Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Islamismus

Islamismus als politische Ideologie

Eine kurze ideengeschichtliche und theoretische Einordnung

Prozesse der Modernisierung greifen gegenwärtig auf die islamische Welt über. Der diese Entwicklung für sich nutzende Islamismus geht über einen reinen Traditionalismus hinaus. Zwar wandelt er auf einem traditionalistischen Pfad, der puristischen Lehre Abd al-Wahhabs (1703-1792)(siehe auch Wahhabiyya), lässt sich aber zum anderen auf die Salafiya, einer modernen geistigen Reformströmung aus dem 19. Jahrhundert zurückführen. Die Weiterentwicklung der Salafiya-Strömung zum Islamismus im 20. Jahrhundert lässt sich auf drei Namen zurückführen: auf Sayyid Abul Ala Maududi, dem ‚Masterdenker‘ des politischen Islam und Begründer der pakistanischen Jamaat-e-Islami, auf Hasan Al-Banna, der Gründungsfigur der antikolonialistisch und sozialrevolutionär durchwirkten ägyptischen Muslimbruderschaft, und schließlich auf Sayyid Qutb, unter dessen geistigem Einfluss der Islamismus theoretisch eine globale, weltrevolutionäre Dimension gewann.

„Islamismus“ besagt, dass der traditionale Islam ideologisiert und politisiert wird, d.h. dass der Islam mithilfe moderner technischer Mittel, Propaganda und Tatpropaganda als integrierendes und mobilisierendes Moment einer Gesellschaft eingesetzt, als Richtschnur für alle Politikbereiche und gesellschaftlichen Subsysteme, inkl. Recht und Wirtschaft, begriffen und seine staatspolitische wie gesellschaftliche Geltung unter Ausnutzung moderner Institutionen, u. U. auch demokratischer Institutionen (Wahlen, Verfassung, Parlamente), implementiert werden soll. Wendet er zu diesem Zwecke Gewalt an, so handelt es sich um eine „dschihadistische“ Ausprägung (siehe auch Die Legitimation des Jihad im Islam).

Was die Entstehungsbedingungen des heutigen Islamismus betrifft, muss festgehalten werden, dass Modernisierungsprozesse, auf die der Islamismus reagiert und aus denen er zugleich erwächst, im Unterschied zur Entwicklung im Westen des 20. Jahrhunderts dem Islam „übergestülpt“ wurden, d.h. sie sind nicht endemisch. Unter diesen Umständen mischen sich viel stärker ohnmachtsbedingte Zorn- und Rachegefühle in den emotionalen Haushalt vor allem junger orientierungsloser Sinnsucher. Das macht den Islamismus einerseits in seinem Kern „ungefährlicher“ als die großtotalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts, andererseits aber auch „apokalyptischer“ in der Grundhaltung.

Ideologisch weist der Islamismus, wird er radikal gedacht, mehrere Strukturelemente auf, die darauf hindeuten, dass es sich im Kern um eine neototalitäre Ersatzreligion handelt: Zunächst lösen radikale Islamisten jegliche Symbolik eines Spannungsverhältnisses zwischen Zeit per se und der Ewigkeit auf. Der weltrevolutionäre Islamismus von Qutb z.B. ist ganz deutlich dadurch gekennzeichnet, dass er den Koranbegriff der jahiliyya (Welt der „Ungläubigen“) de-historisiert und universalisiert und sich im globalen islamischen Kampf mit dem Satan wähnt. Der sogenannte „Islamische Staat“ (IS) wiederum verbindet – wenn nicht auf der Ebene unmittelbarer terroristischer Akte, so doch vor allem auf technischer, symbolischer, organisationsstruktureller und Rekrutierungsebene – die weltrevolutionäre mit einer rückwärtsgewandten, „puristischen“ Spielart des Islamismus.

Ein Vergleich der nationalsozialistischen und marxistischen Ideologie mit den Schriften von Qutb zeigt zudem, dass zumindest die „weltrevolutionären“ Islamisten dem gleichen Muster folgen wie die totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts. Der Islamismus Qutbs wie der Nationalsozialismus und Marxismus lassen sich als Radikalisierung des innerweltlichen Erlösungsversprechens lesen. Die Aufhebung der Transzendenz wird in der von Qutb nicht hinterfragten Reduktion der menschlichen Geschichte auf den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse deutlich, in dessen Verlauf das Böse, welches er in der jahiliyya verortet, notwendigerweise vernichtet werden muss. Die Überzeugung der Selbstmordattentäter ist zudem, durch die „Opferung“ ihres eigenen Lebens an der apokalyptischen Einleitung der Errichtung der islamischen Weltherrschaft selbst teilzuhaben. Inwieweit sich hier auch der IS einordnen lässt, kann noch nicht abschließend beantwortet werden, da nicht ganz klar ist, ob der IS überhaupt eine weltrevolutionäre Agenda verfolgt.

Was indes Al Qaida und IS gemeinsam haben, ist die Tatsache, dass durch die Betonung der vermeintlichen Überlegenheit des Islam bei gleichzeitiger Diskriminierung all derjenigen, die nicht muslimischen (sunnitischen) Glaubens sind, die höchste Wirklichkeitsform implizit ins Diesseits verlegt wird. Dies tritt im Falle des IS auf brutale Weise sogar noch deutlicher zutage als bei Al Qaida. Der Islam fällt hier auf die Stufe eines Materialismus zurück, indem die physische Kampfesstärke als Ideologie der Stärke, als entscheidendes Merkmal der eigenen – bewusst martialisch und brutal demonstrierten – Überlegenheit inszeniert wird, wobei in der symbolischen Darstellung des Paradieses der Tod des „Heiligen Kämpfers“ folgerichtig stets materiell entlohnt wird. Der Kampf wird mittelbar „vergottet“.

Al Qaida und IS fordern zudem bereits zu Lebzeiten die Errichtung des Gottesstaates ein und machen dies zur primären Berufung des Muslims. Die starke Betonung der Errichtung eines islamischen Gottesstaates auf Erden wirft die Frage nach dem Zweck der Religion und Relevanz des transzendenten Gottesbezugs auf. Der radikale Islamismus degradiert den spirituellen Kampf des einzelnen Gläubigen zu einem rein irdischen Kampf zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen. Diese Konzentration auf den irdischen Kampf vernachlässigt die Transzendenz bis zur Unkenntlichkeit.

Zusammenfassend lässt sich von einer Entleerung traditionaler Religionsinhalte sprechen, zumindest wie wir sie im christlichen Kontext kennen. Eine entscheidende Frage lautet, ob die Immunität des Christentums als „Geistreligion“ gegen totalitäre Ideologien auch auf einen „traditional“ zu verstehenden Islam übertragbar ist. Ein islamistischer Ideologe wie Qutb jedenfalls versteht den Islam als allumfassendes Lebensprinzip, das Politik und Religion nie wird auch nur ansatzweise dissoziieren können, was sich wiederum aus dem Anspruch des Korans erklärt, Anleitung auch für das politische Leben zu sein. Entscheidend für die Zukunft des Islam wird sein, ob er sich von solchen Vorstellungen wird lösen können.

PD Dr. Lazaros Miliopoulos

Lesetipps:

  • Hendrik Hansen/Peter Kainz, Radical Islamism and Totalitarian Ideology, in: Totalitarian Movements and Political Religions Bd. 8 (1), 2007, S. 55-76.
  • Peter Sloterdijk, Zorn und Zeit, Frankfurt a.M. 2006.
  • Barbara Zehnpfennig, Das Weltbild von Sayyid Qutb, in: Gerhard Hirscher/Eckhard Jesse (Hrsg.), Extremismus in Deutschland, Baden-Baden 2013, S. 327-345.