Veranstaltungsberichte

„The medium is the message” :: Die Zukunft der Parteien liegt im Netz

von David Brähler
Sie sind jung, sie sind ehrgeizig und haben dabei unglaublich viel Spaß. Die Rede ist von lateinamerikanischen Nachwuchspolitikern, die die Konrad-Adenauer-Stiftung für ein Netzwerkwochenende „Campus Adenauer“ in Uruguay zusammengerufen hat. Schauplatz war das beschauliche Kolonialstädtchen Colonia del Sacramento, das die Vertreter politischer Jugendorganisationen aus Bolivien („Democratas“), Argentinien („Pro“) und Uruguay („Partido Nacional“) mit ihrem Enthusiasmus aufmischten.

Dabei hält sich die Begeisterung ihrer Altersgenossen für Politik ziemlich in Grenzen. Nicht einmal ein Viertel interessiert sich für politische Themen oder hat Bezug zu einer Partei. Fernando Gril, Politikexperte aus Argentinien führte dies zu Beginn des Treffens auf den Verlust großer ideologischer Anliegen - wie den Kampf gegen die Diktatur oder gegen Ausbeutung – gegenüber der Elterngeneration zurück. Die Jugend heute glaube nicht an das Morgen, sondern an das Heute und sei an schnelle Zugänge und Resultate gewohnt. Doch wie kann die Politik eingetretene Pfade verlassen und junge Leute zum Mitmachen gewinnen?

Gril forderte, dass in den Parteien selbst ein Umdenken stattfinden muss. Oft sind die Jugendlichen schmückendes Beiwerk und Feigenblatt, haben aber keine Stimme. Um dagegen eine echte Organisation aufzubauen, die eine eigene Meinung vertritt und nach innen und außen etwas bewegen kann, braucht es Statuten, Strukturen und Mut. Mit klaren Spielregeln steigen Transparenz, Vertrauen und die Chancengleichheit für alle in der Partei. Wenn dann noch gutes Fundraising und Wahlstrategien hinzukommen, hat eine Jugendorganisation Zukunft.

Federico Morales, ebenfalls argentinischer Politikberater, nahm die Jungpolitiker mit auf eine Tour durch das politische Experiment „Cambiemos“. Diese argentinische Koalition aus den Parteien „Pro“, „Coalición Cívica ARI“ und „Unión Cívica Radical“ ist noch kein Jahr alt und regiert mit Mauricio Macri schon seit einigen Monaten Argentinien. Die Hauptfrage, die das Parteibündnis aktuell beschäftige, laute, wie die Kommunikation unter den Mitgliedern und mit den jungen Leuten, die eine starke Gruppe stellen, gelingen könne. Die Verantwortlichen bauten auf die jungen Kräfte als Motor der Veränderung in einer Gesellschaft, die politikverdrossen sei.

Junge Leute, die sich politisch engagieren wollten, so Morales, müssten sich bewusst sein, dass sie für einen Großteil der Bevölkerung komische Typen seien. Einerseits liege dies oft am fehlenden Interesse von Politikern an den Nöten der Menschen, andererseits an der oft abgehobenen Welt von Oberschichtspolitikern. Mit diesem Vorwurf sah sich auch der Milliardär Macri am Beginn seiner Wahlkampagne konfrontiert. Neben seiner natürlichen Art war es aber vor allem eine strategische Kommunikation über die beiden einflussreichsten Medien Argentiniens - Facebook und Youtube - die ihm den Sieg brachten. Datenbanken, Hashtags, Likes und Fanpages brachten eine politische Lawine ins Rollen, der sich hunderttausende online anschlossen. Diese Onlineflut wurde in die Regionen und Stadtbezirke zurückgeleitet, so dass diese Freiwillige für Macri vor Ort Klinken putzen konnten. Die steigende Begeisterung ermöglichte ein Heer von „Botschaftern“ für die Sache von Mauricio Macri, den Cambiemos klar in den Vordergrund stellte.

„Wahlkampf bedeutet, Austausch zwischen Partei und Bevölkerung anzustoßen“, so Morales. Neben der Interaktion im Web spiele deshalb jeder Einzelne, der Freunde oder Familienmitglieder einlade mitzumachen, eine große Rolle. Politik werde interessant, weil ein Kollege dazu einlade und weniger, weil ein Kandidat besonders toll sei.

Mit María del Rosario Rutilo ging es ans Eingemachte der sozialen Netzwerke. Was ist besser Facebook-Profil oder Fanpage? Wie gelingt das organische Wachstum einer Jugendbewegung in den sozialen Foren? Für die junge argentinische Social-Media-Expertin, die in der Jugend der Pro-Partei aktiv ist, sind emotionales Storytelling und ein klares Inhalt-Kontext –Verhältnis enorm wichtig. In einer Serie von gelungenen Beispielen zeigte Rutilo die Frische, Authentizität und Energie, die Facebookprofile von Jungpolitikern verströmen.

Wenn die eigene Jugendorganisation einmal läuft, gilt es sich über den eigenen Tellerrand hinaus zu vernetzen. Das Potential von Jugendnetzwerken auf dem Kontinent stellte Micaela Hierro, argentinische Demokratieforscherin in den Mittelpunkt ihrer Präsentation. Als Gründerin des „lateinamerikanischen Netzwerks von Jugendlichen für die Demokratie“ kennt sie aus erster Hand die Vorteile von flexiblen und informellen Jugendnetzwerken, aber auch die Herausforderungen der Finanzierung, Abhängigkeit von Parteispitzen oder mangelnde Fluktuation von frischen Leuten. Bei der großen Auswahl an politischen Jugendnetzwerken sollten die Parteijugenden wählerisch sein und sich denjenigen anschließen, von denen sie sich die besten Synergien versprächen.

Das „bigger picture“ im Verhältnis junge Generation und Politik lieferte am Nachmittag des Netzwerktreffens Ignacio Zusnabar, uruguayischer Soziologe und Meinungsforscher. Unter lateinamerikanischen Jugendlichen dominiere zwar mit etwa 70 Prozent in den aktuellen Statistiken des Latinobarometer „wenig“ bis „kein“ Interesse an politischen Themen, aber in diesem Desinteresse unterschieden sich die Jugendlichen leider kaum von den Erwachsenen. Im Gegenteil, unter Jugendlichen zeichne sich sogar ein leicht steigendes Interesse an politischen Fragen ab. Positiv sei auch, dass 61 Prozent der Jugendlichen die Demokratie zudem für die beste Regierungsform hielten. Darüber hinaus unterscheide sich die Sozialisierung der heutigen Generation von der ihrer Eltern und Großeltern durch mehr Meinungsfreiheit und Möglichkeiten der Kommunikation. Zuasnabar unterstrich, dass Jugendliche mehr und direkter in der Politik mitmachen wollen. Darauf müssen sich die Ausdrucks- und Beteiligungsformen der Parteien einstellen.

Videointerview: Der Soziologe Ignacio Zuasnabar zum Thema "Jugendliche und Politik". Untertitel über CC abrufbar

Den Sprung von der Theorie in die Praxis demonstrierten Kommunalpolitiker der Partido Nacional in der Bezirk Colonia del Sacramento bei einer Diskussion im Lokalparlament am späten Nachmittag. Anspruch und Wirklichkeit klafften ziemlich auseinander, so die Lokalpolitiker im Rückblick auf die Zeit vor und nach ihrer Wahl. Einmal im Amt müsse man sich mit den Gegebenheiten arrangieren ohne seine Ziele aufzugeben. Einigen von ihnen sei erst am Tag nach der Wahl so richtig die Schwierigkeit bewusst geworden, einen ganzen Bezirk mit 10 Städten zu leiten. Für junge Politiker werde dann klar, dass Politik im Kern kein Geschäft, sondern ein Dienst an den Menschen sei.

David Brähler