Die Politische Meinung

Das "blaue Virus"

von Albrecht Broemme

Zivil- und Katastrophenschutz im In- und Ausland

Februar 1953: Die schwerste Nordsee-Sturmflut des 20. Jahrhunderts trifft die Niederlande. Sie kostet mehr als 1.800 Menschen das Leben. Für die Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerks (THW) beginnt der erste Auslandseinsatz seit seiner Gründung 1950.

Januar 2019: Der Winter hat Teile von Oberbayern fest im Griff. Straßen sind unpassierbar, Ortschaften zugeschneit, Schneemassen bringen Gebäudedächer zum Einsturz. Das THW ist vor Ort. Versorgt Menschen. Fachberater bewerten die Statik von Gebäuden. Einsatzkräfte befreien Dächer von der Schneelast.

März 2019: Über 8.000 Kilometer von Deutschland entfernt, hinterlässt der Zyklon „Idai“ in Mosambik und seinen Nachbarstaaten eine Schneise der Verwüstung, verbunden mit Hochwasser. Hunderte Tote, Tausende Verletzte und Zehntausende Obdachlose sind zu beklagen. Die Menschen sind abgeschnitten von der Versorgung mit Trinkwasser, Lebensmitteln, Medikamenten. Auch hier ist das THW als Teil der Hilfe aus Europa vor Ort. Die Einsatzkräfte bereiten Wasser auf und versorgen bis zu 30.000 Menschen pro Tag mit Trinkwasser.

Fast siebzig Jahre liegen zwischen den Einsätzen des THW in den Niederlanden und in Mosambik. Siebzig Jahre, in denen sich das Rad der Geschichte und das Zahnrad des THW weitergedreht haben, mit Veränderungen und Entwicklungen, die die Menschen, die Gesellschaft und das Miteinander prägten. Unverändert ist jedoch die Motivation derer, die sich seit Generationen im THW für Menschen in Not einsetzen.

Das THW wurde 1950 als Zivilschutzorganisation im Geschäftsbereich des Bundesinnenministeriums gegründet. Der damalige Bundesinnenminister Gustav Heinemann beauftragte den Bauingenieur Otto Lummitzsch, der 1919 die „Technische Nothilfe“ gegründet hatte, einen „Zivilen Ordnungsdienst“ einzurichten. Hieraus entstand das THW, dessen erster Direktor Lummitzsch war. Seit 1953 ist das THW durch Errichtungserlass des Bundesinnenministeriums eine Bundesanstalt. Erst 1990 trat ein THW-Gesetz in Kraft. Der gesetzliche Auftrag des THW umfasst in Deutschland technische Hilfe im Rahmen des Zivil- und des Katastrophenschutzes. Einsätze erfolgen sowohl in Europa als auch weltweit im Auftrag der Bundesregierung.

Rund 80.000 Menschen engagieren sich insgesamt ehrenamtlich im THW, sind in 668 Ortsverbänden organisiert – darunter inzwischen übrigens auch über 300 Flüchtlinge. Ebenso unterstützen rund 1.800 Hauptamtliche die THW-Einsätze in der THW-Leitung in Bonn, in den Ausbildungszentren in Neuhausen und Hoya, den acht Landesverbänden und den 66 Regionalstellen. Ihr Schwerpunkt beinhaltet Planungs-, Beschaffungs- und Verwaltungsaufgaben. Ab 2019 werden beim THW noch bis zu 2.000 Bundesfreiwilligendienstleistende zur Unterstützung eingesetzt. Man kann damit rechnen, dass viele der „Bufdis“ nach Ablauf ihres zwölfmonatigen Dienstes freiwillig und ehrenamtlich als Helfer weitermachen.

Einer der zehn Leitsätze des THW besagt: „Wir bekennen uns zur Demokratie und dulden keine Diskriminierung.“ Die Einbindung aller Menschen in ein ehrenamtliches System – unabhängig von Glauben, Aussehen, Behinderung – spielt für das THW eine essenzielle Rolle. Damit verkörpert das THW ein Ideal. Dies beinhaltet das beispielhafte Vorleben demokratischer Werte im Sinne eines gewinnbringenden Gemeinsinnes, in das sich jeder, abhängig von seinen persönlichen Fähigkeiten, einbringen kann. Dieses Engagement hat aber noch eine weitere Facette: Sich zur Demokratie zu bekennen und diese demokratischen Werte vorzuleben, bedeutet auch, den Willen zu haben, die Gemeinschaft, in der man lebt, aktiv mitzugestalten. Mit der Übernahme eines „Amtes“ im THW trägt man diese demokratischen Werte in seinem alltäglichen Handeln nach außen. Davon profitiert die Gemeinschaft ebenso wie jeder Einzelne.

Das ehrenamtliche Engagement von rund 1,6 Millionen Menschen bildet in Deutschland die Grundlage des Bevölkerungsschutzes. Ist dieses System noch zeitgemäß? Hat es eine Zukunft? Hilfreich ist hier folgendes Sprichwort: „Tradition bedeutet nicht die Anbetung der Asche, sondern das Weitertragen des Feuers.“ Untersuchungen und einschlägige Erfahrungen belegen nach wie vor die große Hilfsbereitschaft in Deutschland. So hätte etwa die Bewältigung der Flüchtlingslage in Deutschland ohne das umfassende Engagement der Feuerwehren, der Hilfsorganisationen, des THW sowie der Spontanhelfer nicht gelingen können.

Schwierigkeiten beim langfristigen Engagement

Ein Problem ist die mittel- und langfristige Bindung der hilfsbereiten Menschen an die Organisationen, weil sie ein beständiges Interesse – auch wenn gerade „nichts los ist“ – sowie die Bereitschaft zur Ausbildung und regelmäßigen Teilnahme an den Diensten voraussetzt. Der Lohn ist rein ideeller Natur: Man lernt neue, ebenfalls hilfsbereite Menschen kennen, erlebt die Arbeit in Teams außerhalb des Berufslebens und erwirbt neue Kenntnisse und Fähigkeiten. Beispiele beim THW sind Baggerfahren, Brückenbau, Maßnahmen in der Trinkwasserversorgung und Sprengarbeiten.

Der „Wettbewerb“ um das ehrenamtliche Engagement im Katastrophenschutz muss mit veränderten Arbeitszeiten, größerem Leistungsdruck, vielfältigen Freizeitangeboten sowie einem erstarkten Familiensinn konkurrieren. Dieser Wettbewerb hat für uns gute Chancen, wenn es gelingt, zeitgemäße Rahmenbedingungen zu schaffen: moderne Unterkünfte – also keine Baracken mehr –, gut motivierte und erfahrene Führungsmannschaften in allen 668 Ortsverbänden, positive Erlebnisse in Teams, attraktive Einsatzbekleidung sowie die zeitgemäße und bedarfsgerechte Ausstattung mit Fahrzeugen und Geräten.

Wir nennen es die „Faszination Helfen“. Das „blaue Virus“. Ansteckend, jedoch nicht bedrohlich. Aber höchst wirkungsvoll.

Insbesondere bei großflächigen Schadenlagen ist Resilienz der Menschen, der Kommunen sowie der Wirtschaft gefragt. Hier gibt es in Deutschland noch großes Entwicklungspotenzial. Gerade in schwierigen Situationen ist man auf gut ausgebildete und ausgerüstete Mitmenschen, die helfen wollen und helfen können, angewiesen.

Schlussendlich spielt die Anerkennung dieser Leistungen durch Politik und Gesellschaft eine wichtige Rolle. Sie sorgt bei den Einsatzkräften für ein positives Erlebnis. Das stärkt zum einen die Gemeinschaft im Sinne der Schadenbewältigung, zum anderen die Einsatzkräfte in ihrem Bewusstsein, dass sich ihr Engagement lohnt. Zudem werden das Zusammenleben sowie das Verständnis dafür, dass jeder einzelne Mensch Teil eines Gemeinsinns ist und für dessen Auslegung eintreten kann beziehungsweise muss, gestärkt. Insofern bildet das Ehrenamt im THW eine gute Plattform zur Bildung eines Gemeinsinns zwischen der Bevölkerung und der staatlichen Aufgabenwahrnehmung. Insbesondere die örtliche Struktur und das Zusammenleben in den Ortsverbänden tragen hierzu bei.

Die Bedeutung der sogenannten kritischen Infrastrukturen, wie etwa Energie-, Wasser-, Strom- und Medizinversorgung, hat in den vergangen Jahren einen höheren Stellenwert erhalten. Dies berücksichtigt das THW durch ein neues Rahmenkonzept.

Frauen stärken

Ein Fokus muss auf die Begeisterung junger und leistungsbereiter Menschen für ein Ehrenamt gelegt werden – das fängt bereits bei Kindern an. Man muss aber auch akzeptieren, wenn sich Freiwillige nicht ihr Leben lang durchgängig im Katastrophenschutz engagieren, sondern auch Pausen, also inaktive Phasen, einlegen. Helferwerbung, Helfererhalt und Nachwuchsgewinnung sind Schwerpunktprojekte, um das THW in Zukunft einsatzfähig zu halten. Bundesfreiwilligendienst, Ausbau des Doppelnutzens von Beruf und THW (etwa durch THW-Lehrgänge mit IHK-Abschluss), attraktive Ausbildungen und Übungen sowie Kooperationen mit Hochschulen und Universitäten sind Beispiele.

Das Modell „THW“ stößt auch im Ausland auf reges Interesse: In Tunesien werden Ehrenamtliche durch das THW ausgestattet und gemeinsam mit tunesischen Hauptamtlichen ausgebildet. Insgesamt 1.400 freiwillige Frauen und Männer haben mittlerweile eine fundierte Ausbildung erhalten und sind auf den unterstützenden Einsatz bei Waldbränden und Hochwassern vorbereitet. Auch in Jordanien, einem der Länder mit der größten Aufnahme von Flüchtlingen, hilft das THW – beim Aufbau von Flüchtlingscamps, bei der Integration von Freiwilligen in den Katastrophenschutz. Im Irak ist das Interesse an einer Integration Freiwilliger ebenfalls groß. In den Camps in der Region Kurdistan-Irak führt das THW zum Beispiel Schulungen für Frauen im Umgang mit schwerem Arbeitsgerät durch.

Unser Ziel ist es, Frauen im Bereich der Selbsthilfe zu stärken. Gleichzeitig verbessern die Einrichtung von Werkstätten und die Durchführung von Schulungen die Lebensbedingungen in den Camps nachhaltig. Wichtig ist, dass es bei sämtlichen Maßnahmen nicht darum geht, das THW „eins zu eins“ zu exportieren, sondern ihre Inhalte den landesspezifischen Gegebenheiten anzupassen. Bei allen Unterschiedlichkeiten der Projekte gibt es jedoch einen gemeinsamen Nenner: das Fördern und Entwickeln ehrenamtlichen Engagements im Katastrophenschutz.

„Man muss sich gegenseitig helfen, das ist ein Naturgesetz“ – davon war der französische Fabeldichter Jean de La Fontaine überzeugt. Das THW teilt diese Überzeugung.

Albrecht Broemme, geboren 1953 in Darmstadt, seit 2006 Präsident der Bundesanstalt Technisches Hilfswerk.