Veranstaltungsberichte

Wenn Männer nicht mehr Väter werden wollen

von Karl-Heinz B. van Lier

Von den Ursachen, Auswirkungen und Konsequenzen einer vaterlosen Gesellschaft

Resümee vom familienpolitischen Seminar zum Thema„Wenn Männer nicht mehr Väter werden wollen“am 8. Dezember 2007 (Erbacher Hof, Mainz)

Eckhard Kuhla, Gender-Experte, widmete sich eingangs des Seminars der Fragestellung „Offensive der Frauen – Rückzug der Männer?“. Die althergebrachten Rollen von Mann und Frau, biologisch geprägt („Zweck-Gemeinschaft“) und stabil ausbalanciert, wurden durch die Frauenbewegung des 20. Jahrhunderts ins Ungleichgewicht gebracht. Weiterentwicklungen in der Medizin (Erfindung der Pille) und im Bereich der Haustechnik verstärkten schlagartig die Selbstbestimmung der Frau und schufen gleiche Ausgangsbedingungen für eigenständige Lebensentwürfe. Diese zunehmende Individualisierung führte zum Rollenbruch. Diese gravierende gesellschaftlich Umwälzung wurde in den letzten Jahrzehnten noch stärker forciert durch die regierungsamtliche Einführung des Gender Mainstreamings und des Antidiskriminierungsgesetzes (AGG) und führte letztlich zu einer Umerziehung der gesamten Gesellschaft. Bemerkenswert, so Kuhla, sei hierbei in erster Linie die Tatsache, dass all diese Maßnahmen von Männern beschlossen und umgesetzt wurden. Die Männer selbst müssen demnach als Wegbereiter und Realisierer der weiblichen Offensive gelten. Gleichzeitig wurde er zu einem , wie Kuhla es nennt, „Torso-Phänomen“, d.h. der Mann tritt nicht mehr als Erzeuger, Ernährer und Beschützer auf. Die Frau übernimmt mit der Emanzipation auch diese männlichen Funktionen. Dem Mann bleibt nur die Selbstvergewisserung über Erwerbsarbeit, aber auch hier ist ein Verdrängungswettbewerb zwischen Männern und Frauen entstanden. So wird der Mann zum funktionslosen Torso. So stehen wir heute vor dem Problem der in Schieflage geratenen Work-Life-Balance, bei der die Frau durch die Übernahme klassischer Rollenaufgaben des Mannes völlig überlastet ist. In der Folge sucht sie Entlastung bei Mann oder Staat, während der Mann zur gleichen Zeit unter seinen Rollendefiziten leidet. Ein Re-Balancing ist hier dringend notwendig und geboten. Doch offenbar ziehen sich die Männer immer mehr in eine Verhaltensstarre zurück, wohlwissend, dass das Patriarchat überleben wird, so Kuhla. Bisher schweigen die Männer, aber das Werk des Feminismus ist nur vollendbar durch „selbstbestimmtes Aufwachen der Männer“.

Patricia Haun, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit Lebenszentrum München, referierte im Anschluss zum Thema „Wenn Männer nicht Väter werden dürfen“. Sie stellte den hohen Wert der Ehe, als lebenslange Wertegemeinschaft, die auf der Liebe basiere in den Vordergrund. Die Bewertung vieler Lebensfragen müssten verstärkt das „Du“ berücksichtigen. Dies trifft zum Beispiel auf die Schwangerschaft zu, die durch beide, nämlich Mann und Frau erst entstehen könne. Folgerichtig sei auch in Konfliktfällen die Position des Mannes bei der Entscheidung einzubeziehen. Die Referentin betont die Liebe und die Emotionalität als Grundlage für die Entscheidung in einem Schwangerschaftskonflikt „Mehr Herz und weniger Verstand“ solle bei der Entscheidungsfindungen eingesetzt werden. Auch schilderte die Referentin sehr eindringlich ihre persönlichen Erfahrungen aus der Praxis der Schwangerenberatung und plädierte dafür, dass vielmehr auch die Folgen der Abtreibung für die Frau in den Mittelpunkt der Betrachtung zu rücken sei (post-abortion). „Frauen bestimmen wann und von wem sie ein Kind bekommen“ und auch hier werde – wie das Thema Abtreibung insgesamt – die Rolle der Väter völlig außer Acht gelassen und tabuisiert. Ihnen werde die Rolle als Beschützer des ungeborenen Lebens abgesprochen. Daher regte Haun an, ein gesetzlich verankertes Vetorecht einzuführen, das der Kindsvater im Falle einer geplanten Abtreibung in Anspruch nehmen kann. Denn „Kinder retten heißt, Familien retten“.

Christine Bauer-Jelinek, Machtexpertin aus Wien, widmete sich dem Thema „Männermacht und Frauenmacht“ und definierte den Begriff „Macht“ als das Vermögen, einen Willen gegen einen Widerstand durchzusetzen. Macht wird im Allgemeinen gleichgesetzt mit Männermacht, also mit wirtschaftlicher Macht in der Außenwelt. Die Frage, ob Macht männlich oder weiblich sei, ist, so die Referentin, vor allem von den biologischen Unterschieden der beiden Geschlechter abhängig. Frauen haben einen besseren Zugang zu Gefühlen, zur Sprache, sowie zu Körper und Gesundheit. Sie verfügen über Gebärmacht, sind vom Rechtwesen geschützt und bestimmen den Gender-Diskurs. Männer hingegen verwahrlosen leichter, wenn sie alleinstehend sind und haben sehr viel mehr Angst vor Pflege im Alter. Kurz: alles, was auf der Welt gut ist, haben die Frauen zu verantworten. Frauen sind das bessere Geschlecht und höhere Wesen und genau hier ergibt sich folglich ein Emanzipationsparadoxon: eigentlich sollen die klassischen Rollen aufgelöst werden. Wenn es aber um die Wertigkeit des Handelns geht, dann wird Positives als gleichzeitig weiblich beschrieben. Der Diskurs über die Geschlechterrollen ist sehr stark feministisch ideologisiert, vieles dürfe man, so Bauer-Jelinek, öffentlich gar nicht mehr äußern. Traditionell teilten sich Männer und Frauen ihre Lebenswelt gerecht („Halbe-Halbe“) in zwei Welten ein: die Männer agierten in der Außenwelt, die Frauen in der Innenwelt. Dort definierten sie jeweils die Spielregeln für ihre Bereiche. Die Industrialisierung machte schließlich die Bedeutung der Frauenmacht in der Innenwelt und im häuslichen Bereich zunichte, eine weitere Abwertung der Innenwelt der Frau erfolgte dann durch die Frauenbewegung der 70er Jahre. Die Folge: das Zuhause wurde fortan von der Frau als unattraktives Umfeld empfunden. Das Problem: Familienarbeit wird zwangsweise vergesellschaftet werden müssen, da niemand mehr die Familienarbeit leisten will.

Die Grenzen dieser ideologischen Machtverteilung lassen sich nach Bauer-Jelinek durch eine „Gläserne Decke“ für Frauen einerseits und eine „Gläserne Wand“ für Männer andererseits veranschaulichen. Im Klartext bedeute dies: Frauen kommen nicht hinauf, Männer kommen nicht weiter in die Innenwelt hinein. Woher nun stammen aber diese Grenzen? Der Machtausgleich wurde von den Frauen angestoßen, die Familienarbeit wurde systematisch abgewertet, die „Halbe-Halbe“-Aufteilung der Lebenswelt wirkte zwanghaft. Gleichzeitig aber war es beiden Geschlechtern nicht möglich die jeweiligen Spielregeln zu integrieren, auch deshalb, weil der Gestaltungsspielraum für die Geschlechterrolle nicht 100 Prozent, sondern immer auch biologisch beeinflusst ist. Die Abweichung von der biologischen Grundausstattung hat einen Preis, wenn Werte und Verhalten vom Schauplatz her bestimmt werden, nicht aber vom Geschlecht. Der Preis für diese Freiheit ist die Kampfgesellschaft, deren Folgen unabdingbar sind: Kosten für Familienarbeit, Arbeitslosigkeit, Identitätsprobleme, Überforderung, Stress und instabile Beziehungen. Auf die Frage „Was könnte geschehen?“ bietet Christine Bauer-Jelinek drei Optionen an, die das Dilemma lösen könnten. Erstens: Männer und Frauen erlernen die Spielregeln aus beiden Welten. Zweitens: die Geschlechterrollen und Ideologien werden hinterfragt und verändert, oder drittens: die politischen Rahmenbedingungen werden für beide Geschlechter angepasst.

Prof. Dr. Walter Hollstein, Soziologe und Männerforscher, legte hiernach den Fokus noch stärker auf die Problemlage der Männer. In seinem Vortrag „Deutsche Familienpolitik: auf dem männlichen Auge blind!“ machte er deutlich, wie selektiv die öffentliche Wahrnehmung durch den Einfluss von Frauenbewegung und Feminismus eingestellt worden ist. Eine Anerkennung männlicher Problemlagen in der öffentlichen Diskussion findet nicht statt. Frauen, so Hollstein, hätten viele wichtige Bereiche des Lebens neu und für sich , also weiblich, definiert. Für die Veränderung der Männerrolle wurde und wird hingegen nichts getan. Die Politik ist fixiert auf Frauenproblematiken, vernachlässigt dabei aber systematisch die Probleme von Männern. Und auch die Philosophie des Gender Mainstreamings manifestiert laut Hollstein diese Einseitigkeit : spezifische Interessen der Frauen sind Reflexe auf Lebensbedingungen, die Frauen qua Geschlecht zugewiesen werden. Männer hätten dieselben Interesse, wenn sie die Lebensbedingungen der Frauen teilen würden. So entseht der Eindruck, dass Männer mit geschlechterpolitischen Maßnahmen nichts zu tun haben und auch keiner Förderung bedürfen. Tatsache ist aber, dass Männer mittlerweile größere Probleme als Frauen haben. In erster Linie auf dem Arbeitsmarkt: Männlichkeit definiert sich über die Erwerbstätigkeit, nun aber drängen auch Frauen immer mehr in den Arbeitsmarkt der Männer. Diese Schwierigkeiten der Männer werden indes öffentlich nicht wahrgenommen während der klassische männliche Arbeitsmarkt langsam in sich zusammen fällt, so Hollstein. Es stimmt also, dass die Zukunft der Arbeit weiblich ist, Weiblich insofern, als dass der Arbeitsmarkt der Zukunft im Dienstleistungsbereich liegt und Frauen hierfür geschlechtsspezifisch bessere Voraussetzungen haben. Künftig wird sich ein neues männliches Proletariat herausbilden dessen zunehmende Verelendung massive Konsequenzen nach sich ziehen wird. Hollstein weiter: „Manager-Gehälter zeugen nicht von männlicher Macht – auch das Unten der Gesellschaft ist ebenso männlich besetzt“. Eine Fehlleistung der Gleichstellungspolitik sei es auch, Männer nur als Sündenböcke zu sehen, nicht aber als Ansprechpartner. So seinen junge Männer heute der Ansicht, dass Frauen das „Drehbuch des Lebens“ schreiben und sie immer überflüssiger werden. Auf eine kurze Formel gebracht: junge Frauen sind die Modernisierungsgewinner, junge Männer sind die Modernisierungsverlierer. Und je mehr sie das Gefühl haben Verlierer zu sein, desto verstärkter greifen sie auf sehr traditionelle Männermuster zurück. Was kann man tun? Die nachwachsende Generation braucht verstärkt (männliche) Vorbilder, vor allem im Falle einer alleinerziehenden Mutter. Aber auch in intakten Familien überwiegt die Anwesenheit der Mutter während der Vater mit Abwesenheit glänzt. Dies und das Männerbild in der Öffentlichkeit insgesamt müsse sich laut Hollstein ändern. „Männer müssen sich andere Lebenswelten erschließen“.

Prof. Dr. Matthias Franz, vom Klinischen Institut für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsklinik Düsseldorf, referierte im Anschluss zum Thema „Wenn der Vater fehlt. Kollektiv historische und entwicklungspsychologische Aspekte“ und stellte hierbei in beeindruckender Weise die Rolle des Vaters und die herausragende Wichtigkeit seiner Präsenz dar. Während der vier Stufen der Kindesentwicklung, die die Entwicklungspsychologie definiert, kommen dem Vater verschiedene Rollen und Aufgaben zu. So ist nimmt er im ersten Lebensjahr des Kindes die Rolle des Unterstützers der Mutter ein und ermöglicht dem Kind eine teilnehmende Spiegelung in dieser Phase der „primären Väterlichkeit“. In den folgenden Phasen der „Triangulierung“, der „Sexualität“ und der „Identität“ ermöglicht der Vater dem Kind eine Rollenfindung und das Finden der eigenen geschlechtlichen Identität ebenso, wie er zur Konsolidierung des Gewissens beiträgt. Was aber, wenn ein Vater über all diese Entwicklungsschritte hinweg nicht verfügbar ist? Als Beispiel nannte Prof. Franz den kriegsbedingten Vaterverlust. Aus der Generation der Kriegskinder gingen später die vätersuchenden 68er hervor und dort, wo der Vater fehlte, ist der Anteil derer mit psychogenen Erkrankungen signifikant höher, so Franz. Der Krieg hinterließ den Familien kriegstraumatisch schwer gestörte Beziehung der Kinder zum Vater, entfremdete Familien, Entwurzelung, hohe Scheidungsraten und führte zu einer „emotionalen Erstarrung der familiären Beziehungsmuster“. Die Folgen der Vaterlosigkeit sind heutzutage anders gelagert: berufstätig abwesende Väter, die ihren Kindern nur wenig instrumentelle Zuwendung schenken, einseitige Sorgerechtsregelungen sowie die destruktiv-illusionären medial vermittelten Männerbilder, die meist aus starken, anleitenden, gar makrophallischen Ersatzvätern bestehen, berauben den Nachwuchs ihrer kindlichen Entwicklungspartner. Die psychosozialen Risiken die Mütter und Kinder in Ein-Eltern-Familie tragen müssen sind laut Franz sehr hoch. Alleinerziehende Mütter sind vor allem durch Armut, soziale Randständigkeit und gesundheitliche Risiken bedroht. Für die Kinder entsteht in hohem Maße die Gefahr der verzögerten Sprachentwicklung, der allgemeinen Leistungsstörungen und aggressiver Verhaltensauffälligkeiten, die im Erwachsenenalter wiederum zu einem höheren Risiko depressiv zu werden oder selbst in Scheidung zu leben, anwächst. „Letztlich“, So Prof. Franz, „geht es um Armut an Beziehung und Armut im materiellen Sinne“. Das von ihm mitinitiierte Projekt PALME, ein Elterntraining für alleinerziehende Mütter in Düsseldorf, habe gezeigt, dass bindungsorientierte und emotionsbezogene Hilfe dazu beitragen kann, dass Mütter weniger depressiv und psychisch belastet sind. Sein praxisgeleitetes Fazit lautet daher: der Vater bestimmt die kindliche Entwicklung langfristig und lebenslang mit, Alleinerziehende sind besonders psychosozial gefährdet und es besteht ein deutlicher gesellschaftlicher Handlungsbedarf. Franz abschließend: „ Eine gelungene Familie ist der wahrscheinlichste Garant für das Wohlbefinden und eine gute und richtige Kindesentwicklung, wenn der Vater miteinbezogen wird“.

Jürgen Liminski, Autor, Journalist und Vater von 10 Kindern, rundete den Diskurs mit seinem Beitrag zum Thema „Konsequenzen für die Politik“ ab. Er plädierte dafür der Familie Priorität vor der Arbeit und dem Menschen Priorität vor der Produktion einzuräumen. Väter seien und brauchten Ergänzung, da Mütter und Väter unterschiedliche Leitbilder vermittelten und somit eine entsprechende geschlechtliche Identifikation ermöglichten. Von Vätern, so Liminski, werde erwartet, dass sie ihre Macht nach außen hin als Garant des familiären Konsenses und Wächter der Solidarität zeigen und gebrauchen - als „Garant des konsensualen Lebens in der Familie“. Väter bringen Gleichgewicht und schützen vor der Außenwelt als Familienoberhaupt, aber nicht im Sinne der Herrschaft, sondern im Sinne des Ausgleichs. Das Oberhaupt, so versteht es Liminski, hat eine „Dienstfunktion an der Gemeinschaft“. Fehlt der Vater, so ist die emotionale Stabilität gefährdet. So sei auch die Erzeugung solidarischen Verhaltens der Grund für die Besonderheit der Familie im Grundgesetz: je stärker der familiäre Zusammenhalt, desto stärker die Solidarität auch nach außen hin. Alle sozialen Tugenden gehen verloren, wenn ein Vater nicht als stabilisierendes Element tätig werden kann. Hierfür muss ihm auch entsprechend Zeit gegeben werden. So ist die Herausbildung von Humanvermögen zur Mitgestaltung der Gesellschaft eine Voraussetzung, die der Staat selbst nicht schaffen kann, sondern eben nur die Familie. Am Ende, so Liminski, geht es um die Freiheit aller: „Dem Einzelnen die Freiheit schaffen – in der Familie!"

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