Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Rechtsextremismus

Heutiger Rechtsextremismus und der Nationalsozialismus

Für Rechtsextremisten verwirklicht sich eine ethnisch möglichst „reine“ Nation nicht zuletzt in einer „Schicksalsgemeinschaft“, die sich durch eine gemeinsame Kultur und Geschichte auszeichnen soll (siehe auch „Volksgemeinschaft“). Das Bewusstsein um kulturelle Überlieferung und eine gemeinsame Geschichte ist nicht etwa eine Erfindung von Rechtsextremisten, im Gegenteil: Man versteht das Handeln von Staaten nicht ohne Berücksichtigung ihrer gemeinsamen Traditionen und ihrer Vergangenheit. Aber bei Rechtsextremisten ist die Funktion von Geschichte eine andere: Sie soll nicht so erzählt werden, wie sie gewesen ist, mit allen Höhen und Tiefen, manchen Glanz- und etlichen Schattenseiten. Sondern sie wird so zurecht gebogen, dass sie in das rechtsextreme Weltbild passt. Die eigene Nation wird als unübertreffbares Vorbild dargestellt, welches seinen Nachbarstaaten grundsätzlich überlegen ist.

Das ist schon schlimm genug. Aber beim heutigen Rechtsextremismus fällt auf, dass er sich bevorzugt mit den zwölf finstersten Jahren der deutschen Geschichte beschäftigt. „Deutschland braucht“, schreibt die NPD in ihrem Bundesprogramm von 2010 dazu, „um seiner Zukunft willen ein nationales Geschichtsbild, das die Kontinuität im Leben unseres Volkes in den Mittelpunkt stellt.“ Ist mit „Kontinuität“ der Nationalsozialismus gemeint? Er scheint Rechtsextremisten permanent zu beschäftigen, viel mehr als andere Epochen der Geschichte. Dabei ist die Bundesrepublik Deutschland eine politische Ordnung, die sich als Gegenmodell zu jeder Gewalt- und Willkürherrschaft versteht. Gerade deshalb gibt es gute Gründe, aus dem vernichtendsten Weltkrieg und der vermutlich gewissenlosesten Diktatur, den die Zivilisation in der Neuzeit erlebt hat, etwas zu lernen. Aber darum geht es weder der NPD noch der Neonazi-Szene. Sie beschäftigen sich mit dem Nationalsozialismus aus einem Grund, den sie nicht offen zugeben können: Er ist ihr heimliches Vorbild. Und das Vorbild darf keine Fehler und schon gar keine Verbrechen auf seinem Konto haben. Weil es aber genau diese gab, muss gefälscht und geschönt werden.

Wenn Rechtsextremisten vom „Dritten Reich“ reden, sollte man also genau hinhören, was einem gerade erzählt wird.

Rudolf van Hüllen