Event Reports

Vom Fall der Berliner Mauer bis zur Deutschen Einheit

by Werner Böhler

KAS-Ehrenvorsitzender Prof. Dr. Bernhard Vogel in Südafrika

Am historischen 9. November hielt Prof. Dr. Bernhard Vogel nicht nur einen bemerkenswerten Vortrag über den Weg vom Fall der Berliner Mauer bis zur Deutschen Einheit vor etwa 200 Zuhörern aus der deutschen Gemeinde in Kapstadt. Für die Gäste war es zugleich die Schilderung gelebter Geschichte, die Prof. Vogel in maßgeblicher politischer Verantwortung mitgestaltet hat.

Als einziger deutscher Politiker war Bernhard Vogel Ministerpräsident in zwei Bundesländern, wobei es eine zusätzliche Besonderheit ist, dass es sich dabei mit Rheinland-Pfalz zuerst um ein Bundesland der alten Bundesrepublik und mit dem Freistaat Thüringen um eines der neuen Bundesländer handelte. Insgesamt 23 Jahre regierte Bernhard Vogel auf Länderebene.

„Es gab keinen Plan und keine vergleichbare historische Erfahrung für die Wiedervereinigung Deutschlands. Wir mussten anpacken“, beschrieb Prof. Vogel die historische Herausforderung für die politisch Verantwortlichen. Deshalb müsse man sich nicht scheuen, auch Fehler einzugestehen. Alles in allem sei aber Vieles richtig gemacht worden. Wer das sehen möchte, solle heute die neuen Länder besuchen, in denen teilweise die Infrastruktur moderner sei im Vergleich zu mancher Region der elf Bundesländer im Westen. „Helmut Kohl hat die historische Stunde erkannt und beherzt, politisch gehandelt. Das ist seine herausragende historische Leistung als Bundeskanzler“, stellte Prof. Vogel weiter fest. Erstmals in der Geschichte lebe Deutschland in sicheren Grenzen und sei von Freunden, nicht von Feinden umgeben. Das vereinte Deutschland in Europa sei als friedensstiftender Partner akzeptiert und anerkannt, schloss Vogel.

Den dreitägigen Aufenthalt in Südafrika nutzte der Ehrenvorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung auch dazu, sich bei hochrangigen Gesprächspartnern über die politische Lage des Landes zu informieren. Auf dem Programm standen Gespräche mit dem Führer der Offiziellen Opposition im Nationalen Parlament, Athol Trollip (Democratic Alliance) und dem Präsidenten der Inkatha Freedom Party, Prinz Mangosuthu Buthelezi. Dem folgte ein Besuch beim Sprecher des Provinzparlaments vom Westkap, Shaik Shahid Esau, der von der Democratic Alliance, als stärkster Fraktion, gestellt wird. Während sich die Gespräche mit den Parteiführern vor allem mit der Frage des politischen Systems und des Parteiensystems im Land beschäftigten, informierte sich Bernhard Vogel im Gespräch mit dem Sprecher über das Zusammenleben der vielfältigen Religionsgemeinschaften in Südafrika, wobei die christlichen Kirchen und der Islam im Mittelpunkt standen. Nach Shaik Shahid Esau, der selbst dem muslimischen Glauben angehört, sind die Beziehungen zwischen den verschiedenen Kirchen in Südafrika positiv und konfliktfrei. Wir haben hier einen besonders toleranten Islam entwickelt und gelernt, unterschiedliche Religionszugehörigkeiten und deren Ausübung gegenseitig zu respektieren, erläuterte Shaik Shahid Esau.

Das Rechtssystem, die Rolle und Zukunft der Provinzen sowie die zentrale Bedeutung der Verfassung für die Demokratie in Südafrika waren Themen, die mit der Richterin am Obergericht in Kapstadt, Elizabeth Baartman und der ehemaligen Richterin am Verfassungsgericht in Johannesburg, Kate O´Regan, eingehend diskutiert wurden. In weitgehender Übereinstimmung erläuterten beide Gesprächspartnerinnen den zentralen Stellenwert der Verfassung des Landes, die in einigen wesentlichen Punkten an das deutsche Grundgesetz angelehnt sei. Der Rechtsstaat und die Unabhängigkeit der Justiz, beides Arbeitsschwerpunkte der KAS im Länderprogramm, seien das Fundament des demokratischen Systems in der noch jungen Demokratie in Südafrika. Im Hinblick auf die auch heute noch erkennbare Trennung der Bevölkerungsgruppen nach der Farbenzugehörigkeit (Schwarze, Weiße, Indians/Asiens, Coloureds) meinte Kate O´Regan, dass ein völliges Überwinden der Folgen der Apartheid wohl Generationen dauern würde. Prof. Vogel wies in diesem Zusammenhang auf den Zeitfaktor hin. Zwanzig Jahre seien zwar eine relativ lange Zeit, in der Geschichte eines Landes aber eine zu kurze Phase, um Wunden aus Unterdrückungszeiten zu heilen. Weiteren Gesprächen mit dem Minister für Kultur und Sport im Westkap, Dr. Ivan Meyer, dem Kanzler der University of Western Cape, Prof. Brian O´Connell, sowie der Direktorin des Center for Constitutional Rights der FW de Klerk Stiftung, Nikki de Havilland, folgte ein Besuch im District Six Museum. Das methodisch und didaktisch eindrucksvolle, interaktiv gestaltete Museum wurde von Rhoda Kadali, selbst eine Betroffene der brutalen Umsiedlungspolitik des Apartheidregimes in diesem Stadtbezirk, mit Schilderungen aus ihren eigenen Erinnerungen ergänzt.

Zwei Vor-Ort-Besuche in konkreten Entwicklungsprojekten rundeten das umfangreiche Programm ab. In dem Township Kyalitsha unterstützt eine deutsch-südafrikanische Kooperation unter Mitwirkung der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) ein Gewaltpräventionsprogramm durch verbesserte Umfeldbedingungen im täglichen Lebens- und Arbeitsumfeld. Nach einer ersten Trendmessung ist die Mordrate in dem „Crime Hot Spot“ um über 30 Prozent zurück gegangen, erläuterte der Projektleiter, Michael Krause von der KfW. Möglich wird dieser Erfolg aber nur, wenn die Menschen des Wohnbezirks partizipativ und permanent in die Entscheidungs- und Gestaltungsprozesse einbezogen werden. Dafür ist Sicelo Theo Nkohla zuständig, den die KAS vor zwei Wochen im Rahmen eines Studien- und Informationsprogramms nach Deutschland eingeladen hatte.

Pfarrer Otto Kohlstock leitet das Lutheran Community Centre „iThemba Labantu“ im Township Philippi. Mit einem engagierten Team bietet das Projekt Essen aus einer Suppenküche für Bedürftige an. Eine auf HIV/AIDS spezialisierte Krankenstation verabreicht Erkrankten die lebenswichtigen Medikamente und bereitet die Betroffenen für die Rückkehr in ihre Familien vor. Beschäftigung und Ausbildung sowie eine Vorschule sind weitere wesentliche Bestandteile des von privaten Spenden getragenen Projekts.

Prof. Bernhard Vogel war einer Einladung des Deutschen Generalkonsuls in Kapstadt, Hans-Werner Bußmann, gefolgt. Der Abendvortrag von Prof. Vogel zur Deutschen Wiedervereinigung fand im Rahmen der Deutschen Kulturwochen vom Oktober 2010 bis Februar 2011 statt. Für das politische Programm war das Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung in Südafrika zuständig.