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Wenn Hochglanz-Social-Media und Hardcore-Ideologie verschmelzen

Was haben die Uni-Stürmer und Influencer gemein? Die Abwesenheit von Empathie und die Simulation von Anteilnahme.

Tage bevor das "All-Eyes-on-Rafah"-Sharepic durch die Social-Media-Streams metastasierte, besetzten israelfeindliche Studentinnen und Studenten das Institut für Sozialwissenschaften der Berliner Humboldt-Uni, das seitdem ein Renovierungsfall ist. Die Okkupation war ein Akt der Selbstbezogenheit. Nichts war dem Mob so egal wie das Leid im Nahen Osten. Die vergewaltigten israelischen Mädchen und Frauen, die grausam gefolterten Familien, die rund 1200 von Hamas-Terroristen Ermordeten waren allen Beteiligten völlig egal. Und nicht nur die spielten keine Rolle. Das reale Leid der palästinensischen Opfer tauchte ebenfalls nicht auf. Die Szene war eine Demonstration des politischen Extremismus. Es war das Werk von Ideologen, die noch jedes grausame Ereignis der Welt zu nutzen wissen, um ihr eigentliches Anliegen zu verfolgen: die liberalen Demokratien zu beschädigen und autoritäre Verhältnisse zu schaffen. Genau dafür haben sie als nützlichen Idioten auch den Dank des iranischen Revolutionsführers Chamenei bekommen.

Auf den ersten Blick verbindet die Uni-Stürmer nichts mit der Instagram-Welt, die aus Katzencontent, Shoppingerlebnissen, leidlich lustigen Kurzvideos und viel nackter Haut besteht. Doch Hochglanz-Social-Media und Hardcore-Ideologie kommen dieser Tage zusammen. Die Ideologen streamen dort ihre Kundgebungen und erreichen so auch die Sphäre der Influencer. Und in der wurde das Rafah-Sharepic millionenfach geklickt. Promis aller Kategorien teilten das Werk, dessen Urheber auch eine Karte des Nahen Ostens ohne Israel verbreitete. Die Mitte zähmt gerade nicht mehr den radikalen Rand, der radikale Rand frisst sich in die Mitte rein.

„Die Mitte zähmt gerade nicht mehr den radikalen Rand, der radikale Rand frisst sich in die Mitte rein.“

Jan-Philipp Hein

Doch es ist nicht nur Instagram, das beide Milieus miteinander verbindet, sondern auch die Abwesenheit von Empathie. Wenn Leute, die sich seit zweieinhalb Jahren auf ihrem Social-Media-Account kein einziges Mal für Charkiw, Odesa oder Mariupol interessiert haben, nun "Alle Augen auf Rafah!" fordern, ist es bestenfalls eine Art Instant-Empathie. Und so wie Instant-Suppen eine Simulation von Kochen sind, ist dieses Sharepic die Simulation von Anteilnahme.

Und natürlich sagt es etwas aus, dass nach zweieinhalb Jahren, in denen die Russen eine Totalinvasion der Ukraine versuchen, das Rafah-Sharepic zum Bestklicker wird. Die Opfer sind egal. Es geht darum, Juden als Täter ausmachen zu können. Oder kann sich jemand an ein ähnlich häufig geteiltes Motiv erinnern, als Putins Luftwaffe und Assads Armee unzählige Syrer mit gezielten Schlägen auf Wohnviertel massenmordeten?

Jews are News. Das weiß man mittlerweile. Israel ist der Jude unter den Staaten. Auch das weiß man mittlerweile.

Antisemitismus erkennt man auch daran, dass unterschiedliche Maßstäbe angelegt werden. So kommt niemand auf die Idee, sich mal die Frage zu stellen, ob sich die deutsche Demokratie in einer vergleichbar bedrohlichen Lage wie der Israels anders verhalten würde. Wir sind von ausnahmslos friedlichen Staaten umzingelt, die meisten davon gehören auch noch denselben Bündnissen wie wir an. Wir wissen nicht, was es bedeutet, ein kleines Land in einer Region zu sein, in der zahlreiche Gruppierungen entschlossen sind, uns zu vernichten und die sich allesamt auf großzügige finanzielle, logistische und ideologische Unterstützung einer regionalen Mittelmacht verlassen können, deren Staatsdoktrin unsere Beseitigung ist. Unsere Armee musste unser Land noch nie gegen eine existenzielle Bedrohung verteidigen. Für die israelische Armee ist es das tägliche Geschäft. Und dabei muss sie mit einem Feind umgehen, der sich keine Sekunde um die internationalen Regeln zur Kriegsführung schert.

Man könnte das alles mal in Erwägung ziehen, bevor man auf "share" klickt.

Das wäre Empathie.

Jan-Philipp Hein, Journalist und Kolumnist, lebt und arbeitet in Berlin. Mitbegründer und Herausgeber der Salonkolumnisten.

 

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