Die Politische Meinung

Afrikanische Kindheiten

von Bettina Rühl

Auswege und Ausweglosigkeit

Wer jemals in Afrika unterwegs war, kennt diese Szene: Man hält in einem Dorf und ist Sekunden später von Kindern umringt, die vor Neugier zu platzen scheinen, ihre Augen nicht abwenden können. Und die beim geringsten Anlass in ausgelassenes Gelächter ausbrechen. Man guckt sich um – und sieht nur Kinder.

Afrika ist ein junger Kontinent. Laut dem Statistik-Portal Statista liegen neunzehn der zwanzig Länder mit dem niedrigsten Durchschnittsalter in Afrika, angeführt vom westafrikanischen Niger: Dort sind die Menschen durchschnittlich 15,2 Jahre alt. Zum Vergleich: In Deutschland liegt das Durchschnittsalter bei knapp 46, in Japan sogar bei über 48 Jahren. Das erklärt, warum Kinder in afrikanischen Ländern im Straßenbild allgegenwärtig sind. Das Leben der meisten hat allerdings wenig mit dem zu tun, was wir uns in Deutschland unter einer „Kindheit“ vorstellen; also einer Zeit, in der die Belastung zwar mit steigendem Alter stetig zunimmt, die aber noch eine Schonfrist ist, ehe wir uns den Anforderungen des Lebens voll und ganz stellen müssen. In Afrika ist das für viele Kinder anders. Wirklich „Kind“ sind sie womöglich nur in Momenten der selbstvergessenen und ungezügelten Neugier, des ausgelassenen Lachens. Davon abgesehen ist ihr Leben sehr viel stärker durch Arbeit, Disziplin und Pflichten geprägt als bei den jüngeren Generationen in Deutschland. Und das gilt nicht nur für diejenigen, die in Armut leben, sondern auch für den Nachwuchs der Mittel­ und Oberschicht. Bildung, vor allem die Bildung der Kinder, gilt in vielen Ländern Afrikas als Ausweg aus der Armut und wird entsprechend hoch geschätzt. Die Eltern investieren viel in die schulische (und universitäre) Ausbildung ihrer Kinder, etliche sparen sich das Geld dafür buchstäblich vom Munde ab.

Für die Kinder der städtischen Mittel­ und Oberschicht bedeutet die hohe Wertschätzung der Bildung jedoch auch, dass sie schon früh einem immensen Leistungsdruck ausgesetzt sind. In Kenia zum Beispiel ist die Selbstmordrate unter Kindern und Jugendlichen hoch. Darüber sind sich die Vereinten Nationen und Kinderrechtsorganisationen einig, obwohl es keine verlässlichen Zahlen gibt. Nicht zuletzt, weil Selbstmord in Kenia verboten ist, sodass die Fälle möglichst nicht gemeldet werden. In Kenia haben viele Schulkinder im Alltag keinerlei freie Zeit, ihr Leben ist mit Ganztagsunterricht und zusätzlichen Hausaufgaben so streng durchgetaktet wie das eines berufstätigen Erwachsenen. Darüber hinaus leben viele Kinder – nicht nur der Oberschicht – von ihren Familien getrennt in Internaten, weil Boarding-Schools als besser gelten. Oder weil die Eltern hoffen, dass ihre Sprösslinge im Internat gezwungen sind, noch disziplinierter zu lernen.

 

In den Slums von Nairobi

 

Besonders hart ist das Leben derjenigen, die in Armut aufwachsen und womöglich sogar für das Haushaltseinkommen verantwortlich sind. Viel­ leicht sind beide Elternteile verstorben oder verschwunden, vielleicht sind die Eltern nicht in der Lage, für die Familie zu sorgen. Eins von diesen Kindern war Kevin Obara, ein inzwischen 23-jähriger Kenianer. Kevin kann seine „Kindheit“ sehr anschaulich schildern – eine Kindheit, die auf dem Kontinent nicht ungewöhnlich ist. Dabei fing bei ihm alles vielversprechend an: Seine Eltern gehörten zur Mittelschicht, der Vater war Universitätsdozent in einer Kleinstadt unweit der Hauptstadt Nairobi, sein Einkommen reichte problemlos für die vierzehnköpfige Familie. Als Kevin neun Jahre alt war, brach sein behütetes Leben zusammen. In kurzer Folge verlor er vier seiner Geschwister durch Gewalttaten. Drei Jahre später erlagen zwei weitere seiner Schwestern unterschiedlichen Krankheiten. Sein Vater machte Kevins Mutter dafür verantwortlich, dass sechs ihrer Kinder gestorben waren. Kevins Eltern trennten sich.

Seine Mutter zog mit ihm und seinen verbliebenen fünf Geschwistern nach Nairobi, in den Slum Korogocho. Sie, die Hausfrau gewesen war und keinen Beruf erlernt hatte, hätte nun die Familie durchbringen müssen – und schaffte es nicht. Stattdessen fing sie an zu trinken, und Kevin blieb kaum etwas anderes übrig, als für das Überleben seiner Familie zu kämpfen. Der Neunjährige überlegte also, wie er an Geld kommen könne. In den Slums von Nairobi gibt es keine Müllabfuhr, und in dem allgegenwärtigen Dreck in Korogocho sah Kevin seine Chance. Er verteilte Papiertüten, in denen die Slumbewohner ihren Müll sammeln konnten. Eine Woche später holte er die vollen Tüten wieder ab, gegen ein Entgelt von zwanzig Kenia-Schilling pro Haushalt, umgerechnet etwa zwanzig Eurocent. Kevin erklärte seinen Kun­ den, er werde den Abfall an eine Stelle bringen, wo er von der Regierung ab­ geholt werde. In Wirklichkeit kippte er ihn irgendwo aus, was er ungestört tun konnte, denn in Korogocho scherte sich niemand um weitere Berge von Müll. Von dem wenigen Geld, das er verdiente, musste Kevin noch mehrere Gangs bezahlen, die von seinem kleinen Kuchen etwas abhaben wollten.

 

„Ghetto Classics“

 

Ein harter Job also, aber Kevin gab nicht auf. Nur für die Schule hatte er keine Zeit. Das änderte sich erst, nachdem seine zwei älteren Brüder ausgezogen waren, denn von da an musste Kevin nur noch seine Mutter und zwei weitere Geschwister versorgen. Er traute sich zu, das auch neben dem Unterricht zu schaffen, und bemühte sich darum, wieder lernen zu können. Wenig später bekam er einen Platz in einer katholischen Schule, die keine Gebühren verlangte. Trotz der vielen Schuljahre, die er versäumt hatte, fand er den Anschluss und machte sein Abitur. Außerdem hatte er nun auch Zeit, sich mit Musik zu beschäftigen. Schon als Elfjähriger hatte er von dem Projekt „Ghetto Classics“ gehört, der Initiative einer Kenianerin, in dessen Rahmen Kinder aus dem Slum ein klassisches Instrument erlernen können. Jetzt endlich konnte Kevin mitmachen und lernte, diverse Instrumente zu spielen. Die Musik sei für ihn ein wichtiger Schlüssel gewesen, sagt Kevin heute. Denn als Kind habe er hart mit sich kämpfen müssen, um nicht kriminell zu werden. Mehrfach habe er regelrecht am Scheideweg gestanden: Er brauchte Geld und hatte keins. Er wollte etwas zu essen, und es gab nichts. Er wünschte sich, dass seine Mutter ein gutes Leben habe, aber er konnte ihr das nicht bieten. Er hatte nichts von dem, was er brauchte oder sich wünschte. Da war es naheliegend, zum Dieb zu werden. In Korogocho sei das so einfach, wie Wasser zu trinken, meint Kevin. Er habe oft den Drang gehabt, etwas zu stehlen, aber er habe den Gedanken daran immer niedergekämpft. Hätte er die Musik nicht gehabt, hätte er das vermutlich nicht geschafft, wäre wohl kriminell geworden. Aber dank der Musik hatte er eine ernsthafte Beschäftigung, die ihn in ihren Bann zog. So gelang es ihm, sich selbst immer wieder vom Stehlen abzubringen und sich darauf zu konzentrieren, für sich und seine Familie eine legale Lebensgrundlage aufzubauen. Dank des Projektes „Ghetto Classics“ konnte er in Deutschland einen mehrmonatigen Kurs als Instrumentenbauer machen; danach kehrte er nach Kenia zurück. Dort verdient er nun seinen Lebensunterhalt, indem er die Geigen, Celli, Trompeten oder Posaunen des Projekts wartet.

Kevin hat die harten Jahre seiner Kindheit durchgehalten und seine Familie durchgebracht. Andere sehen ihre einzige Überlebenschance darin, aus ihrer Familie zu fliehen. Die Schätzungen, wie viele Kinder auf der Straße leben, sind vage. Für Kenia stammen die letzten – geschätzten – Zahlen aus 2007, von der internationalen Hilfsorganisation Consortium of Streetchildren. Auf deren Schätzungen beruft sich auch das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen UNICEF. Demnach leben in Kenia 250.000 bis 300.000 Kinder auf der Straße, 60.000 davon in Nairobi. Sie verlassen ihre Eltern, weil sie zu Hause nichts zu essen bekommen, weil die Eltern trinken und dann gewalttätig sind, weil sie als Hausmädchen arbeiten müssen und schlimmstenfalls auch sexuell missbraucht werden. Wer großes Glück hat, findet dank einer Hilfsorganisation doch noch Unterkunft, in Nairobi beispielsweise in dem katholischen Auffangzentrum für Straßenkinder „Kwetu Home of Peace“, Unser Heim des Friedens“. Dort wurde auch der zwölfjährige Josphat aufgenommen, nachdem er fünf Jahre lang auf der Straße gelebt hatte.

 

Josphat und das „Kwetu Home of Peace“

 

Die Jahre in Josphats Familie waren geprägt von Alkohol und Gewalt. Seinen Erzählungen zufolge waren beide Eltern Alkoholiker, vor allem sein Vater sei gegen die Mutter und die Kinder immer wieder gewalttätig geworden. Josphat erzählt von der Gewalt in seiner Familie im gleichen Tonfall, als würde er seine tägliche Routine schildern, das Zähneputzen und die Pflege seiner Kaninchen. Als sein Vater wieder einmal betrunken nach Hause kam, habe seine Mutter eines Tages beschlossen, ihren Mann zu töten und in Stücke zu hacken. Sie konnte ihren Vorsatz nicht ganz umsetzen, aber Josphats Vater musste stationär behandelt werden, seine Mutter wurde für ein halbes Jahr inhaftiert, die Kinder kamen zu ihrer Großmutter. Weil auch seine Oma regelmäßig betrunken war und es ständig Streit gab, ergriff Josphat schließlich die Flucht, um für sich selbst zu sorgen – da war er sieben Jahre alt. Von da an lebte er auf den Straßen von Nairobi und verdiente als Schrotthändler genug Geld, um wenigstens seinen Hunger stillen zu können.

Bald schloss er sich einer Gang von Straßenkindern an, um nicht allein zu sein und Schutz zu finden. Er schnüffelte Klebstoff, wurde kriminell – und war immer noch ein Kind. Eher zufällig wurde er irgendwann von einem Mitarbeiter des Zentrums angesprochen, bekam ein Zuhause angeboten. Es dauerte lange, bis Josphat sein Misstrauen überwand und sich ins „Kwetu Home of Peace“ wagte. Dort lernte er wieder, Menschen zu vertrauen. Er gewöhnte sich an regelmäßige Abläufe und hatte sich so weit stabilisiert, dass er wieder in die Schule gehen konnte. Jetzt verfolgt er seinen Traum: Er möchte Flugzeugbauer werden. Und trotz aller schlechten Erfahrungen hat er seine Familie nicht vergessen. Wenn er später Geld verdiene, sagt Josphat, wolle er seine Mutter und seine Geschwister unterstützen.

 

Der Traum afrikanischer Eltern

 

Arbeiten müssen Kinder in Afrika nicht nur in der Stadt, sondern erst recht auf dem Land. Mädchen müssen Wasser und Brennholz holen, auf die jüngeren Geschwister aufpassen, beim Kochen helfen. Jungen müssen die Ziegen oder die jungen Rinder hüten, sind ganze Tage im Busch unterwegs. Bei vielen kommen lange Schulwege als Belastung hinzu. Dass es junge Menschen unter solchen Umständen schaffen, überhaupt in die Schule zu gehen und etwas zu lernen, ist beachtlich. Vielen gelingt es sogar, sich binnen einer Generation aus der Armut zu befreien und in die Mittelschicht aufzusteigen. In Kenia ist die Armutsrate nach Angaben der Weltbank und der kenianischen Regierung binnen eines Jahrzehnts um zehn Prozent gesunken: von 46 Prozent 2005/06 auf 36 Prozent 2015/16. Als arm gilt dabei, wer von weniger als einem US­ Dollar täglich leben muss.

Bisher ist es vor allem die weitverbreitete Armut, die eine Kindheit in Afrika von einer Kindheit in Europa unterscheidet. Aber in vielen afrikanischen Ländern wächst die Mittelschicht rasant, das Leben von immer mehr Kindern ähnelt dem Leben ihrer europäischen Altersgenossen. Wobei die afrikanischen Kleinen vermutlich immer noch etwas mehr leisten müssen, egal, zu welcher Schicht sie gehören. Trotz solcher Unterschiede wirkt das Leben afrikanischer Mittelschichtskinder aus deutscher Perspektive recht vertraut. Das gilt auch für den Traum vieler afrikanischer Eltern: „Unsere Kinder sollen es mal besser haben als wir.“ Für viele geht dieser Traum in Erfüllung. Afrika entwickelt sich – nicht zuletzt dank seiner Kinder, von denen viele dafür einen hohen persönlichen Preis zahlen. Die aber mit etwas Glück auch die Früchte ihrer Anstrengung ernten.

 

Bettina Rühl, geboren 1965 in Bad Homburg vor der Höhe, Journalistin. Sie wurde mit mehreren Hörfunkpreisen für ihre Radio-Features über das politische und soziale Innenleben Afrikas ausgezeichnet.