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Zwischen Popcorn, Parolen und Politikverdrossenheit

Auf einem Sommerfest im Berliner Südosten zeigt sich, wie weit die Mitte ins Wanken geraten ist.

Was passiert, wenn Populismus und Politikverdrossenheit auf gebrannte Mandeln und Parolen treffen? Ein persönlicher Blick auf ein Sommerfest in Treptow-Köpenick – und ein eindringlicher Appell für mehr politische Klarheit, Mut zur Mitte und echtes Zuhören.

Die Sonne brennt, das T-Shirt klebt am Rücken. Es riecht nach Bratwurst, gebrannten Mandeln, warmem Asphalt. Kinder rennen quietschend zwischen Hüpfburgen und Losbuden herum, Eltern balancieren Pappschalen mit Pommes. Es könnte ein ganz normales Sommerfest sein. Eines dieser Feste, die es in Treptow-Köpenick im Sommer an fast jedem Wochenende gibt. Auf den ersten Blick: heile Welt. Doch im Getümmel zwischen all den Imbissbuden, dort, wo sich die politischen Parteien mit ihren Infoständen präsentieren, zeigt sich ein anderes Bild – eines, das mich nicht mehr loslässt.

Gleich hinter den Karussells, zwischen Zuckerwatte- und Grillduft, stehe ich am Stand unserer örtlichen CDU-Bezirksfraktion. Zelt, Rollup, ein paar Klappstühle. Ein Stapel Flyer – über Aufstiegschancen, Familie, Sicherheit und Bildung. Am Ende des Tages ist er kaum kleiner geworden. Ein Schälchen Gummibärchen und Kekse, die sich in der Sonne langsam zu einer Masse vereinen. Wir stehen da, lächeln, versuchen ins Gespräch zu kommen.

Die Menschen gehen vorbei. Einige grüßen freundlich, kaum einer bleibt stehen. Und während wir warten, läuft vor mir ein Film ab, der mir den Magen zuschnürt.

Lange Schlangen

In Sichtweite der AfD-Stand: lange Schlangen. Junge Männer, Baseballcaps verkehrt rum auf, tätowierte Unterarme, Smartphones in der Hand. Manche filmen sich beim Einsammeln von Flyern, Stickern, Kugelschreibern. Andere halten Tüten hoch, randvoll mit Werbegeschenken. Fast wirkt es wie ein Wettstreit: Wer sackt am meisten ein?

Und zwischendurch hallt es immer wieder rüber: „Die reden wenigstens Klartext; Die anderen wollen uns doch nur verarschen; Alle korrupt da oben“. Das klingt nicht nach Neugierde. Sondern nach Überzeugung. Nach einer Mischung aus Wut, Frust und Trotz. Und Hass. Hass auf „die da oben“. Auf alle anderen Parteien. Ein Hass, der pauschal, aber dafür umso lauter ist.

Direkt gegenüber: ein Stand der Linken. Auch hier viele junge Gesichter, rote Luftballons, Fahnen, Parolen. Die Botschaften sind andere, doch auch hier das Versprechen: Alles muss anders werden. Das System ist schuld, Reiche müssen zahlen, Enteignung ist die Lösung. Auch hier ist die Schlange lang. Auch hier das Gefühl: Die hören uns endlich mal zu.

Mir macht das Angst. Denn was sich da vor meinen Augen abspielt, ist nicht mehr nur Protest. Immer mehr junge Menschen sehnen nach einer radikal anderen Welt. Ob rechts oder links, sie sehnen sich nach einer Welt, in der am besten alles Bestehende eingerissen wird.

Und dazwischen?

Dazwischen wir. Etwas vereinsamt an unserem Stand. Dabei haben wir gute Themen. Uns geht es um Aufstieg, um Chancen, um ein bezahlbares Leben. Aber das ist vielen zu abstrakt, zu kompliziert, zu wenig greifbar. Zu oft haben wir enttäuscht. In den Momenten kehrt man in sich. Ich frage mich: Waren wir zu lange zu leise? Haben wir Probleme unterschätzt oder Lösungen zu bürokratisch gedacht? Nun müssen wir zuhören und verstehen.

Ich werde das Gefühl nicht los, dass wir nicht mehr wirklich ankommen bei den Leuten. Wir reden von Generationengerechtigkeit – sie fragen nach explodierenden Mieten. Wir reden von Chancen für alle – sie wollen wissen, wie man die nächste Stromrechnung bezahlt. Wir reden von Europa – sie haben Angst um ihre Ausbildungsplätze.

Und während wir unsere Antworten noch sortieren, haben die anderen sie mit drei knackigen Parolen längst abgeholt. Ganz ehrlich? Das frustriert. Es tut auch weh. Da engagierst du dich an deinen freien Wochenenden, schwitzend hinter deinem Stand, und beim politischen Mitbewerber stehen sie Schlange. Und das obwohl seine Inhalte Schwarz-Weiß gemalt sind.

Aufgeben kommt nicht in Frage

Denn eins lernt man auf so einem Fest auch: Die Menschen suchen nach Antworten, wie es weitergeht in diesem Land. Und junge Leute suchen nach Sicherheiten, sie wünschen sich, dass sich ihr Einsatz lohnt. Sie wollen keine Politik, die sich mit sich selbst beschäftigt. Sie wollen Klartext.

Und auch wenn sich unsere Gummibärchen mit den Keksen vereint haben, wenn die Schlangen an den Nachbarständen länger sind: Den Platz in der Mitte dürfen wir nicht preisgeben. Wir müssen mutiger werden, klarer, verständlicher. 

Wir müssen Antworten geben, die sitzen:

  • Lohnt sich Leistung noch? Ja! Wir schaffen dafür die Rahmenbedingungen.
  • Kann ich mir eine Wohnung leisten? Ja! Wir sorgen dafür, dass gebaut wird, schneller und günstiger.
  • Kann ich aufsteigen, auch wenn meine Eltern keine Millionäre sind? Ja! Mit exzellenter Bildung, Ausbildungsförderung und einer Wirtschaft, die Chancen schafft. Und wir sorgen dafür.

Wir müssen zeigen, dass eine Politik der Mitte unser Land besser macht. Dass Freiheit, Verantwortung und sozialer Zusammenhalt keine Worthülsen sind, sondern die Grundlage für ein Land, in dem wir junge Menschen unsere Zukunft sehen.

Denn eins steht fest: Wenn wir die Mitte nicht füllen, werden wir von den Rändern erdrückt. Und das dürfen wir nicht zulassen. Deshalb stehen wir an unseren Ständen, auch wenn es manchmal wehtut und einsam ist, wenn die Leute an uns vorbeiziehen. Wir bleiben da.

privat

Dustin Müller (21), studiert Rechtswissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin, ist seit fünf Jahren nebenberuflich im Deutschen Bundestag tätig und sitzt der Jungen Union Treptow-Köpenick vor.

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