Veranstaltungsberichte

Panama Papers und Populisten

von Stefan Stahlberg

Über die Vor- und Nachteile der Digitalisierung sprach Prof. Sebastian Turner auf dem Zukunftskongress 3.0

Smartphone, Vernetzung und virtuelle Welten: Die Digitalisierung prägt unseren Alltag. Die Ergebnisse dieses Prozesses vereinfachen vieles, bringen aber auch neue Probleme mit sich. Was die Digitalisierung ausmacht und wie sie – im Positiven wie im Negativen – unser Leben verändert, darüber sprach beim Zukunftskongress 3.0 der Publizist und Journalist Prof. Sebastian Turner.

„Eigentlich müssten Sie mir die Digitalisierung erklären“, bemerkte Sebastian Turner gleich zu Beginn zu den Studenten. Denn als er an der Universität war, „hat gerade die elektrische Schreibmaschine bei mir eingeschlagen.“ Der Publizist Turner migrierte in die Digitalisierung hinein – im Gegensatz zu der jungen Generation der digital natives, die in die digitale Welt hineingeboren wurde. Kommunikation begleitete sein Berufsleben, sei es 1981 als Gründer einer Schülerzeitschrift, als Journalist für ZEIT und F.A.Z., oder als Geschäftsführender Gesellschafter der Werbeagentur Scholz & Friends.

Revolution der Kommunikation

Für den Mitherausgeber des Berliner Tagesspiegels gibt es zwei Phasen hin zur Digitalisierung: Zuerst veränderte um das Jahr 1500 Gutenbergs Buchdruck die Transaktion. Statt eines Senders und eines Empfängers hatte nun ein Sender unendlich viele Empfänger erreichen können. Die Digitalisierung schaffte aber eine neue Gleichung. Durch die Rückkopplungsmöglichkeiten könnten jetzt auch unendlich viele Sender mit einer unbegrenzten Anzahl Empfänger kommunizieren, analysierte Turner, dies sei eine „epochale Veränderung“, eine „komplette Änderung der Spielregeln auf dem Markt“.

Die Vorteile der Digitalisierung

Fünf Merkmale prägen Turner zufolge die Digitalisierung: Während Tempo, Transaktion, Transparenz und Teilhabe eher positiv wirkten, sei die Trennung eher negative Begleiterscheinung. Doch zunächst zu den Vorteilen: Die erhöhte Geschwindigkeit sorge dafür, dass wir heute „einen Brief versenden in der Zeit, in der man früher eine Briefmarke aufgeklebt hat“, sagt Turner. Auch die Transaktionskosten seien „fast überall ins Nichts gefallen“. Als Herausgeber einer Tageszeitung berichtete er von den gewaltigen Transaktionskosten, die tausende Zusteller des Printprodukts verursachen – die gen Null tendierenden Versandkosten erhöhten zudem die Teilhabe. Und die Transparenz? „Die Panama Papers waren nur durch die Digitalisierung aufdeckungsfähig“, früher hätte ein Banker einen Lieferwagen benötigt für die Aktenberge, so Turner.

Die andere Seite der Medaille: Echoraum und Filterblase

„Das Internet fördert aber auch die Trennung“, leitete Turner zur Kehrseite über. Im menschlichen Bestreben, sich in einem Kreis von Gleichgesinnten aufzuhalten, in dem man eine gemeinsame Grundauffassung vertrete, führe zu sogenannten Echoräumen im Netz. Das könne zwar einen großen Gewinn bringen, beispielsweise in der wissenschaftlichen Spezialisierung. Es entstünden aber auch homogene Gruppen in sogenannten Filterblasen, „die größten Schaden anrichten könnten“, warnte Turner. So seien Islamisten, die sich online radikalisierten, ohne das Phänomen Echoraum nicht erklärbar. Auch Rechtsradikale und -populisten spürten im Netz eine neue Gemeinschaftserfahrung: Vorher war die Alltagserfahrung „Ich bin einer von wenigen“.

Die gegenwärtige Situation berge jedenfalls eine große Gefahr in sich, sagte der Medienexperte: „Es kann uns blühen, dass wir medial in den dreißiger Jahren landen.“ Damals sei die Gesellschaft in Milieus, beispielsweise Arbeiter oder Katholiken, gespalten und zerklüftet gewesen - und man habe in seinem Milieu nur die eigene Parteipresse konsumiert.