Frank Karl Soens

Veranstaltungsberichte

Propst Vetter im Mahnmal St. Nikolai: „Menschen ermutigen, in diesem Land zu bleiben"

von Karolina Vöge
Auschwitz-Gedenken und Eröffnung „Im Reich der Nummern"

Durch Nieselregen und Dunkelheit kämpfen sich Lichter vom 147-Meter-Turm des Mahnmals St. Nikolai. Der einstmals höchste Kirchturm Europas hielt dem Bombenhagel stand, ist Hamburgs auffälligstes Mahnmal gegen Krieg und Schrecken: Am 27. Januar 2020,  Punkt 18.30 Uhr, scheint für Touristen, zufällig vorbeigehende Passanten und Gäste der Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz das Rauschen des Verkehrs zu verstummen. Denn vom Glockenspiel erklingen die Hymnen Israels, Polens und der früheren Sowjetunion. „Eine Verneigung gegenüber Befreiten und Befreiern", so Kirchenmusiker Werner Lamm. In der Krypta, unter dem Boden der Kirchenruine, begleitet er danach eine Hamburgerin mit Wurzeln in Israel: „Shalom" ist das erste Wort, das Miriam Sharoni ergreifend singt. Hebräisch für Frieden! Gemeinsam mit Pfarrer Jacek  Bystron von der polnischen Mission und Propst Martin Vetter von der  „anderen" St. Nikolai am Klosterstern gestalten sie eine ökumenische Andacht: „...dass du nicht vergisst, was Deine Augen gesehen haben". Dr. Vetter bringt Zitate wie „Vogelschiss der Geschichte", „Das wird man doch noch mal sagen dürfen" und das Gefühl vieler Menschen, „bald wieder auf gepackten Koffern sitzen zu müssen", in einer Forderung zusammen: „Man muss die Menschen ermutigen, in diesem Land zu bleiben". Dr. Bystron fügt später hinzu: „Denn mit Dir oh Gott überspringen wir Mauern".

Dr. Sabine Bamberger-Stemmann, als Historikerin einschlägig im Thema, steht der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg vor: „Die bösen Geister zeigen sich in neuem Gewand", zitiert sie den Bundespräsidenten Dr. Frank-Walter Steinmeier. Sie unterstreicht die gültigen Menschenrechte, die nach der Horror-Zeit von Holocaust, Diktatur und Weltkriegen aufgeschrieben wurden. Wichtig in unserer Zeit, auch wenn es nicht die Täter von damals seien, es sich aber um dasselbe Böse handle.

„Als ich ein junger Mann in Maryland, USA war", so Veranstaltungsleiter David Patrician von der Konrad-Adenauer-Stiftung, „hätte ich nie gedacht, an einem so wichtigen Tag mit Ihnen in Deutschland zu sein". Stolz, mit der Stiftung die Gedenkfeier zu unterstützen, zitiert der Journalist den früheren Bundespräsidenten Roman Herzog: „Die Erinnerung darf nicht enden... ...sie soll jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken".

Das macht zum Beispiel Dr. Astrid Ley von der Gedenkstätte Sachsenhausen: Sie stellte die Ausstellung „Im Reich der Nummern" zusammen, die am Montag in einem Gewölbe der Nikolai-Kirche eröffnet wurde. Bilder und Informationen von und über Menschen, die verhaftet, gequält und freigelassen wurden - um möglichst auszuwandern. 6.320 waren es allein in Sachsenhausen, die in das KZ gebracht wurden. Nach dem Novemberpogrom von 1938, dem sichtbaren Auftakt der millionenfachen Morde. „Ich war kein Mensch mehr", zitiert Ley einen früheren Insassen. Denn mit Nummern auf der Kleidung, kahlen Köpfen und Gewalt sollten sie gebrochen und gedemütigt werden. Ein Teilnehmer des Ersten Weltkriegs habe sich gefragt: „Ich bin ein deutscher Soldat, was wollen die von mir?" Das System von Hass gegen Juden, „andere Rassen",  Andersdenkende kam bei ihm erst spät an. Als „völlige Entindividualisierung" beschreibt es Dr. Ley. Frauen retteten ihre Männer. Familien schafften es nach Asien, Südamerika, nicht immer in die USA oder nach England. Sie wurden vorher um ihr Erspartes gebracht, schafften teilweise die Flucht nicht, da die Verfolger auch in Nachbarländer einzogen - und dort erneut gegen sie vorgingen. Die Bilder aus Sachsenhausen von Menschen in Gefangenenkleidung, Geschichten der Insassen und der Auswanderer und ihrer Ziele hat Ley erstmals in eine andere Stadt, nach Hamburg, ausgeliehen. Denn die Nachfahren der KZ-Opfer und anderer Verfolgter seien sich der Gefahren durch Populismus und Rassismus in Europa bewusst.

Zum Abschluss durchdringt noch einmal die Stimme der Hamburgerin Sharoni das Backsteingewölbe, spielt und singt Lamm - bis zu einem langen, erlösenden und begeisterten Applaus.

 

Die Kooperationsveranstaltung der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg, der Konrad-Adenauer-Stiftung Hamburg und dem Förderkreis Mahnmal St. Nikolai fand anlässlich des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar statt. Der Abend stand im Zeichen des Jugendwettbewerbs DenkT@g 2020 der Konrad-Adenauer-Stiftung, der bereits seit 2001 junge Menschen zur Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur und ihren Verbrechen sowie aktuellen Gefährdungen des Rechtsextremismus anregt. Die eröffnete Ausstellung wird von der Axel-Springer-Stiftung gefördert.

 

Info Ausstellung: „Im Reich der Nummern" läuft bis zum 30. April, täglich von 10 bis 17 Uhr in der Krypta, dem Museum unter der Erde, gleich neben dem Turm des Mahnmals St. Nikolai, Willy-Brandt-Straße 60.
Info Vorträge, Filme, Konzerte zur Ausstellung: www.mahnmal-st-nikolai.de
Info Miriam Sharoni: Die Sopranistin ist unter anderem am 14. Februar 2020, um 19.30 Uhr, mit „Dein ist mein ganzes Herz" im Kleinen Saal der Laeiszhalle zu sehen.

 

Text verfasst von: Marcus Schmidt, unter redaktioneller Mitarbeit von Jan-Hendrik Bremer
Text veröffentlicht von: Dr. Karolina Vöge

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