von Stefan Schmidt

Ein Plädoyer für mehr Mitsprache

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Greta Thunberg begeistert gleichermaßen Jugendliche wie Erwachsene. Thunbergs Jugendlichkeit macht sie zu einem Sprachrohr und Vorbild für viele junge Menschen, aber nicht für die Jugend allgemein, wie es die Medien oft darstellen. Auch in der Jugend gibt es vielleicht nicht gegensätzliche, aber doch unterschiedliche Perspektiven auf die großen Fragen von Klima-, Umwelt- und Naturschutz.

Wir, junge Vertreter ländlicher Räume, mögen als Minderheit wahrgenommen werden, doch passiert auf dem Land vieles, was für die Gesamtgesellschaft von Bedeutung ist – nicht zuletzt die Versorgung mit Nahrungsmitteln, aber auch die (alternative) Energiegewinnung. Als Landjugend möchten wir mitdiskutieren und unseren Beitrag für nachhaltige Lösungen leisten. Nicht anders als Jugendliche im urbanen Umfeld setzen sich „Landjugendliche“ stark mit Umweltfragen auseinander! Aber die Auswirkungen der gegenwärtigen Debatten treffen uns unmittelbarer, beeinflussen unseren Alltag und drohen manchmal sogar unsere Entfaltungsmöglichkeiten einzuengen.

Ein Beispiel ist die Diskussion um Dieselkraftstoffe und Verbrennungsmotoren. Aus unserer Sicht ist damit die Frage nach der Beteiligung am öffentlichen Leben gestellt, weil mobile Alternativen wie der öffentliche Personennahverkehr nur schwer erreichbar beziehungsweise nicht vorhanden sind. Fahrrad oder selbst Mofa sind angesichts der Entfernungen kaum Optionen. Für den, der eine Lehrstelle antreten will, gilt es in der Regel, so schnell wie möglich einen Führerschein zu machen und sich ein günstiges Auto anzuschaffen. Elektrofahrzeuge sind jedoch viel zu teuer. Und was macht man, wenn die Reichweite von Elektrofahrzeugen zu kurz ist?

 

Anfeindungen gegen Landwirte

 

Die Debatten werden häufig jenseits der Realitäten vor Ort geführt; selbstverständlich wollen wir aber unseren Beitrag leisten. Schließlich sind durch den menschengemachten Klimawandel unsere Existenzgrundlagen in der Land- und Forstwirtschaft direkt betroffen. Wir leben in Abhängigkeit von den Ressourcen Klima und Umwelt, die freiwillig niemand bedrohen würde. Wer seinem Acker schadet, zerstört faktisch seine Existenz. Umso mehr plädieren wir dafür, die Betroffenen stärker in die Diskussion einzubeziehen und mit allen Teilen der Bevölkerung an Lösungen zu arbeiten. Das ist anstrengend und komplex, denn einfache Antworten sind meist nicht möglich: Beispielsweise wird der Ausstieg aus der Kohleverstromung ohne einen genügenden Ausbau des „Ökostroms“ nicht zu realisieren sein; dieser benötigt aber Trassen und neue Produktionsstandorte auf der „grünen Wiese“. Die Problematik der Flächenversiegelung spielt für die Landwirtschaft folglich eine große Rolle. Wir Landwirte sprechen in diesem Zusammenhang von „Flächenfraß“, denn diese Flächen „sehen“ wir nie wieder. Wollen wir das „eine“, bedrohen wir das „andere“.

Allerdings ist die Gesamtstimmung gegenwärtig nicht so, dass der eigene Standpunkt leicht einzubringen wäre. In Diskussionen bin ich oft Anfeindungen ausgesetzt. Zu differenzierten Aussagen komme ich erst gar nicht, weil ich als konventionell arbeitender Junglandwirt vorverurteilt werde. Gern würde ich beispielsweise einmal erklären, dass die Landwirtschaft zwar einen Teil der Treibhausgase und des CO2 erzeugt, sie aber auch hohe CO2-Mengen binden kann, dass Treibhausgase mit moderner Technik bereits stark reduziert worden sind und voraussichtlich weiter reduziert werden können. Ein Beispiel: In den letzten Jahrzehnten sind die Emissionen in der Landwirtschaft gleich geblieben. Setzt man sie aber ins Verhältnis zur gestiegenen Produktionsmenge, sind die Emissionen enorm gesunken. Außenstehende nehmen kaum wahr noch können sie ermessen, was die klimapolitisch getriebene Forderung „Ab morgen muss alles anders werden“ für uns bedeutet: Viele Betriebe planen ihre betrieblichen Abläufe, Anschaffungen und Baumaßnahmen Jahrzehnte im Voraus, oft über Generationen hinweg, und belasten Hof und Grund mit enormen Schulden – auch für die Gewährleistung einer moderneren Landwirtschaft im Sinne des Tierwohls und des Umweltschutzes. Man darf von uns Landwirten Veränderungsbereitschaft erwarten, aber im Gegenzug dürfen unsere Existenzbedingungen nicht übergangen werden.

 

Mitsprache statt Verbote

 

Aktuell sinken die Gewinne, die Schuldenlast und Verwaltungsauflagen nehmen zu – und das bei gleichzeitig wachsenden Anforderungen an ein noch größeres und kostengünstigeres Lebensmittelangebot. Kein Zweifel, der Weltmarkt würde es hergeben: ein „Öko-Schweinefilet“ für wenige Euro pro Kilo Herstellungskosten. Das wird allerdings kein Produkt mehr aus der Region sein, und „Öko“ bedeutet dann noch lange nicht nachhaltig.

Es fehlt an Wertschätzung für die Produkte! Zu wenig zählt die Qualität, die in Deutschland hervorragend ist. Auf die günstige Masse und die breite Auswahl zu Billigpreisen kommt es leider an. Das führt zu einem Überlebenskampf, den momentan viele kleine Familienbetriebe verlieren. Die Verantwortung für den Klimaschutz tragen alle, aber uns Junglandwirten kommt es manchmal so vor, als würde man sie uns einseitig zuschieben. Überall – etwa beim kaum merklichen Verzicht auf Ferienflugreisen – begegnen wir der zweideutigen Haltung von Anspruch und Wirklichkeit, die nur dann rigoros ist, wenn sie sich an andere richtet. Aus dieser Bequemlichkeit müssen wir heraus. Es ist nicht damit getan, Forderungen aufzustellen und einfach etwas zu verbieten. Genau aus diesem Grunde betrachten viele junge Menschen bei uns in der Landjugend Greta Thunberg und andere mit Skepsis, weil ihnen konkrete Lösungs- und vor allem auch Mitspracheansätze fehlen.

 

Stefan Schmidt, geboren 1993 in Rinteln, Landwirt, Vorsitzender der Westfälisch-Lippischen Landjugend e. V.