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Anmerkungen zur gesellschaftlichen Dimension chinesischer Megacities am Beispiel Shanghais und der Expo

von Thomas Awe
gekürzter Text – es handelt sich um einen gesprochenen Vortrag; der ursprüngliche Redestil ist beibehalten worden

„2 fremde Augen, ein kurzer Blick

Die Braue, Pupillen, die Lider –

Was war das?

Kein Mensch dreht die Zeit zurück –

Vorbei, verweht, nie wieder...“

(Kurt Tucholsky, 1930)

Begrüßung und Anreden!

Politische und soziale Transformationsprozesse sind so alt wie die Menschheit; ihre Erfahrbarkeit allerdings berührt uns erst, seit (und wenn) es zu unmittelbaren Beengungen, Bedrohungen und Herausforderungen kommt, die mit den Worten „Maximum an Zusammenleben bei einem Minimum an Raum“ beschrieben werden können.

Ich will heute nicht „Käse in die Schweiz rollen, Holz in den Wald schleppen oder Krokodile nach Ägypten bringen“ – und Ihnen etwas über die wirtschaftsfördernde Region chinesischer Boomtowns an der Ostküste erzählen (das wissen Sie alle längst – und auch besser als ich); dennoch möchte ich „Eulen nach Athen tragen“ (frei nach Aristophanes, dem Urheber dieser Thematik, der sich schon sehr früh mit der Erwähnung griechischer Stadtstaaten und seiner Polis-Kritik hervortat) und von unseren Beobachtungen zur gesellschaftlichen Transformation chinesischer Megalopolen berichten.

Wer zusieht, sieht mehr als wer mitspielt!

Betrachten wir also zuerst einmal die Topografie:

„Asien“ ist ein Raum größtmöglicher Kontraste mit einer ungeheuren Vielfalt von Steuerungs- und Einflussfaktoren auf Städte und Stadtentwicklungen vor Ort.

Hinduismus, Islam und – in der Kolonialzeit – „die Briten“ haben vielen urbanen Zentren ihren kulturellen und architektonischen Stempel aufgedrückt, haben Leben und Lebendigkeit der Städte gestaltet.

Delhi, Mumbai, Madras, Kolkata in Indien: Briten; Kuala Lumpur in Malaysia: Briten; Jakarta in Indonesien: Holländer; Rangun in Burma: Buddhismus; Singapur: Briten; Phnom Penh, Hanoi, Ho Chi Min City/ Saigon: Franzosen; Manila: katholische Spanier, Amerikaner; die Städte Ostasiens durch eine Mixtur aus Modernismus, Wiederaufbau und neokonfuzianistische Ritualstätten, später durch sowjetische (China) und westliche Prägung.

Zu den wenigen Städten, die nicht durch die Kolonialzeit geprägt wurden, gehört Bangkok.

In China verschoben sich die urbanen Gravitationszentren vom Perlfluß-Delta (Shenzhen, Hong Kong, Kanton) in das zentraler gelegene Yangzi-Delta (Shanghai, Ningbo).

Städte, Großstädte, Megalopole waren und sind immer Relaisstationen der transnationalen (Welt)Wirtschaft und Knotenpunkte kulturellen Austausches und wechselseitiger Beeinflussung („space of flows“): Personen, Güter, Kapital, Informationszentren und Lebensstile – alles fließt in direktem, sich stets verfeinerndem und nie völlig endendem Strom durch die Städte, verankert sich in diesen – nur um dann erneut, zwischen den Zentren oszillierend, andere Haltepunkte und Markierungen zu suchen, die ihrerseits wieder zu veränderten Lebenswirklichkeiten und Stadtmanifestationen gerinnen.

Ein sich erneuernder Kreislauf – allerdings amorph nach allen Seiten, dominierend, Stadtphysiognomie und das dortige Geistesleben vorantreibend.

Städte befinden sich in permanenter Veränderung, bleiben offen gegenüber allen Einflüssen und gegenüber der eigenen Metamorphose; gerade das verleiht der Atmosphäre Vitalität und bewirkt, dass Veränderungen nicht bloße Versteinerungen werden – sondern ein Fließen, das sich hin- und herbewegt.

Megalopole Zentren (Polyzentren) verwandeln sich im Prozess ihrer Ausformung (Ausweitung) in eine fließende Realität, die sich von selbst bewegt. Zur Ambivalenz der Urbanisierung gehört allerdings auch die Atomisierung, Anonymisierung von Wechselbeziehungen (Zwischenmenschlichkeit). Nur durch dauernde (nicht unanstrengende) Balanceakte zwischen Nähe und Distanz bleibt die persönliche Freiheit in Grenzen gewahrt (negative Integration) und schafft doch nicht selten einen Zustand gefühlten Alleinseins inmitten Millionen anderer Menschen („von der Verameisung zur Vereinsamung“) – nicht obwohl, sondern weil da so viele mit differenziertesten Interessen, Tätigkeiten und Einstellungen in den mehrgliedrigen Organismus „Großstadt“ ineinandergreifen, aufeinander prallen.

Reflexhafte Abschottung und empathieferne „Individualisierung“ suchen sich oft sozialfremde Räume, in die „der Andere“ nicht eindringen kann. Konventionelle Kontrolle (von Lebensstilen, wie auf dem Dorf oder in der Kleinstadt) entfallen und schaffen Raum für Extravaganz, Sich-Hervorheben und „Auffallen um jeden Preis“ (Beobachtungen auch in Shanghai: linglei-Stile, Popart, künstlerische Avantgarde).

„2 fremde Augen, ein kurzer Blick

Die Braue, Pupillen, die Lider –

Was war das?

Kein Mensch dreht die Zeit zurück –

Vorbei, verweht, nie wieder...“

Mit diesen Zeilen hat Kurt Tucholsky vor 80 Jahren das schnelllebige Muster rasanter Begegnungen in Großstädten beschrieben.

Ein Minimum an Raum bei Maximum an Zusammenleben!

Heute finden auf der ganzen Welt – besonders aber in Asien – enorme, zumeist nachholende Entwicklungsprozesse statt, in deren Gefolge Urbanisierungsschübe passieren – und Millionen von Menschen ihr Leben einrichten müssen, um sich tagtäglich in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden gesicherten Zugang zu Unterkunft, Nahrung, Infrastruktur und Ressourcen (Wasser/ Energie) zum Überleben zu beschaffen.

Seit etwa drei Jahren wohnen (allzu oft: hausen) erstmals mehr Menschen in Städten als auf dem Land!

2/3 der Megastädte liegen heute in Entwicklungsländern, die meisten in Ost- oder Südostasien.

470 Millionen Menschen, davon 250 Millionen in Entwicklungsländern und 220 Millionen in Asien.

Megastädte sind Mosaike verschiedenster Lebenswelten, Knotenpunkte von globalen Interessen und Interessenskonflikten. Sie zeichnen sich aus durch die Gleichzeitigkeit und Überlagerung unterschiedlichster Prozesse auf wirtschaftlichen und politischen Sektoren. Manche Megastädte beeinflussen den globalen Wandel wie sonst nur Staaten.

Shanghai gehört dazu.

Es gibt hier eine potentielle Zunahme informeller Lebensberichte bei sich parallel entwickelnder Verdichtung und Verflechtung, die sich nicht nur wirtschaftlich auswirkt, sondern in wenigen Jahren auch politische und gesellschaftliche Transformationen vorbereiten.

Das seit 30 Jahren anhaltend rapide Wirtschaftswachstum der VR China (fälschlicherweise mit dem ganzen Land gleichgesetzt) hat sich unmittelbar auf alle städtischen Entwicklungen und die Möglichkeits- und Lebensräume seiner Bewohner in urbanen Ballungsräumen niedergeschlagen. Die Einzigartigkeit dieser urbanen Megaformen besteht vor allem in der Synthese von modernem Wirtschaftsverhalten und einer recht autoritären Kommunalverwaltung – doch auch in einer fortschreitenden Enttraditionalisierung in nahezu allen Sektoren, die (früher) zwischen den Generationen identitätsstiftend und „harmonisierend“ wirkten. Adäquates Lebensumfeld und soziale Trennung schließen einander zunehmend aus – obwohl auf den ersten Blick moderne Städte allen Einwohnern ein scheinbar geglücktes Stück „neuer Heimat“ mit den passenden Annehmlichkeiten eines „westlichen“ Wohnambientes anbieten und vermitteln; scheinbar.

Das hochkomplexe Stadtsystem Chinas kennt unterschiedliche Typisierungen und Kartografie der urbanen Zentren.

So gibt es heute (geschätzt) fast 20 Städte mit einer Bevölkerung von über 2 Millionen, 30: 1-2 Millionen; 60: über 1 Millionen; 250: bis 500.000; 400: bis 200.000. Chongqing in der Provinz Sichuan ist mit 32 Millionen Einwohnern die weltweit größte Akkumulation städtischer Lebens’gemeinschaften’; Shenzhen ‚verfügt’ über 12 Millionen, Shanghai 20 und Peking über 15 Millionen Menschen. Das Autoritätsniveau der Städte ist ebenfalls sehr unterschiedlich (1997 erlangte Chongqing den Status einer regierungsunmittelbaren Stadt = Provinzlevel) und entspricht damit dem jeweiligen ökonomischen und politischen Beitrag der Zentren zum BIP des gesamten Landes.

Seit 5 Jahren ist eine Megalopolisierung in drei großen Ballungsgebieten Chinas festzustellen: ‚um’ die Städte (Umland) Peking, Tianjin und Tangshan wohnen fast 40 Millionen Menschen, im Mittelosten (Yangzi-Delta) mit Shanghai, Nanjing und Hangzhou findet man 30 und im Perlfluss-Delta (Kanton, Zhuhai, Dongguan) über 25 Millionen Menschen. Zusammen erwirtschaften diese Megalopolen 80 % des BIP, verantworten 90 % der landesweiten Industrieproduktion und 95 % des gesamten Exports.

Enge Verzahnung der Wirtschaftsräume und die physische Ausweitung der Städte (50% allein in den östlichen Küstenregionen des Landes) fördern die voranschreitende Vernetzung hybrider Lebensgestaltung und Berufstätigkeiten sowie eine Vereinfachung und Lockerung des Migrantenmechanismus (Wanderarbeiter, Küstensog), die wiederum zu einer porösen Anwendung der Einwohnerregistrierung führen und „Freizügigkeit“ gestalten.

Allein das Perlfluss-Delta besteht aus 9 „Präfekturen“ der Provinz Guangdong (Kanton), Hong Kong und Macau (SAR= Special Administrative Region) und wurde seit Mitte der 80er Jahre durch Wirtschaftsreformen und massive Investitionen zu Chinas „powerhouse“.

Megaurbane Lebenswelten:

Gleichzeitig wird die gesamte Region von einer ‚Kultur der Unruhe’ erfasst, denn die so nah beieinander liegenden Lebensräume werden zwangsweise miteinander verglichen und in ihrer Dynamik zu einer ‚shifting baseline’ (eigenes Lebensgefühl), die sich vornehmlich am Erfolg der Mitmenschen (Stadtbewohner) orientiert und somit Selbstbewusstsein und Zufriedenheit (‚Glücksempfinden’) aus der bestandenen Wettbewerbssituation zieht.

Soziale und funktionale Verstädterungstrends werden auf jeder Reise (Zug, Auto) deutlich, die beispielsweise an der Ostküste – und egal in welche Richtung – ausschließlich an physiognomischer Stadtverdichtung vorbeiführt. Größere Grünflächen sucht man vergeblich (und es ist ja interessant, dass man sie sucht). Kulturell und historisch völlig unterschiedlich entstandene Verstädterungen, deren Zusammenwachsen aus Raummangel und demographischer Not geschieht, lassen Stadtkonglomerate eines neuen Typs entstehen. Chinaspezifisch bleiben Wachstum und Wandlungsprozesse extrem beschleunigt und wirken sich auf die Bereiche der politischen Gestaltung aus.

Shanghai stellt eine Art Prototyp dieser Neuentwicklung dar, besitzt darüber hinaus aber noch andere „Alleinstellungsmerkmale“, die sich aus der Geschichte der Stadt herleiten lassen (Merkantilismus, Hafenlage ohne politische Gewichtung, Handelsnaturell der Menschen, Prestigestadt). Man muss sich fragen, ob für Shanghai (und die chinesische Ostküstenregion) der Begriff der „Urbanität“ noch gilt – da gewachsene Strukturen nicht mehr anpassungsfähig bleiben und oft dem rasanten Neuerungsprozess der Stadt hinterherhinken. Wir stehen deshalb vor einem Definitionsmanko, das in unterschiedlichen Benennungen zu dieser Thematik auch in der Sondierung neuer Beschreibungen (Häutung, Ec-Dynamik etc) seinen Ausdruck sucht.

Vor allem der Zeitgleichheit stadtkonstituierender und ökonomischer Prozesse muss Aufmerksamkeit zuteil werden, da hier (in Shanghai) die politische Verfasstheit einerseits das schnelle Entwicklungstempo der Stadt begünstigt, umgekehrt allerdings auch die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit in der Region eine gewisse Liberalität ermöglicht – was wiederum zu gesellschaftlichen Transformationen führt.

Wir haben es mit keiner chronologisch ablaufenden, sondern einer sich synchronisch ereignenden Metamorphose (‚Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem’) zu tun.

Ökonomische und Prestigeinteressen bleiben ausschlaggebend – und beeinflussen auch die politischen Entscheidungen, die, von Außen betrachtet, dann gern mit den unklaren Begriffen von ‚Pragmatismus und Flexibilität’ belegt werden, während man sich doch lediglich des Eindrucks der Zusammenhanglosigkeit und einer beliebigen, nicht (oder nur unzureichend) prognostizierbaren Politikgestaltung erwehren möchte.

Zur (Lebens)kultur der Unruhe und Nervosität:

Das Leben in Shanghai und (mit Unterschieden in Intensität und Wahrnehmung) anderen Ballungszentren der Ostküste – gleicht einer ständigen Gratwanderung zwischen Tradition und Entfremdung, Suche nach Ruhe und Vertrautem und Lust auf Abenteuer und El Dorado, Rückzug und Tempo, Authentizität und multiplen „Rollen“. Interessanterweise gelten diese Positionen und Empfindungen gemeinhin für ältere Shanghaier, zugereiste Wanderarbeiter, aber auch für Expats (professionell in Shanghai gebundene Ausländer) – mitunter also für alle außer der jüngeren chinesischen Generation der heute (2010) knapp 30-jährigen, die nicht im (damals) totalitären Maoismus aufwuchsen, sondern ein Leben jenseits von erzwungener Massenpartizipation (Kulturrevolution) und menschlichen Katastrophen kennenlernten; allerdings besteht auch ein erheblicher Unterschied in der politischen Sozialisation zwischen Pekinger Bürgern und ihren Stadtgenossen aus Shanghai, was Entwicklung und Kulturgeschichte der Lebensmittelpunkte „am Meer“(Shanghai) bzw. in der „nördlichen Hauptstadt“(Beijing) belegen.

Auch die ambitionierte, junge Aufsteigergeneration erfährt in Shanghai trotz starker kollektiver Identität bedrückende Unsicherheit, permanenten Druck (Jobsuche), härteste Konkurrenz und eine latente, allgemeine Orientierungslosigkeit (die in China bislang sehr marginal eingesetzten psychologischen Beratungsstellen und die wachsende Sensibilisierung für eine ‚lost generation’ oder ‚children without childhood’ in Shanghai belegen dies).

Im Stadtmoloch Shanghai greifen Kindheit (Schule), Wettbewerb (Hochschulzugangsprüfung) und Wertekonflikte (Generationendifferenz) ineinander, beeinflussen sich gegenseitig und schaffen zugleich die für diese Stadt (und das Umland) so typische Gemengelage aus (nur scheinbar paradoxem) Individualstreben und urbanem Kulturverständnis bei oftmals radikaler Ablehnung tradierter Moralvorstellungen (Beispiel: sogenannte Provokationsliteratur Shanghais).

Wie eine Dunstglocke liegt über der Stadt immer eine Atmosphäre gespannter Erwartu ngshaltungen und omnipräsenter Nervosität (anfangs auch für den ‚Fremden’ als ständige ‚Dynamik’ erlebt und erfahren).

Reiseschilderungen mystifizieren dies. Entkoppelt man all jene Empfindungen und Beobachtungen von den ‚natürlich’ und historisch gewachsenen Unterschieden, wie sie viele westliche Großstädte auszeichnen – dann wird die Bedeutung einer, gerade bei jungen Shanghaiern beliebten, Redewendung umso verständlicher:

„Shanghai wird sich nicht für dich ändern – du musst dich für Shanghai ändern!“

„Ja wenn ich mich nicht täusche – dann ist die Innenseite dieser äußeren Reserve nicht nur Gleichgültigkeit, sondern, häufiger als wir es uns zum Bewusstsein bringen – eine leise Aversion, eine gegenseitige Fremdheit und Abstoßung, die in dem Augenblick einer Berührung – in Ärger umschlagen kann. Alles hier beruht auf einem stufenartig ausgedehnten System von Gleichgültigkeiten, das von Unbewusstsein, Flüchtigkeit und Wechsel indifferent ausgeht und beeinflusst wird.

Vor unserem Selbstverlust bewahrt uns die Antipathie, das Latente und Vorstadium des praktischen Antagonismus; sie bewirkt die Distanzen und Abwendungen, ohne die diese Art Leben in einer Großstadt überhaupt nicht geführt werden könnte.“(Simmel)

Bereits 1903 hat sich der Soziologe und Philosoph Georg Simmel Gedanken über „Die Großstädte und das Geistesleben“ gemacht; er schreibt weiter:

„Das bedeutsamste Wesen der Großstadt liegt in ihrer funktionellen Größe jenseits ihrer rein physischen Grenzen – und diese Wirksamkeit wirkt wieder zurück und gibt unserem Leben Gewicht, Erheblichkeit und Verantwortung. Wie ein Mensch nicht zu Ende ist mit den Grenzen seines Körpers, so besteht auch eine Stadt erst aus der Gesamtheit der über ihre Unmittelbarkeit hinausreichenden Wirkungen. Dies erst ist ihr wirklicher Umfang, in dem sich ihr Sein ausspricht. Die Großstadt bietet die Unerwartetheit sich spontan aufdrängender Impulse. Indem sie gerade diese psychologischen Bedingungen schafft

– Mit jedem Gang über die Straße, mit dem Tempo und den Mannigfaltigkeiten des wirtschaftlichen und beruflichen Lebens –

Stiftet sie Bewegung in unserem Seelenleben, doch oft verwirrt und reizt sie auch. Wir werden unruhig – und leben die Unruhe der Anderen immer unbewusst mit. Es ist ein tiefer Gegensatz gegen die Kleinstadt und das Landleben mit dem langsameren, gewohnteren, gleichmäßiger fließenden Rhythmus ihres sinnlich-geistigen Lebensbildes.

Daraus wird vor allem der intellektualistische Charakter des großstädtischen Seelenlebens begreiflich, gegenüber dem kleinstädtischen, der vielmehr auf das Gemüt und die gefühlsmäßige Beziehungen gestellt ist. So schafft der Typus des Großstädters – der natürlich von 1000 Modifikationen umspielt ist – sich ein Schutzorgan gegen die Entwurzelung, mit der die Strömungen und Diskrepanzen seines äußeren Milieus ihn bedrohen. Statt mit dem Gemüt reagiert er auf diese im Wesentlichen mit dem Verstande.“

Shanghai besteht aus Varianten verschiedenster Lebenswelten, die wiederum in diverse Migrations- und Bildungshintergründe aufgefächert sind. Strukturen, Dynamik und Steuerungsstrategien – all dies geschieht in Abhängigkeit von gesellschaftspolitischem und soziokulturellem Umfeld, das unterschiedliche Mitgestalter aber auch Vetospieler zulässt – und uns oft das so widersprüchliche und paradoxe Hybrid-Erleben dieser Stadt vor Augen führt. Privatwirtschaft, Zivil- und Wissensgesellschaft gehen hier eine Verschmelzung und gleichzeitig auch Ausdifferenzierung ein, die das für Shanghai stereotypisch kaleidoskopartige Bild prägt. Hier entwickelten sich unter dem Druck von Industrialisierung und Landflucht polyzentrische Agglomerationen in und um die Stadt und schufen funktional integrierte mega-urbane Räume und Regionen.

Simmel:

„Durch die Anhäufung so vieler Menschen mit so differenzierten Interessen greifen ihre Beziehungen und Betätigungen in einem so vielgliedrigen Organismus ineinander, dass ohne Pünktlichkeit in Versprechungen und Leistungen das Ganze zu einem unentwirrbaren Chaos zusammenbrechen würde. Wenn alle Uhren in einer Großstadt plötzlich in verschiedene Richtung falsch gehen würden – und nur um den Spielraum einer Stunde – so wäre das ganze Wirtschafts- und Verkehrsleben auf lange Zeit zerrüttet!

Dazu kommt scheinbar äußerlich: die Größe der Entfernungen, die alles Warten und Vergebenskommen zu einem nicht aufzubringenden Zeitaufwand machen. Alles muss hier in ein festes und übersubjektives Zeitschema eingeordnet werden, wir spüren immer unbewusst diesen Druck. Diese Pünktlichkeit, Berechenbarkeit, Exaktheit und die Komplikationen und Ausgedehntheiten des großstädtischen Lebens steht in engstem Zusammenhang mit dem geldwirtschaftlichen und intellektualistischen Charakter der Großstadt, der auch den Lebenssinn und –inhalt färbt.“

Die Enttraditionalisierung in der Stadt (die ‚einst’ als historischer Einwandererort und Magnet für Arbeitssuchende und Flüchtlinge aus aller Welt diente) schreitet unaufhaltsam voran; Zeit und Zeitlichkeit (individuell empfundener Wandel und Vergänglichkeitsgefühl) korrespondieren mit den Einstellungsänderungen der Shanghaier Bevölkerung – in alle Richtungen (d.h. von fest verankert und unterstützend bis total ablehnend).

Die Konstruktion einer eigenen ‚Stadtgeschichte’ Shanghais, die erst ab ca. 1992 zu ‚wirken’ beginnt und den rasanten Wandel des ehemaligen Fischerdorfes (von dem aus man ‚zum Meer ging’ = shang hai) widerspiegelt, lässt die Verlierer von Transition und Wirtschaftsboom (die ihrem ‚Traum vom Tellerwäscher zum Millionär’ eben nicht realisierten) vor dem Hintergrund immer neuer Glamour-Zonen unbeachtet.

Generationskonflikte, umbrüchige Lebenseinstellungen und -handlungen, Wahrnehmungsdiskrepanzen und Einkommensscheren, Urbanisierungsprozesse, wirtschaftliche Rasanz (die die gegenwärtige Rezession als ‚beendet’ erklärt) und die Gefahr (erneuter) Blasenbildung auf Finanz- und Immobiliensektoren – all dies sind Schwerpunkte und Agenda auf den Partei- und Ausschusssitzungen der Stadträte Shanghais, und nicht nur dort.

Lokalpolitiker und Regierungsberater wissen um die polyphone, heterogene Struktur der Stadtkonstruktion, deren ‚Laborcharakter’ neben offensichtlichen Experimentierfeldern zugunsten pragmatisch-adaptiver Lösungen auch immer das Scheitern einer nachhaltigen Reform- und Öffnungswelle inkludiert, die dann auch auf andere Landesteile überschwappt, geprüft, verworfen oder angenommen wird.

Die extreme Entwicklungsdynamik (aktuelle Notwenigkeit, sofortige Umsetzung, utilitaristisches Instrumentarium, kurzfristige Zeitplanung) der Stadt (die ja auch in westlichen Medien nicht selten als Vorzeigemodell/ Projekt gelungener ‚Metropolisierung’, d.h. ohne Slumbildung, nennenswerte Verbrechensrate und Hygienedefizite, prominente Erwähnung findet) lässt ökonomische Regionalpolitik, städtebauliche Herausforderungen, soziale und kulturelle Wandlungserscheinungen und, last but not least, binnenmigrierende Volksgruppen Chinas in weltweit einzigartiger Intensität aufeinanderprallen. Noch immer weitestgehend friedlich.

Nicht zuletzt der wirtschaftliche Erfolg der Yangzi-Delta Metropole Shanghai übt eine enorme Anziehungskraft aus und zieht nun auch im Rahmen der Expo-Vorbereitungen erhöhte Aufmerksamkeit auf sich.

Faszination illustrer Vergangenheit der Metropole Shanghai:

Shanghai nähert sich damit wieder einmal dem einstigen Ruhm (Welthauptstadt der Superlative, Megacity) und erlebt erneut die alten Stilisierungen einer „westlichen“ Shanghai-Perzeption (romantisierende Autoren wie Han Suyin, Pearl S. Buck, aber auch Eileen Chang): dekadent, halbkolonial, zwischen Ost und West, Alt und Neu oszillierende Stadt.

Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Shanghai zum größten Industriestandort Chinas geworden. Die Stadt erblühte zur Wirtschafts- und Kulturmetropole; ein Nebeneinander von West und Ost, Kultiviertheit und Niedergang entstand und schuf bis heute unsere, ‚westliche’ Wahrnehmung der Stadt (Verkörperung von Imperialismus, Kolonialismus, Kapitalismus, Fremdeinflüssen und unterschiedlich erfolgreicher Sinisierung).

Von Shanghai gingen kultur- und ‚konterrevolutionäre’ Bewegungen aus, wurden Kadergruppen in ultralinker Manier gebildet und alle westliche ‚Dekadenz’ verteufelt – nur, um wenige Jahrzehnte später als ‚Schaufenster Chinas zur Welt’ (Expo!) zu gelten und die gesamte Stadtentwicklung und dort praktizierte moderne Urbanisierung in erklärten Gegensatz zur Ära Mao zu stellen.

Erst 1992 wurde Shanghai offiziell ‚rehabilitiert’ (Reise Deng Xiaopings nach Shanghai und Bezeichnung der Stadt als neoideologisch – geographische Basis und ‚Kopf des Drachens’).

Peripherie-Umsiedlungen im Rahmen der preistreibenden, flächendeckend-horizontalen Ausweitung von Wohnbauten in Shanghai (ein Phänomen auch der letzten Monate in 2009 und der Gegenwart) haben in den vergangen 10 Jahren fast 3 Millionen Shanghaier Bürger die Aufgabe vertrauter Lebensräume bei oft unzureichender Kompensation (angepasst an das Alter der Wohnungen, nicht an die Quadratmeterzahl) gekostet.

Insgesamt sind Millionen km² der früheren Städte abgerissen worden.

Dies führte und führt zu einer ‚Verinselung’ der Bewohner und dem Entstehen neuer, gleichzeitig polarisierender Wohngebiete (da nun einkommensgleiche Schichten ‚zusammenzogen’ und eine durchsetzte lebendige Gemeinschaft unterschiedlicher Traditionen und Wohnstile allmählich aufgelöst wurde: soziale Segregation).

Shanghais Stadtstruktur ist polyzentrisch und damit für die politisch gewollte Synthese von Parteiobrigkeit, exzessivem Kapitalismus und alles durchdringender Globalisierung eigentlich ungeeignet und in dieser spezifisch chinesischen Ausformung sicherlich weltweit singulär (Megalopolis, Zusammenballung von Riesenstädten, verschärfte Sozialdifferenzen). Shanghai bleibt auch in Zukunft (und immer stärker) richtungsweisend für alle angestrebten Urbanisierungsprozesse (auch in touristisch – konsumistischer Hinsicht) in China (wieder: Maximum an Zusammenleben bei Minimum an Raum).

Das – auch politisch Bedeutsame – ist, dass der Einzigartigkeit Shanghais kein langsamer Prozess autonomer Entwicklungspfade voran ging, sondern immer geplant und bewusst herbeigeführt wurde (um den Wert des Raumes zu steigern und so ein städtebauliches Sozialimage zu erreichen).

Die Expo passt hier, im wahrsten Sinne des Wortes, hervorragend ins Bild. Diese überproportionale Betonung neuer Lebensstile (die oft und vor Allem außerhalb des gesellschaftlich Gewohnten liegen und früher sehr missbilligt worden wären) gilt heute zunehmend als Ausdruck alternativer und individualistischer Verwirklichung moderner Daseinsgestaltung.

Die Expo, deren Glanz auf Stadt und Menschen abstrahlen soll, passt in diese Zelebrierung einer anderen kulturellen ‚Revolution’ und das konstruierte Stereotyp des „globalen Schaufensters“. Eine neue Nuance hat sich der Stadt und ihrer Atmosphäre bemächtigt, deren gemeinsame Attribute Außergewöhnlichkeit, Wandlung und Stolz sind.

Zu den wirtschaftlichen und architektonisch-technischen (Shanghai Financial Center, Jin Mao-Tower, 4000 Wolkenkratzer, ein Drittel aller weltweit größten Baukräne in Shanghai, U-Bahnnetz bald größer als New Yorks, schnellster Zug der Erde usw.) hat sich mit dem Ausbau der Expo und den erwarteten bald 100 Millionen Besuchern (vor allem aus China) ein weiterer Superlativ zu den Rekorden der Stadtgeschichte gesellt, deren stete Neuerfindung und ‚Schlaflosigkeit’ ebenso wie die ‚Disneyfizierung’ bestimmter Stadtteile und eine allgemein empfundene ‚placelessness’ nicht nur gängige Klischees der hochmodernen Entwicklung und überbordenden Urbanität, sondern auch das Thema persönlicher Auseinandersetzung mit der Geschwindigkeit des Wandels (gesellschaftlich, ökonomisch, politisch, kulturell) sind.

Die chinesische ‚Vorzeigestadt’ Shanghai habe „ihre Zukunft immer schon hinter sich“ – diese auf den ersten Blick verwirrende Äußerung machte vor Tagen ein chinesischer Wissenschaftler in Hong Kong anlässlich einer kleinen Expertendebatte zur Entwicklung der beiden Megastädte am Perlfluss und am Yangzi-Delta.

Und er ging sogar noch weiter: nicht nur Shanghai, fast das gesamte Land (China) ‚häute’ sich so schnell, dass man die Entwicklungsschritte kaum noch verfolgen und einordnen könne.

Dies stimmt zum Teil: das rasante Entwicklungstempo der Stadt am Huangpu (Shanghai), deren deutsche Übersetzung „zum Meer gehen/ Segel setzen“ gleichermaßen Motto und Selbstvergewisserung einer langen Oszillation Chinas zwischen Öffnung und Isolation ist, bleibt für ein Verständnis chinesischer Mentalität und Kultur unerlässlich.

Shanghai hat Zukunft, doch im Erschaffen immer neuer Lebens- und Kommunikationswelten wird jedes Stadium auch sofort ‚Vergangenheit’; dies gilt nicht (oder nur zu einem sehr geringen Teil) für die in politischen Konservatismus verharrenden (erstarrten) Provinzen in anderen Teilen des riesigen Staates; dort ist das isolationistische Weltbild noch immer lebendig, zeugen Starrheit und oft unzeitgemäß anmutender Nationalismus von den Resten einer totalitären Diplomatie, die mit den modernen Mechanismen globalisierter ‚Weltgemeinschaft’ nicht mehr kompatibel ist.

China hat seit ca. 1000 vor Christus (Beginn der zuverlässig datierbaren Geschichte des Landes) immer autoritäre Kontroll- und Regimeformen gewählt, um sowohl das in der riesigen geografischen Ausdehnung des Staates liegende innere Zerfallpotential einzudämmen – als auch, um der Angst vor äußerer Bedrohung zentral(istisch) Herr zu werden.

Die jüngste Finanz/ Wirtschaftskrise der zurückliegenden zwei Jahre hat sehr eindrucksvoll die Fähigkeit der chinesischen Obrigkeit zu im Wortsinn un’populären’ Entscheidungen (top/ down) veranschaulicht.

Die Konstante chinesischer Regierungskunst (Koexistenz widersprüchlicher Impulse während der gesamten vergangenen 3000 Jahre im Wechselspiel zwischen Zentrifuge und Stagnation) betonte Kommunikation ohne echten Quellenzugang, Konsumlandschaften ohne äquivalente Verteilung und konservierte Ideologien ohne politische Öffnung oder gar Liberalisierung.

Das Zögern der Staatslenker zwischen wirtschaftlicher Liberalisierung und politischer Einhegung (denn ‚Kontrolle’ üben auch demokratisch legitimierte Herrschaftssysteme aus) entschied gerade Shanghai für sich, d.h. für Handel, Offenheit, kapitalistisches Denken, kulturelle-Massenavantgarde usw. – doch immer nur, solange das Herrschaftsmonopol der Kommunistischen Partei nicht tangiert, infrage gestellt oder gar „pluralisiert“ werden sollte.

Die moderne (eben nicht: verwestlichte) Bevölkerung der gesamten Ostküste des Landes einschließlich sogenannter Schlüsselstädte wie Peking und Tianjin, umfasst zwar die an sich beachtliche Bevölkerungszahl von ca. 65 Millionen Menschen, ist aber – gemessen an der absoluten Einwohner’menge’ – verschwindend gering

Dementsprechend wird bei der Einschätzung Chinas immer wieder der (verständliche) Fehler einer Gleichsetzung uns ‚entsprechender’ Lebensstile mit dem kulturellen und mentalen Habitus des gesamten Landes gemacht.

Chinas Regierungssystem bleibt einer wirkungsvollen und öffentlichen, authentischen Kontrolle noch überwiegend verschlossen; in vielen Landesteilen nimmt die ideologische Orthodoxie gar wieder zu. China hat nach wie vor ein einparteilich kontrolliertes Informationsmonopol und gestaltet Politik in steter Wechselwirkung von Fortschrittsgenerierung und Machtprotektionismus!

Regulierung ist immanenter Teil der chinesischen Gesellschaftsordnung.

Die öffentliche Meinung bleibt staatlich und parteilich substituiert und freiheitliche Strukturen sind hier keine kausalen Begleiterscheinungen von wirtschaftlicher Öffnung!

Zurück zur Expo:

Vermutlich entfaltet die Expo gerade dadurch ihren noch immer über die geografischen Grenzen des Yangzi-Delta hinausreichenden Magnetismus, dass an ihrer Wirkung und Bedeutung zunehmend von Nicht-Shanghainesen gezweifelt wird (und man somit verstärkt über das Großereignis redet: Kommunikations-Spirale).

Die Verlagerung und Verortung des konsumstarken Gravitationsfeldes in und um Shanghai bleibt unangefochten; der urbane Raum hier wird zu einer riesigen Ballungsdichte von mehreren Megalopolen zusammengeschlossen und die Vorreiterrolle bei der Entwicklung auf vielen Gebieten (‚Testlabor’) – sowohl naturwissenschaftlich als auch soziologisch – weiterhin behaupten und ausbauen (katalytischer Effekt).

Die Weltausstellung schafft kollektive Identitätsgefühle (trotz oder gerade wegen der sonst sehr unterschiedlichen lebenshistorischen Hintergründe ihrer chinesischen Betrachter und Interpreten) und versinnbildlicht den Erfolg nationaler Anstrengungen auf Weltniveau, zu denen die Lobbyarbeit im Vorfeld der Expo-Vergabe genauso gehört wie die umfangreiche Infrastrukturplanung zentralistischer Behördenorganisation.

Hinzu kommt der spiel- und technikverliebte Charakter einer überwiegenden Anzahl einheimischer Besucher, deren Neugier und das Streben nach ‚Erlebniswelten’ in den Pavillons und Nationenhäusern ihre Erfüllung finden.

Das Spiel (unbeschwertes Vertieftsein) ist die kulturgeschichtlich älteste Form des Erfahrungsgewinns (relevante Bereiche des Erlebens werden auf der Ebene des Gefühls stark eingebunden) und wird auch in China zu neuen Einsichten führen, die über den reinen Informationswert anderer Nationen-Welten hinausgehen.

So eröffnen sich auf der Expo neue Formen von Kommunikation und Wahrnehmung, denn an die Stelle einer rein chronologisch nachvollziehbaren (und vor allem: selektiven) Ereignisrezeption ist heute die globale Kommunikationsschwemme getreten.

Man kann heut gar nicht mehr anders als (Buchhinweis: Payback – Frank Schirrmacher; Brief an mein Leben – Miriam Meckel; Der Informationscrash – Max Otte) potenziell immer und allerorts mit jedem über alles zu kommunizieren: d.h.: die Welt, wie wir sie kannten (Sehen, Erleben, Begreifen) ist nicht mehr die Welt, die wir heute kommunizierend erreichen können (aber deren Erreichbarkeit uns durch echtzeitübermittelte Nachrichten ständig aufgezwungen wird).

Doch gerade die sogenannte Internetkultur bräuchte Be- und Einschränkungen dieser omnipräsenten Möglichkeiten eines unbegrenzten Wachstums ungezählter Beziehungen und Beziehungsnetzwerke, in denen Probleme durch eine zunehmende Temporalisierung bereits dadurch gelöst scheinen, dass sie durch andere Herausforderungen überlagert, verdrängt und ersetzt werden, die dann ihrerseits im Zuge neuer Dringlichkeiten an Bedeutung und Dynamik einbüßen: ein Perpetuum Mobile.

Shanghai steht für eine irreversibel fortschreitende Bewegung (wobei vorausgesetzt wird, dass alles ‚besser’ und ‚schöner’ wird (Expo-Motto!).

Die traditionsgängige Botschaft der „ausufernd-kontrollierten“ Urbanisierung Shanghais ist mittlerweile zu einem zeitlosen Thema mit unendlichen Varianten geworden. Diese suggerieren eine, dem Ritual nahekommende, Wiederholbarkeit und nähren so das Bedürfnis nach lokaler und internationaler Bestätigung: nichts anderes steht hinter Spruchweisheiten wie „Shanghai erfindet sich täglich neu“ oder „die Stadt, die nie schläft“ bzw. deren Steigerung: „die Stadt, in der man gar nicht erst zu Bett geht“.

Paradoxerweise zwingt jedoch die dort im Mai beginnende Expo zu einem Umdenken und –messen real verfügbarer Zeit – und Raumressourcen; denn unter dem Druck moderner Informationstechnologien hat sich eine Optionsvielfalt eröffnet, die in keinem Verhältnis mehr zu den organisatorischen Fähigkeiten des menschlichen Gehirns steht, diese völlig zu überblicken, geschweige denn: zu verarbeiten!

Wachsender Orientierungspluralismus, der vor allem den Vergleich mit benachbarten Gesellschaftssystemen und, darüber hinaus, politischen Alternativen und Vorbildern inkludiert, fördert auch die Empfindlichkeit für die eigene Beobachtungslage.

Diese betrifft nicht nur die Shanghainesen selber, sondern auch zugereiste Chinesen aus anderen Provinzen und (zum Teil sehr unterentwickelten und weniger technologisch ‚saturierten’) Regionen, die sich bislang kaum unter Shanghai und der dortigen Lebensstilvielfalt etwas vorstellen konnten.

Aus einer medientechnologisch inszenierten Expo – ‚One World’ (die aber niemand wirklich erfassen kann) – sollen pluralisierte, unterschiedliche, nationale Lebensstile und authentisch reflektierende Besinnungen erwachsen, deren Aufgabe neben der Schaffung nationaler ‚Reservate’ und damit Trennlinien vornehmlich in der Kompensation universeller, gleichwohl amorpher Räume besteht (die dem Menschen weder Geborgenheit und Heimat vermitteln).

In Shanghai (und hier besonders in den Debatten im Vorfeld der Expo, aber auch den Diskussionen und neuen Identitätsdiskursen über eine künstlerische Begleitung der Veranstaltung) wird sehr ernsthaft – wenn auch nicht im allzu öffentlichen Raum – an neuen Lebensentwürfen von Stadtplanung und Wohnqualität gearbeitet.

Das Motto der Expo (‚better city, better life’) korrespondiert mit dem Slogan des deutschen Pavillons (‚balancity’); beide warnen mit unterschiedlichen Worten vor unausgewogenen Entwicklungsschüben und nicht mehr zu bewältigenden Alltagsproblemen in postindustriellen Stadtgebieten (nicht nur an der chinesischen Ostküste).

Dazu gehört auch die mediale Reizüberflutung; denn aus der Wissensgesellschaft ist mit der Zeit (und Entwicklung neuer Medientechnik) immer mehr auch eine Unwissensgesellschaft geworden, in der nur noch das zählt, was man nicht weiß oder hat (fehlende Internetadressen, www-Seiten oder gar Mobiltelefon-Nummern weisen auf ‚evolutionäre Irrläufer’ hin).

Parallelwelten, ‚Pavillons der Nationen’ (nationale Grenzen sind nicht mehr die Grenzen der uns bekannten Gesellschaft) und künstlich erzeugte ‚Authentizität’ (die „Wirklichkeit“ wird hier zu einem kostbaren Gut, mit dem es zu kargen gilt) müssen die Sehnsucht nach Echtheit und Überschaubarkeit befriedigen und gleichzeitig durch eine Art moderner ‚Tribalismen’ das Gefühl von Ortschaft, kultureller Verbundenheit und umweltharmonischer Einbettung zurückgeben. Auch die Expo Shanghais (die sich deutlich in manch latent spürbaren und unterschwellig formulierten Ansätzen von anderen ‚Weltausstellungen’ unterscheiden wird) möchte durch ihr Gesamtdesign die ‚eine’ Erde global erschließen und dabei doch simultan diese hinzugewonnene Unübersichtlichkeit durch die Beibehaltung territorialer Abgrenzungen reduzieren (Nationenhäuser) oder zurückgewinnen.

Markierungen, Embleme und Maskottchen sollen den Menschen helfen, ihre Maßstäbe wiederzufinden, an denen sich ablesen und –leben lässt, ob und wie ‚gut’ man existiert.

Diffuse Sehnsüchte nach Klarheit und zeit/ räumlicher Verlässlichkeit finden gerade in einer scheinbar ‚offenen Zukunftsstadt’ wie Shanghai ihren Ausdruck in umgrenzten Gebieten (sog. ‚Viertel’, die oft artifiziell gebaut und hergerichtet werden), in denen es sich ‚zu leben lohnt’, d.h.: die Welt – so wie man sie zu kennen glaubte – wiederentsteht, allerdings in völlig neuem Rahmen und eben doch bei aller Kunstfertigkeit: künstlich (bes.: Xintiandi).

Städtebau und Stadtplanung strahlen in alle Bereiche der Gesellschaft hinein und erfahren wechselwirkend ständig neu gestellte Aufgaben und Herausforderungen (zumal in einem so rasant wandlungsfähigen Raum wie ‚Greater Shanghai’).

In diesem Kontext bleibt die Reflexion der unterschiedlichen Bedingungen neuentstehender Kommunikationsformen in Shanghai ‚und Umgebung’ für eine Beurteilung und Einschätzung weiterer Entwicklungschancen und –wege unerlässlich.

Die moderne Kommunikation teilt die Welt eben nicht (mehr) mit, sondern zerteilt (!) sie in Verstehbares und Unkenntnisse, Zugriffswissen und Abkopplung vom Know-how und damit Zukunft(sgestaltung).

Mit jeder neuen PC-Erfindung wächst auch die Menge des Nichtwissens!

Die Expo ist eine politisch-kulturelle Inszenierung, die ein Potpourri an potenziellen Erfahrungsräumen schafft und als methodisches Instrumentarium dient, um Wirklichkeiten herzustellen und ‚begreif’barer zu machen.

Durch raffinierte Techniken (Prestige als Innovationsmotor) weckt sie zugleich die Sehnsucht, teilzuhaben an den globalen Errungenschaften und damit an etwas zu partizipieren, was größer ist als man selbst (und über einen hinauswächst): eben an der „einen Welt“.

Diese Weltausstellung durchbricht den bisherigen Horizont bekannter Lebensradien und setzt auf Differenz, wobei sie (in Shanghai!) gerade auf die ‚Anschlussfähigkeit’ bestimmter Neuerungen, Werbesprüche und Versprechen baut, die bereits bekannte Erfahrungen in dieser Stadt aufnehmen und Fremdheit in Kontingenz verwandeln sollen.

Simmel zur großstädtischen Zwischenmenschlichkeit:

„Die geistige Haltung der Großstädter zueinander wird man in formaler Hinsicht als Reserviertheit bezeichnen müssen – in emotionaler mit Blasiertheit. Denn wenn der fortwährenden äußeren Berührung mit unzähligen Menschen so viele innere Reaktionen antworten sollten – wie in der kleinen Stadt, in der man fast jeden Begegnenden kennt – so würde man sich innerlich völlig atomisieren und in eine ganz unausdenkbare seelische Verfassung geraten. Teils dieser psychologische Umstand, teils das Recht auf Misstrauen, das wir gegenüber den in flüchtiger Berührung vorüberstreifenden Elementen des Großstadtlebens haben, nötigt uns zu jener Reserve, infolge derer wir jahrelange Hausnachbarn oft nicht einmal vom Ansehen kennen und die uns anderen Menschen aus kleineren Städten oft als kalt und gemütlos erscheinen lässt...!“

Gleichzeitig aber – und das macht das Hybride, Oszillierende und auch Faszinierende hier aus – bietet die Stadt Shanghai „lebendige“ Nachhaltigkeitschancen.

Insofern kann eine Art „kollektiver Identität“ entwickelt und Teil eines gewollten und stets gepflegten Mythos (Mantra vom Aufstieg Chinas) werden.

Die Expo erzählt ‚Weltgeschichten’ (Vermittlung von Transformation und Kontexten) und kaum eine andere Stadt als Shanghai (mit ihrer wechselvollen Historie zwischen extrem gegensätzlichen Gesellschaftsentwürfen, Regierungssystemen und Stadtkonnotationen: Fischerdorf, ‚Sündenbabel’, Freiheitsstadt für jüdische Flüchtlinge, Geburts- und Entstehungsstätte kommunistischer Ideologieadaptionen und intellektueller Bildungsbürgerlichkeit‚Viererbande’, polyzentrische und hybride Megacity) wäre geeigneter für strategische Inszenierungen, ‚story-telling’ und politisches Werbemanagement als dieser Ort verstetigter, ritualisierter ‚Selbsterfindung’ (‚this city – a living legend’).

Soziale Transformationslinien brechen sich an der Beanspruchung persönlichen Wohnraums (der in speziellen Vierteln Shanghais mitunter 30.000 Menschen und mehr zusammenpfercht), welcher in diesem Jahr (2010) vielfach unerschwinglich geworden ist – und dessen exorbitant hohe Mieten eher (erneut) als Spekulationseinsatz denn beabsichtigte Nutzungsgebühr dienen.

Hinzu kommen die anhaltende Umsiedlungspoltik (zugunsten wachsender Vertikalarchitektur), Nachbarschaftszäsuren (Auseinanderreißen verwurzelter Traditionsgebiete) und Enklaven-Diaspora (Ausweichen angestammter, sozialer Gruppen an die Peripherie Shanghais).

Veränderungsprozesse und räumliche Verinselungen stoßen allerdings bei den Betroffenen (auf der ganzen Welt) zunächst auf Erhaltungsängste (Tradition) und nicht gleich auf begrüßenswerte, rasante Wandlungswünsche; hier kommt der ‚Einsichtsvermittlung’ (so, wie sie das chinesische Regime versteht) besondere Bedeutung zu – und genau da setzt die larvierte Message der Expo an: es lohnt sich schon anders, moderner und beschleunigter zu leben. Wieder entsteht so der Ruf nach Nachahmung bzw. Übernahme spezifischer Lebensstil e (chin. „linglei“= wörtlich: andere Arten; gemeint sind außerhalb des gesellschaftlich Gewohnten liegende individualistische Ausdrucksformen); teils administrativ gewollt, teils geduldet, teils bekämpft.

Wissenschaftliche, städtebauliche und soziale Wandlungserscheinungen prägen der Stadt ihren unverwechselbaren Stempel auf und haben Entwicklungsdichotomien geschaffen, deren Auswirkungen noch nicht, oder zumindest unbefriedigend, eingeschätzt werden können – gleichwohl aber (Wanderarbeiter, Generationenkonflikt, Kriminalität, Protestpotential, psychische Belastungen der Bewohner) zu den dringlichsten, urbanen Herausforderungen gedeihlichen Zusammenlebens in der Zukunft gehören.

Nicht wenige Skeptiker der Expo betonen in diesem Zusammenhang die Idee einer bewussten, geplanten ‚Sedierung’ möglicher und zukünftig zu erwartender Protestaktionen gegen die Regierung; denn obgleich Shanghai immer als Schaufenster chinesischer Dynamik nach außen wirken sollte (und dies auch überwiegend erfolgreich vermochte), so hatte das Entwicklungsniveau der traditionellen Einwandererstadt auch stets introspektive Beachtung erfahren und dient(e) als Traum- und wirtschaftlicher Sehnsuchtsort für Millionen von Wanderarbeitern, die meinten und hofften, hier mehr als nur ihr Leben „fristen“ zu können.

Auch von außen nach Shanghai immigrierte Chinesen tragen die Botschaft ‚vom Tellerwäscher zum Millionär’ (in der Tat oft wahre Biografien und Erfolgsstories) in ihre Heimatregionen weiter bzw. zurück.

Darüber hinaus verheißt die glitzernde Metropole (Wahrzeichen), dass es dort ‚jeder schaffen kann’, der sich um wirtschaftliche Karriere und nicht unbedingt politische Einflussnahme bemüht und der sich der Protektion der Einheitspartei KPC sicher sein darf, so lange er deren gelungene Gestaltungskraft, die zu eben jenem ökonomischen Niveau geführt hat, nicht in Frage stellt – oder überhaupt Fragen stellt...!

Die Synthese von Partei (ohne wirkliche Partizipation), rigorosem Kapitalismus (ohne echte Sozialstaatsverpflichtung) und alternativloser Binnenmigration anderer Bevölkerungsgruppen (ohne die Shanghai nicht ausbaufähig wäre) haben in der Stadt zu einer Metamorphose auf unterschiedlichsten Ebenen geführt, die – alle miteinander verwoben – den einzigartigen Mythos ausmachen, von dem die Stadt lokal und international (und im Wettstreit mit Hong Kong beispielsweise gewinnbringender als in früheren Zeiten) mehr denn je lebt – und der durch die Expo mit Sicherheit nicht gemindert werden wird!

Chinas Wandlungen werden zeitlich (Rasanz), räumlich (Urbanisierung), sozial (Zusammenleben, Koexistenz in einem Vielvölkerstaat mit unterschiedlichen Rechtsansprüchen) und politisch (konzentrische Entwicklung von der Ostküste aus im top/down-Verfahren, flexible Interessendurchsetzung bei spontanem Prioritätenwechsel) wahrgenommen und als ‚Einheit immanenter Unterschiede’ „erklärt“... Einheit schlägt Veränderung!

Mit dieser paradoxen Einschätzung scheint nicht nur die Shanghaier Stadtregierung leben zu können (und gegenwärtig auch zu müssen); denn obwohl – oder gerade weil – China immer Einheit, Zentralismus, Ordnung und Überblick an die oberste Stelle der Regierungskunst gesetzt hatte und dies auch heute noch tut, bleibt Staatslenkern und Stadtplanern im Augenblicklichen der diversen regionalen „Häutungsvorgänge“ ihrer Städte und Provinzen ‚nur’ die beispielhafte Darstellung (Expo) eines - dies sei am Schluss nicht verschwiegen - größtenteils gelungenen Modells extremer Urbanisierung.

Auch für Shanghai gilt:

Alles findet statt immer zwischen Wachstums- und Schrumpfungsprozessen und immer zwischen: Degradierung, Sanierung, Revitalisierung, Neubau – und einem Wiederanfang.

Simmel „schließt“ seinen Essay „Die Großstädter und das Geistesleben“ mit den Worten:

„Die Großstadt tritt – mögen ihre einzelnen Erscheinungen uns sympathisch oder antipathisch berühren – ganz aus der Sphäre heraus, der gegenüber uns die Attitüde des Richters ziemte. Indem wir dem flüchtigen Dasein...“

(und hier erinnere ich noch einmal an:

„2 fremde Augen, ein kurzer Blick

Die Braue, Pupillen, die Lider –

Was war das?

Kein Mensch dreht die Zeit zurück –

Vorbei, verweht, nie wieder...“)

„...angehören, ist unsere Aufgabe nicht anzuklagen oder zu verzeihen - sondern allein zu verstehen

Ich finde dies gut gesagt – und schließe mit meinem Dank für Ihre Geduld und Aufmerksamkeit!