Présentations & compte-rendus

„Alle sollen Gesicht zeigen!“

Erstaunliche Gemeinsamkeiten im KAS-Workshop zu Integration in Weingarten

Leitkultur oder Multikulti? – daran (und an noch viel mehr) scheiden sich viele Geister. Der Begriff „Integration“ ist in aller Munde. Doch was wir darunter verstehen, darüber besteht kein wirklicher gesellschaftlicher Konsens. In unserem Workshop „Lernprozess Integration?“ wollten wir den Dingen etwas mehr auf den Grund gehen.

Welches Miteinander wünschen wir uns? Und: Welche kulturellen und sozialen Errungenschaften prägen unser Land und unseren Kontinent, auf die wir „Neu-Deutsche“ und „Neu-Europäer“ nicht nur der ersten Generation verpflichten müssen, um Heimat und Identität nicht preiszugeben – und um damit offen für Neuankömmlinge zu bleiben?

Prof. Dr. Berthold Löffler, Professor für Staats- und Verwaltungsrecht sowie Politikwissenschaft am Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Weingarten, begann den Workshop mit dem Versuch einer Begriffsklärung. Dabei differenzierte er vor allem einen formalen von einem inhaltlich-kulturellen Identitätsbegriff. Erst über die Definition von Identität könne überhaupt klar werden, was Integration bedeuten solle. Solle diese nur in ein bestehendes Rechts- und Verfassungssystem erfolgen, oder beinhalte Integration die wesentlich komplexere Übernahme von Kultur und Tradition? Löffler brach dabei eine Lanze dafür, selbstbewusst mit tradierten und in der Regel im Christentum verwurzelten Riten und Gebräuchen umzugehen. „Wir brauchen Grenzen, um unsere eigene Identität zu wahren!“, so Löffler.

Den zweiten Pol im Spannungsfeld zwischen Grenzwahrung und Grenzöffnung markierte Dustin Dehéz, u.a. Landesvorsitzender der hessischen Sektion der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen. Der in Accra (Ghana) und Frankfurt am Main lebende Politikberater legte dar, warum es im deutschen Interesse sein, Grenzen für Flüchtlinge zu öffnen. Nicht zuletzt gehe es darum, die Nachbarstaaten der Länder, aus denen die Flüchtlinge stammten, vor Überlastung zu schützen. „Die Stabilität dieser Länder steht auf dem Spiel. Wenn sie scheitern, gibt es eine noch größere humanitäre Katastrophe.

In verschiedenen Schritten und wechselnden Arbeitsgruppen entwickelten die Teilnehmer dann in Zusammenarbeit mit den Referenten ihre Perspektive von Integration. Mit dabei: Ehrenamtliche aus der Flüchtlingshilfe und kirchlichen Kreisen, „Profis“ staatlicher und kommunaler Institutionen aus dem Integrationsbereich, Studentinnen und Studenten, ein Musiker und allgemein Interessierte.

Die „Baustellen“ der Integration verorteten die Teilnehmer in den Bereichen Geschlechterrollen und -verständnis, im Umgang mit Religion und religiösen Symbolen sowie in der Definition, was eigentlich „unsere“ kulturelle Identität ausmache.

Die wichtigsten Stichworte im Umgang zwischen den Geschlechtern waren:

Freiheit in den Beziehungen (mit Blick auf steigende Scheidungsraten bei Flüchtlingsehen), Gleichwertigkeit von Mann und Frau (über die reine Rechtsgleichheit hinaus), das Recht auf Autonomie beim Treffen eigener Lebensentscheidungen (unabhängig vom Geschlecht), Selbstwert für Frauen und Männer durch Erwerbsmöglichkeit, das wertschätzende Begegnen von Männern und Frauen, das Eiuntreten für Religion als verbindendes Element mit einem freien Zugang auch von Frauen in den öffentlichen Raum (wofür auch Frauen die deutsche Sprache oder die des Gastlandes erwerben müssen, und: alle sollen Gesicht zeigen. Als störend markierten die Teilnehmer das „Nicht-die Hand-Geben“, die Betonung des Trennenden durch religiös begründete Kleidungsnormen und generell das Fehlen von Respekt insbesondere gegenüber Frauen. Zugleich wurde der Zwiespalt für Migranten festgestellt, die die Achtung ihrer männlichen Gefährten ihrer Ursprungsgesellschaft verlören, wenn sie Frauen (plötzlich) gleichberechtigt behandelten – und somit wiederum einen teil ihrer kulturellen Herkunft verlören.

Im Bereich Religion wandten sich Teilnehmer gegen ein Religionsverständnis, dem sich die staatliche und nationale Ordnung unterordnen müsse. Deutschland und unser Rechtssystem stünden über Religion und Konfessionslosigkeit. Es gehe darum, eine gemeinsame Identität zu entwickeln, die die religiöse Zugehörigkeit „überwölbe“. Religiöse Minderheiten besäßen Pflichten gegenüber der Mehrheitsgesellschaft, erhielten im Gegenzug aber Schutz. Generell sahen die Teilnehmer kritisch, wenn Religion als Vorwand zur Abschottung herhalten müsse.

Die kulturelle und politische Identität zu definieren, war der vielleicht schwierigste Punkt. Die Aufklärung als einzigartiger, politischer und kultureller „Urknall“ der westlich geprägten Gesellschaften konfrontierte religiösen Rigorismus mit liberalem Individualismus und gebar so ein komplexes System aus christlicher Tradition und individualistischer Modernität. Nach den Katastrophen von Holocaust und Weltkriegen gebe es in Deutschland eine besonders komplizierte Tradition mit dem Umgang mit Konflikten und der Definition der eigenen kulturellen Identität. Die Konfrontation mit anderen Kulturen, Migration und Integration verlange nun eine Klärung, die wir Deutschen lange vor uns hergeschoben haben.

Ein Teilnehmer mit Migrationshintergrund gab vor der Debatte zum Umgang mit Festen wie Weihnachten und Sankt Martin sinngemäß folgenden Rat: „Stehen Sie selbstbewusst zu Ihren Traditionen. Nur so werden Sie auch von den anderen geachtet!“

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