Nach der Ankunft startete die Führung im Erdgeschoss des dreistöckigen Museums. Hier erhielten die Teilnehmenden einen ersten Überblick über Königsberg des 18. Jahrhunderts, die Heimat Kants, die er sein gesamtes Leben nie wirklich verließ. Einen direkten Bezug zwischen Kant und Lüneburg gibt es zwar nicht, allerdings wurde Lüneburg nach dem Zweiten Weltkrieg, wie viele Gebiete in Niedersachsen, zum Knotenpunkt für die Menschen, die aus den ehemaligen preußischen Gebieten flohen, auch aus Königsberg. Bei den Plänen für den Aufbau des Museums diente eine der Philosophien Kants in seiner Kritik der reinen Vernunft als Orientierung. Denn hier beschreibt er, dass sich die Vernunft architektonisch aufbaut beziehungsweise sich auf diese Weise strukturieren lässt. Demnach bildet das Erdgeschoss des Museums das Fundament, auf dem in der ersten Etage die Erkenntnis aufbaut, gefolgt schließlich von der Vernunft in der 2. Etage. Über allen Etagen schließt ein Sternenhimmel den Etagenaufbau ab und bezieht sich auf das berühmte Zitat Kants: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmenden Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir“.
Während der Führung erfuhren die Teilnehmenden zunächst viel über Kants Alltag und Lebenssituation. Kant wuchs mit acht Geschwistern in einer Familie auf, die zwar nicht verarmt war, allerdings auch keinen Wohlstand genoss. Diese Erfahrung soll mitunter auch ein Grund dafür gewesen sein, weshalb Kant nie selbst eine Familie gründete oder gar eine Partnerschaft einging. So verband er wahrscheinlich Familie mit Geldmangel und interpretierte eine solche Bindung auch als einen Verlust an Autonomie.
Ebenso war Kant ein sehr gesundheitsbewusster Mensch, wie die Teilnehmenden in der Ausstellung feststellen konnten. So unternahm Kant zum Beispiel jeden Tag zu jeder Jahreszeit einen Spaziergang mit dem immer gleichen Ziel. Geweckt wurde Kant jeden Morgen von seinem Diener, einem ehemaligen preußischen Soldaten, um Punkt 4:45 Uhr mit dem militärischen Zuruf „Es ist Zeit!“. Auf seine Gesundheit achtete der nur 1,54 Meter große Kant wohl auch aufgrund seiner angeborenen Fehlbildung des Brustkorbes, die unter anderem für eine stark vorgebeugte Haltung sorgte und für weitere Auswirkungen auf seine Gesundheit verantwortlich war. Der gesundheitsbewusste Lebensstil könne daher auch als Ausdruck Kants verstanden werden, unbedingt die Selbstbestimmtheit über seinen Körper behalten zu wollen, so der Guide des Museums. Passend hierzu konnten auch einige der wenigen Originalgegenstände aus der „Kant-Sammlung“ des Museums angeschaut werden. Dazu gehörten der Spazierstock Kants, ein Glas und seine Totenmaske.
Auf der zweiten Etage ging es um die von Kant aufgestellten Konzepte zur Moral, Ethik, Freiheit und Mündigkeit. Hier konnten die Teilnehmenden in eine kleine Diskussion über Kants Gedankengänge und Beweggründe für seine Ethiken einsteigen. So war Bestandteil dieser, warum Kant die Zehn Gebote als alleiniges Moralkonzept eigentlich ablehnte. So erklärte der Guide, dass Kant den Inhalt der Zehn Gebote nicht per se ablehnte und sie im Grunde als richtig erachtete, allerdings aufgrund der Tatsache, dass sie von Gott an den Menschen gegeben wurden, eine Einschränkung der Autonomie des Menschen sah. Auch deshalb soll Kant den kategorischen Imperativ aufgestellt haben, bei dem jeder Mensch seine Taten und Handlungen für sich selbst kritisch hinterfragen („Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen“) und auf moralische Richtigkeit überprüfen kann.
Zum Abschluss der Führung ging es um Kants wichtigste politische Schrift, die er 1795 veröffentlichte. In „Zum ewigen Frieden“ behauptete Kant, dass nach seinem darin aufgestellten Konzept ein ewiger Frieden möglich wäre. Er glaubte, dass die Republik (Demokratie), die Zusammenarbeit der Republiken und internationales Recht die Voraussetzungen für einen dauerhaften Frieden seien. Feststeht, dass seine Ideen das heutige Völkerrecht beeinflussten, im Besonderen die Vereinten Nationen und die Vorstellung einer internationalen Rechtsordnung sind in der Tradition seiner Friedensphilosophie zu sehen. Alle Teilnehmenden waren sich jedoch einig, dass Kants Annahme eine Schwachstelle hat: In seinem Glauben an die reine Vernunft des Menschen unterschätzte er, dass nicht jeder Mensch stets danach handelt, sondern oft die Irrationalität oder machtpolitische Interessen über der rationalen Einschätzung stehen, wie unsinnig die Führung eines Krieges ist.
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