Die Politische Meinung

"Grade klare Menschen / wär'n ein schönes Ziel"

von Bettina Wegner, Axel Reitel

Die Liedermacherin Bettina Wegner im Gespräch mit Axel Reitel

Bettina Wegner, geboren 1947 in Berlin, landete mit ihrem Lied „Kinder“ („Sind so kleine Hände“) ein unter anderem von Joan Baez bis heute gesungenes „Weltlied“, dessen Vorgeschichte von der jugendlichen Erfahrung mit kommunistischer Gewaltanwendung beherrscht wird. Als sie 1979 mit dem von der CBS verlegten Platten-Debüt Goldstatus erreicht, darf sie im Westen auf Tournee gehen. Dabei trifft Wegner auch den Nerv vieler West-Jugendlicher. Für den kritischen Teil der Ost-Generation 1960/61 war sie „die Sängerin der DDR“, die von dem sang, was wirklich war. Aufgrund zunehmender Konflikte mit dem SED-Staat wird sie, die nicht weggehen will, 1983 zur Ausreise gezwungen. Mit diesem Interview startet eine Serie, in der der einstige DDR-Oppositionelle Axel Reitel seine Gesprächspartner – wie er ebenfalls politische Häftlinge – zu ihren Hafterfahrungen und den daraus erwachsenden Konsequenzen befragt. Reitel, geboren 1961 in Plauen (Vogtland), wurde 1982 von der Bundesrepublik Deutschland „freigekauft“. Heute arbeitet er als Journalist und Schriftsteller.
Axel Reitel: 1968 – als Zwanzigjährige – wurdest Du wegen einer Flugblattaktion zur Unterstützung des Prager Frühlings verhaftet und eingesperrt. Dein Gedicht „Gefängnis“ aus dem Band „Wenn meine Lieder nicht mehr stimmen“ von 1980 bezieht sich gewiss darauf? „Vor mir geschlossen Fenster / vor mir verschlossen der Hass“, heißt es darin.

Bettina Wegner: Diese Zeilen und das ganze Gedicht habe ich im Gefängnis bereits im Kopf gehabt. Als ich wieder draußen war, habe ich es gleich heruntergeschrieben. Es war eine Auseinandersetzung damit, wie ein Trauma entsteht, wenn einem so etwas als jungem Menschen widerfährt. Ich hatte gerade ein Baby bekommen – im März, im August wurde ich verhaftet. Seit der Geburt hatte ich Blutungen, und diese wurden stärker, als ich in die Zelle musste. Sicher kam das durch den Stress, wohl aber auch dadurch, dass ich gestillt hatte, aber das – weil man mir ja mein Kind weggenommen hatte – nicht mehr konnte. Ich wusste nicht einmal, wo es war. Den Milchstau sprach ich bei der ärztlichen Untersuchung bei Haftbeginn an, was der Herr Doktor aber völlig überging. Der hörte nur die Lunge ab und fragte: „Denken Sie an Selbstmord?“

Darin – nur darin – bestand der Sinn des Prozedere. An meinen Beschwerden waren weder der Arzt noch die Untersuchungsbehörde interessiert.


Und was hast Du geantwortet?

Bettina Wegner: „Nein, ich hab doch ein Kind.“ Ab da war ich haftfähig.


Wenn der Arzt schon so war, wie dürfen wir uns dann das Gefängnispersonal vorstellen?

Bettina Wegner: Das stellte sich gleich am ersten Tag entsprechend vor. Ich war kaum in meiner Zelle angekommen, da wurde die Zellentür aufgesperrt und es hieß: „Raustreten!“ Ich trat also in den Gang hinaus, da packte mich schon ein grober Schließer von hinten an den Hals und knallte meinen Kopf gegen die Wand und brüllte: „Immer mit’m Gesicht zur Wand! Und erst, wenn ich sage: ‚Los‘, geht’s los.“ Da ist Hass aufgekommen.

Ein anderes Mal bin ich auf den Gang getreten – artig mit dem Gesicht zur Wand, bis gesagt wurde: „Los geht’s, los“, aber da bin ich ohnmächtig geworden. Als ich wieder aufwachte, saß eine dicke Schließerin neben mir auf dem Fußboden und hielt – völlig aufgelöst – meinen Kopf in ihrem Arm. Immer wieder hat sie mein Gesicht mit einem Tüchlein Kölnisch-Wasser abgetupft, meine Wangen getätschelt und gerufen: „Komm doch, meine Kleene, komm doch, wach wieder uff, wach wieder uff.“ Selbst dort gab es eben auch Menschen.

Mein Vernehmer gab sich immer sehr freundlich, aber zwischendurch schickten sie einen komplett anders gestrickten, damit ich sehe, dass sie auch anders können.

Diese dicke Schließerin hat mir ein bisschen von meiner Wut und meinem Hass genommen. Hass ist ja wie Liebe etwas ganz Großes. Nur zweimal habe ich in meinem Leben wirklichen Hass gefühlt. Das war dann später noch einmal beim Abnehmen meiner Fingerabdrücke. Mein Gedicht, das Du eben ansprachst, habe ich geschrieben, um dieses starke Gefühl festzuhalten, nachdem ich es bereits nicht mehr kannte und bis heute auch nicht mehr kenne.


Dein Lied „Fleißig, reichlich, glücklich“ hebt an mit einer privaten Erfahrung. „Als ich noch klein war und in’ Kindergarten ging / mussten wir still sein und in einer Reihe geh’n / und wer beim Mittag mal zu reden anfing / musste zur Strafe in der Ecke steh’n.“ War das die wahre DDR in der Nussschale?

Bettina Wegner: In der Nussschale? Ich weiß nicht. Anfang der 1950er-Jahre bin ich mit drei, vier Jahren in einen Kindergarten mit Erzieherinnen gekommen, die die Kinder geliebt haben. Aber dann musste ich in einen anderen gehen, in dem die Kinder gedrillt wurden. Da hieß es nur „still sein“, „Schnauze halten, „in die Reihe“, immer „schön“ in die Reihe. Das Essen musste in einer bestimmten Zeit aufgegessen sein. Wenn du währenddessen gesprochen hast, durftest du ewig nicht mit den anderen raus zum Spielen. So etwas findest du bereits als Kind bekloppt. Für mich war dieser Kindergarten ein unsicher machendes Riesenboot.

Dabei war ich ein vollverhetztes Kind. Wenn mein Vater mal ungerecht oder zu streng mit mir war, habe ich gedacht, „wenn bloß Stalin mein Vater wäre“.


Woher kam das?

Bettina Wegner: Von meinen Eltern kam es jedenfalls nicht. Wir waren einer der wenigen Haushalte, in denen kein Stalinbild an der Wand hing. Meine Eltern wussten genau, warum sie sich keinen solchen „Schinken“ hinhängten, denn sie kannten ehemalige Spanienkämpfer, die nach dem Ende des Bürgerkrieges zunächst in die Sowjetunion emigriert waren und von diesem „wunderbaren“ Hotel Lux erzählten – einschließlich der Erlebnisse während des Großen Terrors.

Dieser Einfluss kam erst aus diesem Kindergarten und später aus der Schule. Überall hingen Stalinbilder. Erst später habe ich Sachbücher über die Stalinzeit gelesen.


Das Motiv der verletzlichen Kinderhände beeindruckt bis heute. Wie kamst Du darauf?

Bettina Wegner: Das Lied ist in wenigen Minuten auf einer Zugfahrt entstanden: Mir gegenüber im Abteil saß ein dicker Mann mit Wurstfingern, mit denen er ständig auf seinem Diplomatenkoffer trommelte. Die hässlichen Finger standen für mich auch für ein verunglücktes Leben. Und da habe ich gedacht: Das waren doch auch mal kleine Kinderhände!

Der Song kam in den USA und in Frankreich auf Platte, er wurde auf Kölsch gemacht, jetzt macht ihn gerade ein Luxemburger. Eine arabische Sängerin wird ihn nun in ihrer Sprache singen. Da freue ich mich drüber, aber leider ist es immer noch aktuell.


Du selbst hast sehr früh mit dem Schreiben angefangen …

Bettina Wegner: Ja, und dabei hatte ich zunächst das Gefühl, dass alle in irgendwelchen literarischen Zirkeln sind, außer icke. Das erste Mal fand ich als Fünfzehnjährige in so einen Klub – und zwar in der Kellerwohnung von Nils Werner. Einmal im Monat ging ich abends dorthin, auch um eigene Gedichte vorzutragen. Ich fühlte mich total wohl dort und fiel so auch einem der anwesenden Spitzel auf. Von da stammt mein erster Stasi-Eintrag: Eine Fünfzehnjährige beschäftigt sich in ihren Gedichten mit dem Tod, das kann ja wohl nicht normal sein. Man müsse dringend ein Auge auf mich haben.


Deine Haftstrafe wurde dann zur Bewährung ausgesetzt. Welche Erwartungen hattest Du in der zweijährigen Bewährungszeit zu erfüllen?

Bettina Wegner: Es ist wichtig, dass Du das Wort „ausgesetzt“ verwendest. Als das Urteil auf Bewährung verkündet wurde, gab uns – mir und meinem Compagnon, mit dem ich den Protest gemeinsam durchgezogen hatte – die Richterin Folgendes mit auf den Weg: Es reiche nicht aus, wenn wir uns in diesen zwei Jahren an die Gesetze der DDR halten würden. Wir könnten ganz gesetzestreu sein, aber – wenn es gewisse äußere Umstände erforderten – könnten wir jeden Tag wieder inhaftiert werden. Das hieß für mich ein Leben in Angst. Die ganzen zwei Jahre hämmerte es in meinem Kopf, dass ich abgeholt werden könnte. Wenn es an der Tür klopfte, erschrak ich. Vor dem 7. Oktober, dem Geburtstag der DDR, hatte ich jedes Mal Angst.

Natürlich war ich von der Schauspielschule geflogen und mir wurde eine Arbeit in einer Fabrik zugewiesen – eine alte Siebdruckerei, drei Stunden Fahrtzeit, hin und zurück. Mein Kind brachte ich früh in die Krippe, abends holte ich es ab. Später bin ich ins Bett gefallen. Alle Kraft und Energie hatten sich abends in Luft aufgelöst. Staatsfeindliche Dinge hätte ich gar nicht mehr anrichten können.

Eigentlich gab es nur eine Erwartung – die der Kaderleiterin in der Fabrik, die mir untersagte, den Arbeiterinnen auch nur ein Sterbenswörtchen darüber zu erzählen, warum ich jetzt hier arbeitete. Aber die haben immer wieder gefragt: „Sie waren doch Schauspielschülerin. Wieso sind Sie jetzt hier?“ Irgendwann habe ich ihnen doch die Wahrheit erzählt, und da haben mich die Frauen in den Arm genommen und gesagt: „Kleene, das wussten wir doch.“


Später durftest Du doch studieren und bekamst 1972 den „Berufsausweis“, die sogenannte „Pappe“.

Bettina Wegner: Studieren durfte ich in dem Sinne nicht. Für Theaterwissenschaften hatte ich mich beworben und wurde abgelehnt. Dann versuchte ich es mit Religionswissenschaft und wurde wieder abgelehnt. Man hat mir Rechnungswesen und Statistik angeboten. Das war ja genau meins: Mathe war Vier bei mir.

Was ich dann tatsächlich machte, war kein echtes Studium. Es war eine Einjahresausbildung für Schlagersänger mit tollen Dozenten – vor allem einer wahnsinnig guten Gesangslehrerin. Nach Abschluss des Jahres wurde eine Jury aus Leitern von Bars oder Restaurants zusammengesetzt, die kulturell bespielt werden sollten. Ich habe eine gute Einstufung bekommen und war trotzdem die Einzige, die danach quasi keine Arbeit hatte.

 
Du hast dann zwei Veranstaltungsreihen gegründet – den „Eintopp“ im „Haus der Jungen Talente“ und, als die Reihe dichtgemacht wurde, den „Kramladen“ im Weißenseer Jugendklub.

Bettina Wegner: Es war meine Idee, und Klaus Schlesinger, mit dem ich damals verheiratet war, hat für den Veranstalter ein Konzept geschrieben – die Reihe „Eintopp“ mit Schriftstellern, Jazzern, Liedermachern, Gedichteschreibern. Im Prinzip konnte also jeder auf die Bühne. Dann wurde mir vom Leiter des Hauses gesagt, dass die Veranstaltung nicht mehr stattfinden kann, weil das Publikum einen Publikumsbeirat gebildet hatte, der gut angenommen wurde. Also richtig demokratisch war das, so als ob FDJ-Zentralrat und die Stasi gar nicht existierten. Und natürlich würgten die das dann ab mit der Begründung: „Wegner ist einfach nicht gut genug, nicht professionell.“ Dann öffnete sich eine neue Tür durch den Klubleiter aus Weißensee. Der hat jede Veranstaltung mitgeschnitten – was seine Bewandtnis darin hatte, dass der gute Herr von Weißensee IM der Stasi war. Auch beim „Kramladen“ durfte jeder mitmachen. Das war zu viel Demokratie.


Für meine Generation der Jahrgänge 60/61, für die kritische DDR-Jugend, warst Du „die Sängerin der DDR“. Du hast auf unglaublich poetische Weise von dem gesungen, was war. Das war für uns ungeheuer wichtig. Woher kam dieser genaue Blick?

Bettina Wegner: Der war genau wie Dein Blick. Genau wie der Blick von Deiner Generation. Ich habe das Gleiche gesehen wie ihr, darüber habe ich geschrieben.

Dass ich die Dinge besser durchschaue, habe ich nie empfunden, sondern habe einfach nur versucht, das in den Liedern unterzubringen, was wir alle gesehen haben. Du brauchtest natürlich Zuhörer, aber wir haben alle das Gleiche gesehen. Das war sehr eindeutig für uns alle.


Du hast zunehmend Schwierigkeiten aufgrund Deines künstlerischen Engagements bekommen. Bis zuletzt unter­ stützte Dich mit Auftrittsmöglichkeiten vor allem die evangelische Kirche.

Bettina Wegner: Auch Katholiken, selten, aber dennoch. Die Kirche war der einzige Ort, wo ich am Ende noch auftreten konnte. Ich wusste, dass die Pfarrer deswegen Ärger mit ihren Höheren bekamen.

Da ging es zu wie im DDR-Apparat. Die jungen Pfarrer haben sich nicht daran gehalten. Doch sie haben ihnen immer mehr Druck gemacht. Zum Schluss wurde den Jungpfarrern vom Staat mitgeteilt, man würde nicht mehr vor Verhaftungen zurückschrecken. Und da war für mich der Punkt gekommen, wo ich dachte: „Scheiße, wenn das passiert, müssen andere für dich ausbaden, was du gemacht hast. Das sollen nicht andere ausbaden.“

1979 war aber auch dort mein letzter Auftritt. 1980 gab es den Reisepass, und somit durfte ich in der DDR nicht mehr auftreten. Das war eine stille Übereinkunft, die keiner ausgesprochen hat, aber man ging oben davon aus, dass die Passinhaber für die Dauer des Visums, das in der Regel auf drei Jahre ausgestellt wurde, in den Westen gingen und letztlich auch dort blieben. Aber ich bin ja mit dem Pass zu Hause hocken geblieben und fuhr nur zum Singen rüber.


Aber 1983 erzwang der SED-Staat die ständige Ausreise. Deinen „Katzensprung“ von Ost-Berlin nach West­Berlin.

Bettina Wegner: Das ging so weit, dass ich von einem Herrn Müller im Kulturministerium vorgeladen wurde. Der sagte mir auf den Kopf zu, ich hätte ja nun den Pass gehabt, um mich daran zu gewöhnen. Im Klartext: Ich könne nicht mit der DDR, die DDR könne nicht mit mir. Ich solle doch endlich einen Ausreiseantrag stellen.

Darauf habe ich gesagt: „Mache ich nicht.“ Und jener Herr Müller sagte darauf: „Gut, Ihr Pass läuft aus. Sie kriegen keinen neuen. Hier auftreten können Sie auch nicht mehr.“ Darauf sagte ich: „Och, ich habe so eine tolle Familie und so tolle Freunde, die werden meine Miete in der Leipziger Straße zusammenbringen und dass ich für meine Kinder und mich Essen kaufen kann. Eine Staatsbürgerschaft lässt sich nicht ausziehen wie ein olles Nicki.“


Dann ging die Parteispitze doch intensiver gegen dich vor.

Bettina Wegner: Ein oder zwei Wochen später wurde gegen mich ein Ermittlungsverfahren wegen Zoll- und Devisenvergehen eröffnet. Ich habe mir einen Anwalt genommen und habe ihn gefragt: „Was habe ich denn gemacht?“ Alles Geld – und ich habe damals eigentlich nur noch West-Geld verdient – hätte ich vorher anmelden und genehmigen lassen müssen. Und dann ging es richtig los: täglich zum Zoll zur Vernehmung. Da kamen mit aller Wucht die Erlebnisse von 1968 wieder hoch.

Einer nach dem anderen ist damals gegangen. Ich hatte also nicht mehr diese Wand von Unterstützern im Rücken. Nur Franz Fühmann war noch da und hat sich für mich eingesetzt, aber Jurek Becker war weg, Klaus war weg, Sarah Kirsch war weg. Da habe ich Angst bekommen und bin zu Gysi gegangen, um zu fragen, was denn jetzt passieren könnte. Und der hat gesagt: „Noch bist Du zu bekannt. In diesem Jahr passiert noch nichts, im nächsten Jahr noch nichts, aber in drei Jahren sitz’te.“ Und da habe ich gedacht, das halte ich nicht durch, und bin wieder zu diesem Herrn Müller gegangen und habe gesagt: „Wenn die Kinder ihr Schuljahr noch zu Ende machen dürfen und wenn mir versichert wird, dass ich und die Kinder besuchsweise einreisen können, dann wäre ich bereit zu gehen.“ Der Müller hat gesagt, wie es laufen soll: Ich solle einen richtigen Ausreiseantrag stellen und begründen. „Na, Sie zwingen mich doch zu gehen“, habe ich da gesagt.

„Eigentlich ist doch nur die Wahl ‚Haft oder gehen‘. Soll ich das als Begründung schreiben?“ Er sieht mich an, senkt etwas den Kopf zu dem Papier und antwortet: „Na, dann schreiben Sie einfach: aus familiären Gründen.“


Wie ging es weiter?

Bettina Wegner: Innerhalb von 48 Stunden kam „Deutrans“. Die haben unser ganzes Zeug eingepackt. Und da saßen dann alle meine Freunde zum Abschied auf dem Fußboden. Wenn ich an die Haft denke, dann ist mir nicht mehr zum Heulen, aber wenn ich daran denke: Die saßen da alle auf dem leeren Boden, und ich wusste, dass ich denen jetzt so sehr fehlen werde wie mir die anderen, die vorher gingen.


Sprung nach 1985. 1985 erscheint Dein Album „Heimweh nach Heimat“. Hatte dieses Heimweh noch etwas mit Ost­Berlin, mit der DDR zu tun?

Bettina Wegner: Mich ärgert, dass das Wort „Heimat“ jetzt durch die Rechten so verunglimpft wird und jeder, der das Wort „Heimat“ benutzt, schon als national eingestuft wird. Heimat hatte für mich sehr wohl mit Ostberlin, mit der DDR insgesamt zu tun, denn wenn ich überhaupt von Heimat spreche, so ist das die Kindheit, wo du Rollschuh gelaufen bist, die Freunde, die Familie. Und das war dann natürlich zwangsläufig auch DDR und Ostberlin in meinem Fall. Und das war weg. In dem Text „Andre, die das Land so sehr nicht liebten“ von Theodor Kramer heißt es: „Ich doch müsste mit dem eig’nen Messer / Meine Wurzeln aus der Erde dreh’n!“ Ich hatte in der DDR meine Wurzeln. Und ich habe die nirgendwo mehr reingekriegt.

 
Ende der 1980er­Jahre wuchs nicht nur in der DDR, sondern in ganz Osteuropa die Protesthaltung gegen die kommunistische Riege. Und dann, im Herbst 1989, im Oktober 1989, ging al­ les Schlag auf Schlag. Drei Wochen später waren die DDR und Moskaus Imperium passé. Yvette Gilbert nennt ein Kapitel ihres Buchs „Die Kunst, ein Chanson zu singen“: „Die Kunst, Pausen zu setzen“. War diese Zeit eine Pause für Dich? Oder wie es in Deinem Gedicht „ Alles, wie immer“ heißt „… nun ohne Boden“?

Bettina Wegner: Ich hatte eine Pause danach, stand unter Schock. Auf der einen Seite war ich völlig erlöst, weil jetzt jeder hinfahren konnte, wohin er wollte. Andererseits war das so, als würde ein Stück von einem abgeschnitten. Auch wenn sie politisch negativ von mir bewertet wurde und ich diesem System feindlich gegenüberstand, war die DDR doch etwas Existenzielles. Vielleicht habe ich mir da auch etwas vorgemacht. Ich hatte auch nicht den Durchblick, wie marode die Wirtschaft war.


Das Gespräch fand am 19. Juni 2019 in Berlin-Frohnau statt.


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