Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Rechtsextremismus

Was ist Antisemitismus?

Antisemitismus ist eine Jahrtausende alte Vorurteilsstruktur gegen die Religionsgemeinschaft der Juden. Die Probleme mit „Antisemitismus“ beginnen bereits mit einer Bezeichnung, die eigentlich falsch ist. Wörtlich genommen bedeutet der Begriff eine Ablehnung einer Gruppe von Sprachen, die als „semitisch“ bezeichnet wird und auch das Arabische umfasst. Tatsächlich aber ist Antisemitismus Feindschaft gegen Juden als Juden, und damit die - bisweilen tödliche - Ablehnung von Menschen einer bestimmten Religion.

Es gibt eine Reihe von Ausprägungen des Antisemitismus (1), die nicht direkt mit Rechtsextremismus zu tun haben: religiöser Antisemitismus bezieht sich auf die Konkurrenz des jüdischen und des christlichen Glaubens seit der Antike und war besonders im Mittelalter relevant. Sozialer Antisemitismus ergab sich aus dem christlichen Zinsverbot, das Juden zu Geldverleihern prädestinierte und ihnen umgehend den Ruf von Ausbeutern und Wucherern eintrug. Für den Rechtsextremismus bedeutender war der rassistische Antisemitismus, der in jüdischen Menschen eine bestimmte, durch unveränderbare äußere und charakterliche Züge geprägte „Menschenrasse“ zu sehen wähnte. Dieser Feindgruppe der Juden wurden negative Eigenschaften kollektiv zugeschrieben. Unter anderem wurde ihnen unterstellt, dass sie als Parasiten innerhalb fremder Nationen lebten und zu deren Schaden einen geheimen Plan zur Errichtung einer jüdischen Weltherrschaft verfolgten - sogenannte „Protokolle der Weisen von Zion“. Rechtsextremisten machten Juden auch für die Niederlage der Mittelmächte im Ersten Weltkrieg verantwortlich; sie hätten dabei im Auftrag des internationalen jüdischen Kapitals, das seinen Hauptsitz in den USA - „Ostküste“ - habe, gehandelt. Besonders bei Adolf Hitler verdichteten sich solche Ideen zu einem exterministischen Antisemitismus, der schließlich in den Versuch einer systematisch organisierten Ermordung der europäischen Juden führte.

Obwohl der nationalsozialistische rassistische Antisemitismus seit 1945 in der Öffentlichkeit geächtet ist und seine Propagierung wie auch die Leugnung der Shoa (siehe auch Holocaust und Shoa aus der Sicht von Rechtsextremisten) strafbar sind, sank die Zustimmung zu antisemitischen Stereotypen und Vorurteilen in der Bevölkerung in den Jahrzehnten seit 1945 nur langsam. Rechtsextremisten können also an solche Vorurteilsstrukturen und Mentalitäten bis heute in begrenztem Umfang anknüpfen. Für sie ist das Festhalten an antisemitischen Wahnideen wichtiger Bestandteil ihrer politischen Identität. Insbesondere das neonazistische Segment im Rechtsextremismus kann und will sich von einem positiven Bezug zum Nationalsozialismus nicht lösen. Antisemitische Stereotypen haben daher eine wichtige interne Funktion für den Rechtsextremismus. Sie werden aber heute nicht mehr offen geäußert; vielfach genügen dazu codierte Andeutungen, die von einem rechtsextrem eingestellten Publikum sehr wohl verstanden werden (siehe auch Rechtsextreme Codes). Dabei werden Juden mindestens implizit für praktisch alle problematischen Entwicklungen in der Politik verantwortlich gemacht: von den sozialen Folgen der Globalisierung über die Finanzkrisen, die von jüdischen Banken ihren Ausgang nähmen, zu angeblich im jüdischen Interesse gezielt ausgelöster Migration („Überfremdung“), dem Nahost-Konflikt bis hin zu einer die deutsche Geschichte falsch darstellenden Vergangenheitsbewältigung („Schuldkult“).

Solche subtiler als früher vorgehenden Techniken bezeichnet man auch als „modernen“ oder „sekundären“ Antisemitismus. Er funktioniert über einige leicht identifizierbare Techniken:

  • „Schuldumkehr“ bezeichnet eine Strategie, bei der angedeutet wird, Juden seien durch ihr Verhalten an ihrer Verfolgung im Grunde selbst schuld bzw. trügen mindestens eine Mitschuld - z.B. durch übermäßigen Einfluss in ihren „Wirtsländern“ oder durch skrupellose Ausnutzung ihres wirtschaftlichen Erfolges. So soll die eigentliche Opfergruppe der nationalsozialistischen Massenverbrechen in eine (Mit-)Täterrolle versetzt werden. Zugleich werden die tatsächlichen Täter entlastet: Sie werden von der alleinigen Verantwortung freigesprochen, ihre Schuld wird mindestens relativiert.
  • „Aufrechnungstechnik“ stilisiert umgekehrt die Täter des Holocaust zu Opfern, denen Unrecht widerfahren sei. Dazu weisen Rechtsextremisten - meist ohne den Massenmord an den Juden und die deutsche Verantwortung für die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges zu thematisieren - darauf hin, dass im Krieg auch Deutsche Opfer geworden seien. Herausragendes Beispiel dafür ist die Rede vom „Bombenholocaust“, dem Luftangriff auf Dresden im Februar 1945, zu dem Rechtsextremisten wiederholt zu „Gedenkaufmärschen“ mobilisiert haben. Andererseits wird auch - ohne den Mord an sechs Millionen Juden ausdrücklich zu erwähnen - die Vertreibung von 15 Mio. Deutschen aus den früheren deutschen Ostgebieten zur „Aufrechnung“ benutzt. Auch hier bleibt die deutsche Verantwortung für die verbrecherische Politik der Nationalsozialisten unerwähnt.
  • „Schuldkult“ bedeutet im rechtsextremen Sprachgebrauch: Durch angebliche Erpressung jüdischer Lobbyisten und deutscher Helfershelfer in Politik und vor allem Medien (erwähnt wird nicht selten der Zentralrat der Juden in Deutschland) werde Geschichte systematisch verfälscht und eine auf Dauer verstetigte falsche Geschichtsdarstellung dazu benutzt, Deutschland im Status eines Schuldbekenntnisses und ständiger Wiedergutmachungszahlungen zu halten. Rechtsextremisten wollen so einen „Schlussstrich“ unter die Verbrechensgeschichte des Nationalsozialismus ziehen. Er würde es ihnen ermöglichen, sich auf den von ihnen im Grunde eher geschätzten „nationalen Sozialismus“ künftig ungeniert positiv beziehen zu können.
  • „Israelkritik“ bezieht sich auf die Terrorismusabwehrmaßnahmen der israelischen Armee und nimmt generell Partei für die Palästinenser (für die „Antizionismus“ genannte linksextremistische Variante dieses Musters siehe auch Gibt es einen linksextremistischen Antisemitismus?). Dabei sind zwei Argumentationsmuster herausragend: Zum ersten werden die Opfer israelischer Terrorabwehrmaßnahmen herausgestellt, Opfer palästinensischen Terrorismus und die Verantwortung der arabischen Seite für die Nahostkriege gegen Israel 1948, 1967 und 1973 aber verschwiegen (doppelte Menschenrechtsstandards). Zum zweiten werden weltweit alle Juden in kollektive Haftung für die Politik der israelischen Regierung genommen, gleichgültig ob sie israelische Staatsbürger sind oder nicht. Dies ist ein klassisches rassistisches Muster kollektiver Zuschreibung negativer Eigenschaften an eine Gruppe, die mit den beschriebenen Sachverhalten nichts zu tun hat.

Rudolf van Hüllen

(1) Das komplexe Phänomen ist schwierig zu definieren. Ein unabhängiger Expertenkreis schlägt folgende Begriffsbestimmung für Antisemitismus vor: „Erstens, Antisemitismus meint Feindschaft gegen Juden als Juden, das heißt, der entscheidende Grund für die artikulierte Ablehnung hängt mit der angeblichen oder tatsächlichen jüdischen Herkunft eines Individuums oder einer Gruppe zusammen, kann sich aber auch auf Israel beziehen, das als jüdischer Staat verstanden wird. Zweitens, Antisemitismus kann sich unterschiedlich artikulieren: latente Einstellungen, verbalisierte Diffamierungen, politische Forderungen, diskriminierende Praktiken, personelle Verfolgung, existenzielle Vernichtung. Drittens, Antisemitismus kann in verschiedenen Begründungsformen auftreten: religiös, sozial, politisch, nationalistisch, rassistisch, sekundär und antizionistisch.“ (Bericht des unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus; BT-Drs. 17/7700 v. 10.11.2011, S. 9)

Lesetipps:

  • Bericht des unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus: Antisemitismus in Deutschland - Erscheinungsformen, Bedingungen, Präventionsansätze, Deutscher Bundestag, BT-Drucksache 17/7700 v. 10.11.2011
  • Armin Pfahl-Traughber, Antisemitismus in der deutschen Geschichte, Berlin 2002