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Günter de Bruyns Literatur als Zeichen der Zeit. Eine Würdigung zum 100. Geburtstag

Zum 100. Geburtstag von Günter de Bruyn würdigt Michael Braun einen Schriftsteller, der die DDR mit feiner Ironie und kritischem Blick beschrieb, die preußische Geschichte neu erzählte und zeitlebens für die Freiheit der Literatur eintrat. Was bleibt von seinem Werk?

Im Frühjahr 2026 wurden die Feierlichkeiten zum 100. Geburtsjahr von Günter de Bruyn eingeläutet. Die Fülle der Veranstaltungen ist, sechs Jahre nach dem Tode des Autors, bemerkenswert. Im Günter de Bruyn Haus in Beeskow, dem Wohnsitz des Schriftstellers seit 1968, aber auch in Berlin, Potsdam, Görsdorf, Erkner und Zeuthen finden Lesungen, Filmvorführungen, Diskussionen und Führungen statt. Die in Beeskow sitzende Günter de Bruyn Stiftung hat ein Stipendium („Abseits“) für Schreibende ausgeschrieben. Und der S. Fischer Verlag bringt seine autobiographischen Bücher erstmals in einer Sonderausgabe heraus und publiziert auch seinen Nachlassroman Die neue Mittagsgöttin. Dieses Buch verdient besondere Beachtung, profiliert es doch die stille Meisterschaft de Bruyns als Nacherzähler großer Geschichten, in denen es, wie etwa in de Bruyns Adaptionen von Tristan und Isolde (1975) und Die neue Udine (2021), um Liebesverrat und Sozialzwang, um den Konflikt zwischen individueller und gesellschaftlicher Moral geht. Die neue Mittagsgöttin rekonfiguiert Wilhelm Bölsches Berlin-Roman Die Mittagsgöttin (1891) fürs 21. Jahrhundert. Aus dem frühnaturalistischen Zeugnis einer Schwellenzeit macht de Bruyn die Geschichte eines polykritischen Erfahrungswandels.

Anklang in der Politik hatte der Autor nach der Wiedervereinigung mehrfach gefunden. Wolfgang Schäuble, seinerzeit Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, hielt 1996 die Laudatio auf de Bruyn bei der Verleihung des Literaturpreises der Konrad-Adenauer-Stiftung in Weimar, Angela Merkel würdigte ihn in Frankfurt (Oder) zu seinem 80. Geburtstag, und am 24. November 2011 ehrte ihn der damalige Bundespräsident Christian Wulff in Schloss Bellevue zum 85. Geburtstag mit einer Feierstunde.

Geboren wurde Günter de Bruyn am 1. November 1926 in Berlin-Neukölln als Sohn eines Versandhändlers aus Süddeutschland. Der Familienkatholizismus, so bedrückend ihn de Bruyn bisweilen beschrieb, war für eines gut: Er gab „aller Staats-Distanzierung den nötigen Rückhalt“. Als im Herbst 1940 die Luftangriffe auf Berlin begannen, ging er mit Jahrgangsgenossen für zehn Monate in ein Kinderlandverschickungsheim im Osten, nach Kattowitz, nur eine Tagesreise von Auschwitz entfernt. 1943 wurde der halbwüchsige Schüler zur Flugabwehr einberufen, 1944 als Soldat rekrutiert. Nach Kriegsende schloss sich de Bruyn den Vertriebenentrecks an. Auf Umwegen kehrte nach Berlin zurück, fast genau zu der Stunde, als sich im Cecilienhof die Siegermächte zur Potsdamer Konferenz einfanden. Solche Koinzidenzen von persönlichen und politischen Daten fallen in de Bruyns Biographie oftmals auf. Als die DDR gegründet wurde, nahm er – nach dreijährigem Dienst als Schullehrer im Westhavelland – eine Stelle im Zentralinstitut für Bibliothekswesen an. Am 17. Juni 1953 trieb es ihn „Unter den Linden“ in die protestierende Menschenmenge. Und als 1961 die Mauer gebaut wurde, quittierte er seine Bibliotheksstelle, um fortan in Ruhe schreiben zu können.

De Bruyns Romane sind Zerrspiegel der sozialistischen Erziehungsdiktatur. Zugleich sind sie Plädoyers für freies Denken. Die Gelehrtensatiren Buridans Esel (1968), Preisverleihung (1972), Märkische Forschungen (1978) und der Demenz-Roman Neue Herrlichkeit (1984) erzählen davon, wie die DDR sein wollte, aber nie wirklich war. Es sind realistische Gesellschaftsromane eines Autors über intellektuelle Arbeiter am sozialistischen Erbe, die weniger an der politischen Utopie scheitern als an persönlichen Sorgen. Sie betäuben sich mit Tabletten, reden ihren Ehrgeiz als „altrustisch“ schön und füttern ihre Hoffnungen mit honorierten Gefälligkeiten. Mit fontanescher Ironie wirbt der Erzähler für genaues Zuhören und Hinsehen, mit Brechtscher Dialektik für Listen beim Aufschreiben der Wahrheit.
 

„Kulturnation“ statt „Volk“

Als die Mauer fiel, stand Günter de Bruyn auf der Seite der freundlichen Mahner. Schon in seiner Jean Paul-Biographie hatte er 1975 geschrieben: „Mauern schützen zwar, versperren aber die Sicht“. Zwischen Jubelschreien, Trauergesängen (so auch der Titel seines Essaybandes von 1991) bekannte er sich zu einer Position der deutschen Kulturnation. Für ihn waren die Werte von Freiheit und Frieden, durch die das lange geteilte Land vereinigt wurde, genug Grund zur Freude.

Günter de Bruyn hat diese Haltung einer kulturpolitischen Mitte zwischen Einheitsskepsis und Rückkehr zu einer „selbstbewussten Nation“ aus seiner eigenen Lebensgeschichte hergeleitet. In Zwischenbilanz (1992) erzählt er über seine Jugend in Berlin, in Vierzig Jahre. Ein Lebensbericht (1996) über seine Erfahrungen in und mit der DDR. Er geht ins Gericht mit Teilwahrheiten und falschen Erinnerungen, einschließlich der eigenen, reflektiert über Selbstzensur und beweist, wiederum mit seinem Lieblingsautor Jean Paul, warum „Zensur dumm, verbrecherisch und dazu auch noch nutzlos ist“: weil nämlich Leselust und Freiheitswille durch Verbote eher beflügelt als gelähmt werden. Und weil gefährliche und schädliche neue Ideen oft der „Geist der Zeit, nicht der Bücher“ sind.

Die Doppel-Autobiographie ist das Gelenk, das die Bücher der Phase I seines schriftstellerischen Wirkens – die Romane und die Essays – mit den Preußenbüchern der Phase II verbindet. Seit den 1990er-Jahren hat sich Günter de Bruyn als Erforscher der preußischen Geschichte hervorgetan. Dabei hält er sich frei von preußenfreundlicher Romantik auf der einen und preußenkritischem Antimilitarismus auf der anderen Seite. De Bruyn interessiert die Frage, wie das Konstrukt der preußischen Geschichte überhaupt entstanden ist, und findet Antworten in den Erzählungen über die Berliner Kunstepoche (1786 bis 1807) mit ihren kulturellen Errungenschaften und über die darauf folgende „Zeit der schweren Not“ (1807 bis 1815).
 

Preußen in Geschichte und Geschichten

Das Zitat stammt aus einem Gedicht Adelbert von Chamissos, geschrieben 1813, als der Autor das kriegsberauschte Berlin verlassen hatte. Der französische Grafensohn, der seine literarischen Texte auf Deutsch schrieb, ist für de Bruyn ein Gewährsmann für liberales Reformdenken. Chamisso, Revolutionsflüchtling, Weltenbummler, Naturforscher, suchte eine Mitte zwischen Fortschrittseuphorie und romantischen Träumen. Sanft und mit einer kleinen Portion Ironie dekonstruiert de Bruyn auf diese Weise preußenherrliche und heldengermanische Selbstbilder. In Günter de Bruyns Preußenbücher finden wir die Erzählungen von Dichtern, Komponisten, Architekten und Gelehrten, die illustrieren, was der Historiker Christopher Clark in seinem Buch Preußen. Aufstieg und Niedergang 1600–1947 (2007) beschreibt: wie Preußen dank seiner Kultur ein europäischer Staat war, bevor er ein deutscher wurde, und wie der preußische Staat seine Geschichte „sozusagen erst beim Erzählen“ gefunden und erfunden hat.

Auf diese Weise tritt der Erzähler in de Bruyns Preußischer Trilogie (2004) als Geschichtsforscher auf den Plan. Zwischen Erneuerungsgeist und Patriotismus haben sich Reformpredigt (Friedrich Schleiermacher), Bildungspolitik (Wilhelm von Humboldt), Tischgesellschaft (Rahel Varnhagen von Ense) herausgebildet, während das „Volkstum im Barte“ (Turnvater Jahn) ideologieanfällig blieb und die ehrgeizigen Finanzreformpläne des Staatsbankchefs Friedrich August Staegemann scheiterten.

Neben der preußischen Geschichte geht es im Spätwerk de Bruyns immer wieder um märkische Landschaften. In der Tradition von Fontanes Wanderungen durch die Mark Brandenburg (1862) betrachtet der Foto- und Textband Mein Brandenburg (1993) die Seen und Heiden, die Rittergüter und Dörfer, notiert Umweltschäden und erinnert an Geschichtsvergessenheiten: Märkisch sind die „Heide, der Sand und der Sumpf, die westlichen Tore Berlins und Potsdams dagegen heißen Brandenburger und nicht märkische Tore, weil durch sie hindurch mußte, wer in die Stadt Brandenburg wollte“.

Im Abseits – so der sprechende Titel seines Buches von 2005 – forschte und schrieb der Autor in einem brandenburgischen Dorf, einer ehemaligen Blabberschäferei nahe Görsdorf/Górice über seine Herkunftsheimat. Unweit von Berlin fand er „ein Exil ohne schwierigen Wechsel, eine Flucht ohne Heimatverlust“.
 

Verteidigung der künstlerischen Freiheit

Dass Sicherheit, Freiheit und Frieden im Staate auf Kultur gegründet sind, dessen hat uns Günter de Bruyn in seinen Romanen und Geschichtserzählungen intensiv vergewissert. Der bleibende Wert dieser Werke liegt in ihrer Geschichtsgenauigkeit, ihrer politischen Unerschrockenheit und ihrer milden Ironie, vor allem aber in der Verteidigung der künstlerischen Freiheit. Günter de Bruyn hat im Gesellschaftsroman der DDR den deutschen Zeitroman, in der brandenburgischen Landschaft Geschichten von Heimat und Herkunft – und in der preußischen Geschichte eine europäische Erzählung entdeckt.

Mit seinem letzten, zu Lebzeiten erschienenen Buch ist Günter de Bruyn wieder zum Roman zurückgekehrt. Der neunzigste Geburtstag (2018) spielt im August 2015, mitten im Jahr der Willkommenskultur. Die Story handelt von einem langen Leben im kurzen 20. Jahrhundert; es geht um Glauben und Gewissensnot, Fortschrittsangst und Mut zu Altbewährtem, um die Grenzen des Genderns und die Schönheit der deutschen Sprache.

Günter de Bruyn hat uns das literarische Erbe der DDR weit über deren Ende hinaus überliefert. In seinen Romanen, Essays und autobiographischen Schriften beschreibt er einen Staat im politischen und moralischen Verfall, zugleich die Situation des zur Selbstzensur und zu einem hinhaltenden Widerstand gezwungenen Künstlers. „Als Poesie gut“, sind diese Bücher (wie der gleichnamige Band, erschienen 2006, über Schicksale aus Berlins großer Kunstepoche 1786 bis 1807) ein kulturelles Vermächtnis der Zeit, das bleibt.

Michael Braun, geboren 1964 in Simmerath, Literaturreferent der Konrad-Adenauer-Stiftung und außerplanmäßiger Professor für Neuere Deutsche Literatur und ihre Didaktik an der Universität zu Köln.

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