von Angelo Bolaffi

Italien zwischen Wiedergeburt und Katastrophe

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„Das Undenkbare ist in unser aller Leben getreten, das Undenkbare ist möglich geworden“ – so bringt der Schriftsteller Paolo Giordano, Autor des berühmten Essays „In Zeiten der Ansteckung“, in lakonischer Klarheit die kulturelle und geistige Verlorenheit auf den Punkt, die wenige Wochen der Pandemie bewirkt haben. Sie haben Italien in die Knie gezwungen und an den Abgrund der humanitären Katastrophe gebracht. Genauso blitzartig, wie ein Virus unbekannten Ursprungs die Italiener dazu gezwungen hat, ihre Wahrnehmung der Realität zu ändern und ihr alltägliches Leben umzukrempeln, mussten die Bewohner des Belpaese die extreme Fragilität eines bereits durch den seit mehr als einem Jahrzehnt andauernden wirtschaftlichen Stillstand geschwächten Systems zur Kenntnis nehmen.

Es stimmt: Die Verbreitung von COVID-19 (ebenso wie die der Spanischen Grippe vor hundert Jahren) ist ein Phänomen, das den gesamten Planeten betrifft. Es hat Fragen zur Zukunft der Menschheit aufgeworfen und Zweifel an der trügerischen Illusion des Fortschritts als unaufhaltsames Wachstum dank der Allmacht der Technik und der unanfechtbaren Gewissheiten der Wissenschaft geweckt. Daher ist auch – wie in den 1920er- und 1930er-Jahren – die Diskussion über philosophische und ethische Themen wieder aktuell: Man spricht wieder über das „Unbehagen in der Kultur“ und die Fragilität der kulturellen Identität des Westens. Jemand hat gesagt, dass mit dem Coronavirus das 21. Jahrhundert so begonnen habe wie das 20. Jahrhundert mit dem Ersten Weltkrieg – also ein weiteres „Zeitalter der Extreme“?

In Europa hat die Pandemie alle Nationen betroffen (wenn auch unterschiedlich schwer), im Gegensatz zur Finanzkrise 2007/08 und der darauf folgenden „Staatsschuldenkrise“ – die Pandemie hat nicht zwischen den Bürgern Europas unterschieden. Trotzdem wurden wir Zeugen des Wiederauflebens tiefer Divergenzen zwischen den Nationen des Alten Kontinents und von Kontrasten voller Ressentiments und Argwohn, genährt durch alte Vorurteile und Groll. Wir wurden Zeugen von Konflikten, denjenigen nicht unähnlich, die ein Jahrzehnt zuvor während der Eurokrise die Länder Nordeuropas gegen die Länder Südeuropas gestellt hatten. Es kam sogar zu einem Konflikt zwischen Italien und Deutschland mit noch größerer Heftigkeit als in der Vergangenheit und Momenten ungewöhnlicher Schärfe.

Weshalb? Die Erklärung liegt darin, dass der durch die Pandemie verursachte Schock zwar symmetrischer Natur war, also alle betroffen hat, die Konsequenzen und das Leid in den einzelnen Ländern jedoch nicht gleich waren. Sie waren asymmetrisch aufgrund der unterschiedlichen Staatsverschuldungen und Strukturschwächen der Wirtschaft sowie der Mängel in den Sozialsystemen der einzelnen Länder. Unterschiede, die laut des ehemaligen italienischen Wirtschaftsministers Pier Paolo Padoan „ein starkes Risiko der Fragmentierung“ darstellen, „das nicht nur Europa, sondern auch den Binnenmarkt und die wirtschaftlichen Fundamente des Integrationsprozesses bedroht“.

 

Das Schweigen Europas

 

Gerade Italien hat in der Pandemie einen sehr hohen Preis an Menschenleben und Leid an Körper und Seele gezahlt. Es gab eine Zeit zwischen Mitte März und Mitte April, da schien das Land am Rande des Untergangs: Bergamo, eine der schönsten und geschäftigsten Städte der Halbinsel, hatte sich in ein riesiges Lazarett verwandelt, das in der Stille der Nacht durch die Scheinwerfer der Militär-Lkw-Kolonnen erhellt wurde, die die Särge mit den in völliger Einsamkeit in den Krankenhäusern verstorbenen Männern und Frauen zu den Friedhöfen transportierten. Während die ganze Nation sich verstört befragte, antwortete Europa mit eisigem Desinteresse, mit dem egoistischen Reflex „Rette sich, wer kann“, der jede Nation dazu brachte, sich in den eigenen Grenzen einzumauern. Der Pandemie ist gelungen, was Nationalisten und Populisten erträumt, aber nicht verwirklicht hatten: die Aussetzung des Schengener Abkommens auf dem gesamten Kontinent. Das Schweigen Europas hat die öffentliche Meinung in Italien tief verletzt und der antieuropäischen (und antideutschen) Propaganda der nationalistischen Bewegungen neue Nahrung verschafft.

Zum Glück gab es eine politische Wende: Emmanuel Macrons Frankreich und Angela Merkels Deutschland haben die tödliche Gefahr für die Zukunft Europas erahnt und verstanden, dass es Zeit für einen Wechsel der Gangart war. Falls, und hier ist das „Falls“ wichtig, sich Europa dazu entschließt, die durch die Pandemie verursachte wirtschaftliche Rezession solidarisch und koordiniert anzugehen, falls also der Pandemie-Schock aufgrund der außerordentlichen Gemeinsamkeit der Ziele einen Anstieg der Solidarität und Empathie unter den Europäern hervorrufen sollte, falls also, wie manchmal in der Geschichte, ex malo bonum entstünde, dann könnten wir uns vielleicht wirklich im Vorfeld eines dieser Schritte nach vorn befinden, die seit jeher den schwierigen Weg der europäischen Einigung kennzeichnen. Ist es denn nicht so, wie Jean Monnet gern wiederholt hat, dass „Europa nur mit Krisen vorankommt“?

 

Hilfe und Selbsthilfe

 

Diese Krise kann ihr konstruktives Potenzial jedoch erst entfalten, wenn jeder seinen Teil beiträgt. Es würde nämlich auch nicht ausreichen, wenn die „genügsamen“ Länder Nordeuropas – allen voran Deutschland – zu der Überzeugung kämen, dass es in ihrem nationalen (politischen und wirtschaftlichen) Interesse ist, in die gemeinsame Zukunft Europas zu investieren und die ideologischen Fesseln mittlerweile überholter Positionen abzuschütteln. Notwendig wird auch sein, dass sich die von der Epidemie stärker betroffenen und daher zu Recht die Solidarität der anderen Europäer einfordernden Mittelmeerländer zur Reform verpflichten, insbesondere Italien, das ja nicht nur als erstes Land in Europa von der Epidemie betroffen war und in einen längeren und strikteren Lockdown als alle anderen Länder gezwungen wurde. Deshalb hat es mit einem Einbruch des Bruttoinlandsprodukts von minus 9,5 Prozent auch den größten wirtschaftlichen Schaden erlitten. Es handelt sich um den stärksten Rückgang seit der Einigung Italiens (1861), mit Ausnahme der fürchterlichen Jahre 1943/44 während des Zweiten Weltkriegs. Aufgrund dieses Schadens wird die Staatsverschuldung auf astronomische Höhen klettern und 160 Prozent übersteigen. Die Italiener haben – im Gegensatz zu den kursierenden Vorurteilen und Gemeinplätzen über ihre anarchische Veranlagung, sich nicht an Regeln zu halten – die von der Regierung angeordnete sehr lange Quarantänezeit mit Fassung und Disziplin ertragen und dabei eine erstaunliche Besonnenheit gezeigt. Sie haben sich gegenseitig von den Balkonen über den Plätzen und Gassen Mut gemacht und sich mit den Worten von Juliana von Norwich „All shall be well“ gewünscht: Alles wird gut.

Aber werden dieselben Italiener, die die Pandemie und ihre tragischen Konsequenzen mit quasi „nordeuropäischer“ Gelassenheit auf sich genommen haben, dieselbe disziplinierte Entschlossenheit an den Tag legen, wenn sie in den kommenden Monaten schwierige Entscheidungen treffen müssen? Entscheidungen, ohne die das Land zum irreversiblen Niedergang verurteilt würde, der die wirtschaftliche und produktive Stabilität des ganzen Europäischen Hauses infrage stellen wird? Die Pandemie und die dadurch verursachte sozioökonomische Krise haben Italien an einen Scheideweg geführt: die Entscheidung zwischen Wiedergeburt und Katastrophe. Während der langen Quarantänezeit haben sich die Italiener gegenseitig geschworen, dass „nichts mehr wie früher“ sein werde. Wirklich? Oder werden die alten Laster erneut stark, also die extreme Streitlust der politischen Kräfte und die parteiische Verteidigung von Partikularinteressen? Warten wir den Herbst ab, um die Antwort darauf zu erhalten und zu erfahren, ob die Coronakrise wirklich das Wunder vollbracht hat, die Italiener zum „Umbau Italiens“ zu bewegen. Wird es führende Politiker geben, die dieser Herausforderung gewachsen sind?

 

Am Scheideweg

 

In den 1340er-Jahren wurde Italien von der Pest heimgesucht. Ein Drittel der Bevölkerung erlag der Epidemie. Die italienischen Städte haben jedoch in bemerkenswerter Weise reagiert. Es wurden Lazarette eingerichtet und Sperrgürtel geschaffen. Venedig führte in den eigenen Dialekt das Wort Quarantena ein. In Florenz hat die von der Epidemie erschöpfte Bevölkerung eine öffentliche Lesung der Göttlichen Komödie verlangt (damals gab es ja noch kein Netflix, um der Quarantäne-Langweile zu entkommen!), die dann Giovanni Boccaccio anvertraut wurde. Der Autor des Decamerone war bereits bei den Einwohnern als Verfasser einer Biographie über Dante bekannt und auch, weil er drei Exemplare der Göttlichen Komödie mit der Hand geschrieben und eines davon seinem Freund Francesco Petrarca geschenkt hatte. Dem Ende der „Schwarzen Pest“ folgte ein außerordentlicher wirtschaftlicher Wiederaufschwung von Florenz und Italien. Damals entstanden die Banken und das moderne Finanzwesen. Die enorme Erweiterung des Handelsverkehrs machte aus dem Italien der Stadtstaaten die reichste und schönste Nation der Welt (damals war Europa die Welt) – ein wirtschaftlicher und sozialer Fortschritt, der das künstlerische und kulturelle Wunder dieser Renaissance genannten Zeit genährt hat. Allerdings hat drei Jahrhunderte später eine weitere Pest-Epidemie, von der Alessandro Manzoni in seinem Roman Die Verlobten berichtet, das endgültige Abtreten Italiens von der historischen Weltbühne besiegelt. Auch wenn zu Beginn des 17. Jahrhunderts die Staaten der Halbinsel noch die reichsten des Planeten waren (wenn sie auch politisch keinen Einfluss mehr hatten), war Italien drei Generationen nach der Renaissance ein unterentwickeltes Land, wie der Wirtschaftshistoriker Carlo Cipolla geschrieben hat. Es war hauptsächlich landwirtschaftlich geprägt, dominiert von einer Kaste mächtiger Großgrundbesitzer, die die kaufmännischen und verarbeitenden Kräfte besiegt hatten.

Dieser wirtschaftliche und soziale Stillstand dauerte Jahrhunderte an, bis im Risorgimento („Wiedererstehung“) in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der italienische Nationalstaat entstand. „Ich möchte die Parallelität nicht stärker als nötig forcieren“, so Mario Draghi während einer seiner Lectio magistralis an der Universität von Ancona, „trotz der außerordentlichen Ähnlichkeit der von Cipolla herausgestellten Faktoren zur Erklärung der damaligen Krise und der Themen, über die wir heute diskutieren. Ich möchte nur andeuten, dass wir uns heute so wie damals an einem Scheideweg befinden könnten.“ Wenn das derjenige sagt, dessen Verdienst einst die Rettung des Euro war, dann können wir sicher sein, dass er recht hat.

 

Angelo Bolaffi, geboren 1946 in Rom (Italien), Politikwissenschaftler und Germanist, ehemaliger Direktor des Italienischen Kulturinstituts Berlin.

 

Übersetzung aus dem Italienischen: Monika Eingrieber, Sulzburg