Veranstaltungsberichte

Eine Portion Mut und Frechheit

von Christian Schleicher
Josef Haslinger hat am Gymnasium Steglitz sein neues Buch Jáchymov vorgestellt, in dem er das Leben des Eishockeytorwarts Bohumil Modrý beschreibt, der mit der tschechischen Nationalmannschaft nach dem Zweiten Weltkrieg zweimal Weltmeister und einmal Olympia-Zweiter war.

Modrý, der ein Sportidol war, wurde in einer völlig aus der Luft gegriffenen Anklage wegen Hochverrats und Störung der sozialistischen Staatsordnung zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt und dann zur Zwangsarbeit in die Uranminen von Jachymov geschickt. Hier musste er zusammen mit anderen politischen Häftlingen Uran für die sowjetische Atomindustrie abbauen. Sie waren schutzlos der radioaktiven Belastung ausgeliefert, was dazu führte, dass Modrý todkrank entlassen wurde und 1963 im Alter von nur 47 Jahren an den Folgen der Verstrahlung starb.

Der Stoff wurde Haslinger von Modrýs Tochter bereits vor 23 Jahren zugetragen. Im Gespräch mit den Schülern erläuterte er, wieso er erst jetzt dazu in der Lage gewesen sei, ihn anzupacken: „So tragisch ich es fand, ich war nicht reif, da ich mich damals noch mit der österreichischen NS-Vergangenheit auseinandersetzte. Erst durch meine Lehrtätigkeit in Leipzig, wo ich mit Menschen zusammentraf, die selbst in einer kommunistischen Diktatur gelebt haben, wurde ich für dieses Thema sensibilisiert und der Stoff rückte mir näher.“ Gepackt hatte ihn die Geschichte allerdings bereits, als er zum ersten Mal von ihr gehört hatte: „Die Geschichte ist ungeheuerlich und ungeheuerlich ist, dass man sie nicht kennt.“

Mit seinem Buch ist es Haslinger nicht nur gelungen, einen dunklen Fleck in der tschechischen Geschichte zu beleuchten, sondern dem Sportidol Bohumil Modrý nachträglich ein literarisches Denkmal zu setzen. Dabei gab der Autor offen zu, dass das Schreiben für ihn ein mühseliger Prozess sei, obwohl er selbst als Professor für literarische Ästhetik am deutschen Literaturinstitut Leipzig lehrt. Er führte aus, dass er immer abstrakt beginne und dass es immer eine gewisse Zeit brauche, bis seine Figuren lebendig würden. „Erst wenn ich mit meinen Figuren schlafen gehe und aufstehe und sie ein Eigenleben entwickeln, dann habe ich es geschafft.“ Haslinger betonte, dass eine große Portion Mut und Frechheit dazu gehörten, die Öffentlichkeit mit den eigenen Gedanken zu konfrontieren.

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Christian Schleicher

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Jáchymov - Schullesung von Josef Haslinger Schleicher