Veranstaltungsberichte

"Selbstbewusstsein war das Schlimmste"

Wenn Mutti früh zur Arbeit geht - Frauen in der DDR

Am 18. und 19. September 2017 lud die Konrad-Adenauer-Stiftung im Comfort Hotel Bremerhaven und im KITO in Bremen Vegesack zur Vorführung des Filmes „Wenn Mutti früh zur Arbeit geht – Frauen in der DDR“ von Freya und Nadja Klier ein. Für die anschließende Diskussion stand Freya Klier, führende Oppositionelle in der DDR, persönlich zur Verfügung. Nach Begrüßung des Publikums und kurzer Vorstellung von Freya Klier durch Tagungsleiter Marcus Oberstedt sahen die insgesamt rund 170 interessierten Gäste einen Film gespickt mit Fakten und Belegen über die schwierige Zeit der Frauen in der DDR.

Ende der 70er Jahre waren rund 90% der Mütter berufstätig. Der Druck, die Kinder zu erziehen, Vollzeit zu arbeiten und den Haushalt zu führen, wurde nach und nach spürbar. Zwar waren Männer und Frauen laut Gesetz gleichberechtigt, doch die Realität sah anders aus, da waren sich die im Film gezeigten Frauen und Männer größtenteils einig. Daraus resultierend stieg sowohl die Scheidungs- und Selbstmordrate als auch die Zahl an Ausreiseanträgen. Frauen begannen sich aufzulehnen und so gründete sich 1982 die „Frauen für den Frieden“-Bewegung in Berlin-Prenzlauer Berg. Denn es stand im Raum, dass die Frauen nun, neben all ihren Verpflichtungen, auch noch in die Wehrpflicht mit eingebunden werden sollten. Entgegen der Gesetzeslage wurde ein Beschwerdebrief an Erich Honecker, Generalsekretär der SED, verfasst und von 150 Frauen unterschrieben. Eine von ihnen war Freya Klier. Sie widersetzten sich ein weiteres Mal der Gesetzeslage, als sie den sogenannten „Kinderladen“ eröffneten, in dem einige Frauen auf Kinder arbeitender Mütter aufpassten. Obwohl diese, von der DDR unabhängige Kindererziehung, eigentlich nicht geduldet war, ließ die Staatssicherheit sie unter geheimer Überwachung drei Jahre lang gewähren, ehe sie den Laden räumten und die Frauen verhafteten. Zwischen 1974 und 1989 wurden rund 3,5 Millionen Kinder geboren, allerdings auch 1,5 Millionen Kinder abgetrieben. Einen zukünftigen Arbeitskraftmangel befürchtend, beschloss die SED-Führung am 11. Parteitag, dass Frauen möglichst drei Kinder bekommen sollten. Mit den sogenannten „Kinderkrediten“ sollte besonders den berufstätigen Frauen ein Anreiz hierfür geschaffen werden.

Ein großes Thema während der anschließenden Diskussion war die Kindererziehung. Die Kinder wurden durch das Erziehungs- und Bildungssystem der DDR so erzogen, „wie der Staat es wollte“, fasste eine Frau aus dem Publikum noch einmal zusammen und hatte viele Unterstützerinnen. Besonders nach dem Mauerfall habe sie die Erfahrung gemacht, dass deswegen viele Mütter neu lernen mussten, „mit ihren Kindern wieder zärtlich um-zugehen“. Die Kinder wurden schon im Kleinkindalter zum „Funktionieren“ erzogen. „Trocken“ mussten sie mit 1,5 Jahren sein und wenn sie beim Mittagsschläfchen zappelten, wurden sie stramm in ein Laken gewickelt, berichtete eine Teilnehmerin. Mit zunehmen-dem Alter war „Selbstbewusstsein das Schlimmste, was man haben konnte“, bemerkte Klier. Es gab aber auch Stimmen, die darauf aufmerksam machten, dass es zumindest eine positive Sache an diesem System gab. Die Nachmittagsbeschäftigung der Kinder war gesichert. Die Kinder wurden zu Freizeitaktivitäten abgeholt und auch wieder nach Hause gefahren. Das würde sich heute - besonders mit mehreren Kindern - schwierig gestalten und erfordere hohe Flexibilität, vor allem wenn beide Elternteile arbeiten gehen würden.

Ansprechpartner

Dr. Ralf Altenhof

Dr

Landesbeauftragter für Bremen und Leiter des Politischen Bildungsforums Bremen

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