovon ich schreibe“ setzt sich John von Düffel sehr ausführlich mit dem Thema „Identität“ auseinander. Er führt aus, dass das Thema Identität einem Autor als erstes in der Frage nach dem Autobiographischen begegnet. Stellt sich doch jeder Leser immer wieder die Frage, wo sich das literarische Erzählen und die persönliche Erfahrung des Autors berühren. Von Düffel geht auch der Frage der Identität als Fiktion nach. Er schreibt, dass Einführungen auf seinen Lesungen für ihn insofern interessant seien, als dass der eigene Lebenslauf in Zahlen und Fakten Revue passiert und man als Autor staunend dasitzt und es sich anhört. Er betont, dass sich all diese biographischen Tatsachen auf ganz unterschiedliche Art und Weise miteinander verknüpfen – zu eben ganz unterschiedlichen Geschichten! Identität ist für ihn u.a. „das große Thema unserer Zeit“, „so etwas wie ein Widerspruch in Oszillation“ oder „etwas in Bewegung Befindliches“. Von Düffel beschreibt auch die Verwandlung, die beim Schreiben und Erzählen eintritt. „Im Erzählen, im Spiegel unserer Sprache entwerfen wir eine Figur, mit der wir nicht identisch sind.“

Im Gespräch mit Prof. Dr. Michael Braun, dem Leiter des Literaturreferats der Konrad-Adenauer-Stiftung, berichtete er wie er auf die Idee zu seinem aktuellen Buch gekommen sei. Für ihn habe festgestanden, dass er ein Buch über die Bilderflut unserer Zeit schreiben wollte. Das Thema stand damit fest, aber es fehlte die zündende Eingebung zur Umsetzung. Als er eines Tages im Wartezimmer beim Zahnarzt in der Gala ein Interview mit Karl Lagerfeld aufschlägt, ist ihm schlagartig bewusst, dass eben dieser Karl Lagerfeld die Person ist, die er so lange als Gesprächspartner für dieses Buchprojekt gesucht hatte. Dieser Modeschöpfer, der selbst immer nur schwarz und weiß trägt, die Modewelt aber stets mit neuen farbigen Kollektionen überrascht, war somit als zentrale Person des Buchs gefunden. Der Autor bezeichnete Karl Lagerfeld als eine Erfindung seiner selbst, als einen perfekten Selbstvermarkter und Selbstproduzenten. Auf die Frage wie es ihm gelungen sei, sich in die Person Karl Lagerfelds hineinzuleben, antwortete er: „Ich habe mich einfach an die Erfindung von KL drangehängt. Wenn er sich erfinden kann, kann ich es auch“. John von Düffel übte Kritik an den Sozialen Medien und dem Selfie-Wahn der heutigen Zeit: „Wir haben einen Drang zur Verewigung. Wir nehmen den Anderen nicht mehr als Gegenüber wahr, sondern sehen ihn nur noch als Spiegel unserer selbst.“