Veranstaltungsberichte

Raum, in dem man unbeschadet leben darf

von Christian Schleicher
Katharina Hacker hat die diesjährige Reihe der Akademielesungen eröffnet, die unter dem Motto „Literatur & Heimat“ steht. Die Autorin stellte ihr Buch „Eine Dorfgeschichte“ vor.

Darin erzählt sie von einer Familie, die jährlich ihre Sommer in einem kleinen Dorf im Odenwald verbringt. Die namenlose Ich-Erzählerin tritt dem Leser wandelbar gegenüber: mal berichtet sie aus der Perspektive des kleinen Mädchens, das mit seinen beiden Brüdern eine Gemeinschaft bildet, mal als bereits erwachsene Frau, die mit ihren beiden eigenen Töchtern in das Dorf ihrer Kindheit zurückkehrt und sich längst vergangener Tage erinnert. Katharina Hacker verklärt das Dorf- und Landleben in keinem Satz, sondern zeigt auf, wie schwer es sein kann, eine wirklich unbeschwerte Kindheit in dieser kleinen Welt zu verbringen. Sie legt Wert auf die Feststellung, dass in dem Buch lediglich der Ort real sei, Personen und Geschichten hingegen erfunden. Um die Grenze zwischen Fiktion und Authentizität aufzuzeigen, las sie zusätzlich eine Passage aus ihrem Buch „Unter denen Schnecken“, einer biographischen Skizze über ihre Großmutter.

Was bedeutet Heimat, welche Form von Heimat gibt es? Ist es ein Ort, sind es Familie und Freunde und das soziale Umfeld, ist es ein Gefühl oder gar eine Utopie? Führt erst Entfremdung zu Heimat? Ist sie real oder ein Gefühl des Heimwehs, der Erinnerung und der Sehnsüchte? Den unterschiedlichen Facetten von Heimat soll in diesem Jahr innerhalb der Lesungsreihe nachgegangen werden.

Katharina Hacker bezeichnete Heimat als einen Raum, in dem man unbeschadet leben darf und in dem man ein mit Rechten ausgestatteter Staatsbürger ist. Überdies ist auch der Laptop Heimat für sie, da sie ihn überall mit hinnehmen kann und somit ortsungebunden Zugriff auf Texte und Musik hat und korrespondieren kann.

Obwohl ihr neues Buch überwiegend auf dem Land spielt, bezeichnet sich die Autorin als reiner Stadtmensch, der nie aufs Land ziehen würde, dorthin aber gerne Ausflüge unternimmt. „Eine Dorfgeschichte“ ist auch deshalb so lesenswert, weil es den Leser anspricht und mit seinen Geschichten in die eigene Kindheit zurückversetzt.

Die nächsten Termine der Akademielesung sind:

9. Mai 2012: Arno Surminski

17. Oktober 2012: Judith Schalansky

November (Tag steht noch nicht fest): Ilija Trojanow

Ansprechpartner

Christian Schleicher

Christian Schleicher bild

Abteilungsleiter Politische Bildungsforen und Regionalbüros Nord

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