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Wie kann man Erwachsenen die Probleme von Jugendlichen erklären?

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„Geht gar nicht! Man kann Erwachsenen nicht unsere Probleme erklären.
Die kapieren das nicht, die denken ganz anders.“ (Louisa, 14 Jahre)


Erwachsene denken anders, das stimmt. Aber sie waren doch auch Teenager. Haben sie vergessen, von welchen Sorgen, Nöten, Zweifeln, welcher Suche, welchen Sehnsüchten sie als junge Menschen umgetrieben wurden? Warum muss man diese Gefühlswelt den Erwachsenen Jahre später erklären? Oder verstehen sie die Probleme von Jugendlichen nicht mehr, weil sie – zu sehr mit sich selber beschäftigt – aufgehört haben hinzuschauen, weil sie pubertäres Verhalten als pubertär abtun, aber niemals als ernst zu nehmend? Pubertär, wenn sich ein Vierzehnjähriger aus Liebeskummer umbringt? Pubertär, wenn ein Fünfzehnjähriger die Schule schwänzt aus Verzweiflung, weil man ihn als schwul bezeichnet? Pubertär, wenn eine Dreizehnjährige aufhört zu essen, weil sie den Stress der Eltern nicht mehr ertragen kann?

Im Grunde ist die Eingangsfrageschnell beantwortet: Man muss die Probleme der Jugendlichen nicht erklären, solange Erwachsene sich erinnern, sich interessieren und ernsthafte Fragen stellen. Nur das Gespräch kann die Generationen zusammenbringen. Nur über das Miteinander können Erwachsene erkennen, was dem eigenen Erlebten ähnlich ist und was sich verändert hat. Die folgenden Überlegungen sind ein Versuch, die Frage dennoch zu beantworten.

 

Neugierde und Offenheit

Neugierde und Offenheit bedeuten Anteilnahme und Zuwendung. Verspürt man eine echte Neugierde auf das, was junge Leute denken, was ihnen gefällt, wofür sie sich einsetzen, wen und was sie lieben (und auch was sie hassen, denn lieben und hassen sind wohl die meist benutzten Verben von Teenagern), welche Musik sie hören, welche Bücher sie lesen und wo sie ihre Ferien verbringen wollen, dann nähert man sich an. All das ist spannend.

Manchmal ist man überrascht über die Klugheit und den Weitblick, über Engagement und Empathie. Manchmal, wenn Wut und Unzufriedenheit und Trägheit vorherrschen, ist man gelangweilt, frustriert und irritiert.

Oder man ist erschüttert über die Energie, die Kinder und junge Menschen aufbringen müssen, um ihr Leben zu meistern: mit kranken Eltern oder kranken Geschwistern. Mit arbeitslosen Vätern oder gestressten Müttern. Mit eigenen persönlichen Einschränkungen und mangelndem Selbstwertgefühl. Mit dem Spagat zwischen zwei Kulturen und oft auch zwischen zwei Sprachen. Gegen Mobbing. Gegen Einsamkeit. Gegen Überforderung. Auf echte Fragen erhält man fast immer echte Antworten, weil die Jugendlichen spüren, wenn jemand wirklich hören möchte, was sie sagen.

Offenheit für den anderen, Neugierde auf den anderen, Fragen und Zuhören, unabhängig von seinem Lebensalter, verhindern falsche Interpretationen, schafft Ängste ab und führt zur Kommunikation, die der einzige Weg zur Verständigung sein kann.

 

Entwicklungsstand

Die Pubertät ist die Pubertät. Vierzehnjährige handeln nicht wie Zwanzigjährige oder Erwachsene. Sie können es nicht. Das liegt schlicht und ergreifend an ihrem Entwicklungsstand. Während ich meinen Jugendroman Never alone schrieb, las ich zufällig einen interessanten Artikel in einem Wissenschaftsmagazin. Die Erkenntnisse zum Thema Pubertät verarbeitet mein Protagonist Johann knapp und kurz für die Schülerzeitung:


Frontallappenschwäche und die Verzögerung der Zirbeldrüse

Neulich fand ich bei meiner Mutter eine Zeitschrift, vorne drauf ein schlappes Zahnspangenmädchen mit verklärtem Blick, darüber in großen Lettern PUBERTÄT. He, dachte ich, das ist doch mein momentaner Zustand. Was liest denn mein Mütterchen darüber? Und siehe da, ich sage euch, es ist der Knüller: Wir können nämlich gar nichts dafür! Also für unser Verhalten, weil wir nämlich gewisse, na ja, Teile im Kopf noch nicht ausgeprägt haben, die wachsen noch, so Dinger wie Frontallappen, die sind für ein differenziertes Prioritätensetzen verantwortlich. Ihr wisst, was ich meine:

Dass man statt zum See zu fahren oder ins Kino zu gehen erst mal Vokabel paukt oder ein Erdkundereferat schreibt.

[Zitat ...] Noch so’n Ding ist die Sache mit der Zirbeldrüse. [...] Die Zirbeldrüse produziert ein Hormon, Melatonin, das macht müde. Deshalb gehen die Menschen immer alle brav ins Bett. Nur Pubertierende – solche wie wir – kriegen es nicht gebacken. Und warum? Weil diese durchgeknallte Drüse das Hormon mit bis zu zwei Stunden Verspätung produziert. Schnorcheln also die Alten bereits ab 23 Uhr, geht bei uns im Körper noch die Post ab. Kein Zeichen von Müdigkeit. Wir hören Musik, chatten, telefonieren, sehen fern. Somit ist das jetzt ein für alle mal klar: Wir können nichts dafür! Alleinige Verantwortung hat unsere körperliche Entwicklung. [...]“

(Never alone, Seite 119 f.)


Egal, wie klug die Jugendlichen daherreden, egal, wie viel man ihnen zumuten kann und was sie bewältigen können, sie und ihr Gehirn befinden sich nach wie vor im Wachstum. Man darf das nicht vergessen. Aber man muss es auch nicht überbewerten.

Neulich bei einer Lesung in einem Vorort von Zürich hatte der Lehrer meiner Meinung nach nicht das richtige Buch für die pubertierenden Zwölf- bis Vierzehnjährigen ausgesucht. Da saßen lange Lulatsche mit Schuhgröße 44, aufgelackte junge Frauen mit Handtaschen, und ich sollte nun von einem zwölfjährigen Mädchen erzählen, das einsam ist, keine Freundin findet, sich immer missverstanden fühlt, von ihrer Familie, den Lehrern, der ganzen Welt.

„Das ist genau das Thema!“, sagte der Lehrer auf meinen Einwand hin, „glauben Sie mir. Und außerdem: Jedes Alter ist schwierig. Meins auch.“ Dann lachte der 55-Jährige und er sollte recht behalten: Lange Beine, coole Haltung, lackierte Fingernägel, Lidschatten, aber hinter den Fassaden saß die Einsamkeit meiner zwölfjährigen Protagonistin.

 

Lebenswelt

Es ist die Lebenswelt, die sich ändert, nicht der Mensch in seiner Entwicklung. Das Problem ist nur, dass der Mensch nicht mehr hinterherkommt. Der Schuldruck ist immens gestiegen. Die verkürzten Schuljahre, aber auch Studien wie PISA haben das Leistungsverhalten immens angekurbelt. Welches Mädchen, welcher Junge versucht nicht, einen Schnitt von 1,1 im Abitur zu schaffen, damit Tür und Tor offen stehen für Jura-, Psychologie- oder Medizinstudium?

Denn: Man will unabhängig sein. Das ist durchaus richtig.

Man will etwas darstellen, etwas werden. Das ist nicht verwerflich. Die Frage ist nur, zu welchem Preis. Die meisten Jugendlichen möchten „reich“ werden, viele auch „berühmt“. Aber das Bild des Weges, auf dem man reich und berühmt wird, hat sich verändert. Viele junge Menschen meinen, man müsste nur clever sein und die richtigen Leute kennen.

Sie haben ein hochgestecktes Ziel, sehen den Gipfel und vergessen, dass ein Aufstieg mit Mühen, mit Gefahren verbunden ist und dass man es nie allein schaffen kann, sondern den anderen braucht, der einen stützt und dem man vertraut.

Bedingt durch den Medienrummel, sehen viele nur den Ruhm, nicht die Gefahr, nicht die Folgen, wenn mit heißer Luft gehandelt wird anstatt mit fundiertem Wissen.

Konzentration, Ausdauer und Leidenschaft waren früher die Zutaten, die jemanden erfolgreich machten. Egal ob Sportler oder Wissenschaftler, man lernte, man trainierte und nichts war geschenkt. Der Ruhm war erarbeitet.

Die Finanzkrise und der schlechte Arbeitsmarkt erhöhen aber den Druck in den Elternhäusern. Und so, wie einige extrem strebsam auf diesen Druck reagieren, gibt es sehr viele, die wissen, dass sie niemals einen guten Durchschnitt erreichen können, und aufgeben.

Sicherlich hatte die Elterngeneration, meist Kinder der 1970er-Jahre, vielfältige Möglichkeiten, die Welt stand damals gefühlt offen. Heute sehen die meisten Jugendlichen nur Türen, die langsam ins Schloss fallen. Vor allem auf Haupt- und Realschulen herrschen Ängste, das Gespenst der Arbeitslosigkeit geht um.

Mangelnde Zukunftsperspektiven sind demotivierend, nur in einer Atmosphäre der Freiheit, mit Möglichkeiten und Zielen, entwickelt sich die Lust am Lernen. Die meisten Jugendlichen mit Migrationshintergrund sehen ihre Chancen nicht. Bestärkung ist hier gefragt, die Förderung der Fähigkeiten und das Schaffen von Perspektiven.

Es ist die Pflicht unserer Generation, Vorbilder zu stellen. In der Gesellschaft, in der Literatur, in der Politik. Menschen, die bereit sind, sich für Inhalte einzusetzen, Gesellschaft mitzugestalten, weil sie sich als Teil dessen verstehen. Ein Teil einer Gemeinschaft zu sein, das müssen junge Menschen spüren, und dazu gehört auch, dass sie eine Stimme haben, die wir hören möchten, dass wir ihre Welt verstehen, ihnen aber auch ihre Welt lassen.

Zu dieser Welt gehören Facebook, Twitter und Google+, aber diese Welt bleibt vielen Erwachsenen fremd und kurbelt dadurch unnötig ihre Fantasie an. Es liegt in der Hand der Erwachsenen, sich zu informieren, um nicht im Ungewissen zu bleiben. Für alle sind die medialen Möglichkeiten neu, wir alle müssen lernen, mit der neuen Freiheit und Transparenz umzugehen. Gemeinsam.

 

Erinnerungen

Die Erinnerungen zuzulassen, scheint manchmal schwer. Liegen denn alle diese pubertären Augenblicke und wilden Jahre verschüttet, weil sie so schrecklich waren? Sie waren doch auch so schrecklich schön.

Vieles geschah zum ersten Mal und war gepaart mit einer Spannung, die man im späteren Leben nie mehr mit dieser Intensität erfahren würde.

Der erste Freund. Der erste Zungenkuss. Der erste Urlaub. Der erste Sex. Der erste Auftritt vor Fremden. So viele Unsicherheiten. So viele Unbekannte. So viele Sehnsüchte, Ängste, Hochgefühle, Tiefgefühle.

So ein langer Weg, bis man das eigene Ich entdeckt, sich akzeptiert und die Geheimnisse des Lebens zu ergründen beginnt, um irgendwann festzustellen, dass man nichts weiß. Dann ist man zum Glück schon wieder alt genug, um es zu ertragen. Aber damals war das Leben, die Welt, eine große Unbekannte, die es zu entdecken galt. Diese Mischung aus Vorfreude, Neugierde und Ängsten erzeugt ein ganz besonderes Herzklopfen, das man nie vergessen sollte, weil es stärkt für den langen Weg ins Erwachsenendasein.

 

Wertschätzung

Wir müssen die jungen Menschen ebenso achten wie die Kinder, die unsere Hilfe brauchen, die Alten, denen wir Respekt entgegenbringen, und alle anderen, die mit uns zusammenleben.

Schätzen wir die Jugendlichen, die trotz schwieriger häuslicher Verhältnisse ihren Alltag meistern. Schätzen wir die Leistungen, die Talente, die Disziplin, die viele schon in früher Jugend für eine Sache aufbringen, im sozialen, sportlichen oder künstlerischen Bereich.

Freuen wir uns über die Fähigkeit zu Leidenschaft, zu Engagement, zu Empathie und auch zu Humor und Fröhlichkeit, die Erwachsene auf ihrem Lebensweg bedauerlicherweise oft verlieren.

Lernen wir von den jungen Leuten, wie sie Freundschaften leben, wie sie die Welt bereisen, wie sie das Leben meistern. Ein Leben übrigens, das im Zeitalter der Medien und der Mobilität so viel komplexer und komplizierter geworden ist.

Unsere Aufgabe muss es sein, den jungen Menschen Räume des Vertrauens zu bieten, das Tempo wieder zu drosseln, das Miteinander wieder in den Mittelpunkt zu rücken, der Individualisierung und dem Narzissmus entgegenzuwirken.

Mein Respekt gilt der Jugend des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Sie hat viel zu bewältigen!

PS: Ganz ehrlich, ich habe mich schon oft gefragt: Kann man eigentlich Jugendlichen die Probleme von Erwachsenen erklären?


Ute Wegmann, geboren 1959 in Düsseldorf, M. A. in Germanistik, Romanistik und Pädagogik. Freie Journalistin und Moderatorin mit dem Schwerpunkt Kinderund Jugendmedien. Dozentin an der Universität Duisburg-Essen für Literaturverfilmungen. Seit 1994 redaktionelle Mitarbeiterin für den Büchermarkt beim Deutschlandfunk Köln. Regie und/oder Produktion diverser Bilderbuchverfilmungen („Sein erster Fisch“ von Hermann Schulz, „Gehört das so?“ von Peter Schössow und „Die besten Beerdigungen der Welt“ von Ulf Nilsson). Autorin von Kinderund Jugendbüchern sowie von Drehbüchern.

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