Veranstaltungsberichte

Umwelt, das Stiefkind der Medien?

von Ute Gierczynski-Bocandé

Médias et environnement. Le rôle des journalistes.

Die KAS empfing vor Beginn der internationalen Messe für erneuerbare Energien in Dakar mehr als 60 Jorunalisten aller Medien. Das Thema "Umwelt, erneuerbare Energien und nachhaltige Entwicklung" wurde unter ungewohnten Aspekten behandelt, die lebhafte Diskussionen und das Engagement der Journalisten provozierten, in Zukunft mehr zu Umweltthemen zu forschen und zu veröffentlichen.

Umwelt – das Stiefkind der Me-dien?

Die KAS Dakar empfing vor Beginn der internationalen Messe für erneuerbare Energien in Dakar mehr als 60 Journalisten aller Medien. Das Thema „Umwelt, erneuerbare Energien und nachhaltige Entwicklung“ wurde unter ungewohnten Aspekten behandelt, die lebhafte Diskussionen und das Engagement der Journalisten provozierten, in Zukunft mehr zu Umwelt-themen zu forschen und zu veröffentli-chen.

Das Medienprogramm der KAS Dakar hat sich in den letzten Jahren besonders auf Umweltthemen fokalisiert. Die Presse spielt bei Bewusstwerdungs- und Sensibilisie-rungsprozessen der Bevölkerung eine entscheidende Rolle, aber ist dies in Senegal auch der Fall? Dieser Frage wurde ausführlich nachgegangen, anhand dreier Inputre-ferate, die für viele völlig neue Perspektiven eröffneten.

Professor Adams Tidjani vom Umweltinstitut der Universität Dakar und Herausgeber der Umweltzeitschrift „VIE“ erläuterte anhand zahlreicher Beispiele die Korrelation zwischen Umwelt und nachhaltiger Entwicklung. Er wies darauf hin, dass die mangelnde Abstimmung der verschiedenen Ministe-rien dazu führt, dass viele Probleme nur halbherzig oder völlig ineffizient angegan-gen werden, wie beispielsweise das Abfallmanagement. Hier sind das Umweltministerium jene für Erziehung, Tourismus, Energie, Transport, Arbeit, Gesundheit und Kommunikation betroffen, aber jedes arbeitet, als gäbe es die anderen nicht, was zu einer unkohärenten Behandlung des immer mehr Überhand nehmenden Problems führt. Ein anderes Beispiel ist die Verwendung von Holzkohle zum Kochen. Die letzten Wälder des Landes werden abgeholzt, um in Dakar in unsachgemäßen Brennöfen zur Essensvorbereitung verfeuert zu werden. Auch hier liegt eine Ursache in der mangelnden oder fehlenden Kommunikation zwischen den Fachministerien: Forstverwaltung, Transport, Energie und Umweltressorts lassen es an Wachsamkeit und Koordination mangeln, was dazu führt, dass regelrecht mafiöse Strukturen die letzten Waldreserven zerstören.

Das Verbot von herkömmlichen Glühbirnen und die alleinige Einfuhr von Energiespar-birnen ist ebenfalls der Beweis für eine nicht koordinierte Aktion der Fachbereiche. Wie kann die Bevölkerung gezwungen werden, Energiesparlampen zu kaufen, wenn es kei-nerlei Struktur zur Entsorgung gibt. Das in ihnen enthaltende Quecksilber ist höchste gesundheitsschädlich und in einer Hauptstadt wie Dakar, die mit 3 Millionen Einwohnern massenweise Energiesparlampen in den Müll gibt, sind die gesundheitlichen Konsequenzen für die Bevölkerung abseh-bar. Hier haben ebenfalls wieder mehrere Ressorts ihre Aufgaben nur halb oder unbedacht ausgeübt: Handels-, Energie-, Gesundheits- und Umweltministerium. Die drei Beispiele seien gut geeignet um zu illustrieren, wie eine ungenügende Koordination auf staatlicher Ebene die nachhaltige Entwick-lung geradezu verhindert.

Hingegen könne die „grüne Wirtschaft“ zahlreiche Arbeitsplätze schaffen und so ihrerseits die nachhaltige Entwicklung beschleu-nigen. Hierzu müssen jedoch die Grundla-gen geschaffen werden, wie die Erzeugung von Solarzellen und –Batterien vor Ort. Allein die Produktion, Montage, Ersatzteilhandel und Wartung von Solaranlagen in allen Dörfern könne auf Dauer Tausende Arbeits-plätze schaffen.

Tidjani fordert die Journalisten auf, sich mit solchen der Bevölkerung nur unzureichend bekannten Themen zu befassen, um ihre Rolle als Informatoren besser zu spielen. Nur eine gut informierte Bevölkerung kann sich eine Meinung über gewisse Themen bil-den und entsprechend reagieren und agieren.

Ebenfalls der Architekt Mbacké Niang behandelte ein Thema, das den Journalisten und den Senegalesen insgesamt völlig un-bekannt war: die Energiewirksamkeit beim Bau. Niang betonte die Absurdität, dass in einem heißen Land so gebaut würde, dass man Klimaanlagen benötigen würde, um in den Räumlichkeiten leben zu können, obwohl es traditionell diverse Bauarten, Bau-materialien und räumliche Dispositionen gibt, die Klimaanlagen überflüssig machten. Die Wahl von Bauort, Bauweise und Bauma-terial hängt von der geographischen Lage ab. So baut man im trockenen heißen Sahel mit hohen Mauern, gewölbten Decken und Tonsteinen, um die Luftzirkulation zu garantieren. In feuchteren Gebieten sorgen die dortigen Baumaterialien (Tuffstein, Reet) für klimaangepasstes Wohnen.

Allein die unhinterfragte Nachahmung von Baustilen und die Einfuhr von Baumateria-lien aus Europa führt dazu, dass in Städten wie Dakar Klimaanlagen meist notwendig sind. Die dünnen Zementwände und zu niedrigen Decken führen zu einer Aufhei-zung der Gebäude, die zudem meist falsch ausgerichtet sind, so dass die Luftzirkulation nicht gewährleistet ist. Hinzu kommt die Verwendung von nicht klimaadaptierten Baumaterialien: Bei einer nach Süden ausgerichteten Glasfassade geht enorm viel Energie in die Kühlung des Gebäudes – kurz, die Energieverschwendung ist unfassbar. Niang plädiert für eine verstärkte Erforschung und Nutzbarmachung der traditionellen Bauweisen und Baumaterialien, wei-terhin für die Verwendung von Solarzellen, die auf dem Dach nicht nur Energie generieren, sondern auch ein Sonnenschutz für das Haus sind.

Ebenfalls überrascht waren die Seminarteilnehmer über das Referat von Mamadou Kassé, Journalist und Umweltexperte. Seine These, das Wasser in Dakar sei kein Fluch, sondern ein Segen, wurde zunächst mit Kritik aufgenommen. Seit mehreren Jahren versinken mehrere Viertel der Hauptstadt regelmäßig in der Regenzeit in Überschwemmungen. Diese sind eine Herausforderung für alle Regierungen und waren sicher auch ein Grund für die Abwahl des letzten Präsidenten Wade im Frühjahr. Die Ursache des Problems? Während der langjährigen Trockenheit war der Wasserlauf, der Dakar von Osten nach Westen durchzieht, teilweise ausgetrocknet und ganze Viertel entstanden im Flussbett. Seit beinahe zehn Jahren haben sich die Regenzeiten wieder normalisiert und dazu geführt, dass Tau-sende von Häusern im Wasser stehen, und dies nicht nur zur Regenzeit. Hinzu kommt nämlich auch, dass der Grundwasserspiegel wieder gestiegen ist. Niang erklärte, dass zudem pro Tag 90 000 Kubikmeter Wasser vom Guiers-See in Nordsenegal für die Trinkwasserversorgung nach Dakar geleitet werden, was dazu führt, dass der Grund-wasserspiegel noch mehr steigt und noch mehr Viertel im Wasser versinken.

Die Lösung? Zunächst einmal muss der natürliche Flussverlauf wieder hergestellt werden, was bedeutet, dass Zehntausende Menschen ihre Wohnstatt verlegen müssen, aber es ist die Bedingung dafür, dass Dakar wieder bewohnbar wird. Kanäle sollen das überschüssige Wasser ins Meer leiten, aber auf Dauer muss auch darüber nachgedacht werden, es in das „Hinterland“ zu leiten, wo stadtnah Landwirtschaft betrieben werden kann, und zwar ganzjährig. Die Wassermas-sen sind hierfür ausreichend. Der wiederhergestellte Flusslauf kann als Erholungsgebiet genutzt werden und eine grüne Lunge der Hauptstadt werden. Wenn, wenn… die politischen Entscheidungsträger die notwendigen Konsequenzen ziehen und die jahrzehntelang begangene Umweltsünde reparieren. Das Unterfangen wird teuer und ist politische nicht gerade populär, da der Effekt erst langfristig spürbar sein wird.

Immerhin, betonte Adams Tidjani in der Diskussion, habe der Staatschef schon eine der Empfehlungen des Umweltsymposiums, das die KAS Dakar im Januar organisierte, umgesetzt. In der ersten Regierung des Präsidenten Macky Sall gab es ein Ministeri-um für Ökologie und Umweltschutz. Dieses wurde nun umstrukturiert und umbenannt in Ministerium für Umwelt und nachhaltige Entwicklung, genau wie im Symposium vorgeschlagen. Nun geht es aber darum, die hehren Ziele in die Tat umzusetzen. Damit die Bevölkerung die Kontrolle über die Regierungshandlung ausüben kann, sind die Medien unabkömmlich und spielen eine herausragende Rolle, war die Schlussfolgerung. Als Ausdruck ihres Engagements dafür, die Umweltthematik verstärkt in der Presse zu behandeln, unterzeichneten die Seminar-teilnehmer die Umweltcharta, die KAS und Universität Dakar im Januar erarbeitet und den Präsidentschaftskandidaten zum Unter-schreiben vorgelegt hatten. Das Umweltlob-bying geht weiter, da alle Teilnehmer an Seminaren zur Umweltthematik die Charta mit in ihre Regionen und Gruppen nehmen. So ist zu hoffen, dass Journalisten und an-dere Multiplikatoren dazu beitragen, effektiv durch Information und Sensibilisierung für Umweltschutz und nachhaltige Entwicklung zu wirken.

Seminar
6. November 2012
Dakar KAS
Séminaire Médias et environnement
Rede Andrea Kolb Umwelt Medien nov 12 kasdakar