Die Politische Meinung

Der kreative Kontinent

von Horst Köhler

Kann Europa von Afrika lernen?

In der öffentlichen Diskussion, in Medien und Politik werden eigentlich nach wie vor nur zwei Geschichten über Afrika erzählt: Die eine ist eine Geschichte des Leids, die Mitleid hervorruft, also das uns vertraute Afrika des Hungers, der Armut und der Kriege. Die andere ist eine Geschichte der Bedrohung, die Angst hervorruft; im Grunde ist auch dies ein jahrhundertealtes Motiv der Furcht vor dem „schwarzen Mann“, der Europa überrennt, ein Motiv, das im Zuge der alles dominierenden Migrationsdebatte wieder stark geworden ist. Beide Diskurse, der des Mitleids und der der Angst, verengen unseren Blick auf die afrikanische Wirklichkeit, und sie produzieren Lösungen, die ebenso verengt und damit irreführend sind. Deshalb ist es gut, dass in dieser Themenausgabe nicht nur über Afrika berichtet wird, sondern auch Autoren des Kontinents selbst zu Wort kommen.

Die Blickrichtung zu ändern – genau das will auch ich versuchen. Und fragen: „Kann Europa von Afrika lernen?“ Wohlgemerkt nicht: „Was kann Europa von Afrika lernen?“ Dann könnte man allzu schnell bei einer mehr oder weniger überzeugenden Liste von Klischees landen, die Europäer an Afrika faszinierend finden, die Lebensfreude etwa oder das Rhythmusgefühl oder die Naturverbundenheit. Und schon hätte man Afrika wieder reduziert, nämlich auf die Erfüllung europäischer Phantasien. „Kann Europa von Afrika lernen?“ – dies zu fragen, lenkt den Blick weg von Afrika, auf die Lernfähigkeit Europas. Können wir Europäer überhaupt die Vorstellungskraft entwickeln, Afrika in einer anderen Rolle zu sehen als jener, die wir unserem Nachbarkontinent über die Jahrhunderte hinweg zugewiesen haben? Haben wir ein Bewusstsein dafür, wie sehr die Geschichte, die wir seit Generationen über Afrika erzählen, im Grunde unsere Geschichte ist; und wie sehr das Bild, das wir von Afrika haben, viel mehr über uns aussagt als über Afrika? Haben wir schon ausreichend erkannt, wie sehr unser eigenes Schicksal mit der afrikanischen Zukunft zusammenhängt? Und schließlich, welche Chance darin läge, wenn die Afrikaner endlich ihre eigene Geschichte erzählen könnten und wenn es uns gelänge, Afrika und Europa als voneinander Lernende zu begreifen?

 

Knick in unserer Optik

 

Wer der Norm entspricht, der kann es sich leisten, die Existenz dieser Norm zu bezweifeln. Deshalb bin ich mir manchmal nicht sicher, ob wir, die weißen Europäer, uns überhaupt bewusst sind, wie belastet, wie verengt unser Blick auf Afrika ist; ob wir überhaupt wahrnehmen, wie sehr die Welt nach unserer Norm, der Norm des weißen Europäers, strukturiert ist, oder präziser noch: wie sehr wir sie nach unserer Norm strukturiert haben, in einem jahrhundertelangen, oft brutalen Prozess der Unterdrückung und Ausbeutung. Als 1884/85 die Kolonialmächte bei der Berliner Konferenz den afrikanischen Kontinent unter sich aufteilten, war das ein Akt der Strukturierung der Welt nach der Norm des weißen Mannes, eine Strukturierung, die sich um die afrikanische Realität nicht kümmerte. Die Folgen halten bis heute an, nicht nur in Form von Grenzen auf Landkarten, sondern auch in Form von Zuschreibungen in unseren Köpfen, und die Afrikaner kämpfen bis heute mit der Lücke zwischen den stereotypen Zuschreibungen von außen und ihrer eigenen vielfältigen Realität. Der Nullmeridian verläuft durch Greenwich, London, und bis heute nehmen wir Europäer die Welt, und vor allem Afrika, fast ausschließlich in ihrem Bezug auf Europa wahr – übrigens vor allem in ihrem defizitären Bezug auf Europa. Die grundlegende Frage ist: Wer hat eigentlich die Deutungshoheit darüber, was Mensch sein bedeutet, darüber, was Entwicklung bedeutet, was afrikanisch ist? Ich will das an drei Beispielen illustrieren: aus der Mode, aus der Entwicklungspolitik und aus der Welt der Kunst und Kultur.

Deutungshoheit, erstes Beispiel: Es gibt in Afrika einige Länder mit einer aufstrebenden Modedesign-Industrie, in Westafrika etwa im Senegal, in Ostafrika zum Beispiel in Kenia. Die dortigen Designerinnen sind auf dem internationalen Modemarkt zunehmend erfolgreich, sehen sich aber oft mit einem absurden Vorwurf konfrontiert: dass ihre Mode nämlich nicht afrikanisch genug sei. Offenbar sucht die globale Modeindustrie zwar einerseits gern nach Inspiration vom Kontinent, will aber andererseits „authentisch afrikanische“ Mode haben, konform mit westlichen Klischeebildern. Die kenianische Designerin Katalungu Mwenda fragt in einem Interview entnervt: „Meinen Sie etwa, dass meine Mode immer bunt und gemustert sein muss, nur weil ich von diesem riesigen und unglaublich diversen Kontinent komme?“

Deutungshoheit, zweites Beispiel: Ich habe in meiner Zeit als Bundespräsident eine Initiative ins Leben gerufen, die „Partnerschaft mit Afrika“ hieß. Bis heute bekomme ich Presseanfragen hierzu, die sie als „Partnerschaft für Afrika“ betiteln. Die Definition von oben und unten, die Unterscheidung zwischen Handelnden und Behandelten, beides schlummert offenbar tief in unserem europäischen Bewusstsein. Wer sich mit der Sprache des zivilisatorischen Eifers auseinandersetzt, mit dem unsere kolonialen Vorfahren ihre Unterdrückungskampagnen in Afrika rechtfertigten, der merkt schnell, dass das nicht weit entfernt ist von so manchem gutgemeinten Sprechen über Afrika heute.

Deutungshoheit, drittes Beispiel: Schätzungsweise neunzig Prozent aller afrikanischen Kunstschätze befinden sich außerhalb von Afrika, vor allem in französischen, britischen und deutschen Museen. Der überwiegende Teil dieser Kunstwerke – Schmuck, Statuen, Masken, Schwerter, Türen, Throne – wurde von den Kolonialherren geraubt oder in höchst ungleichem Tausch erworben. Mit der Plünderung seiner Kunst wurde der afrikanische Kontinent massiv in seiner kulturellen Identität geschwächt, und das setzt sich bis in die Gegenwart fort, solange die Auseinandersetzung mit diesen Objekten und ihrer Geschichte von den Europäern gesteuert wird. Und manche tun sich schwer damit, etwas von ihrer gewohnten Deutungshoheit abzugeben. Ein bekannter französischer Kunsthistoriker erklärte im Fernsehen, die Schätze seien erst dadurch zur Kunst geworden, dass die Europäer sie zur solchen erklärt und sie in ihren Museen ausgestellt hätten. Auch von so mancher deutscher Edelfeder konnte man lesen, dass man den Afrikanern lieber nichts ihrer Kunst zurückgeben sollte, denn die könnten ja sowieso nicht ordentlich damit umgehen. Der südafrikanische Satiriker Trevor Noah, der in den USA die „Daily Show“ moderiert, hat dieses europäische Argument gegen die Restitution auf bissige Weise zusammengefasst (und ich zitiere, wie er die Europäer nachahmt): „Ihr Afrikaner könnt nicht auf eure Kunst aufpassen! Wir wissen das, schließlich haben wir sie von euch gestohlen!“

Es geht mir mit diesen Beispielen nicht um Selbstgeißelung oder Schuldzuweisungen. Es geht darum, dass wir den Knick in unserer Optik erkennen, dass wir zumindest anerkennen, wie sehr wir uns daran gewöhnt haben, die Deutungshoheit zu besitzen, den Diskurs nach unserer Perspektive zu strukturieren. Es geht darum, dass die Perpetuierung kolonialer Denkweisen, so subtil sie auch sein mögen, eben auch die Probleme perpetuiert, welche durch diese Denkweisen erzeugt wurden.

Beispiel Korruption: Ja, in Afrika gibt es korrupte Präsidenten und Regierungen. Viel zu viele. Um es ganz klar zu sagen: Die Verantwortung für die Zukunft Afrikas tragen in allererster Linie die Afrikaner selbst. Doch die Klage über die endemische Korruption in Afrika, die hierzulande ein beliebtes Totschlagargument zu sein scheint, ist in der Sache sicherlich nicht falsch; ich halte sie im Tonfall jedoch auch für wenig hilfreich, bisweilen gar für verräterisch: weil sie verschweigt, dass oft nicht nur afrikanische Eliten, sondern auch Akteure von außen massiv an der Korruption beteiligt sind; weil sie oft nur eine Ausrede für die eigene strategische Rat- und Tatenlosigkeit gegenüber Afrika ist; weil die lautesten und mutigsten Proteste gegen die Korruption aus der afrikanischen Zivilgesellschaft selbst kommen und weil sie den Blick verstellt auf die vielen Fortschritte, die es in vielen Teilen des Kontinents unbestreitbar gibt. Im Ease of Doing Business Index der Weltbank, der weltweit umfangreichsten Studie zur Unternehmensregulation, liegt das bestplatzierte afrikanische Land, Mauritius, neun Plätze vor Deutschland; Ruanda liegt vor Portugal und Kenia vor Italien. Im Korruptionsindex von Transparency International ist Botswana besser platziert als Polen und Namibia besser als Italien. Das alles macht die herrschende Korruption in vielen Ländern Afrikas nicht besser, rückt aber so manches Pauschalurteil in eine andere Perspektive. Der von der Mo-Ibrahim-Stiftung erarbeitete, umfangreiche Index für gute Regierungsführung in Afrika stellt fest, dass es in den vergangenen zehn Jahren bei Demokratisierung und Rechtsstaatlichkeit klare Verbesserungen gegeben hat – wenn auch in den letzten fünf Jahren verlangsamt.

 

Einseitiger Entwicklungsbegriff

 

Müssen wir uns über die Zukunft der Demokratie aber nicht auch bei uns Sorgen machen, wenn wir den global aufkommenden Autoritarismus beobachten oder von den Möglichkeiten der Manipulation demokratischer Wahlen im Zeitalter der Digitalisierung erfahren? Vielleicht sollten wir die Diskussion um die afrikanische Demokratie mit etwas weniger Selbstgerechtigkeit führen, sondern in einen größeren Kontext stellen, was eigentlich die Voraussetzungen für Demokratie sind und wie diese zu erhalten ist, bei uns und woanders.

Könnten wir den Dialog über die Probleme Afrikas, die es ja unbestritten gibt, nicht tatsächlich mit einem neuen Bewusstsein unserer eigenen Unzulänglichkeiten führen? Es würde unsere Forderungen nach Rechtsstaatlichkeit, Korruptionsbekämpfung und Demokratie umso glaubwürdiger machen. Vielleicht liegt darin ja auch eine Chance: wegzukommen von der Vorstellung von Entwicklung als rein linearem Prozess des Aufholens, mit uns als Vorbild und den Afrikanern als Nachzüglern, Nachahmern. Können wir uns eine afrikanische Moderne vorstellen, die sich nicht an uns orientiert, sondern die etwas Eigenes ist, etwas Pluralistisches, sich in viele Richtungen Entfaltendes, ein Nebeneinander von Lokalem und Globalem, von Tradition und Innovation, kurz: eine afrikanische Moderne sui generis? Afrikas Entwicklung kann nur aus sich selbst heraus erwachsen, nicht aus unserem Sendungsbewusstsein und nicht aus unseren Belehrungen.

Und dann, weiter noch, könnte daraus vielleicht ein Entwicklungsbegriff entstehen, der nicht mehr einteilt in „Entwicklungsländer“ und „entwickelte Länder“, sondern der deutlich macht, dass wir im 21. Jahrhundert überall Entwicklung brauchen, im Norden wie im Süden, im Osten wie im Westen; eine große Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft, die der unentrinnbaren Interdependenz auf diesem Planeten Rechnung trägt – ich nenne nur die Stichworte Ressourcenknappheit, Klimawandel, Terrorismus, Pandemien. Aus einem solchen neuen Entwicklungsbegriff entstünde dann auch ein neuer Blick auf das Verhältnis Europas zu Afrika, das trotz aller bestehenden Asymmetrien Augenhöhe ermöglichte, ohne Mitleid und Angst, nur mit Neugier und ein wenig Demut, weil wir uns als gemeinsam Lernende begriffen.

 

Kontinent der Jugend

 

Mit dieser Haltung könnten wir die Afrikaner endlich ihre eigenen Geschichten erzählen lassen. Ich lasse sie mir am liebsten von jungen Afrikanern erzählen. Denn wenn es ein Pauschalurteil gibt, das über den gigantisch diversen afrikanischen Kontinent zulässig ist, dann jenes, dass dies ein Kontinent der Jugend ist. Die Bevölkerung wird sich bis ins Jahr 2050 vermutlich auf 2,5 Milliarden Menschen verdoppeln. Dann werden etwa 25 Prozent der Weltbevölkerung Afrikaner sein, nur etwa fünf Prozent Europäer; dann wird einer alternden europäischen Gesellschaft die größte Jugendbevölkerung in der Geschichte der Menschheit gegenüberstehen – schon heute ist die Hälfte aller Afrikaner jünger als achtzehn Jahre. Hier wächst eine Macht heran, mit der zu rechnen ist – im Guten wie im Schlechten. Ich sage bewusst „Macht“ – weil ich glaube, dass genau das die richtige politisch-strategische Einordnung ist, mit der wir auf diese globale Herausforderung blicken sollten; genauso, wie wir auch den Aufstieg Chinas oder die Digitalisierung als neue Machtfaktoren in der Weltpolitik begreifen.

Zuhören sollten wir ihnen also, diesen jungen Menschen. Das gilt übrigens vor allem auch für die afrikanischen Führer selbst: Nirgendwo ist der Abstand zwischen dem Durchschnittsalter der Bevölkerung und dem Durchschnittsalter der politischen Führung so groß wie in Afrika. Deshalb ist die Frage der Jugendpartizipation in Afrika eine der wichtigsten Fragen für die afrikanische Demokratie überhaupt. Die Kernfrage, die über Afrikas Zukunft, aber auch über unsere eigene entscheiden wird: Schaffen wir es, die große Wagnisbereitschaft, Kreativität und Hartnäckigkeit der afrikanischen Jugend zur transformativen Kraft auf ihrem Kontinent werden zu lassen?

Wann immer ich die Gelegenheit habe, treffe ich mich mit Gruppen junger Afrikaner und frage nach ihren Versuchen, sich eine Existenz aufzubauen und anderen mit ihren Ideen zu helfen, nach ihrem mutigen Einsatz für demokratische Machtwechsel. Immer wieder beeindruckt mich die unglaubliche Energie und Kreativität dieser Generation. Da ist ein Einfallsreichtum, ein Wissensdurst, wie man ihn im gesättigten Deutschland nur noch selten antrifft. Und die Spannung zwischen eigenen Ambitionen und den vielen großen und kleinen Problemen im täglichen Leben gebiert einen Unternehmergeist, ein immer wieder aufs Neue Sich-zurechtfinden, Problemlösen, das durchaus afrikanisch genannt werden darf.

Wo echter Bedarf und Kreativität aufeinandertreffen, entsteht Innovation. Das ist an vielen Ecken des Kontinents zu spüren. Nirgendwo auf der Welt verändert die Digitalisierung den Alltag schneller. Die Elfenbeinküste hat eine bessere 4G-Netzabdeckung als Deutschland. In Ruanda werden Blutkonserven mit Drohnen verschickt. Kenia ist weltweit einer der Vorreiter beim bargeldlosen Bezahlen. Wenn wir über die Zukunft der Weltwirtschaft nachdenken, dann sollten wir vielleicht öfter nach Afrika blicken.

 

Geburtswehen eines neuen Zeitalters

 

Wer genau hinhört und hinschaut, wird Zeuge einer Transformation von historischem Ausmaß. Das heutige Afrika ist ein Kontinent der rastlosen Bewegung, der permanenten Veränderung. Es ist deshalb eine Transformation voller Ambivalenzen. Nicht alles erschließt sich sofort, denn Afrika verändert sich viel schneller als unser Bild von ihm. Klar ist nur: Dieser Weltteil wird die Geschichte des 21. Jahrhunderts prägen. Und dieser Prägungsprozess hat längst begonnen, auch wenn wir erst allmählich begreifen, was das auch für uns bedeutet.

Vielleicht war die Flüchtlingskrise der Moment, in dem die Welt zurückstarrte auf ein Europa, welches daran gewöhnt war, dass die Richtung unserer Beziehungen zur Welt immer von Norden nach Süden verlief. Vielleicht erkennen wir derzeit erschrocken und verunsichert, dass uns von der gemeinsamen, fragilen Menschlichkeit mit unserem Nachbarkontinent nicht mehr trennt als ein paar Kilometer Meerenge. Wenn das so ist, dann könnten wir im Einüben eines neuen, wechselseitigen Blicks zwischen Afrika und Europa auch lernen, was wir offenbar dringend lernen müssen: nämlich uns in einer Welt zurechtzufinden, in der unsere Perspektive, die europäisch westliche Perspektive, nicht mehr die einzige maßgebende in dieser Welt ist. Eine Welt, in der unsere Kreativität nicht mehr die allein treibende ist. Ich glaube, dass die gegenwärtigen Umbrüche die Geburtswehen eines neuen Zeitalters sind, in dem die von uns strukturierte Welt an Bedeutung verliert, in der jedoch gleichwohl unser Wohlstand zum global gültigen Maßstab geworden ist, an dem sich die Ambitionen einer gigantischen Jugendbevölkerung orientieren – ein Wohlstand, der mit einem solchen Ressourcenverbrauch einhergeht, dass er angesichts der Grenzen unseres Planeten physisch nicht universalisierbar ist.

 

Gemeinsame Erzählung der Zukunft

 

Den geopolitischen, kulturellen und wirtschaftlichen Transformationsprozess, den dieser Widerspruch zwangsläufig auslöst, kann man betrauern, man kann ihn verleugnen, auf ihn angstvoll reagieren, aber aufhalten kann man ihn nicht. Die Alternative ist nicht, sich dieser neuen Welt einfach zu ergeben, sie ist nicht Passivität und nicht Selbstverleugnung. Die Alternative ist, wieder neu Lust zu bekommen, die Welt zu gestalten, zu strukturieren, und zwar so, dass es eine Vielzahl von Perspektiven zulässt. Eine Welt, in der alle Menschen ein Leben in Würde leben können, ohne den Planeten dabei zu zerstören. Diese Alternative wurde 2015 mit der Agenda 2030 für Nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen formuliert. Wir sollten diese Agenda ernst nehmen und sie – mutig – als Hoffnungsgeschichte erzählen in diesen mutlosen Zeiten. Vielleicht können wir dadurch auch ein neues Kapitel in der Geschichte des Europäisch-Seins aufschlagen – eines, das nicht auf Überlegenheit, sondern auf Empathie und Neugier basiert.

Könnte es sein, dass wir im Westen den Glauben an eine bessere Zukunft verloren haben? Fehlt uns vielleicht tatsächlich mittlerweile die Phantasie, die Utopiefähigkeit, uns in ein besseres Morgen hineinzudenken, und zwar ein Morgen, in dem es allen Menschen auf der Erde gut geht? Wenn das so ist, dann könnten wir tatsächlich etwas von Afrika lernen. Nicht, weil Afrika uns leidtut, nicht, weil wir Angst vor Afrika haben, sondern weil wir, die alternden Gesellschaften des Nordens, dringend diesen jungen Partner im Süden brauchen. Wenn Afrika und Europa es schaffen, eine gemeinsame Erzählung der Zukunft zu schreiben, dann habe ich keinen Zweifel daran: Das Beste liegt noch vor uns.

 

Horst Köhler, geboren 1943 in Skierbieszów (Polen), 2004 bis 2010 Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, 2017 bis 2019 Sondergesandter des Generalsekretärs der Vereinten Nationen für die Westsahara, Honorarprofessor an der Universität Tübingen.

Der Beitrag basiert auf einer Rede gleichen Titels, gehalten auf der Konferenz „Africa and Europe Moving Forward“, Leuphana Universität Lüneburg, 24. Januar 2019.