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Länderporträt Nigeria

Extremismus und Terrorismus in Nigeria

Nigeria ist ein multiethnischer und multireligiöser Staat. Die prominentesten ethnischen Gruppen wie Ibo, Yoruba und Hausa sind weltweit bekannt. Es existieren aber noch mehr als 250 andere ethnische Gruppen und Sprachen im Land. Circa 85 Prozent der Bevölkerung teilen sich auf in Christen und Moslems (mehrheitlich Sunniten), der Rest praktiziert traditionelle Religionen oder gehört zu anderen sehr seltenen Glaubensgruppen. Die Spaltung, welche aufgrund ethnischer und religiöser Differenzen quer durch die Bevölkerung verläuft, war immer die Hauptursache für Terrorismus und Extremismus in Nigeria. Um dies zu verstehen, ist es notwendig, einen Blick in die Geschichte des Landes zu werfen.

Die Terrorgruppe Boko Haram ist international bekannt, die gewalttätigen Auseinandersetzungen vergangener Zeiten sind es nicht. Vor der Kolonisierung bestanden auf dem Territorium des heutigen Nigerias unabhängige Königreiche und Sultanate. Mächtigere Königreiche und Ethnien führten vernichtende Kriege gegen die schwächeren Ethnien und machten Gefangene zu Sklaven. Auch die Landnahme durch die Sieger gehörte zur Kriegsbeute, wie zum Beispiel Ilorin, eine nördliche Stadt der Yoruba, welche erbeutet wurde und nach dem Sieg über das Machtzentrum Oyo zu einem Emirat wurde, das von den Yoruba nicht zurückerobert werden konnte.

Die Kriege waren großteils durch nationalistische und religiöse Motive begründet, anders als die Kriege und Aufstände gegen die einrückende Kolonialmacht.

Ein markanter Aufstand in der Kolonialzeit war 1929 der „Aba womens riot“. Er war ein Aufstand gegen die Steuerlasten durch die Kolonialverwaltung und circa 50 Frauen wurden getötet, ebenso viele verwundet. Das veranlasste die Kolonialverwaltung, die Macht der lokalen Chiefs (eine Form von lokalen Königen/Häuptlingen) zu begrenzen und die Steuerpolitik zurückzunehmen. So entstanden in Nigeria nichtstaatliche Akteure, welche sich künftig zusammenschlossen und – gewaltlos oder gewaltsam – ihre Meinung zu Politik und Verordnungen der herrschenden Klasse ausdrückten. Direkt nach der Unabhängigkeit Nigerias brachen Aufruhr und Gewalttaten aus. Beispiele sind der Aufruhr im Westen Nigerias, der einer umstrittenen Volkszählung folgte, Gewalttaten während und nach Wahlen, Putsche und Gegenputsche durch die Militärs.

Einige Beobachter, Politiker und Professoren behaupten, dass der Putsch und Gegenputsch in 1966 aufgrund ethnischer Diskrimination erfolgte. Der erste Putsch im Januar 1966 richtete sich gegen den Hausa-Fulani Norden und der Sarduana von Sokoto wurde umgebracht. Dieser Putsch wurde von einem Igbo, Kaduna Nzeogwu, geführt und Igbos in den nördlichen Landesteilen wurden daraufhin von den Volksgruppen, deren Oberhaupt getötet worden war, umgebracht. Es erfolgte noch 1966 ein Gegenputsch durch Soldaten aus dem Norden.

Der international bekannte Biafra-Krieg folgte im Mai 1967 und dauerte 3 Jahre. Der nigerianische Autor Achebe schreibt in seinen Memoiren „There was a Country“ dass der Krieg wie eine Balgerei um das Selbstwertgefühl und den Stolz zwischen den Führern von Nigeria und den Staatsgründern von Biafra erschien. Nationalismus war einer der Hauptgründe, warum viele in dem Krieg für einen Staat Biafra kämpften.

Während Ethnie und Nationalismus verantwortlich waren für die obenstehenden Kriege und Gewalttaten, hat religiöser Extremismus die politische Landschaft Nigerias stark geformt. In Nigeria ist die Maitatsine Bewegung gut bekannt, eine muslimische Stammesbewegung im Norden des Landes, welche sich insbesondere in den Jahren 1980–1985, vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Benachteiligung, gewaltsam gegen islamische Gelehrte und die Regierung wandte. Bei den Auseinandersetzungen in Kanu, später auch in Maiduguri, Kaduna, Yola und Gombe kamen etwa 8600 Menschen ums Leben und die Aufstände wurden mit massivem Militäreinsatz niedergeschlagen.

Auch während der letzten 15 Jahre waren religiöse Extremisten und Terrorgruppen in Nigeria aktiv. Am bekanntesten ist derzeit Boko Haram. Jama’atu Ahlis-Sunna Lidda’Awati Wal-Jihad (Boko Haram) existiert seit 2002 und wurde von Mohammed Yusuf gegründet. Nachdem Yusuf von der Polizei während seines Arrests getötet wurde, übernahm Abu-Bakr Shekau das Kommando und die Sekte entwickelte sich zur Terrorgruppe, welche 2009 eine Serie von Bombenanschlägen startete.

Was bedeutet „Boko Haram“?
Der Name Boko Haram ist eine Kombination von Hausa und Arabisch. Boko bedeutet „Buch“ und Haram bedeutet „sündig, verboten, ungesetzlich“. Mit diesem Namen behauptete die Sekte von Beginn an, dass westliche Bildung und westliches Verhalten sündig und verboten seien und will so gegen die „Verwestlichung“ des Nordens Nigerias protestieren. Ihrer Vorstellung nach sollen überall Scharia-Gesetze gelten.

Boko Haram rekrutiert Kinder, um Attacken auszuführen, und führte erstmals Selbstmordattentate in Nigeria aus. Gleichzeitig werden soziale Medien als Plattform für Werbung und die Erklärung des Kampfes gegen die Regierung sowie zur Schaustellung gewalttätiger Videos genutzt. Die Verteufelung einer „Verwestlichung“ steht, wie auch in anderen Fällen, in krassem Gegensatz zu ihrer eigenen Nutzung westlicher Medien und Technologie.

Nachdem 2011 Goodluck Jonathan zum Präsidenten gewählt wurde, nahmen die Terrorakte von Boko Haram zu und waren wesentlich besser koordiniert. Einige schreiben dies dem Wechsel der Staatsmacht zu einem Christen, also einem „Nicht-Gläubigen“ in den Augen Boko Harams, zu.

Es gab und gibt Bombenanschläge auf Schulen, Moscheen, Kirchen, Marktplätze, überall wo sich viele Menschen aufhalten. Boko Haram wurde als terroristische Gruppe von den Vereinten Nationen eingestuft und propagiert mit Gewalttaten eine salafistisch-jihadistische Ideologie, welche zu politischen Veränderungen führen solle.

Die international am meisten Aufmerksamkeit erreichenden Terroraktionen waren die Entführung von mehr als 250 Schulkindern in Chibok im Jahr 2014 und der Bombenanschlag auf die UN Vertretung in Abuja 2011.

Im Jahr 2015 hat Boko Haram sich zu ISIS bekannt. Durch deren Unterstützung versprach man sich wohl mehr internationale Bedeutung und auch Unterstützung bei den Übergriffen und Stationierungen in Kamerun, Tschad und Niger. Boko Haram hatte Mitte 2015 eine Landfläche von mindestens der Größe Belgiens in Gewalt gebracht. Durch die ständige Bedrohung durch Entführung, Mord und Plünderung sowie den Kämpfen zwischen Soldaten und Terroristen musste ein großer Teil der Bevölkerung aus den betroffen Gebieten fliehen.

Nach Regierungsberichten liegt die Zahl der vertriebenen Personen bei rund 2,6 Millionen Menschen. Das bedeutet neben Verlust der Unterkunft und der Arbeit auch Hunger und Krankheit für Tausende, obwohl sowohl internationale und nationale Hilfswerke das Leid zu mildern versuchen. In einem der letzten Berichte von UNICEF sind etwa 50.000 Kinder vom Hungertod in den Flüchtlingsunterkünften und Camps bedroht. Nicht weniger als 20.000 Menschen wurden bislang in diesem Terrorkrieg getötet.

Die Aktivitäten von Boko Haram wurden seit der Präsidentschaft von Mohammadu Buhari (Mai 2015) drastisch reduziert. Er tauschte Generäle aus und verlegte die Kontrolle über die Armeeeinsätze von Abuja nach Maiduguri, ins Zentrum der Kämpfe. Dörfer und Städte in den Staaten Borno, Yobe, Adamawa, Gombe, Bauchi und Taraba konnten zurückgewonnen werden. Außerdem wurde mit den Armeen Tschads, Kameruns und Nigers im Kampf gegen Boko Haram kooperiert.

Extremisten und Terroristen werden eine immer größere Gefahr für Nigeria. Durch die Niger Delta Milizen wird nicht nur die Regierungsführung attackiert, sondern auch die kulturelle und sozio-ökonomische Entwicklung. Der Konflikt im Niger Delta begann in den 1990er Jahren. Die Entdeckung von Erdöl führte zu Konflikten zwischen den verschiedenen Ethnien im Niger Delta. Die dann folgende Förderung des Erdöls durch multinationale Konzerne und nigerianische Politiker mit Eigentumsrechten verursachte große Umweltschäden, die kaum noch rückgängig gemacht werden können und die Armen in der Bevölkerung sind die größten Verlierer. Betroffene und nicht Betroffene mobilisierten sich und forderten von der Regierung eine Entschädigung, da sie gezwungen wurden, ihr Land für die Ölförderung zur Verfügung zu stellen. Da die Regierung nicht bereit war, einen größeren Anteil des Gewinns von der Ölförderung für die betroffene Region und die Menschen zur Verfügung zu stellen, formierten sich Gruppen, die Pipelines zerstörten und Anschläge auf internationale Firmen und auf Menschen verübten.

Die Regierung versuchte, mit der Armee die Anschläge der Milizen zu verhindern und die Anführer festzunehmen, konnte aber trotz vieler Personenverluste keine großen Erfolge, geschweige denn Frieden erzielen. Im Jahr 2000 initiierte Präsident Obasanjo eine Kommission, welche sich um den Konflikt kümmern und mit den Milizen verhandeln sollte. Erst 2009 wurde ein Friedensangebot von Präsident Umar Yar’Adua gemacht und es konnte ein Ergebnis erzielt werden, das die Milizen mit hohen Alimenten, Studienplätzen im Ausland und anderen lukrativen Angeboten zufriedenstellte. Obwohl hiervon naturgemäß nicht alle profitierten, stellte sich für einige Jahre Frieden ein und 2011 wurde eine Amnestie von Präsident Goodluck Jonathan erteilt. Seit der Regierungsübernahme von Präsident Buhari, der Prüfung weiterer Zahlungen von Alimenten an Milizen und der Verfolgung korrupter Politiker, sind die Milizen des Niger Delta wieder auferstanden, stärker als vorher. Das Niger Delta ist zu einem Zentrum von Gewalt geworden und es gibt mehrere Terrorgruppen wie die Niger Delta Avengers, Niger Delta Revolutionary Crusade, Movement for the Emancipation of Niger Delta, Reformed Niger Delta Avengers Niger Delta Greenland Justice Movement etc. Diese Milizen sind verantwortlich für die Bombardierung wichtiger Ölpipelines, Entführungen, Erpressungen und Morde. Ihre Agenda ist, das Niger Delta, und damit die Haupteinnahmequelle von Devisen des Staates Nigeria, zu kontrollieren. So verständlich es ist, dass die Benachteiligten und von Umweltschäden betroffenen Einwohner des Niger Delta Hilfe und Unterstützung erfahren sollen, so wenig ist das als Argument der Milizen glaubhaft, da während der vorangegangenen Friedensphase kein Geld in die Entwicklung des Deltas, in Umweltschutz, Schulen, Entwicklung von Arbeitsplätzen und an die dortige arme Bevölkerung geflossen ist.

Nach der Zerstörung wichtiger Pipelines, welche die Finanzen und Wirtschaft Nigerias an den Rand des Kollapses brachte, hat die Gruppe Niger Delta Greenland Justice Movement die Offensive „operation crocodile tears” gegen die „operation crocodile smile” der nigerianischen Armee gestartet. Die Armee, die Marine und der NSCDC (Nigeria Security and Civil Defence Corps) haben große Verluste zu beklagen und es sieht nicht so aus, als wäre der Kampf in den dschungelähnlichen Wasserwegen des Deltas von Nigerias Sicherheitskräften zu gewinnen. Es ist interessant, dass die Milizen die Forderung nach der Einstellung der Verfolgung von Korruptionsfällen gestellt haben. Dies lässt einen Rückschluss in politische Kreise zu, denen die Korruptionspolitik Präsident Buharis gefährlich werden könnte. Trotzdem wird an Verhandlungen und einem Kompromiss mit den Milizen wohl kein Weg vorbei führen, da ein weiterer wirtschaftlicher Verfall des Staates durch fehlende Öleinnahmen unvorhersehbare Folgen haben könnte. Hinzu kommt, dass verschiedene politische Kreise den Ruf nach einem unabhängigen Biafra, das dann alle Ölvorkommen des Deltas kontrollieren würde, überall, auch bei und von Nigerianern im Ausland, wieder angefacht haben.

In Plateau State schwelen alte Konflikte zwischen alteingesessenen christlichen Ethnien und zugezogenen muslimischen Ethnien aus dem weiteren Norden. Der Konflikt hat sich durch sehr viel Aufklärung und Friedensarbeit beruhigt, kann aber dennoch anlassbezogen jederzeit wieder aufflammen. Eine weitere Kontroverse und eine große Gefahr für den Frieden in Nigeria ist die „Fulani herdsmen crisis“. Wanderhirten, die ethnische Fulani sind, ziehen traditionell vom Norden des Landes, auch angrenzender Staaten, Richtung Süden, um ihre Kühe zu weiden und Fleisch in die Schlachthöfe des Südens zu bringen. Die zwischen den ECOWAS Staaten ausgehandelten Weidekorridore für die Fulani Hirten mit ihren Kühen existieren nicht mehr. Das Land ist entweder bebaut oder von ansässigen Bauern landwirtschaftlich genutzt. Die Kühe zerstören also die Feldfrüchte, und damit das magere Einkommen der Bauern. Die Bauern vertreiben oder töten die Kühe und die Fulani Hirten wiederum überfallen dann Bauerndörfer und rächen sich durch Brandschatzung, Vergewaltigungen, und dies resultiert in Mord und Totschlag. Die Hirten sind in letzter Zeit immer öfter bewaffnet unterwegs und es kommt in vielen Staaten Nigerias zu tödlichen Auseinandersetzungen, nach denen tagelang Straßen gesperrt werden und die Polizei intensiv kontrolliert.

Nach Angaben des nigerianischen Instituts for Economics and Peace wurden 1299 Personen 2014 getötet, im Vergleich zu 63 Toten 2013. Benue State hat die höchste Zahl an Opfern zu beklagen. Im Juli 2015 wurde ein Ort in der Nähe der Staatshauptstadt Markurdi angegriffen, im Mai 2015 wurden mehr als 10 Bauern und ihre Familien massakriert und Flüchtlingslager in Ukra, Per, Gafa and Tse in Benue State angegriffen. Bei einer nachfolgenden Racheattacke wurden drei Fulani Wanderhirten getötet und geköpft. Im Februar 2016 wurden mehr als 40 Personen getötet, circa 2000 vertrieben und 40 Menschen schwer verwundet. Bei den letzten größeren Auseinandersetzungen wurden mehr als 92 Menschen in Benue und Niger State getötet und Fulani Hirten werden der Taten verdächtigt. Die Konflikte haben sich ausgeweitet auf südliche Staaten wie Enugu, Ekiti, Ondo, Oyo und Cross River State. Politisch werden die Konflikte derzeit in der Öffentlichkeit kaum angegangen, es gibt einen Stillstand der Diskussion, wie man das Problem lösen könnte. Die ECOWAS Korridore kann man nicht so einfach wieder herstellen, politische Interessen aus den Konflikten kommen mit ins Spiel, ethnische Konflikte werden dadurch entfacht und angeheizt und das könnte zu sehr heftigen Eskalationen führen, welche weit über einen Bauern-Wanderhirten Konflikt hinausgehen würden.

Eine Lösung wird sehr schwierig sein, auch dadurch, dass die politische Elite eine solch heikle Frage ungern angehen wird, da es für sie selbst kein direktes Problem darstellt, aber bei scheiternden Verhandlungen zu politischen Verlusten wie auch einem Verstärken der Unruhen führen kann. In der nigerianischen Politik und der politischen Elite sind keine extremen Ideologien verankert. Im Gegenteil, extreme Ideologien werden gefürchtet, denn das könnte zu unangenehmen schnellen Veränderungen führen. Innerhalb der intellektuellen Elite werden extreme Ideologien natürlich diskutiert, aber das hat bisher nicht zu Aktionen geführt oder sich in der Politik wiedergefunden. Zusammenfassend kann man sagen, dass Extremismus und Terrorismus in Nigeria ausgelöst und verbreitet werden durch Armut, Missbrauch von Religion und gefühlte Unterdrückung. Politiker, wenn auch nicht alle, benutzen ethnische und religiöse Zugehörigkeiten zu oft für politische Zwecke. Wenn Nigeria sich zu einer erfolgreichen Demokratie und einem wirtschaftlich und sozial gut entwickelten Staat entwickeln will, müssen solche Praktiken zu einem Ende kommen.