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Begabtenförderung im Wandel der Generationen

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Die Begabtenförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung wurde 1965 ins Leben gerufen. Die damalige Bundesregierung stand unter der Leitung von Ludwig Erhard. Das von ihm propagierte Leitbild einer „formierten Gesellschaft“ fand weder in der Öffentlichkeit noch in der Union eine breite Zustimmung. Die auseinanderstrebende Gesellschaft ließ sich nicht „formieren“. Sie war weniger als zuvor auf Konsens, sondern auf Kontroverse ausgerichtet.

Das zeigte sich nirgendwo stärker als bei der akademischen Jugend. Die Nachkriegsgeneration, die zum großen Teil in Trümmern aufgewachsen war, strebte in die Universitäten. Sie war von neuen Leitbildern geprägt. Schon ein Jahr nach der Bundestagswahl mit dem Beginn der Großen Koalition und dem Entstehen der außerparlamentarischen Opposition meldete sie sich lautstark in der Öffentlichkeit zu Wort. Die bis dahin in der Gesellschaft breiten Konsens findenden politisch-kulturellen und moralischen Grundorientierungen wurden infrage gestellt.

In diese Zeit des Umbruchs fiel die Gründung der Begabtenförderung. Acht Studenten und acht Studentinnen wurden im Gründungsjahr in die Förderung aufgenommen, einige davon bereits im Sommersemester 1965. Heute gehören der Begabtenförderung circa 3.500 Studierende an. In den zurückliegenden, nun bald fünfzig Jahren sind aus ihr über 12.000 Ehemalige, Alumni und Alumnae, hervorgegangen.

Die Begabtenförderung wird heute von drei Generationen geprägt: der „Trümmergeneration“, die nach dem Krieg in den Wiederaufbau hineinwuchs, der „Generation Golf“, sie ist heute Mitte 40 – unser ehemaliger Stipendiat Florian Illies gab ihr mit seinem Buch Generation Golf den Namen –, und der nachwachsenden jungen Generation von heute, die gerade ihre akademische Laufbahn beginnt.

Die „Trümmergeneration“ ist unter den Altstipendiaten der Konrad-Adenauer-Stiftung mit ungefähr 35 Prozent vertreten. Die größte Gruppe ist die „Generation Golf“, zu ihr gehören etwa sechzig Prozent. Die junge, nun in die Begabtenförderung strebende akademische Generation ist erst mit etwa fünf Prozent vertreten. Sie wird in den nächsten Jahren, auch aufgrund der hohen Aufnahmezahlen durch die Doppeljahrgänge, die Begabtenförderung wesentlich prägen. Wie denkt und plant die junge akademische Generation von heute? Ihr wurde der geheimnisvolle Name „Generation Y“ gegeben.

 

Generationenprofile

Der bundesweit bekannte Jugendforscher Klaus Hurrelmann typisiert die drei Nachkriegsgenerationen in Deutschland: Die erste Nachkriegsgeneration sei von dem Trauma der Niederlage, Entbehrung und dem Heranwachsen in einer vom Krieg gekennzeichneten Landschaft geprägt worden. Der Wiederaufbau gehörte mit ihrer Elterngeneration zur Lebensleistung in beiden Teilen Deutschlands. Im Westen schuf sie die Voraussetzung dafür, dass die Generation ihrer Kinder, die „Generation Golf“, unter ganz anderen, unerwartet besseren Voraussetzungen in das Leben starten konnte.

Die „Generation Golf“ konnte den Wohlstand genießen, den ihre Elterngeneration erarbeitet hatte. Ihre Repräsentanten sind selbstbewusst, zum Teil kämpferisch und konsumorientiert. Für Politik interessieren sie sich weit weniger, als es ihre Eltern taten. Sie machen sich mehr Gedanken über Äußerlichkeiten als über Inhalte. Individualität ist wichtiger als Gemeinschaft. Toleranz avanciert zu ihrem Leitwort, allerdings häufig nur so lange, wie der eigene Lebensstil dadurch nicht infrage gestellt wird. Man mutet sich etwas zu, arbeitet gern, aber möglichst nicht zu viel. Sie möchten ihr Leben genießen, Arbeit und Beruf bedeuten ihr etwas, aber nicht alles.

Im Osten Deutschlands gab es die „Generation Golf“ nicht. Ihre Altersgenossen erlebten als Schüler oder Studenten die Friedliche Revolution und tasteten nach einem politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Neuanfang. Sie waren nicht saturiert wie die „Generation Golf“, sondern ähnlich wie die „Trümmergeneration“ leistungsorientiert, aufstiegsinteressiert und wollten im wiedervereinigten Deutschland ankommen.

Von der „Generation Golf“ hat die „Generation Y“ gelernt, dass nichts mehr verlässlich, vieles möglich ist und sich alles schneller verändert als früher.

Die Zukunft ist weniger planbar geworden. Die Menschen der „Generation Y“ sind in ganz Deutschland trotz unterschiedlicher Ausgangslage mit unzähligen Optionen groß geworden: in der Schule, im Alltag, zu Hause und im Studium. Das Internet wurde für sie zu einer neuen, virtuellen Welt, die ihnen vielfältige Dimensionen des Zusammenlebens eröffnete.

Die „Generation Y“ will möglichst viel auf einmal: Familie, Freizeit, Sinnstiftung durch den Beruf, partnerschaftliches Zusammenleben von Mann und Frau. Sie will auch Wohlstand. Sie weiß aber, dass sie das Wohlstandsniveau der „Generation Golf“ kaum erreichen wird. Der Wunsch nach Kindern wird zurückgestellt. Sie spürt stärker als die vorangehende Generation die zentrifugalen Kräfte in unserer Gesellschaft. Sie sucht Geborgenheit, weil sie sich einem starken Leistungsdruck ausgesetzt fühlt. Die Familie gewinnt deshalb für sie an Bedeutung. Sie schafft sich einen Raum, in dem sie sich wohlfühlt.

Die „Generation Y“ hält drei Trümpfe in ihrer Hand: Erstens profitiert sie vom demografischen Wandel. Die Zahl der Erwerbsfähigen in Deutschland wird in den nächsten Jahren dramatisch zurückgehen. Zweitens ist etwa die Hälfte gut bis sehr gut ausgebildet. Viele verfügen über erste internationale Erfahrungen und sprechen in der Regel mindestens eine Fremdsprache. Drittens sind Arbeitszeit und Freizeit im digitalen Zeitalter nicht mehr so wie exakt in berufliche und private Zeit aufzuteilen.

Die „Generation Y“ denkt weniger als vorangehende Generationen in Hierarchien. Sie ist nicht annähernd so karrierebewusst wie die „Trümmergeneration“ und stellt Fragen wie zum Beispiel: Wie kann ich meine Lebensqualität optimieren? Gleicht das höhere Maß an Verantwortung und Geld den damit verbundenen Verlust an Freizeit und Freiheit aus?

 

Sichtbarer Politikentzug

Ein Vergleich der drei akademischen Nachkriegsgenerationen macht schnell deutlich, dass die „Generation Y“ am wenigsten parteipolitisch ausgerichtet ist. Die letzte Bundestagswahl bestätigte dies: Sie zeigte, dass mit dem Alter der Wähler ihre Zuneigung zu den Volksparteien, CDU/CSU und SPD, steigt. Bündnis 90/Die Grünen schneiden bei jüngeren Wählern tendenziell besser ab als bei älteren. Die Unionsparteien erreichen zwar bei den 18bis 24-Jährigen circa 31 Prozent, liegen damit aber ungefähr zehn Prozent unter dem amtlichen Wahlergebnis. Bei der akademischen Jugend ist dieser Wert noch sehr viel niedriger. Dennoch haben die Unionsparteien in dieser Altersgruppe den höchsten Wert aller Parteien. Die „Generation Y“ vertritt in stärkerem Maße als die „Generation Golf“ bürgerliche Werte. Dies haben die jüngste Jugendstudie der Konrad-Adenauer-Stiftung und die Bundestagswahl bestätigt. Die „Generation Y“ nimmt durchaus wahr, was im Land, in Europa und auch auf der Welt geschieht, aber sie ist weit davon entfernt, für ihre Ziele und Weltanschauungen auf die Straße zu gehen. Vielmehr lässt sie es bei der in sozialen Netzwerken häufig anzutreffenden Bekenntnisformel „like“ – „gefällt mir“ – bewenden.

Die UNICEF reagierte nach einer groß angelegten Internetwerbung darauf mit den Worten: „Liken rettet kein Leben.“ Es wäre zu ergänzen: „Die Demokratie zu mögen, erhält sie nicht.“ Die Folgen des sichtbaren Politikentzugs, der nicht gleichbedeutend ist mit allgemeinem politischem Desinteresse einer ganzen Generation, sind heute noch nicht abzusehen. Die Optimierung der „Work-Life-Balance“ fördert jedenfalls das Gemeinwohl. Privates Wohlbefinden ist wichtig für die Demokratie, es stabilisiert sie, aber es hält sie nicht funktionsfähig.

 

Mit „Othello“ verbinden viele eine Flatrate

Während das politische Interesse der „Generation Y“ eher unbestimmt als zielgerichtet ist, steht das Bildungsmanagement ganz oben auf ihrer Agenda. Hier zeigt sie eine starke Neigung, sich auf das zu konzentrieren, was für Schule, Studium und Beruf prüfungsrelevant beziehungsweise für die Erfüllung der gestellten Aufgaben notwendig und sinnvoll ist. Lehrer an Schule und Hochschule berichten, dass eine breite Mehrzahl von Schülern und Studenten abschaltet, wenn der behandelte Stoff nicht unmittelbar für den Schulbeziehungsweise Studienabschluss relevant ist. Schließlich bietet das Netz die Möglichkeit, fehlendes Wissen in Windeseile einzuholen.

So kommt es vor, dass Juristen im Auswahlverfahren der Promotionsförderung nicht wissen, welche verfassungsrechtliche Sonderstellung der Reichspräsident in der Weimarer Republik innehatte. Promovierende der Geschichtswissenschaft können weder Walter Ulbricht noch Erich Honecker historisch-politisch einordnen. Mit „Ot(h)el(l)o“ verbinden viele eine Flatrate, aber nur wenige wissen, dass es sich dabei auch um ein Drama von William Shakespeare oder eine Oper von Gioacchino Rossini handelt.

Was bedeuten diese Veränderungen für unsere politische Kultur? Die „Generation Y“ hat ihre Entwicklung politisch-kulturell noch nicht abgeschlossen. So wie sich viele 68er von Feinden der Republik zu Reformern entwickelten und am bürgerlichen Leben nicht nur partizipierten, sondern es auch schätzen lernten, so kann sich auch die „Generation Y“ verändern. Aus einer jungen Generation, die heute die starke Neigung zeigt, sich auf sich selbst zu konzentrieren und sich aus der gesellschaftlichen Verantwortung zurückzuziehen, kann durchaus in den nächsten Jahren eine Generation erwachsen, die sich ihrer Verantwortung in der Gesellschaft stellt und politische Verantwortung übernimmt.

Bei aller Unvollkommenheit ist die künftige Generation selbstbewusst, freundlich, aufgeschlossen, pragmatisch, nicht ideologisch, offen und mobil. Sie ist gekennzeichnet durch eine ganzheitliche Betrachtung des Menschen; sie sieht ihn durchaus in seiner gesellschaftlichen Verantwortung, jedoch vor dem Hintergrund einer neuen Balance zwischen Arbeit und Familie.

 

Begabtenförderung für die „Generation Y“

Welche Schlussfolgerungen ergeben sich daraus nun für die Begabtenförderung? Erstens: Die Begabtenförderung muss sich im Rahmen ihres Auswahlverfahrens auf diese Generation der digitalen Revolution einstellen. Es wird künftig mehr darauf ankommen, nach Meinungen, Kenntnissen, Interessen und dem Verständnis für politische Prozesse zu fragen. Die Begründungs- und Urteilsfähigkeit des Einzelnen wird noch bedeutsamer werden als zuvor. Zweitens: Das ideelle Seminarprogramm wird noch stärker zu einem wesentlichen Baustein für die Vermittlung grundlegender politisch-kultureller Inhalte werden, was nicht zuletzt auch bedeutet, dass begabte junge Menschen motiviert werden, Wege in die praktische Politik zu suchen.

Die Auseinandersetzung mit der NS- und der SED-Diktatur sollte dabei nicht vernachlässigt werden. Die „Generation Y“ misst ihnen – im Gegensatz zu den beiden ihr vorangegangenen Generationen – nur einen geringen Stellenwert zu. Von der NS-Diktatur geht für sie kaum noch eine Betroffenheit aus. Die SED-Diktatur hat in ihrer Schulbildung so gut wie keine Rolle gespielt. Als vermittelte Erfahrung ihrer Eltern ist sie nahezu bedeutungslos. Die geglückte Einheit Deutschlands hat sie zu Unrecht zu einer Episode vernachlässigbarer deutscher Geschichte herabgestuft.

Die „Generation Y“ darf nicht zu einer politisch verlorenen Generation werden. Sie kann für politische Inhalte und Auseinandersetzungen gewonnen werden. Gerade weil diese Generation wertorientiert ist, in der Tiefe ihres Herzens bürgerlich denkt und handelt, lohnt es sich, sie für die Ziele der christlich-demokratischen Bewegung zu gewinnen, auch wenn sie im Vergleich zu den vorangehenden Generationen noch wenig Bereitschaft zeigt, politisch-weltanschauliche Bindungen einzugehen.

 

Günther Rüther, seit 2000 Leiter der Hauptabteilung Begabtenförderung und Kultur der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Die Redaktion dankt Günther Rüther, der sich zum Ende dieses Jahres in den Ruhestand verabschiedet, für seinen letzten Beitrag in seiner Funktion als Leiter der Begabtenförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung.

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