Seit fast fünf Jahrzehnten prägt die Islamische Republik jeden Aspekt des Lebens im Iran – die Politik, die Kultur, den öffentlichen Raum und die privaten Hoffnungen der Menschen. Nur wenige Schriftsteller haben die Zeitläufte mit so viel Klarheit und Beharrlichkeit beobachtet wie Amir Hassan Cheheltan, einer der bedeutendsten zeitgenössischen Autoren des Landes.
Er lebt in Teheran, kann seine Werke dort jedoch nicht veröffentlichen – eine Position, die ihn zugleich innerhalb und außerhalb des Systems verortet: als Zeuge und Kritiker, als Beteiligter und Chronist einer Gesellschaft im permanenten Spannungszustand.
Während der Iran heute eine der turbulentesten Phasen seiner jüngeren Geschichte durchlebt. Geprägt von landesweiten Protesten, wirtschaftlicher Not und einer tiefen Legitimationskrise – bietet Amir Hassan Cheheltan eine seltene Verbindung aus literarischer Sensibilität und politischem Realismus. Seine Reflexionen über die 47 Jahre der Islamischen Republik beleuchten nicht nur die Wurzeln der aktuellen Unruhen, sondern auch die Möglichkeiten und Grenzen eines Wandels.
Im Interview spricht Cheheltan über die Entwicklung der iranischen Gesellschaft, die Bedeutung der jüngsten Protestbewegung, die am 28. Dezember 2025 begann, und er skizziert die ungewisse politische Zukunft seines Landes, das zwischen Reform, Repression und der Sehnsucht nach einem besseren Morgen steht.
Sie haben die Islamische Republik von Beginn an miterlebt. Wenn Sie auf diese 47 Jahre zurückblicken, was sind für Sie die prägendsten Veränderungen in der iranischen Gesellschaft?
Amir Hassan Cheheltan: In dieser Zeit hat die islamische Regierung die iranische Gesellschaft säkularisiert. Die iranische Gesellschaft ist heute sehr viel säkularer als je zuvor, sehr viel mehr als es sich ein westlicher Beobachter vorstellen kann. Und die Frauen haben ein neues Verständnis ihrer Bürgerrechte entwickelt – eines, das sehr anders und sehr viel tiefgreifender ist als vor einem halben Jahrhundert.
Wie hat Ihre persönliche Erfahrung Ihre Sicht auf die politische und gesellschaftliche Entwicklung des Iran geprägt?
Amir Hassan Cheheltan: Das Erleben von Diskriminierung und Ungerechtigkeit unter einem ideologischen Regime, der Einsatz massiver Gewalt zur Ausweitung der Macht des Staates und die strenge Zensur, die die freie Meinungsäußerung unmöglich macht – all das bringt mich dazu, auf diese Zustände zu reagieren.
Viele Beobachter argumentieren, dass die heutigen Krisen in Entscheidungen wurzeln, die in den ersten Jahren nach 1979 getroffen wurden. Welche Weichenstellungen halten Sie für die Hauptursachen der aktuellen politischen und sozialen Spannungen?
Amir Hassan Cheheltan: Die Wurzeln der Krise liegen in der Verschmelzung von Religion und Staat und in der Idee einer individualisierten und nicht rechenschaftspflichtigen Staatsführung, wie sie in der iranischen Verfassung verankert ist. Die Herrschenden haben die Krise zudem durch ihre willkürliche Auslegung dieser Verfassung ausgeweitet.
Der Iran hat mehrere Wellen von Hoffnungen auf Reformen erlebt: in den 1990ern, den frühen 2000ern und in den späten 2010ern. Welche dieser verpassten Reformchancen halten Sie für die folgenreichste?
Amir Hassan Cheheltan: Echte Reformen gab es nur während Khatamis Präsidentschaft. Sie zeigten sich zivilgesellschaftlich in einer etwas freieren Presse, und die Buchzensur wurde gelockert. In jenen Jahren wurde dank seiner Bemühungen das Geheimdienstministerium, das Oppositionelle, Kritiker und Intellektuelle ermordet hatte, erstmals enttarnt und in der Öffentlichkeit bekannt.
Wann wurde die Kluft zwischen Staat und Gesellschaft so groß, dass Vertrauen nicht mehr durch schrittweise Veränderungen wiederhergestellt werden konnte?
Amir Hassan Cheheltan: Die Präsidentschaftswahl von 2009 war ein Wendepunkt in Sachen Vertrauensverlust, vor allem in der Mittelschicht. Die Menschen hatten das Gefühl, ihre Stimmen seien gestohlen worden. Ausdruck fand das in dem Slogan „Wo ist meine Stimme?“. Viele trauten der Wahl nicht mehr, das Misstrauen gegenüber dem Regime erreichte eine neue Dimension.
Die jüngsten Proteste gelten als die weitreichendsten seit Jahrzehnten. Was unterscheidet sie von früheren Bewegungen wie denen von 1999, 2009 oder die Frau-Leben-Freiheit-Proteste im Jahre 2022?
Amir Hassan Cheheltan: Diesmal war der Basar der Ausgangspunkt der Proteste, sie waren wirtschaftlich begründet. Die Proteste breiteten sich schnell auf die meisten Städte des Iran aus und erfassten alle städtischen Schichten. Die nicht verheilten Wunden der niedergeschlagenen Bewegungen von 1999, 2009 und 2022 hatten eine solche Wut erzeugt, die die Regierung nur durch Massenmorde eindämmen konnte. Diese Massenmorde, die im Wesentlichen an nur zwei Tage erfolgten, sind beispiellos in der Geschichte iranischer, ja sogar weltweiter Protestbewegungen. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass dieses Ereignis die iranische Geschichte in zwei Teile geteilt hat: in die Zeit davor und die Zeit danach. Letztere hat gerade erst begonnen.
Sie haben über die Angst der Bevölkerung vor Chaos oder Krieg gesprochen. Eine Angst, die der Staat oft ausnutzt. Wie beeinflusst diese Angst die Dynamik und Grenzen der heutigen Protestbewegungen?
Amir Hassan Cheheltan: Die Menschen im Iran sind wütend, verzweifelt und hoffnungslos. Sie würden sogar beim Teufel Zuflucht suchen, um der gegenwärtigen Lage zu entkommen. Ein wütender Mensch fürchtet nichts und schert sich nicht um die Folgen seines Handelns. Das ist äußerst gefährlich. In einem iranischen Sprichwort ist die Wut gleichbedeutend mit Wahnsinn. Ein wütender Mensch hat keine Geduld für Moralpredigten. Er wird vom Instinkt beherrscht.
Die junge Generation ist in einer Zeit ständiger Krisen aufgewachsen. Welche Auswirkungen hat das auf ihre politische Vorstellungskraft und auf ihre Bereitschaft, das System infrage zu stellen?
Amir Hassan Cheheltan: Sie will leben. Sie will ein normales, angstfreies Leben in Würde. Etwas, das ihr bisher verwehrt wurde. Das iranische Regime respektiert die Privatsphäre nicht, es mischt sich in das Privatleben der Bürger ein. Diese Generation kämpft für das Leben, und sie wird nicht ruhen, bevor sie es erreicht hat. Sie weiß, dass der Iran ein reiches Land ist, ausgestattet mit großen Ressourcen. Und sie kann deshalb Armut und Korruption nicht hinnehmen.
Halten Sie es für möglich, dass diese Proteste auf lange Sicht gesehen politische Veränderungen anstoßen?
Amir Hassan Cheheltan: Machen Sie sich keine Illusionen: Das Land steckt in einer Sackgasse, und echte Reformen sind nicht mehr möglich. Der Iran hat keine Wahl. Er muss sich verändern: Es geht um echte, um grundlegende Veränderungen. Manche glauben sogar, dass diese Veränderung um jeden Preis und durch jeden einzelnen herbeigeführt werden müsse.
Sie haben argumentiert, dass Reformen, so schwer sie auch sein mögen, der einzig realistische Weg seien. Wie könnten sinnvolle Reformen innerhalb der bestehenden politischen Struktur aussehen?
Amir Hassan Cheheltan: Um eine Revolution zu vermeiden, deren Ausgang oft ungewiss ist, halte ich Reformen für das verlässlichste und am wenigste kostspielige Mittel für eine Gesellschaft. Doch derzeit hat die Regierung alle Möglichkeiten für Reformen blockiert. Die Herrschenden profitieren davon und haben das Land so an den Rand des Zusammenbruchs geführt.
Gibt es überhaupt noch ein politisches Zentrum innerhalb des Systems, das Reformen anstoßen könnte?
Amir Hassan Cheheltan: In den vergangenen zwanzig Jahren gab es im Machtzentrum des Iran keinerlei Anzeichen von Rationalität.
Wie beeinflussen äußere Konflikte, etwa mit Israel oder den USA, die Stabilität des Regimes und seine Bereitschaft zur Veränderung?
Amir Hassan Cheheltan: Ich glaube, dass die internationale Gemeinschaft einen umfassenden Krieg im Nahen Osten nicht hinnehmen würde. Ein solcher Krieg könnte die gesamte Region erfassen. Das weiß auch die iranische Regierung. Gleichzeitig pflegt ein bedeutender Teil des Regimes eine apokalyptische Denkweise, die einen solchen Krieg mitsamt seinen zerstörerischen Folgen geradezu begrüßt. Für diese Menschen spielt es keine Rolle, welche Gefahren eine solche Entscheidung für den Iran hätte.
Wenn Sie an die politische Zukunft des Iran denken, welches Szenario erscheint Ihnen am plausibelsten: eine schrittweise Öffnung, ein noch mehr um sich greifender Autoritarismus oder ein unkontrollierter Zusammenbruch?
Amir Hassan Cheheltan: Ein Zusammenbruch und das daraus entstehende Chaos sind mein Albtraum. Eine noch stärkere Totalitarisierung befürchte ich nicht. Modelle wie Nordkorea werden von der iranischen Gesellschaft abgelehnt. Allerdings habe ich auch keine Hoffnung auf eine schrittweise Öffnung mehr. Ich fürchte, dass die Gesellschaft jede Zuversicht verliert, wenn die Situation anhält. Eine hoffnungslose Gesellschaft verfällt leicht in Nihilismus.
Sie leben in Teheran, obwohl Sie dort nicht veröffentlichen dürfen. Wie beeinflusst das Ihr Verständnis der politischen Realität im Iran?
Amir Hassan Cheheltan: Durch die politischen Umstände in Iran bin ich isoliert worden. Meine Verbindung zu meinem Publikum ist fast vollständig gekappt. Zwar laufen meine kreativen Schreibworkshops weiter, und im Internet erscheinen Nachrichten über meine Arbeit. Aber da fast alle Kulturzentren im Iran staatlich kontrolliert sind, kann ich dort nicht auftreten oder lesen. Meine Situation spiegelt symbolisch die Lage des gesamten Landes wider: eine vollständige Isolation. Es bleibt nur zu versuchen, diese Situation zu verändern.
Wie wichtig ist die Literatur und das Erzählen in einer Gesellschaft, in der politische Ausdrucksformen stark eingeschränkt sind?
Amir Hassan Cheheltan: Die Literatur hat in der jüngeren Geschichte des Iran eine wichtige Rolle gespielt. Unabhängige politische Parteien und eine freie Presse fehlten. Also war es die Literatur, die die Wünsche und Bedürfnisse der Gesellschaft widerspiegelte. Die Ausweitung des Cyberspace hat ihre Bedeutung stark gemindert. Gleichzeitig hat die Regierung durch Kontrolle des kulturellen Raums und umfangreiche finanzielle Förderung eine Art propagandistische, ideologisch geprägte Literatur geschaffen, die in den Städten sehr wirksam ist. Radio und Fernsehen, die vollständig staatlich kontrolliert sind, dienen ausschließlich der Verbreitung dieser gelenkten Literatur. Unabhängige Literatur wurde marginalisiert. Und doch leistet sie Widerstand. Die Leidenschaft für das Schreiben von Geschichten und Gedichten ist im Iran ungebrochen.
Gibt es kulturellen Widerstand, ob in der Literatur, im Film oder im Alltag, der den politischen Wandel beeinflussen kann?
Amir Hassan Cheheltan: Die unabhängige Kulturszene blüht im Iran. In der Hauptstadt, in der ich lebe, gibt es Hunderte Galerien und Theater. Meine Schreibkurse haben manchmal bis zu vierhundert Teilnehmer. Einige Filmemacher produzieren jenseits der staatlichen Kontrolle und zeigen ihre Werke auf internationalen Festivals oder online. Nicht nur Theaterleute, auch Musiker treten mitunter in Privatwohnungen auf. Das Zusammenspiel all dieser Aktivitäten hat ein Umfeld geschaffen, das teilweise im Untergrund stattfindet und sich der Kontrolle des Staates entzogen hat.
Trotz allem: Was gibt Ihnen Hoffnung für die Zukunft des Iran?
Amir Hassan Cheheltan: Der Iran ist ein ungewöhnliches Land. Nur wer die lange Geschichte dieser Region kennt, versteht das. Im Laufe seiner Geschichte hat der Iran so viele Prüfungen durchlebt, und er hat jedes Mal mit Hilfe seiner Kultur und eines starken Überlebensinstinkts wieder zu sich gefunden. Viele Iraner glauben, dass der Iran wie ein Phönix ist: Er steigt immer wieder aus der Asche auf und beginnt neu.
Die Fragen stellte Oliver Ernst schriftlich am 05. Februar 2026