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Gut, dass man darüber gesprochen hat

Baden-Württembergs Regierungschef Oettinger wirbt in Großbritannien um EU-Regeln in der Finanzkrise.

(www.Suedkurier.de am 3. Oktober 2008) "Typisch Deutsch", meint ein Wirtschaftsrepräsentant beim Rausgehen. "Ausgezeichnet", reibt sich der deutsche Botschafter die Hände. Der LBBW-Vorstand nickt. Auch die Fachpresse. Denn Günther Oettinger hatte gerade unter den schweren, blau-goldenen Vorhang-Troddeln des alt-ehrwürdigen Carlton Club den (nicht anwesenden) Investmentbankern die Leviten gelesen. Zwischen wuchtigen Bildern von Sir Joseph Chamberlain oder Baronet Peel of Clanfield ging es sogar richtig zur Sache. "Arrogante Kaste" nennt der baden-württembergische Regierungschef diejenigen, denen es egal war, ob ihre Kreditnehmer Eigenkapital besaßen. Die Investmentbanker klaubten sich in vielen Meetings Infos zusammen, backten daraus "Cheesecakes" und legten den Fonds auf. Gewinne strichen sie ein und sozialisierten nun die Verluste. "Unvorstellbar" sei für ihn gewesen, dass Staaten einmal bürgen müssten. Und nun überall. Irland, Deutschland. Wo noch? "Ich zweifle die Kompetenz unserer hoch bezahlten Rating-Agenturen an", resümiert Oettinger nüchtern und etwas bitter. Denn auch er lobte in seinen Reden gern das Tripple-A Baden-Württembergs.

Doch der Mann aus dem Hypothekenmusterländle, wo die Kunden 30 bis 40 Prozent Eigenkapital mitbringen müssen, wo Volksbanken und Sparkassen über Einlagensicherungen verfügen, hatte trotzdem gut reden am trudelnden Finanzplatz London. Eigentlich war der Tag der deutschen Einheit Anlass seiner Visite. Doch dann kam die Bankenkrise. In den USA und in England bezahlten die schlimmsten Hyänen unter den Banken bis zu 130 Prozent der Hypotheken aus. Die Leute kauften sich davon Autos, Küchen, machten Reisen. Mit dem Wert der Immobilie hatte das längst nichts mehr zu tun. "Da lob ich mir den Eigenkapitalismus", meinte Oettinger. Das sei ein "Exportschlager", warb der Schwabe vor den deutsch-britischen Gästen der Konrad-Adenauer-Stiftung. Er wolle sich auf dieser kleinen Reise nur ein Bild verschaffen, wohin die Finanzkrise steuere, meinte er zu Beginn. Die Briten waren durchaus interessiert daran, was einer aus dem exportorientierten Südwesten zu sagen hat. Und sein Statement lautete: Europa. Mag sein Englisch auch ungelenk sein. Da kann Oettinger zu visionären Höhen fliegen - und sei es in einem düsteren britischen Club, wo die Damen mit weißen Handschuhen servieren und die alten Gemäuer so kalt sind, dass erst die Körper der 50 Gäste die Temperatur um drei Grad drücken.

Oettinger zeichnet das angelsächsische Desaster mit seinen Händen in die Luft. Die USA verliere an finanzpolitischer Vormacht, China sei noch nicht so weit. Oben, unten, wir dazwischen. In diesem Zeitfenster müsse Europa seine "Mittelpunktfunktion" wahrnehmen. Für die Übersetzerin sind Oettingers Wortkonstruktionen eine Herausforderung. Die Botschaft aber wird gehört. Und man hätte meinen können, dass der junge Chef der britischen Konservativen, David Cameron, auf Durchzug schaltet bei einer solchen Forderung. Doch der 42-jährige Europa-Kritiker stimmte dem Mann aus dem deutschen Südwesten zu. Im konservativen Carlton-Club wollte ein Mitglied der Tories wissen, wie Oettinger denn die Forderung nach mehr Europa-Zuständigkeit mit dem Abbau von Bürokratie vereinbaren wolle. Ganz einfach, konterte dieser schlagfertig. Europa regle vieles, nur nicht das Wichtige wie Verteidigung und den Geldmarkt. Diese Krise werde nicht mehr zu retten sein. Aber es sei an der Zeit, "gemeinsame Spielregeln" zu entwickeln.

Schon tags zuvor hatte der Ministerpräsident in der Heimat seine Regierungserklärung um einen langen Exkurs zur Finanzkrise erweitert. Alle spürten, das Thema treibt ihn um. Was bleibt beim Sparer hängen? Wie stellt sich Europa auf? Wie die deutsche Bankenlandschaft? Das Schlimmste sei, so Oettinger, "wenn mit dem Vertrauen in einzelne Köpfe auch das Vertrauen in die Branche sinkt". Selbst gesunde Banken kommen derzeit nicht an frisches Geld. Der Handel stockt. In England nahmen die Hypothekenkredite um 95 Prozent ab. Den Banken geht das Geschäft aus.

Die US-Investmentbank Goldman Sachs International hatte Glück. Bei ihr stieg Multimilliardär Warren Buffett mit mehr als fünf Milliarden Dollar ein - nach ihrer angekündigten Umwandlung in eine Geschäftsbank.

Oettinger war auch nach London gereist, um Peter Sutherland den baden-württembergischen Landesorden anzuheften. Der Ire, früher Wettbewerbskommissar in Brüssel, ist heute Vorstandsvorsitzender von British Petroleum (BP) und Goldman Sachs. Ein Schlachtross des Finanzmarktes. "Investmentbanking hat sich überholt", sagte Oettinger noch im Landtag tags zuvor. Mit Blick in Sutherlands strahlend blaue Augen wiederholt er das nicht. So nicht. Man sitzt im sechsten Stock des BP-Headquaters mit Aussicht auf den Park, an den Wänden Bilder von Bohrinseln. Hier wirkt einer, der den freien Fluss der Kräfte propagiert und eine nachfrageorientierte Wirtschaft. Wenn's Öl gibt, wird es verkauft. Beim Geld verhält es sich aber dann doch etwas anders. Der Investmentbanker war Teil des völlig überhitzten Systems, das den Kollaps brachte. Wo eine Firma Pleite ging, wo hohe Risiken dräuten, stand Goldman Sachs in der Tür.

Nicht nur buchstäblich am langen Konferenztisch sind Günther Oettinger und Peter Sutherland auf einmal gar nicht weit entfernt voneinander. Das Thema eint. Die "Crisis" werde das europäische Banksystem nachhaltiger verändern als geahnt. Sutherland analysiert nicht neu, aber scharf. Oettinger hört erst zu, blättert dann, wie es so seine Art ist, in Papieren. Er liest Artikel und Vermerke, reißt die "verarbeiteten" Blätter anschließend in der Mitte entzwei, manchmal sogar zweimal. Oettinger lässt sein Gegenüber teilhaben, zitiert aus dem aktuellen Handelsblatt "Europa, bitte aufwachen!" Und versenkt sich wieder in Lektüre. Sutherland, Jahrgang 1946, ist sichtlich irritiert. "Ich sehe, ich habe etwas lange geredet", meint er etwas süffisant. In der Sache waren sich der Ire und der Baden-Württemberger aber einig: Unterschiedliche Staatsgarantien schaffen ungute Geldbewegungen - das Geld geht dahin, wo abgesichert wird. "Nicht jeder Staat kann mit Staatsfonds und Bürgschaften seinen Weg gehen", meint Oettinger. Sutherland sagt es knapper: "Wir müssen es europäisch lösen."