StanHema
von Alexander Brakel

Energieerzeugung, Wasseraufbereitung und die gefährdete Sicherheit in Israel

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Auch wenn Israelis gern davon sprechen, dass ihr Land Zugang zu vier Meeren habe, ist das eigentliche „israelische“ Meer das Mittelmeer. Denn zwei der vier Meere, das Tote Meer und das Meer Galiläas, der See Genezareth, sind Binnengewässer, und der Zugang zum Roten Meer beschränkt sich auf die knapp zwölf Kilometer lange Küstenlinie um Eilat.

Das Mittelmeer dagegen grenzt von Aschkelon im Süden bis Rosh HaNikra im Norden auf einer Länge von 197 Kilometern an den jüdischen Staat. Es ist die einzige Grenze des Landes, die seit dem Unabhängigkeitskrieg unumstritten war. Zudem ist das Mittelmeer bis heute einer der wenigen Zugangswege zum Staat Israel. Die Grenzen zum Libanon und nach Syrien sind geschlossen, und trotz der Friedensverträge ist der Transit nach Ägypten und Jordanien äußerst mühsam. Die wirklichen Tore zur Welt sind damit neben den Flughäfen in Tel Aviv und Eilat vor allem die großen Seehäfen in Haifa und Ashdod. Hier werden jährlich knapp 45 Millionen Tonnen Güter umgeschlagen, rund drei Millionen Container verladen. Auch wenn die Seefahrt für den Personenverkehr heute eine untergeordnete Rolle spielt, sind die Häfen mit der Erinnerung als Symbole für die jüdische Einwanderung nach Israel, von den frühen Zionisten über die Verfolgten des Nazi-Regimes bis zu den Displaced Persons nach Kriegsende, verbunden. Letzteres ist auch für Millionen westlicher Zuschauer durch den Roman Exodus von Leon Uris und den gleichnamigen Film über die Entstehungsgeschichte Israels in Erinnerung geblieben.

Die wirtschaftliche Bedeutung des Meeres ist nicht auf den Güterverkehr und den Fischfang beschränkt. Auch für die Energieversorgung spielt das Mittelmeer eine Rolle, seit 2010 große Gasfelder vor der Küste entdeckt worden sind. Die Klage der einstigen Regierungschefin Golda Meir, der zufolge Gott sein Volk in das einzige Land des Nahen Ostens ohne Ölvorkommen geführt habe, bleibt damit zwar bestehen, aber erstmals in seiner Geschichte kann sich das Land nicht nur selbst mit fossilen Brennstoffen versorgen, sondern diese sogar exportieren.

 

Terrorherrschaft der korrupten Hamas

 

Israel litt seit seiner Staatsgründung 1948 nicht nur an knappen Energieressourcen, sondern auch an Wassermangel. Jahrzehntelang wurde der Wasserstand des Sees Genezareth sogar in den Nachrichten durchgegeben und war bei einem niedrigen Pegel Grund zu tiefer Besorgnis. Auch dieses Problem ist inzwischen weitgehend gelöst, ebenfalls dank der Lage am Mittelmeer: Entsalzungsanlagen, die entlang der Küste operieren, produzieren inzwischen 55 Prozent des israelischen Trinkwassers.

Ökonomisch bedeutend ist das Meer darüber hinaus für den Tourismus. Die warmen Temperaturen, die mitunter sogar im Dezember das Baden erlauben, locken Urlauber an die zahlreichen Strände des Landes. Insbesondere in Tel Aviv finden sie Wasserspaß und Partyszene in einem. Bars und Restaurants säumen die Strände und laden dazu ein, direkt vom Beachvolleyball zur Piña Colada zu wechseln. Es ist das lebensfrohe, unbekümmerte Gesicht Israels, das sich an den Stränden Tel Avivs präsentiert. Nur die Anwesenheit von Reservisten, die ihr Schnellfeuergewehr auch in der Strandbar bei sich tragen müssen, ruft die angespannte Sicherheitslage in Erinnerung. Sie macht deutlich, dass die Probleme des Landes nicht weit sind. Nur dreißig Kilometer weiter östlich beginnt das Westjordanland, das Israel seit nunmehr 54 Jahren unter Bruch diverser völkerrechtlicher Normen besetzt hält.

Auch am Mittelmeer selbst ist der Konflikt allgegenwärtig. Ganz im Süden der Küste liegt der Gazastreifen, den Israel 2005 geräumt hat. Seit 2007 herrscht dort die Hamas, die regelmäßig die umliegenden israelischen Ortschaften mit Raketen bombardiert. Israel seinerseits hat eine Blockade verhängt, die ein- und ausgeführte Waren streng limitiert und nur wenigen Bewohnern des Gazastreifens die Ausreise erlaubt. Auch Luft- und Seeraum unterliegen der israelischen Kontrolle. Aber weder die langanhaltende Blockade noch zahlreiche bewaffnete Auseinandersetzungen, darunter vier Kriege, haben den Griff der Hamas um den Gazastreifen lockern können. Der massive Raketenbeschuss der Hamas aus dem Gazastreifen im Mai 2021 hat gezeigt, dass Israels Sicherheitslage ständig gefährdet ist. Die Terrorherrschaft der korrupten Hamas und die Blockade zusammen haben die humanitäre Lage unerträglich gemacht – mit gravierenden Folgen auch für Israel.

 

Verhandlungen über den Verlauf der Seegrenze

 

Weil Gaza nur wenige Stunden am Tag elektrischen Strom hat, stehen die Kläranlagen meistens still, und Millionen Liter ungeklärten Abwassers fließen ins Mittelmeer. Bei Nordströmung treiben sie an die israelischen Strände. Auch die große Entsalzungsanlage in Aschkelon musste bereits wiederholt abgeschaltet werden. Anders als das Galiläische Meer hat das Mittelmeer zahlreiche Anrainerstaaten, und die meisten maritimen Fragen lassen sich nur in Abstimmung und Zusammenarbeit lösen.

Dass dies möglich ist, darauf deuten die momentanen Verhandlungen zwischen Israel und dem Libanon über den genauen Verlauf der Seegrenze hin. Die beiden Staaten, die in den letzten vierzig Jahren zwei blutige Kriege gegeneinander geführt haben und die so verfeindet sind, dass selbst Ausländer lieber zunächst von Tel Aviv nach Berlin und dann mit neuem Ticket weiter nach Beirut fliegen, um ihre Einreiseerlaubnis nicht zu gefährden, sind offensichtlich dennoch in der Lage, pragmatisch miteinander ins Gespräch zu kommen. Das macht Mut für die weitere Zusammenarbeit im Mittelmeerraum.

 

Alexander Brakel, geboren 1976 in Bonn, Leiter des Auslandsbüros Israel der Konrad-Adenauer-Stiftung mit Sitz in Jerusalem.