KAS Kroatien

Veranstaltungsberichte

KMU in Kroatien und Deutschland

von Juro Avgustinović
Die Konrad-Adenauer-Stiftung veranstalte gemeinsam mit der Zentrum zum Kulturwiederaufbau am 28. Mai 2019 in Zagreb eine Konferenz zum Thema "KMU in Kroatien und Deutschland". Unter Beteiligung des Wirtschaftsministers der Republik Kroatien, Darko Horvat und seines Kabinetts diskutierten der ständige Vertreter des deutschen Botschafters in Kroatien, Harald Seibel und Geschäftführer der AHK Kroatien, Sven Thorsten Potthoff mit Wirtschaftsexperten und kroatischen Unternehmern über die Grundlagen des Erfolgs der KMU in Deutschland, Rolle und Perspektiven der KMU in Kroatien sowie über den Vergleich der Wirtschaftspolitik beider Länder.

Das Ziel dieser Konferenz sei die kleinen und mittleren Unternehmen (Mittelstand) in Deutschland und Kroatien zu vergleichen gewesen und auf die Frage zu antworten, warum diese Unternehmen in Deutschland profitieren und in Kroatien nicht. Im Mittelpunkt stand der Vergleich der Regierungspolitik und des Geschäftsethos beider Länder.

Der Direktor des Zentrums zum Kulturwiederaufbau, Dr. Stjepo Bartulica, betonte, dass dem Mittelstand in Kroatien nicht genügend Aufmerksamkeit gewidmet werde, obwohl dieser Sektor eine bedeutende Rolle in der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes spiele. Obwohl man von Ländern wie Deutschland durch „Best Practice“ Beispiele am besten lernen könne, sei die Position von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) in Kroatien sehr schwer und sie hätten nur schwierigen Zugang zu Finanzierungsquellen und staatlichen Garantien. Oft liege der Fokus auf Großunternehmen, die als “too big to fail”- wahrgenommen werden und nicht auf KMUs, die das Wachstum generieren und die Arbeitsplätze von morgen schaffen. Neben den Investitionen sollte auch die Politik KMUs stärker unterstützen, denn so könnten Unternehmen besser kooperieren und sich gemeinsam am internationalen Markt beteiligen.

Daraufhin übernahm als Gastredner der Leiter des Wirtschaftsreferats und Ständiger Vertreter des deutschen Botschafters, Herr Harald Seibel, das Wort und lobte die hervorragenden Geschäfts- und Handelsbeziehungen, die Deutschland und Kroatien seit mehr als fünf Jahrzehnten pflegen. Dies bekräftigte er mit der Tatsache, dass die überwiegende Mehrheit der in Kroatien tätigen deutschen Unternehmen zum Gewinnermodell "Deutscher Mittelstand" gehöre. Aus der deutschen Perspektive erinnerte er, dass KMUs als das Rückgrat der Wirtschaft wahrgenommen werden, denn KMUs würden 99,5% aller Unternehmen in Deutschland ausmachen und 2017 70,4% der Erwerbsbevölkerung beschäftigen. Der Erfolg von KMUs hänge dabei von vielen Faktoren ab, wie bspw. Demografie, ältere Bevölkerung, unqualifizierte Arbeitskraft und Mangel an Jugendlichen. Nichtsdestotrotz seien die KMUs in Deutschland eine Jobgarantie. Interessant sei auch die Angabe, dass in Deutschland etwa die Hälfte der von Mittelstand getätigten Investitionen durch Eigenkapital finanziert werden. Insgesamt hätten deutsche Mittelständler einen Rekord an Eigenkapital in Höhe von 108 Milliarden Euro investiert. Nur 31% aller Investitionen seien kreditbasiert gewesen und 12% der Gesamtinvestitionen stammten aus Fördermitteln. Im Jahr 2017 hätten die internationalen Gewinne von KMUs ein Niveau von 45% (d. h. 577 Milliarden Euro) der gesamten deutschen Exporteinnahmen erreicht. Dazu seien 20% der mittelständischen Unternehmen - 780.000 deutsche Unternehmen - auf dem internationalen Markt als aktiv registriert, wobei der der F&E-Sektor (Forschung und Entwicklung) den höchsten Grad an Internationalisierung (68%) verzeichne. Diese Zahlen würden bekräftigen, wie erfolgreich und wirtschaftlich stabil die Mehrheit der deutschen KMUs sei. Am Ende seines Vortrags betonte er, dass die Organisation und das Management von KMUs Regeln hätten, die sich erheblich von denen den sog. "Big Players" unterscheiden und dazu hob er drei Thesen hervor. 1. These: Führungskräfte von KMUs seien unabhängig. Sie können selbst entscheiden mehr Kontrolle darüber haben, wie ihr Unternehmen funktionieren soll. Ihre Motivation, und Verantwortung, das Unternehmen zu führen, bestimme oft die Art und Weise, wie sie es tun. 2.  These: Diese Geschäftsführung gehe immer mit einer größeren und direkteren Verantwortung einher, aber auch mit einem höheren finanziellen und persönlichen Risiko. Die negativen Auswirkungen von Missmanagement oder falschen Finanzentscheidungen seine sofort spürbar. 3. These: Führungskräfte der KMUs würden menschliche und soziale Werte, wie z. B. ein hohes Maß an sozialer Verantwortung, was bei "Big Playern" verloren geht, vertreten und leben.

Der kroatische Wirtschaftsminister, Darko Horvat, sprach dann über die Rolle der KMU in Kroatien. Für ihn seien die Zahlen bezüglich der KMU in Deutschland und Kroatien ähnlich. Fast 99,3% aller Unternehmen in Kroatien seien Handwerks-, Kleinst- und Mittelbetriebe. Mehr als 60% der Beschäftigten würden in diesem Sektor arbeiten und 60% des Mehrwertes sei dort generiert. Allerdings gäbe es einen Unterschied, Kroatien schaffe hochwertige Arbeitskräfte für deutsche Unternehmer. Laut Horvat müssen wir uns dafür nicht schämen noch davon fürchten, denn wir sein Zeugen einer sog. legalen Wirtschaftsmigration, die immer vom Osten nach Westen verlaufe. Er erläuterte, dass viele Menschen, die ihr Berufsleben in Kroatien anfangen, irgendwann die Chance erkennen und nach einer besser bezahlten Arbeit im Ausland suchen, um wirtschaftlich einen Schritt nach vorne zu machen. Dabei gebe es einen großen Unterschied bei der Auswanderung der Kroaten von früher und von heute. Früher seine Menschen nach Deutschland wegen Zeitarbeit ausgewandert. Jetzt würden sie mit ganzen Familien auswandern und für immer im Ausland/Deutschland bleiben. Sein Anstreben sei, dass der administrative Teil der Arbeit seines Ministeriums von Rechnern erledigt werde, damit sie sich auf die Erkennung einer guten Idee fokussieren können. Durch die Digitalisierung des gesamten Systems würde man die Wahrscheinlichkeit von Korruption verringern. Leider würde man derzeit im Ministerium nicht strategisch nachdenken und sich hinterfragen, was man in zehn Jahren von Kroatien erwarte.

Anschließend fanden zwei Podiumsdiskussionen über die Perspektiven und Herausforderungen der KMU in Kroatien und den Vergleich der Wirtschaftspolitik beider Länder statt. An den Diskussionen nahmen neben Unternehmensvertretern, Finanz- und Wirtschaftsexperten u. a. auch der Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, Mario Antonić, der Geschäftsführer der AHK Kroatien, Sven Thorsten Potthoff, der Abgeordnete im kroatischen Parlament und Vorsitzende des HDZ-Wirtschaftsausschusses, Dr. Domagoj Milošević und der Wirtschaftsanalytiker, Dr. Andrej Grubišić teil. Die Teilnehmer teilten die Meinung, dass Kroatien die Wirtschaftsstruktur weiterhin verändern müsse, um Produkte mit Mehrwert zu produzieren und Bedingungen für mehr Profit im Wirtschaftsbereich zu schaffen. Sie bemerkten, dass man nur auf diese Weise die Wettbewerbsfähigkeit verbessern und bessere Löhne und Möglichkeiten für jungen Menschen versichern und damit, die Menschen im Kroatien halten könne.

Der Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, Mario Antonić betonte, dass sich mit dem EU-Beitritt Kroatiens große Chancen für die kroatische Wirtschaft ergeben hätten, aber auch große Herausforderungen und große Konkurrenz. Derzeit müsse man sich auf globale Verhältnisse konzentrieren, aber es sei entscheidend, dass die wirtschaftliche Basis gestärkt werde, dass man mehr Industrie, mehr Mittelstand habe und von da aus für den eigenen Markt, aber auch für den Export, wettbewerbsfähige Produkte schaffe. Nur so könne man international konkurrenzfähiger sein und Gewinne für die eigene Wirtschaft generieren. Dabei müsse der Staat Spielregeln schaffen sollte, damit sich der Markt gut entwickeln kann. Allerdings solle er nicht auf den Markt eingreifen, sondern dafür sorgen, die Kreativität der Unternehmer bzw. der KMU anzuregen.

Der Geschäftsführer der AHK Kroatien, Sven Thorsten Potthoff zeigte sich besorgt wegen der Tatsache, dass fast die Hälfte der in Kroatien tätigen deutschen Unternehmen Kroatien nicht erneut als Wirtschaftsstandort auswählen würde. Dies zeigten Ergebnisse der jüngsten Wirtschaftsumfrage der AHK Kroatien, die im Februar dieses Jahres von 150 Unternehmen der Kammer durchgeführt wurde. Der Anteil der reinvestierenden Unternehmen in Kroatien sei im Jahr 2018 von 68% auf 54% gesunken. Die Hauptgründe für ihre Unzufriedenheit seien die unzureichende Bekämpfung von Korruption und Kriminalität, hohe Steuerbelastung und Steuersystem, ineffiziente öffentliche Verwaltung und mangelnde Rechtssicherheit. Als große Herausforderung für die Funktionsweise der Unternehmen werde der Prozess der Digitalisierung betrachtet. Die meisten der Unternehmen seien digitalisiert und die Vorteile würden sich in der Effizienz- und Produktivitätssteigerung, besserer Planung und Steuerung, Kostensenkung sowie Datenanalyse und –nutzung widerspiegeln. Trotz allen Vor- und Nachteilen sei Kroatien mit dem 8. attraktiver für Investitionen als seine Nachbarländer und die Konkurrenz in Südosteuropa (Ungarn 9, Serbien 11, Bosnien und Herzegowina 18, Rumänien 10, Bulgarien 12). Die größten Vorteile Kroatiens seien die vorteilhaften Standorte der Unternehmen, die Mitgliedschaft in der EU, die qualifizierten Arbeitnehmer, die Produktivität der Arbeitnehmer und die Infrastruktur. Perspektiven zur Stärkung der bilateralen Wirtschaftsbeziehungen sehe er vor allem für kroatische KMUs als Abnehmer deutscher Technologien.

Daraufhin unterstrich der Abgeordnete im kroatischen Parlament und Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses der HDZ, Dr. Domagoj Milošević, dass KMUs die Grundlage der wirtschaftlichen Entwicklung Europas und Kroatiens seien. Seiner Meinung nach, müsse der kroatische Realsektor und das Unternehmertum Rückenwind, Wissen, Ratschläge und Bedingungen bekommen, um in eine starke Lokomotive der Volkswirtschaft herauszuwachsen, denn 90% der neuen Arbeitsplätze in Kroatien würden KMUs versichern. Weltweit würden die KMUs vor ähnliche Herausforderungen stehen und Probleme teilen. In fast jedem Land würden sich die KMUs mit zu viel Bürokratie, eingeschränktem Zugang zu Finanzmitteln oder übermäßigen Geschäftskosten konfrontieren. Ein außerordentliches Problem für die einheimische Wirtschaft stelle auch die geringe Wettbewerbsfähigkeit der kroatischen Produkte innerhalb der EU dar. Die Steuerbelastung wurde gesunken, aber für eine tiefgreifende Entlastung der Wirtschaft werde es erforderlich sein, die Effizienz des gesamten öffentlichen Sektors zu steigern, ihn vollständig zu digitalisieren und Klientelismus und Korruption abzuschaffen. Abschließend stellte der Wirtschaftsanalytiker Dr. Andrej Grubišić im Kontext der Demografieveränderungen und der Auswanderung vieler Kroaten ins Ausland fest, dass der senkende Anteil der aktiven Erwerbsbevölkerung besorgniserregend sei. Die kroatische Wirtschaft habe immer noch nicht das Niveau von 2007 erreicht und der Staat verschwende manchmal irrational das Steuergeld. Laut Dr. Grubišić, sei es besser, wegen des wirtschaftlichen Gleichgewichtes, mehr Geld dem Privatsektor zu überlassen. Dazu hätte man heute in Kroatien weder ökonomische Freiheit, noch ökonomische Gleichheit.

Ansprechpartner

Holger Haibach

Holger Haibach

Leiter des Auslandsbüros Kroatien

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