Die Politische Meinung

Aus den Fugen

von Edmund Ratka
Die arabische Welt zerfällt, der Westen bleibt ratlos

Jean-Pierre Filiu: Généraux, gangsters et jihadistes. Histoire de la contre-révolution arabe, La Découverte, Paris 2018, 320 Seiten, 22,00 Euro.

Rainer Hermann: Arabisches Beben. Die wahren Gründe der Krise im Nahen Osten, Klett-Cotta, Hamburg 2018, 378 Seiten, 16,95 Euro.

Scott Anderson: Zerbrochene Länder. Wie die arabische Welt aus den Fugen geriet, Suhrkamp Verlag, Berlin 2017, 264 Seiten, 18,50 Euro.

 

Was südlich des Mittelmeers, im Nahen Osten und Nordafrika, geschieht, betrifft uns hierzulande unmittelbar. „Fluchtursachenbekämpfung“ ist mittlerweile zu einem Kernziel deutscher Außen- und Entwicklungspolitik avanciert. Doch auf den Zerfall der Ordnungsmuster in der arabischen Welt sucht der Westen noch immer Antworten. Nachdem die demokratischen Hoffnungen des „Arabischen Frühlings“ von 2011 zwischen extremistischen Ideologien, autoritärer Restauration und geopolitischen Rivalitäten zerrieben wurden, scheint sich Europa an seiner südlichen Flanke nichts sehnlicher zu wünschen als Stabilität. Dabei ist die zunehmend durchschimmernde Nostalgie nach der „guten alten Zeit“ mit ihren postkolonialen Autokratien, welche die arabischen Staaten über Jahrzehnte zusammenhielten, nicht nur zynisch, sondern auch trügerisch. Doch gibt es andere Optionen?

 

„Generäle, Gangster und Dschihadisten“ hat der französische Nahostwissenschaftler und Ex-Diplomat Jean-Pierre Filiu sein jüngstes Buch überschrieben. Für ihn können die autoritären Regime nicht Teil der Lösung sein, sondern sie sind die Ursache des Problems. Während sie unter dem Deckmantel des internationalen „Kampfes gegen den Terror“ Legitimität auf der Weltbühne suchten, trugen sie durch ihre anti­demokratischen Sabotagemanöver zur Entstehung dschihadistischer Gruppierungen wie des „Islamischen Staates“ (IS) maßgeblich bei. Von dieser These ausgehend, erzählt Filiu die neuere Geschichte der arabischen Welt. Dabei greift er auf den Topos des „tiefen Staates“ zurück, also jener obskuren Vermengung von Sicherheitsapparat, korrupten Funktionären und organisiertem Verbrechen, wie sie zuerst in den 1990er­-Jahren in der Türkei konstatiert wurde.

 

Usurpation neugewonnener Freiheiten

 

Filiu bringt dieses Analyseraster in seinem Buch nicht immer konsequent zur Anwendung. Vielmehr treibt er seine Argumentation durch eine beeindruckende, wenngleich den Leser in ihrer Detailfülle zuweilen strapazierende empirisch-historische Betrachtung voran. Ein halbes Jahrhundert habe es gedauert, so lautet seine bittere Bilanz der Staatsgründungsphase, bis sich die Araber von der europäischen Kolonialherrschaft befreit hätten. Aber innerhalb nur zweier Jahrzehnte – 1949 bis 1969 – gelang es putschenden Militärs von Algier über Kairo bis Damaskus, die neugewonnene Freiheit zu usurpieren. Diese gaben sich nach außen zwar gern einen modernen Anstrich. Doch praktizierten sie nach innen eine Form der sozialen Exklusion und des Paternalismus, welche den Emanzipations- und Demokratiebestrebungen in der arabischen Welt, wie sie in der als ''Nahda'' („Erneuerung“) bekannten Bewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts intellektuell vorbereitet worden war, schließlich den Boden entzog.

 

Die „leeren Versprechen der Staatsgründer“ sieht auch Rainer Hermann als einen der Gründe, warum 2011 das, wie er es nennt, Arabische Beben begann. Hermann, Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und zweifellos einer der profundesten Nahost-Kenner in der deutschen Medienlandschaft, beschreibt in einer Mischung aus analytischem Überblick und journalistischen Beobachtungen aus der Region anschaulich, wie und warum sowohl die innerstaatliche als auch die regionale Ordnung in der arabischen Welt zerfällt.

 

Bemerkenswert ist, dass für Hermann zu dieser Entwicklung auch der „Zerfall des Islam“ gehört, genauer gesagt, eines „bürgerlichen Islam“, den er als „Mitte“ charakterisiert. Dieser habe bis weit ins 20. Jahrhundert hinein die großen Städte der arabischen Welt geprägt. Die im Zuge der Unabhängigkeit geborenen „Sicherheitsstaaten“ übernahmen im Bemühen um Modernisierung und Kontrolle aber die religiösen Institutionen und versetzten der bis dahin praktizierten Vielfalt und Unbestimmtheit des Islam den Todesstoß. Hermann sieht die Muslimbruderschaft mittlerweile als Vertreter eines solchen bürgerlichen Islams. Sie stellte damit eine „Brandmauer zum Dschihad“ dar. Entsprechend kritisch bewertet er den Militärputsch gegen den demokratisch gewählten Muslimbruder Mohamed Mursi in Kairo am 3. Juli 2013 als Gewalt legitimierenden Sündenfall. Nachdem die Muslimbruderschaft in Ägypten und anderen Staaten als Terrororganisation eingestuft und verboten worden sei, bleibe deren Anhängern nur unpolitische Sozialarbeit oder der bewaffnete Untergrund.

 

Unbestritten ist, dass solche Eskalationsspiralen zur Radikalisierung von Oppositionsgruppen beitragen und der Terrorpropaganda neue Nahrung geben. Hermann macht es sich jedoch zu leicht, wenn er die Frage, inwieweit der politische Islam mit einer demokratischen Regierungsform vereinbar ist und ob dessen Vertreter ein freiheitliches Gesellschaftsmodell denn überhaupt akzeptieren, nur streift.

 

Sunna-Schia-Konflikt verhindert Aussöhnung

 

Während Filiu es dabei belässt, die verheerenden Folgen der „arabischen Konter-Revolution“ aufzuzeigen, und schlicht an die Notwendigkeit demokratischer Transition appelliert, wagt sich Hermann an „Grundbausteine“ einer Strategie, wie eine neue Ordnung aussehen könnte. Er wünscht sich dafür nicht nur einen „moderaten Islam“, sondern auch einen „gemäßigten Arabismus“. Für ihn ist der konfessionelle Eifer, der die nach Identität suchenden Gesellschaften erfasst hat – vor allem der Sunna-Schia-Konflikt –, ein wesentliches Hindernis auf dem Weg zu innerer Aussöhnung und regionaler Friedensordnung. Ein weiteres Hindernis ist der fortdauernde hegemoniale Machtkampf zwischen Iran und Saudi-Arabien. Beide Länder hätten dazu Glaubensfragen instrumentalisiert und die religiösen Spannungen in der Region befeuert.

 

Hermann erklärt dabei insbesondere die saudische Perspektive. Die sunnitische Golfmonarchie fühle sich vom Iran und von seinen Verbündeten eingekreist sowie von den aus Teheran unterstützten schiitischen Milizen bedroht, die in den letzten Jahren ihre Position im Libanon, in Syrien, im Irak und im Jemen ausbauen konnten. Doch der im Westen „ungeliebte Stabilitätsanker“ Saudi-Arabien als derzeit „letzte arabische Ordnungsmacht“ wird ihm zufolge nur dann erhalten bleiben, wenn sich das Königreich im Innern verändert. Dafür müssten die derzeitigen Reformen des Kronprinzen Mohammed bin Salman sowohl in einen erfolgreichen Umbau der Wirtschaft als auch in einen neuen „Vertrag“ des Hauses Saud mit der Gesellschaft münden, der mehr Partizipation ermögliche und die ideologischen Fesseln des Wahhabismus abstreife.

 

Hermann setzt des Weiteren auf den territorialen Nationalstaat, funktionierende Institutionen und eine regionale Ordnung, die verschiedene Identitäten zulässt, als Elemente für eine friedliche neue arabische Welt. Doch diese ist nicht in Sicht. Die Faktoren, die zu den Unruhen 2011 führten, sind nach wie vor vorhanden. Hermann rechnet mit neuen Massenprotesten, wenn die Unzufriedenheit in der Bevölkerung weiter steigt. „Zunächst werden die Dinge noch schlechter werden, bevor sie wieder besser werden. Der große Krieg im Nahen Osten ist noch lange nicht zu Ende“, lautet sein düsteres Fazit.

 

Wer nach Ansatzpunkten für eine hoffnungsvollere Entwicklung sucht, findet sie vielleicht bei Scott Anderson. Der amerikanische Kriegsreporter eröffnet einen Zugang, der die komplexen Verwerfungen in der arabischen Welt über Einzelschicksale zu erschließen versucht.

 

Wirren der arabischen Gegenwart

 

Andersons treffend mit Zerbrochene Länder betiteltes Buch liefert keine analytische Einordnung, sondern fordert den Leser durch biographische Nähe und die Subjektivität der sechs realen Protagonisten heraus, die der Autor erzählerisch durch die Wirren der arabischen Gegenwart und jüngeren Vergangenheit begleitet. Bewundert man zunächst den kurdischen Milizenführer aus dem Irak, der eigentlich Arzt ist, für seinen tapferen Kampf gegen den „Islamischen Staat“, so ist dann das Erschrecken über dessen blanke Verachtung seiner arabischen Landsleute, mit denen er ein Zusammenleben für vollkommen ausgeschlossen hält, umso größer. Man folgt dem jungen irakischen Tagelöhner, der sich beim IS verdingte, nachdem dieser sein Städtchen übernommen hatte, und der jetzt in einem Gefängnis auf den Strick wartet; man fühlt mit der ägyptischen Aktivistin, die erst ihren Mann und dann ihre zwei Kinder ins Gefängnis gehen sieht und deren Widerstandsgeist ungebrochen ist.

 

Andersons chronologisch aufgebautes Reportage-Buch liest sich spannend wie ein Fortsetzungsroman, bei dem man das tragische Ende ahnt. So pessimistisch letztlich auch Anderson die Entwicklungen im Nahen Osten sieht, schöpft er Trost, wie er im Nachwort resümiert, „aus der außergewöhnlichen Kraft Einzelner, Veränderungen herbeizuführen“.

 

Diese „Einzelnen“ zu stärken und sich dafür einzusetzen, dass sie über entsprechende Resonanz- und Gestaltungsräume verfügen, gehört zu den begrenzten Möglichkeiten, die westliche Akteure derzeit haben. Ausgefeilte Förderinstrumente und ausreichende Mittel für Entwicklungs- und Kulturzusammenarbeit allein reichen nicht aus. Es braucht darüber hinaus politischen Mut und Geschlossenheit, wenn der Westen im Konzert der vielfältigen lokalen, regionalen und internationalen Akteure bei der Neuordnung der arabischen Welt, wie sie in allen drei Büchern als langwierige und letztlich ergebnisoffene Umbruchsphase beschrieben wird, eine Rolle spielen will. Solange sich die europäischen Staaten für wirtschaftlichen Profit oder kurzfristige Stabilitätsgewinne gegeneinander ausspielen lassen, bleibt die Wirkung moralischer Appelle begrenzt.

 

Die arabischen Gesellschaften sind jung, und diese Jugend, so müde sie nach acht Jahren zerplatzter Träume und blutiger Konflikte vielerorts auch sein mag, wird sich weiter auf die Suche nach einem besseren Leben machen, in ihrer Heimat – oder anderswo.

 

Edmund Ratka, geboren 1983 in Nördlingen, Referent im Team Naher Osten und Nordafrika, Hauptabteilung Europäische und Internationale Zusammenarbeit der Konrad-Adenauer-Stiftung.