Veranstaltungsberichte

Zeitzeugengespräch am Gymnasium Horn

von Hendrik Pröhl

Ausstellungseröffnung der Konrad-Adenauer-Stiftung

Ein Zeitzeugengespräch mit Angelika Cholewa am Gymnasium Horn, moderiert von Sarah Bunk, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Konrad-Adenauer-Stiftung Bremen, eröffnete am 29. November 2016 die Ausstellung „DDR-Stasi – Spitzel von nebenan“ der KAS. Im Dialog mit den Schülerinnen und Schülern schilderte Frau Cholewa ihre Erfahrungen in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), nachdem sie sich der Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit (Stasi) verweigert hatte.

Die Schülerinnen und Schüler wurden von Herrn Riggers, stellvertretender Schulleiter des Gymnasium Horns begrüßt. Durch Sarah Bunk erhielten sie einen Überblick über den „größten geheimdienstlichen Apparat der Weltgeschichte“, der zwischenzeitlich (1988) 91.000 DDR-Bürgerinnen und -Bürger hauptamtlich und 189.000 als Inoffizielle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen (IM) beschäftigte.

Angelika Cholewa betonte, dass ihr der Austausch über ihre Erlebnisse sehr wichtig sei und ermutigte die Jugendlichen daher, eigene Fragen zu stellen. Das willkürliche Eingreifen staatlicher Organe in die Familie von Frau Cholewa wurde von allen Angehörigen als Schock empfunden, der sich zum Beispiel in jahrzehntelangem Schweigen ausdrückte und sie später zu dem Entschluss führte, in die Bundesrepublik Deutschland (BRD) zu fliehen. 1972, im Alter von 17 Jahren, wurde Cholewa von zwei Mitarbeitern der Stasi nach dem Schulunterricht „zur Klärung eines Sachverhaltes“ abgefangen. Deren Ziel war es, sie als IM der Stasi zu gewinnen, um so Informationen über ihre Mitschüler und deren Familien zu erhalten. Frau Cholewas Eltern, die sich aufgrund ihrer schweren Kriegstraumata „apolitisch“ verhielten, konnten sie „nicht schützen“: Die Stasi-Mitarbeitenden drohten beiden Eltern mit dem Verlust ihres Arbeitsplatzes, diese fühlten sich der Willkür der Stasi ohnmächtig ausgeliefert. Nach Vorstellung der Stasi sollte Angelika Cholewa insbesondere über solche MitschülerInnen berichten, die in der Kirche organisiert waren. Ziel der SED-Regierung war es, junge Menschen, deren religiösen Werte und Haltung anderen Menschen gegenüber im Konflikt beziehungsweise Widerspruch mit dem sozialistischen Regime standen, zu manipulieren, gegebenenfalls zu bedrohen und zu kontrollieren. Angelika Cholewa fühlte sich nach diesen Treffen, als sei damit ihre „Kindheit zu Ende“, sie selbst als Mensch „beschmutzt“ und gewaltsam ausgegrenzt. Nach kurzer Zeit verweigerte sie sich den Treffen mit dem Stasi-Mitarbeiter. Daraufhin wurde ihr ein vormals zugesicherter Studienplatz verweigert.

Später erhielt sie aufgrund ihrer Verweigerung der Teilnahme an Veranstaltungen der Sozialistischen Einheitspartei (SED) sogenannte „gesellschaftliche Rügen“, die der Bloßstellung und Erniedrigung vor dem gesamten Arbeitsteam dienten. Ihr fiel es zunehmend schwer, sich an das restriktive und autokratische System anzupassen, was von ihr erfordert hätte, „den Kopf auszuschalten und zu funktionieren.“ Nachdem Ihr die Gründung eines eigenen Nähateliers verweigert worden war, fasste sie gemeinsam mit ihrem damaligen Ehemann den Entschluss, über die „grüne Grenze“ zwischen Tschechien und Bayern zu fliehen. Im Sommer 1980 wurden die beiden trotz mehrmonatiger Vorbereitung und intensiver Planung festgenommen und an die Behörden der DDR ausgeliefert. Frau Cholewa wurde wegen „illegalen Grenzübertritts“ und später wegen „illegaler Nachrichtensammlung“ zu insgesamt sechseinhalb Jahren Haft verurteilt, von denen sie drei in Haftanstalten des SED-Regimes verbrachte. Dabei war sie physischer und psychischer Folter ausgesetzt: Ein Stasi-Offizier im Strafvollzug Halle missbrauchte die aus einer bewusst nicht vollendeten Kieferbehandlung resultierende gesundheitlich Notsituation, um sie zur Rücknahme ihres Ausreiseantrages in die BRD und der Arbeit für die Stasi zu nötigen. Dazu berichtete er ihr vom angeblich bevorstehenden Tod ihrer Mutter. Als sie gegen dieses Vorgehen verwehrte, reagierte er mit der Drohung: "Ich werde dafür sorgen, dass Sie hier nicht mehr lebendig herauskommen.“

Dem Ausreiseantrag in die BRD wurde 1983 stattgegeben. Nach Befragungen durch die westdeutschen, britischen, französischen und US-amerikanischen Geheimdienste ist es ihr gelungen, sich in der Bundesrepublik einzuleben. Sie wurde erneut mit den jahrelang verdrängten Erlebnisse der Inhaftierung unter der SED-Diktatur konfrontiert, als sie mit ähnlichen Erlebnissen konfrontiert wurde, wie sie ihr während ihrer Inhaftierung widerfahren waren. In dem Zusammenhang stellte sie bei der Einsicht in ihre Stasi-Akte fest, dass diese mehrere von der Stasi erfundene, konstruierte Protokolle enthält, die im Widerspruch zu der gelebten Realität stehen.

Ansprechpartner

Dr. Ralf Altenhof

Dr

Landesbeauftragter und Leiter Politisches Bildungsforum Bremen

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60 Jahre Politische Bildung KAS