Veranstaltungsberichte

INTERNATIONALES SEMINAR - POLITISCHE KAMPAGNEN IN DEN SOZIALEN MEDIEN

Um das Wachstum der sozialen Netzwerke in Venezuela zu verstehen, muss man zunächst die Auffassung des Regimes von Kommunikation kennen.

In Venezuela herrscht ein autokratisches System, das in die verschiedenen Bereiche der Gesellschaft eingedrungen ist, auch in den Bereich der Kommunikation. Diese totalitären Systeme sind dafür bekannt, dass sie die freie Presse durch verschiedene formelle und informelle Kanäle unterdrücken, die im Laufe der Jahre die Möglichkeit der Kritik und das Recht auf Pressefreiheit beschnitten haben. Innerhalb der formalen Kanäle hat die Revolutionsregierung von ihrer Macht Gebrauch gemacht, um Medien zu schließen, deren redaktionelle Linie von den Interessen der Regierung abweicht, und zwar unter der rechtlichen Prämisse der Einstellung von Konzessionen. Und die informellen Medien werden durch den Kauf von Medienunternehmen oder durch die Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Papier oder Devisen in die Lage versetzt, zu arbeiten. Dies hat zu einem hegemonialen System des Staates in der Kommunikation geführt, wie Bautista Alemán in seinem Buch "A callar donde llegó la revolución" (Still sein, wo die Revolution angekommen ist) erklärt. Die bolivarische Regierung hat das Mediensystem in Venezuela so verändert, dass es zu einem Propagandaarm der Regierung wird. Aus diesem Grund sind die sozialen Netzwerke zum wichtigsten Informationsfenster für die Bürgerinnen und Bürger sowie zur Agora oder zum öffentlichen Platz geworden, auf dem sich regierungskritische Stimmen Gehör verschaffen können.

Soziale Netzwerke in Venezuela begannen 2007 mit YouTube, gefolgt von Facebook im Jahr 2008 und Twitter im Jahr 2009. Facebook und Twitter wuchsen in diesen Jahren um mehr als 1000 %, so dass Venezuela mit 350.000 Mikroblogging-Nutzern zu den drei führenden Ländern gehört. Nach Angaben der Agentur Tendencias Digitales gab es damals rund 8,8 Millionen Internetnutzer unter den damals 28 Millionen Einwohnern des Landes. Mit anderen Worten: Auf 100 Einwohner kamen 31 Internetnutzer. Venezolanische Nutzer sozialer Netzwerke neigen dazu, viel über Politik zu sprechen. Tatsächlich ist dies das Thema, über das am meisten gesprochen wird, insbesondere auf Twitter. Nach den jüngsten Studien des Pew Research Center ist Venezuela das Land in Lateinamerika, in dem die Menschen soziale Netzwerke am meisten nutzen (88 %).

Aber es gibt noch viel zu tun, was die digitale Kompetenz in Venezuela angeht. Studien von We are social zufolge hat nur die Hälfte der Bevölkerung Zugang zum Internet, aber die Verbreitung von Mobiltelefonen liegt bei über 90 %. Von den mehr als 11 Millionen Menschen, die ein soziales Netzwerk nutzen, sind mehr als 7 Millionen über ihr Telefon mit ihren sozialen Netzwerken verbunden, wobei Facebook in Venezuela am weitesten verbreitet ist. Eine weitere Schuld ist die sehr geringe Qualität der Breitbandverbindungen.

Angesichts der Selbstzensur der traditionellen Medien sind viele alternative Medien entstanden, d. h. Informationsmedien, die über Webseiten verfügen und in den Netzen präsent sind, so dass ein Teil der Bevölkerung über diese alternativen Medien informiert wird.

Wir von Primero Justicia haben uns aktiv an den sozialen Netzwerken beteiligt, weil wir verstanden haben, dass Politik heutzutage nicht nur auf der Straße, sondern auch in den Netzwerken gemacht wird. Henrique Capriles, der Präsidentschaftskandidat war, ist der einflussreichste Politiker Lateinamerikas auf Twitter. Ebenso nutzt die Partei die Netzwerke und ist auf diesen präsent: Facebook, Twitter, Instagram, Periscope und hat neben der Website auch einen eigenen YouTube-Kanal. Es wurden große Anstrengungen unternommen, damit jede Region ihr eigenes Netzwerk hat, das mit der Partei verbunden ist, damit sie ihre Arbeit mit einer internationalen politischen Ausrichtung zeigen kann. Bei politischen Kampagnen werden heutzutage die größten Anstrengungen in Videos gesteckt, um den Wandel, den wir uns für das Land wünschen, zu kommunizieren, wobei die Fähigkeit genutzt wird, sich zu verbreiten und die größte Anzahl von Menschen über soziale Netzwerke zu erreichen.

Bei diesem Treffen konnte ich mehr über die Beteiligung lateinamerikanischer Jugendlicher an sozialen Netzwerken erfahren. Die Möglichkeit, Experten für die Schaffung einer Landes-/Stadtmarke für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung zuzuhören und Beispiele für den Erfolg dieses kreativen Prozesses kennenzulernen, wie im Fall von Brasilien, Kolumbien und Honduras, ist sehr wertvoll, wenn wir zum Beispiel in Venezuela derzeit von der Opposition aus eine andere Vorstellung von dem verkaufen müssen, was wir für das Land wollen als die bolivarische Revolution. Auch die Nutzung sozialer Netzwerke während der Proteste in Brasilien im Vergleich zu dem Prozess, den wir in Venezuela erlebt haben, ist interessant. Diese Treffen sind sehr bereichernd, weil sie uns die Möglichkeit geben, Ideen und Erfahrungen auszutauschen, die uns helfen können, unsere Arbeit in den Netzwerken zu verbessern.

Überlegungen von Vanessa Sánchez, Venezuela