Die Politische Meinung

Editorial

von Bernd Löhmann
Am 9. November 1989 war die Zukunft offen. Die radikale Utopie des Kommunismus verabschiedete sich im Stakkato von Hammer- und Meißelhieben. Das skandalöse Monument dieser in Wahrheit aussichtslosen Weltanschauung, die Berliner Mauer, erhielt Kerben, Risse und Spalten, bald ganze Durchbrüche – Ideologieabbau! Fast dreißig Jahre später hat der Astronaut Alexander Gerst ein Mauerstück in den Orbit mitgenommen. Vor dem Fenster der Internationalen Raumstation scheint es darauf hinzudeuten, dass die Zukunft ein motivierendes Versprechen bleibt, selbst wenn sich inzwischen unten – auf der als Silhouette sichtbaren Erde – die Erwartungshorizonte eingetrübt haben. Nach 1989 rückte die Welt zunächst zusammen; längst ist aber von Renationalisierung und De-Globalisierung die Rede. Damals schien der Triumph der Demokratie besiegelt; heute ist der innere und äußere Zusammenhalt demokratischer Staaten gefährdet, autoritäre Mächte trumpfen wirtschaftlich, technologisch und militärisch auf. Analysten warnen, dass neue Technologien eher diesen Regimen als den offenen Gesellschaften in die Hände spielen könnten.

Bedenken, gar Ängste – etwa bei den Themen Klimaveränderung, aber auch Migration – nehmen zu, während die großen Tech-Konzerne, deren Manager sich „Evangelisten“ nennen, unbeeindruckt den absoluten Glauben an eine bessere Zukunft, dass alles machbar sei, zelebrieren. Ein vermittelndes Dazwischen bleibt noch kontur- und kraftlos. Es fehlen die Antworten auf den radikalisierten Positivismus beider Extreme, der seltsamerweise umso eindringlicher moralisiert, je wissenschaftsbezogener und scheinbar empirisch offen er argumentiert.

Das postideologische Zeitalter, das mit dem Mauerfall begann, heizt ideologisch auf, weil Daten inzwischen selbst als neue Weltformel gelten. Statt sie aber zu verabsolutieren oder als Fake News zu diskreditieren, muss es darum gehen, sie in ihrer Uferlosigkeit auch geistig verarbeitbar zu machen. Erst auf der Basis von Referenzen und Grundsätzen – Prämissen – lassen sich die Informationsmassen bewerten.

In dieser Situation hat die CDU eine umfassende Suchanfrage an sich selbst gerichtet und den Prozess zu einem neuen Grundsatzprogramm ausgelöst. Erneut bekennt sie sich dazu, das Neue im Geiste kritischer Reflexion fördern zu wollen und dafür ein Konzept vorzulegen, das breit und partizipativ angelegt ist. Utopien will sie nicht bieten, aber gewiss zündende Ideen, damit jeder für eine offene Zukunft Pläne schmieden kann.


Bernd Löhmann, Chefredakteur