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Strategische Wette: Wie Deutschland die Türkei neu entdeckt

Von bilateraler Annäherung zur gemeinsamen Sicherheitsarchitektur

Für den 18. Mai 2026 ist eine Wiederaufnahme des strategischen Dialogmechanismus zwischen Deutschland und der Türkei geplant. Bereits seit dem Antrittsbesuch des Bundeskanzlers Friedrich Merz in Ankara Ende Oktober 2025 befinden sich die deutsch-türkischen Beziehungen in Aufbruchsstimmung. Beide Länder sehen derzeit eine greifbare Möglichkeit, konkrete Fortschritte in der gemeinsamen Zusammenarbeit zu erzielen. Die Türkei ist aus deutscher Perspektive verstärkt als sicherheitspolitischer Partner in den Fokus gerückt. Der anstehende NATO-Gipfel 2026 in Ankara im Juli dieses Jahres bietet eine wertvolle Gelegenheit, die verteidigungs- und rüstungspolitische Kooperation mit der Türkei zu stärken. Wichtige inhaltliche Impulse kann zudem die bevorstehende 18. Istanbul Security Conference® geben.

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I. Intensive bilaterale Kontakte

Symbolhaft für den derzeitigen Aufbruch in den deutsch-türkischen Beziehungen steht die Reise des Bundeskanzlers Friedrich Merz nach Ankara vom 29. bis zum 30. Oktober 2025. Es war sein Antrittsbesuch in der Türkei und seine erste Auslandsreise außerhalb Europas und den USA. Der Bundeskanzler traf unter anderem Präsident Recep Tayyip Erdoğan, Vertreter der Außenhandelskammer sowie deutscher Unternehmen und gab gemeinsam mit dem türkischen Präsidenten eine Pressekonferenz. Der Bundeskanzler wurde mit militärischen Ehren (mit Salutschüssen und berittener Eskorte) empfangen.

Der Besuch des Bundeskanzlers stellte den strategischen Wert der Beziehungen in den Mittelpunkt. Friedrich Merz brachte Wertschätzung für die Türkei und die Türkei-stämmigen Menschen in Deutschland zum Ausdruck. Eine vertiefte Partnerschaft mit der Türkei und eine engere Kooperation seien ein zwingendes Gebot der Vernunft und im Interesse beider Seiten. Mit Blick auf eine „europäische Perspektive der Türkei“ äußerte er, die Türkei sehe er „eng an der Seite der Europäischen Union“ und er wolle den „Weg nach Europa weiter ebnen“.

Bundesaußenminister Wadephul hatte bereits während seines Türkeibesuchs am 17. Oktober 2025 eine positive Agenda in den deutsch-türkischen Beziehungen eingeläutet. Am 28. November stattete der türkische Außenminister Hakan Fidan seinen Gegenbesuch in Berlin ab und am 12. März reiste Bundesaußenminister Wadephul erneut nach Ankara und traf dort auch Präsident Erdoğan. Darüber hinaus empfing Bundesverteidigungsminister Borius Pistorius am 14. Januar 2026 seinen türkischen

Amtskollegen Yaşar Güler. Und am 22. April telefonierte Präsident Erdoğan mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Um den engen Austausch auch zukünftig zu stärken, soll der institutionalisierte strategische Dialogmechanismus zwischen Deutschland und der Türkei fortgesetzt werden. Eine Wiederaufnahme nach dem letzten Treffen vom Juni 2014 ist am 18. Mai 2026 in Berlin geplant.[i] Dieses Format soll einen Austausch über die gesamte thematische Bandbreite der bilateralen Beziehungen umfassen und dabei über tagespolitische Fragen hinaus gehen und strategische Themen ins Auge fassen.

 

II. Verteidigungspolitik im Fokus

Die hohe Dichte hochrangiger politischer Kontakte und Treffen schuf in letzter Zeit ein positives Momentum in den deutsch-türkischen Beziehungen. Dazu verhalf insbesondere auch die Entscheidung der Bundesregierung unter Friedrich Merz vom Juli 2025, nach zwei Jahren den Exportstopp von Eurofighter Typhoons in die Türkei aufzuheben.

Zusätzlich positiv aufgefasst wurde in der Türkei das deutsche Engagement, die Türkei zur Teilnahme am EU-Rüstungsprogramm SAFE zuzulassen, obschon die Bemühungen bisher erfolglos blieben.[ii] Dennoch sieht sich die Türkei in einer guten Position: Verteidigungsminister Güler betonte, die Türkei messe der Teilnahme am EU-Rüstungsprogramm SAFE wenig Bedeutung bei. Er verwies auf weitverbreitete Engpässe bei Munition und Waffen und hob hervor, viele europäische Länder möchten mit der Türkei rüstungspolitisch kooperieren.[iii]

Die Türkei ist über Migrations-[iv] und auch Energiefragen[v] hinaus ein bedeutender Partner. Die Länderbeziehungen werden auch durch intensive wirtschaftliche Kontakte gestärkt. Deutschland ist der wichtigste Handelspartner der Türkei. Nicht ohne Grund beschrieb Bundeskanzler Merz auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2026 die Türkei als eines derjenigen Länder, mit denen Deutschland nicht alle, aber doch wichtige Anliegen verbinde. Die Türkei spiele eine Schlüsselrolle und Deutschland wolle auch mit der Türkei enger zusammenrücken.[vi] Die Beziehungen sollen dabei auch mittels bereits bestehender Formate weiterhin gepflegt werden, wie zum Beispiel durch das deutsch-türkische Wirtschaftsformat JETCO (Joint Economic and Trade Commission).

Seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine rückte die Türkei aus deutscher Perspektive verstärkt in den Fokus. Dies liegt nicht nur an ihrem gewachsenen diplomatischen Gewicht, das sich etwa in den türkischen Vermittlungsversuchen zwischen Moskau und Kiew zeigt. Auch der zunehmende Einfluss Ankaras in angrenzenden Regionen – etwa in Syrien, im Gazastreifen oder gegenüber dem Iran – trägt zu dieser veränderten Wahrnehmung bei.

Eine weitere wichtige Erkenntnis war, dass Drohnen und unbemannte Flugsysteme in modernen Kriegsgeschehen eine zentrale Rolle spielen und die Türkei mit ihren Rüstungsprodukten in diesem Bereich mitführend ist. Nicht umsonst betonte Bundeskanzler Merz bei seinem Besuch in Ankara gemeinsame Sicherheitsinteressen innerhalb der NATO, insbesondere die Stärkung der Bündnisverteidigung, und kündigte an, ein fünftes Treffen der deutschen und türkischen Verteidigungsindustrie aktiv voranzutreiben. Gleichermaßen betonte Präsident Erdoğan, den Blick nach vorne zu richten und die Zusammenarbeit im Bereich der Verteidigung auf eine höhere Ebene bringen zu wollen.

 

III. Deutschland und Türkei vor dem NATO-Gipfel 2026 in Ankara

Die Türkei richtet dieses Jahr den NATO-Gipfel 2026 in Ankara vom 7. bis zum 8. Juli aus. Vor diesem Hintergrund erfolgte der Besuch des NATO-Generalsekretärs Mark Rutte am 22. April in Ankara. Er lobte die Entwicklungen der türkischen Rüstungsindustrie[vii] und nannte sie eine «rüstungsindustrielle Revolution»[viii]. Auf militärischer Ebene gab es überdies einen deutsch-türkischen Austausch. Vom 15. bis zum 17. April 2026 besuchte Generalstabschef Selçuk Bayraktaroğlu seinen Amtskollegen, Generalinspekteur Carsten Breuer. Und bereits im April des Vorjahres hatte Generalinspekteur Breuer Ankara besucht.

Ferner fand im Vorfeld des NATO-Gipfels vom Januar bis März die NATO-Großübung Steadfast Dart 2026 statt, um eine Truppenverlegung an die NATO-Ostflanke zu proben. Dabei hob Bundesverteidigungsminister Pistorius den türkischen Beitrag hervor, insbesondere die türkischen Amphibienboote, die sich als «sehr hochwertig»[six] erwiesen hätten. Dazu gehörte unter anderem das türkische Schiff für amphibische Angriffe TCG Anadolu, die nahezu ausschließlich in der Türkei produzierte Fregatte TCG Istanbul, das gepanzerte amphibische Angriffsfahrzeug ZAHA MAV ebenso wie die bei einer amphibischen Operation erstmalig eingesetzte Kampf- und Aufklärungsdrohne Bayraktar TB3.

Außerdem setzt sich die Bundesregierung für das Beitrittsersuchen der Türkei zum Rahmenabkommen für die gemeinsame Beschaffung bei der European Sky Shield Initiative (ESSI) ein, um die gemeinsame Beschaffung von Luftverteidigungssystemen zu fördern. Die Türkei könnte damit einen wichtigen Beitrag leisten, das Nordatlantische Bündnis ein Stück weit unabhängiger von den USA zu machen. NATO-Generalsekretär Rutte beschrieb dies kürzlich als «Übergang von ungesunder Abhängigkeit hin zu einer transatlantischen Allianz auf Grundlage echter Partnerschaft“[x] [eigene Übersetzung]. Dafür kann die Türkei mit ihren Technologien nicht nur wertvoller Kooperationspartner sein, sondern auch bereits kurz- und mittelfristig wichtige Produktionskapazitäten zur Verfügung stellen.

Dementsprechend positioniert sich die türkische Regierung und betont vor dem NATO-Gipfel 2026 in Ankara, wie wichtig es sei, die Solidarität zwischen Bündnismitgliedern zu stärken. Dabei sei nicht zielführend, argumentierte Präsident Erdoğan, wenn bei verteidigungspolitischen EU-Initiativen Nicht-EU-Länder ausgeschlossen werden.[xi]

Wenn aber das jüngste Weißbuch der EU zur europäischen Verteidigung (Readiness 2030) die Türkei nicht als möglichen Partner in der Rüstungskooperation sieht, anders als bei Norwegen, dem Vereinigte Königreich oder Kanada, zeigt dies, dass nicht überall in Europa Einvernehmen über die Rolle der Türkei für Europa herrscht. Die jüngsten Debatten im Zusammenhang mit der Aussage der Präsidentin der Europäischen Kommission Ursula von der Leyen, der europäische Kontinent müsse vervollständigt werden, damit er nicht russisch, türkisch oder chinesisch beeinflusst werde, verdeutlicht dies. In Deutschland bleibt ebenso mit Spannung abzuwarten, wie die am 22. April veröffentlichte Militärstrategie „Gesamtkonzeption militärische Verteidigung. Militärstrategie und Plan für Streitkräfte. Verantwortung für Europa“ in ein politisches Gesamtkonzept, auch mit Blick auf die Türkei und den anstehenden NATO-Gipfel, in eine konkrete Zusammenarbeit im Verteidigungsbereich überführt wird.

Nichtsdestotrotz sind die jüngsten Entwicklungen positiv zu bewerten und können Ausgangspunkt für weitere Erfolge in den deutsch-türkischen

Beziehungen sein. Dies gilt auch für den im Mai geplanten strategischen Dialogmechanismus zwischen Deutschland und der Türkei. Er ist eine wichtige Gelegenheit, in Vertrauen und gemeinsamer Abstimmung strategische Themen zu erörtern und den Beziehungen weiter Orientierung zu geben. Besonders in der verteidigungs- und rüstungspolitischen Zusammenarbeit besteht großes Potential und die Möglichkeit, gemeinsam einen entscheidenden Beitrag zur Stärkung der transatlantischen Gemeinschaft zu leisten. In diesem Zusammenhang könnte die kurz bevorstehende 18. Istanbul Security Conference® 2026 mit dem Titel „The Turkish NATO Moment in 2026 – Security Outlook for Türkiye, Europe and Beyond“ weitere relevante Impulse geben.[xii]

 


[i] Vgl. Sercan Irkin, Turkish foreign minister set to host German counterpart, Anadolu Agency, 11.03.2026, zuletzt aufgerufen am 28.04.2026.

[ii] Vgl. Murat Yeşiltaş, Sibel Düz (Ed.), SETA Security Radar. Türkiye‘s Geopolitical Landscape in 2026. Resilient Balancing in a World in Drift, 2026, S. 71ff.

[iii] Zit. nach Turkish defense minister downplays SAFE bid, says Europe will turn to Türkiye when needed, Türkiye Today, 20.12.2025, zuletzt aufgerufen am 27.04.2026.

[iv] Im Jahr 2025 fanden Abschiebungen am häufigsten in die Türkei statt. Vgl. Sarah Kohler, Migrationspolitik: Abschiebungen fanden 2025 am häufigsten in die Türkei statt, Die Zeit, 30.01.2026, zuletzt aufgerufen am 29.04.2026.

[v] Zur türkischen Energiepolitik siehe weiterführend Markus Hildebrand, Machtfaktor Energie: Wie wichtig wird die Türkei für Deutschland und Europa?, Konrad-Adenauer-Stiftung, 16.02.2026, zuletzt aufgerufen am 27.04.2026.

[vi] Vgl. Rede von Bundeskanzler Merz bei der MSC, Bundesregierung, 13.02.2026, zuletzt aufgerufen am 27.04.2026.

[vii] Zur türkischen Rüstungsindustrie siehe weiterführend Markus Hildebrand, Partner, Produzent, Player: Warum Europa die türkische Rüstungsindustrie ernst nehmen muss, Europäische Sicherheit & Technik, 12/2025, S. 22-24.

[viii] NATO Secretary General visits Türkiye in preparation for Ankara Summit, underlines importance of defence industry, NATO News, 22.4.2026, zuletzt aufgerufen am 27.04.2026.

[ix] Zit. nach Navid Linnemann, Steadfast Dart 2026 – Türken landen am Ostseestrand, Defence-Network, 19.02.2026, zuletzt aufgerufen am 27.04.2026.

[x] Zit. nach Speech by NATO Secretary General Mark Rutte, NATO Transcript, 09.04.2026, zuletzt aufgerufen am 27.04.2026.

[xi] Vgl. The Republic of Türkiye Directorate of Communications, Directorate of Communications, 22.04.2026, zuletzt aufgerufen am 28.04.2026.

[xii] Seit 2008 bringt die Istanbul Security Conference® (ISC) hochrangige Experten, Politiker und internationale Entscheidungsträger zusammen, um die drängendsten sicherheitspolitischen Themen unserer Zeit zu diskutieren. Gemeinsam organisiert von der Konrad-Adenauer-Stiftung Türkei und dem Strategic Studies and Implementation Research Centre der Başkent Universität Ankara, zählt die ISC heute zu den bedeutendsten und größten Sicherheitskonferenzen in der Region. Weiterführend vgl. Istanbul Security Conference - Europäische und Internationale Zusammenarbeit - Konrad-Adenauer-Stiftung sowie Istanbul Security Conference.

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Кантакт Frank Priess
Portrait von Frank Priess
Des. Leiter des Auslandsbüro Türkei
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16 лютага 2026 г.
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