Wiener Kongress der KAS Wien
Wie können Österreich und Deutschland ihre Interessen und Handlungsspielräume in einer zunehmend von geopolitischer Konkurrenz geprägten Weltordnung behaupten, und welche Verantwortung erwächst ihnen daraus? Unter dem Titel „Spielball oder Mitspieler?" widmete sich der Wiener Kongress 2026 am 17. September dieser Leitfrage. Nach der Eröffnung durch Sebastian Enskat, Direktor der Konrad-Adenauer-Stiftung Wien, diskutierten der frühere österreichische Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, der Militärexperte Carlo Masala, Professor an der Universität der Bundeswehr München, die Bundesrätin und Internationale Sekretärin der Jungen Volkspartei Antonia Herunter sowie Leslie Schübel, Programmleiterin Internationale Politik der Körber-Stiftung. Die Moderation übernahm ebenfalls Sebastian Enskat.
Gemeinsam stärker: das europäische Versprechen
Wolfgang Schüssel setzte den Grundton. „Die Idee von Europa ist, gemeinsam stärker zu sein", sagte er und benannte drei Größen, auf die es für die EU ankomme: Speed, Scale und Masse. Wer zu langsam sei, seine Kräfte nicht bündle und keine kritische Masse erreiche, verliere. Entscheidend sei dabei die wirtschaftliche Grundlage. „It's the economy, stupid", zitierte er das bekannte Diktum und verwies auf die schwache Wachstumsdynamik des Kontinents. Dass etwa Schweden ein Wachstum von rund zwei Prozent erreiche, müsse zu denken geben: „Sind die gescheiter als wir?"
Europa neige, so Schüssels Mahnung, zu einer „Tendenz zur Selbstverzwergung". Statt sich kleiner zu machen, als es sei, müsse der Kontinent seine Entscheidungen „mit Leidenschaft und Härte" treffen. Mit Blick auf die österreichische Neutralität wurde er deutlich: Mit einem gemeinsamen EU-Mandat sei es mit dieser Neutralität vorbei. Zugleich warnte er, dass die eigentlichen Gefährdungen des europäischen Lebensmodells in der öffentlichen Debatte kaum vorkämen, obwohl der „European way of life" der Traum von Millionen Menschen sei. Als historische Warnung führte er die Abschiedsrede von US-Präsident Dwight D. Eisenhower aus dem Jahr 1961 an, der vor einer technologischen Elite gewarnt hatte, die mit ihrem Wissensvorsprung die Demokratie gefährden könne.
Führung als Aufgabe: der sicherheitspolitische Realismus
Carlo Masala rückte die Machtfrage in den Mittelpunkt. Welche Rolle Europa künftig in der Welt spiele, werde maßgeblich von Deutschland abhängen. Europa werde über Kooperation geführt, doch habe man aus deutscher (und österreichischer) Sicht noch nicht vollständig begriffen, dass Führung „ganz und vollumfänglich" ausgeübt werden müsse. Die vornehmste Aufgabe Europas werde darin bestehen, das zu bewahren, was in den vergangenen siebzig Jahren erreicht worden sei. Denn, so seine pointierte Diagnose, die USA, China und Russland eine bei allen Unterschieden ein gemeinsames Interesse: eben diese europäische Errungenschaft zu zerstören.
Nüchtern fiel sein Blick auf die Sicherheitslage aus. Europa kehre sicherheitspolitisch auf den Status der 1950er Jahre zurück. Die Vorstellung, die USA würden ihre eigene Vernichtung riskieren, um ein konventionell besiegtes Deutschland zu retten, sei unglaubwürdig. Aus russischer Perspektive, so Masala, befinde man sich mit dem Westen ohnehin bereits im Krieg. Umso wichtiger sei politische Führung. Bei den Wählerinnen und Wählern zeige sich eine Ambivalenz aus dem Wunsch nach Information und dem Wunsch nach Führung. Ehrlichkeit sei wichtig, politische Führung aber noch wichtiger, und gerade sie gehe demokratischer Politik „leider Gottes immer öfter" ab. Dabei wäre diese durchaus möglich: Menschen könnten durchaus damit leben, wenn Dilemmata offen benannt würden. Für die europäische Integration warf er schließlich eine Frage auf, die weiterwirkte: Ließen sich nicht graduelle Mitgliedschaften denken, also flexiblere Modelle der Zusammenarbeit? Oder muss es immer die durchdachteste aber wenig pragmatische Lösung sein?
Eine neue Generation blickt anders auf Sicherheit und Neutralität
Antonia Herunter brachte die Perspektive der jüngeren Generation ein. Unter jungen Menschen werde ganz anders darüber diskutiert, wie Sicherheit gestaltet werden solle. Diesen Befund ergänzte Leslie Schübel: Bei jungen Leuten hänge weniger an der österreichischen Neutralität, man sei hier anpassungsfähiger.
Schübel, die sich bei der Körber-Stiftung intensiv mit russischer Politik befasst, ordnete zugleich das Verhältnis zu Moskau ein. Dieses sei, ähnlich wie manche wirtschaftliche Verflechtung, unnötig romantisiert worden. Trotz der „herrschenden Weltunordnung“ beruhten tragfähige Lösungsansätze weiterhin auf bestehenden Handlungsrastern, also auf den etablierten Institutionen und Verfahren, die es zu nutzen gelte, statt sie voreilig abzuschreiben.
Mitspieler, wenn Europa es will
So unterschiedlich die Zugänge waren, ein roter Faden verband sie: Österreich und Deutschland werden nur dann Mitspieler und nicht Spielball sein, wenn sie ihre Kräfte bündeln, wirtschaftlich stark bleiben und den Mut zu echter Führung aufbringen. Schüssels Appell gegen die Selbstverzwergung, Masalas Ruf nach vollumfänglicher Führung und flexibleren Integrationsmodellen sowie der pragmatischere Blick der jüngeren Generation auf Neutralität und Sicherheit weisen in dieselbe Richtung.
Die Antwort auf die titelgebende Frage liegt damit in Europas eigener Hand. Ob es sie ergreift, wird sich, so der Tenor des Abends, an der Bereitschaft entscheiden, unbequeme Wahrheiten auszusprechen und mit Leidenschaft und Härte zu handeln.
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