von Bernd Löhmann

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Surreale Corona-Zeiten lassen den Respekt für den anderen zu einer fixierbaren Größe werden: ein Meter fünfzig Mindestabstand! Im gesellschaftlichen Normalbetrieb ist Respekt aber eine inkommensurable Erfahrung des Zusammenlebens. Fest steht nur, dass ihre Relevanz ansteigt, je mehr sie vermisst wird.

Alarmierende Mangel- und Bedarfsanzeigen gingen bereits vor dem „Lockdown“ ein: Beispielsweise wurde ein erfolgreicher Unternehmer für seine Rolle als Fußballsponsor unflätig beschimpft. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier reagierte auf wiederholte Vorfälle aggressiven Politikerbashings fast emotional: Er sei „die tägliche Verächtlichmachung von demokratischen Institutionen und ihrer Repräsentanten leid“.

Bei Ausbruch der Pandemie traten andere Anerkennungsdefizite ins Bewusstsein. Krankenschwestern und Altenpfleger, Paketboten oder Verkäuferinnen wurden mit Balkon-Ovationen bedacht – freundliche Unterstützungssignale an diejenigen, die „das Land am Laufen halten“, über deren grundlegenden Beitrag die vorcoronaische Normalität aber hinweggesehen hatte.

In ihrer „Ethik der Wertschätzung“ fordert die französische Philosophin Corine Pelluchon „Aufmerksamkeitsanstrengungen“ und arbeitet heraus: „Das Verhältnis zu den anderen verläuft über das Verhältnis zu sich selbst.“ Wenn das Zu- und Zusammengehörigkeitsgefühl einer Gesellschaft durch Erfahrungen von Missachtung, vom Lastwagenfahrer bis hin zum Softwaremilliardär, schwindet, ist also Selbstreflexion – Pelluchon nennt es „Demut“ – der erste Schritt zu einer verbesserten wechselseitigen Wahrnehmung.

Der demokratische politische Raum, insbesondere die Volksparteien und ihr Umfeld, ist besonders zu neuen „Aufmerksamkeitsanstrengungen“ aufgerufen. Schließlich wird er doppelt infrage gestellt: durch die Erosion des Vertrauens unter Wählerinnen und Wählern, die zweifeln, ob sie noch gehört werden und ihre Stimme zählt; und durch Demagogen, die ihr Geschäftsmodell auf diese gravierenden Verhältnisstörungen gründen und sie zu einem unüberbrückbaren Gegensatz zwischen „vergessenen“ Menschen und einem abgehobenen Establishment verabsolutieren.

Die Pandemie hat Deutschland zeitweise in eine überdimensionale Isolierstation verwandelt. Wenn das neben der medizinischen Notwendigkeit etwas Gutes hatte, dann vielleicht die Erfahrung fehlenden Austauschs und Zusammenseins. Die „neue Normalität“ mit und nach Corona, von der zurzeit viel die Rede ist, könnte sie sich zunutze machen: Respekt ist etwas anderes als isoliertes Selbstbewusstsein, er ist ein dialogischer Wert.

 

Bernd Löhmann, Chefredakteur

 

Unsere aktuelle Ausgabe erscheint ab dem 4. Juni 2020. Wenn Sie die Druckfassung wollen, schreiben Sie uns eine Email an politische-meinung@kas.de oder klicken einfach hier: http://221319.mailings.kas.de/f/221319-215150/