Veranstaltungsberichte

Orte der Erinnerung

Stadtführung zu Holocaust-Mahnmalen in Berlin

Fernab von vielbeschrittenen Touristenpfaden: Bei einer Stadtführung der Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung konnten Teilnehmer wenig bekannte Shoah-Mahnmale und Gedenkstätten an das jüdische Leben in Berlin entdecken.

„Das jüdische Erbe Berlins ist eine große Palette“, sagte Dov Bernhard Galmor-Geier, der sowohl die deutsche als auch die israelische Staatsbürgerschaft besitzt. Er führte die rund 30 Teilnehmer einen Nachmittag lang durch Berlin. Viele Verwandte habe er im Holocaust verloren, sagte er. "Jede Sache für die Erinnerung, für die Verewigung tut uns gut." Berlin habe 24 Shoah-Denkmäler. „Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll: Soll ich Ihnen zuerst das traurige, das fröhliche oder zuerst das schöne jüdische Erbe in Berlin zeigen?“, fragte Galmor-Geier. „Am besten, ich zeige Ihnen einfach von allem etwas.“

Straßenlaternen werden zu Mahnmalen

Bilder an Straßenlaternen im Bayerischen Viertel in Berlin-Schöneberg sehen nur von einer Seite fröhlich aus: Ein Hut ist etwa darauf zu sehen, ein mit Kreide gemaltes Hüpfspiel für Kinder, die Falten eines samtenen Theatervorhangs. Auf der Rückseite hält ein Satz jeweils Gesetz fest, das das jüdische Leben in Berlin weiter auslöschte. „Angestellte können ohne Abfindung gekündigt werden“, „arischen“ Kindern sei es verboten mit jüdischen Kindern zu spielen, jüdische Schauspieler dürften fortan nicht mehr auftreten. An einer anderen Straßenlaterne klemmt das Piktogramm eines Briefumschlags auf gelbem Untergrund. Galmor-Geier erzählt, dass es an die Geschichte einer Frau erinnert, die ihrer Nichte kurz vor der Deportation einen Brief hinterließ. Ein Auszug daraus steht auf der Rückseite des Schildes: „Nun ist es soweit, morgen muss ich fort u. das trifft mich natürlich schwer; (...) Ich werde Dir schreiben...“ Eine kleine Puderdose hätte bei dem Brief gelegen, erzählte Galmor-Geier. „Und wenn du sie aufmachst und in den Spiegel blickst, wirst du Dich an Deine Tante erinnern“, habe es in dem Brief geheißen.

Mit der Absicht, eine Mauer zu errichten – aber eine die erinnert, nicht entzweit

Auf dem Schulhof der Löcknitz-Grundschule in Berlin Tiergarten/ Schöneberg wächst seit 19 Jahren eine Mauer aus hellbraunen Ziegelsteinen. Jeder Stein trägt einen Namen und ein Geburtsdatum, etwas ungelenk geschrieben. Emil Süßkind steht da, Willy Beutler, Elli Grün und viele andere Namen. Namen von jüdischen Bürgern, die während des Nationalsozialismus ermordet wurden. Jeder Sechstklässler der Löcknitz-Schule sucht sich aus Listen des Heimatmuseums Schöneberg eine Person aus, mit der sie etwas verbindet – derselbe Geburtstag etwas, dieselbe Adresse, derselbe Vorname. Jeder Schüler schreibt dann den Namen des Menschen auf einen Stein, dem er gedenken will. Der Stein wird in einer kleinen Zeremonie der Ziegelmauer hinzugefügt. "Die Zahl sechs Millionen ist doch so groß und abstrakt“, sagt Galmor-Geier. „Aber ein Name, ein Schicksal, eine Gemeinsamkeit – das sagt den Kindern viel mehr. Das berührt und lehrt sie.“

Menschen in Viehwaggons

Die Levetzowstraße in Berlin Tiergarten. Hier stand einst die größte Synagoge Berlins mit mehr als 2000 Plätzen. Ab 1941 wurde sie als Sammelplatz zur Vorbereitung auf Deportationen missbraucht. 63 mal wurden Juden an diesem Platz versammelt und zum Güterbahnhof Pulitzstraße getrieben. Heute befindet sich dort der S-Bahnhof Westhafen. Tausende Berliner Juden wurden von dort in die Vernichtungslager transportiert. Ein Waggon voll mit gekrümmten und verzerrten Gestalten erinnert in der Levetzowstraße heute an die grausamen Deportationen. Über eine Rampe zerrt eine unsichtbare Hand ein gebündeltes Menschenpaket in den Güterwaggon. Die Synagoge steht heute nicht mehr, sie wurde nach dem Krieg abgerissen.

Unwissende lassen sich scherzhaft auf dem umgefallenen Stuhl fotografieren

Ein Schreibtisch auf Parkettfußboden, ein umgefallener Stuhl. „Man sieht gleich: Hier ist etwas passiert“, sagt Galmor-Geier. Seit 1996 steht „Der verlassene Raum“ des Künstlers Karl Biedermann auf dem Koppe-Platz in Berlin-Mitte. Ringsherum ein Fries mit Versen von der Nobelpreisträgerin Nelly Sachs: „O die Wohnungen des Todes/ Einladend hergerichtet/ Für den Wirt des Hauses, der sonst Gast war-/ O ihr Finger/ Die Eingangsschwelle legend/ Wie ein Messer zwischen Leben und Tod-/ O ihr Schornsteine/ O ihr Finger/ und Israels Leib im Rauch durch die Luft!“ Unwissende breiteten manchmal ihr Picknick auf dem Bronze-Tisch aus, erzählte Galmor-Geier. "Sie lassen sich auf dem umgefallenen Stuhl fotografieren und erkennen nicht, dass dies ein Ort der Erinnerung ist.“

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Renate Abt

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Landesbeauftragte für Berlin und Leiterin des Politischen Bildungsforums Berlin

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