von Michaël Tanchum

Der Gasstreit im östlichen Mittelmeer

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Im östlichen Mittelmeer haben 2020 weltpolitische Wendepunkte stattgefunden, die im Frühjahr 2021 zu einer diplomatischen Annäherung der Türkei an Ägypten und Israel führten. Vor der COVID-19-Pandemie trug die multilaterale Zusammenarbeit bei der Vermarktung von Erdgas in Form von Flüssiggas (Liquid Natural Gas, LNG) im östlichen Mittelmeer zur Eskalation der Spannungen bei. Heute könnte eine sinnvolle energiepolitische Zusammenarbeit zwischen der Türkei und ihren Nachbarn ein bedeutendes Ärgernis aus der Welt schaffen, das die Territorialstreitigkeiten zwischen Griechenland, Zypern und der Türkei verschärfte, und dazu beitragen, wachsende Spannungen im östlichen Mittelmeer abzubauen.

Zwischen 2015 und 2020 wandelte sich bedingt durch Offshorevorkommen von Erdgas die Bedeutung der Territorialstreitigkeiten zwischen Griechenland, Zypern und der Türkei von einer lokalen Angelegenheit zu einem allgemeineren Konflikt, in dem fließende weltpolitische Bruchlinien zwischen Europa, dem Nahen Osten und Nordafrika zusammenlaufen. Diese Entwicklung begann im August 2015 mit der sensationellen Entdeckung des Erdgasfeldes von Zohr vor der ägyptischen Küste, des größten Erdgasfunds im östlichen Mittelmeer. Der italienische Großkonzern Eni, der Zohr entdeckt hat, ist die treibende Kraft bei der Erdgasexploration vor Zypern und Hauptanteilseigner an einer der beiden Verflüssigungsanlagen in Ägypten. Nach dem Fund von Zohr warb Eni für den Plan, das zypriotische, ägyptische und israelische Gas zusammenzulegen und die ägyptischen Verflüssigungsanlagen dazu zu verwenden, das Gas aus der Region kostengünstig als LNG zu vermarkten.1

 

Kanonenbootdiplomatie in zypriotischen Gewässern

 

Der Plan war geopolitisch umstritten, da er die Türkei aus der Vermarktung der Gasvorkommen ausschloss und damit ihr Ziel untergrub, zu einer Drehscheibe für den Erdgastransport aus dem Mittleren Osten und dem Kaspischen Becken nach Europa zu werden. Des Weiteren wandte sich Ankara gegen den andauernden Ausschluss der türkischen Zyprioten von der Erschließung der Offshore-Erdgasvorkommen. Bereits 2018 führten Erdgasfunde vor Zypern zu einer beschleunigten Vermarktung über Ägypten. In Ermangelung anderer Mittel entschied sich die Türkei für eine „Kanonenbootdiplomatie“, um ihr Missfallen darüber zum Ausdruck zu bringen. Ankara begann seine außenpolitischen Zwangsmaßnahmen damit, ein Bohrschiff der Firma Eni mithilfe der Marine daran zu hindern, sein Ziel in zypriotischen Gewässern zu erreichen.2

Entgegen den Absichten der türkischen Regierung führten diese Aktionen lediglich dazu, dass Zypern, Ägypten, Israel und Griechenland sich zu einer noch engeren Zusammenarbeit entschlossen. Die Chancen der Türkei, die eigenen Interessen mithilfe einer gemeinsamen Front der Erdgasproduzenten aus der Region und aus Griechenland verteidigen zu können, schwanden weiter. Aus dieser Konstellation erwuchs eine Reihe miteinander verbundener Sicherheitspartnerschaften, die in zunehmendem Maße von Italien, Frankreich und den Vereinigten Staaten von Amerika unterstützt werden.

Nach dem Zusammenstoß mit der türkischen Marine 2018 ging Eni für sämtliche Operationen in Zypern eine Partnerschaft mit dem französischen Energieriesen TOTAL ein. Daraufhin schickte die Türkei 2018 und 2019 vier eigene Erschließungs- und Bohrschiffe – begleitet von einer Marineeskorte – in die umstrittenen Gewässer um Zypern. In der Folge verstärkte Frankreich, das Ägyptens drittgrößter Waffenlieferant ist und eine Marinebasis in den Vereinigten Arabischen Emiraten unterhält, seine Zusammenarbeit mit Zypern und Griechenland. Auch erfreut sich Frankreich bedeutender Sicherheitspartnerschaften mit den Rivalen der Türkei im Nahen Osten, nämlich mit Ägypten und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Mit beiden Staaten kooperierte Frankreich zur Unterstützung der Streitkräfte von General Chalifa Haftar in Ostlibyen gegen die von Ankara unterstützte westlibysche Regierung der Nationalen Übereinkunft (Libyan Political Agreement, LPA).

Die Türkei, die einer Reihe europäischer und nahöstlicher Akteure gegenüberstand, sah dadurch wiederum ihren künftigen politischen und wirtschaftlichen Einfluss in der gesamten Mittelmeerregion gefährdet. Die multilaterale Energiekooperation unter den regionalen Widersachern der Türkei wurde 2020 mit der Gründung des Eastern Mediterranean Gas Forum (EMGF), einer internationalen Organisation zur Entwicklung des Erdgassektors mit Hauptsitz in Kairo, durch Italien, Ägypten, Griechenland, Zypern, Israel, die Palästinenserbehörde und Jordanien formalisiert. Im März 2021 wurde Frankreich als Mitglied in diese Organisation aufgenommen; die USA erhielten den Status eines permanenten Beobachters. Die Türkei blieb von der sogenannten Gas-OPEC im östlichen Mittelmeer ausgeschlossen.

 

Seekriegstaktik gegen Griechenland

 

Um aus ihrer Isolation auszubrechen, schloss die Türkei gegen Ende 2019 eine Vereinbarung zur Grenzziehung auf See mit der LPA-Regierung in Tripolis und verkehrte damit den Ausgang des libyschen Bürgerkriegs im Juni 2020 ins Gegenteil. Nach zwei Jahren vergeblicher Kanonenbootdiplomatie in den zypriotischen Gewässern ging die Türkei Anfang August 2020 so weit, ihre Seekriegstaktik gegen Griechenland zu wenden: Ankara schickte ein Explorationsschiff, das dieses Mal von einem Geschwader aus fünf Kriegsschiffen eskortiert wurde, in die umstrittenen Gewässer nahe der griechischen Insel Kastellorizo, das zentrale Gebiet der griechisch-türkischen Grenzstreitigkeiten. Dies führte Ende August 2020 zu einer Konfrontation zwischen der griechischen und der türkischen Marine. Auf dem Höhepunkt der Spannungen hielten die ägyptische Marine und die Luftwaffe der Vereinigten Arabischen Emirate gemeinsame Manöver mit der hellenischen Luftwaffe und Marine im östlichen Mittelmeer ab, um Unterstützung für Griechenland zu demonstrieren.

Am 15. September 2020 wurde die Abraham Accords Declaration unterzeichnet, durch die die Beziehung zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten und Israel normalisiert und die strategische Architektur im östlichen Mittelmeer und im Nahen Osten von Grund auf umgestaltet wurde. Bei der Wende der Energiepolitik im östlichen Mittelmeer war die Reise des ägyptischen Ministers für Erdöl und Bodenschätze, Tarek El Molla, am 21. Februar 2021 nach Israel ein krönender Abschluss. Es war der erste Besuch eines hochrangigen ägyptischen Regierungsvertreters in Israel seit fünf Jahren. El Mollas Gespräche mit dem israelischen Minister für Energie- und Wasserversorgung Yuval Steinitz signalisierten, dass – unterstützt durch die Normalisierung der Beziehungen zwischen Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten sowie mit drei weiteren arabischen Ländern 2020 – die Energiebeziehungen zwischen Israel und Ägypten ein solides Fundament für eine multilaterale Zusammenarbeit im Rahmen des EMGF bilden würden.

 

Neue Wege zu einer Energiezusammenarbeit

 

Bei der Verfolgung ihres strategischen Ziels, die Türkei als Regionalmacht zu etablieren, die die Bedingungen für ein neues Beziehungsmuster zwischen Europa, Afrika und Asien diktieren kann,3 ist der Türkei inzwischen klar geworden, dass sie ihre Politik gegenüber ihren Nachbarn im östlichen Mittelmeer neu gestalten muss, um ihre politische Isolation abzumildern. Während des gesamten Frühjahrs 2012 unternahm die Türkei eine Reihe diplomatischer Annäherungsversuche an Ägypten, an deren Ende der Besuch des türkischen Vize-Außenministers und anderer Regierungsvertreter in Kairo stand.4 Obwohl sich die Normalisierungsgespräche in Kairo noch in einer Erkundungsphase befanden, wurde bereits bei dem ersten Besuch einer hochrangigen türkischen Delegation seit 2013 ein Durchbruch erzielt. Gleichzeitig führten gemeinsame Bemühungen der Türkei und Israels dazu, dass die Türkei am 23. April 2021 Energieminister Steinitz einlud, am Diplomatieforum Ankaras im Juni 2021 in Antalya teilzunehmen.5 Die Einladung des israelischen Energieministers nur einen Monat nach El Mollas Besuch in Israel zeigt, wie sehr der Türkei daran gelegen war, einen neuen Weg zur Energiezusammenarbeit im östlichen Mittelmeer zu finden.

Zwar ist der LNG-Plan der Eni immer noch die vielversprechendste Möglichkeit, Gas aus dem östlichen Mittelmeer zu vermarkten; der anvisierte Markt ist jedoch nicht erfolgversprechend. Die meisten Vorschläge zur Vermarktung von Gas aus dem östlichen Mittelmeer gehen von der Annahme aus, dass die Europäische Union (EU) das Hauptabsatzgebiet darstellt. Diese Perspektive, die sich aus dem geopolitischen Ziel ableitet, die übermäßige Abhängigkeit Europas von russischen Gasexporten zu verringern, hat zu einer unsinnigen Konzentration auf den Energiemarkt der Europäischen Union geführt. Der Vorschlag, mit einer 1.250 Kilometer langen Unterseepipeline Gas von Israel, Ägypten und Zypern über Griechenland in die EU zu transportieren, ist ebenfalls unwirtschaftlich.

 

Absatzmärkte für Gas

 

Der Markt für Erdgas aus dem östlichen Mittelmeer besteht nicht allein aus den 27 Staaten der Europäischen Union, sondern ebenfalls aus den Nationen rund um das Mittelmeer. Zwischen 2020 und 2030 wird die Nachfrage nach Erdgas hauptsächlich in den südlichen und östlichen Mittelmeeranrainern ansteigen. Die Nachfrage nach Erdgas soll in den EU-Mitgliedsländern am nördlichen Rand des Mittelmeerbeckens um nicht mehr als 0,3 Prozent pro Jahr zunehmen, während sie am südlichen und östlichen Rand jährlich um robuste 3,2 Prozent steigen soll.6 Besonders unter den Nationen Nordafrikas wird die schnelle Urbanisierung und Entwicklung zu einer Gasnachfrage von geschätzt 253,5 Milliarden Kubikmetern führen.7

Auch ohne bedeutende neue Funde würden sich in Ägypten, Zypern, Israel und Gaza die Exportüberschüsse voraussichtlich auf etwa vierzig Milliarden Kubikmeter belaufen.8 Aufgrund der im östlichen Mittelmeer vergleichsweise geringen Gasmengen für den Export ist das Mittelmeerbecken als der kommerziell lohnendste Markt anzusehen. Die voraussichtlichen Überschüsse im östlichen Mittelmeer sind jedoch nicht groß genug, um Investitionen in eine große Pipeline-Infrastruktur für den Transport von Gas zu größeren Märkten in der Europäischen Union zu rechtfertigen. 2040 würde der Exportüberschuss von vierzig Milliarden Kubikmetern in den östlichen Mittelmeerländern lediglich 8,3 Prozent des Welthandelsvolumens von 2019 entsprechen. Diese Menge reicht nicht aus, um die Region als wichtig für die globalen LNG-Märkte darzustellen. Auf den Märkten des Mittelmeerbeckens wäre Gas aus dem östlichen Mittelmeer aufgrund der Kostenersparnisse durch kürzere Transportstrecken aber konkurrenzfähig.

Zusätzlich zu dem Wandel der geopolitischen Lage in den 2020er-Jahren hat sich die Situation der Türkei hinsichtlich des Erdgases insofern geändert, als 2020 eigene Erdgasreserven vor der Schwarzmeerküste entdeckt wurden. Das türkische Sakarya-Feld umfasst geschätzt 405 Milliarden Kubikmeter, was etwa dem achtfachen Inlandsverbrauch pro Jahr entspricht.9 Die für 2023 erwartete anfängliche Förderleistung beträgt nur fünf bis zehn Milliarden Kubikmeter jährlich; das entspricht zehn bis zwanzig Prozent des Gasbedarfs der Türkei. Als Erdgasproduzent wäre es für die Türkei vorteilhafter, sich dem Eastern Mediterranean Gas Forum anzuschließen. Die Türkei ist mit Erdgas überversorgt und verfügt über kaum genutzte Einrichtungen zur Lagerung von Gas, die sich effizient in die Vermarktung und Lieferung von Gas aus dem östlichen Mittelmeer eingliedern ließen. Eine Beteiligung der Türkei an der Vermarktung von LNG im Mittelmeerbecken könnte die Funktion des Marktes verbessern und zu einer Zusammenarbeit unter Interessenten anstatt zu geopolitischen Streitereien führen.

Die jüngsten Versuche der Türkei, sich Ägypten und Israel anzunähern, bieten die Gelegenheit, die Türkei an der Vermarktung von Gas aus dem östlichen Mittelmeer zu beteiligen und sie sogar in das Eastern Mediterranean Gas Forum aufzunehmen. Obwohl kein Mitglied dieser Organisation, ist Deutschland gut aufgestellt, um eine konstruktive Rolle zu spielen, möglicherweise über die Mittelmeerunion, der Deutschland angehört. Würde der wesentliche Missstand beseitigt, der jeden Fortschritt in dem Streit über die Seegrenze zwischen Griechenland und der Türkei sowie im Hinblick auf das Zypern-Problem verhindert hat, könnten diese anhaltenden Dispute gelöst werden.

 

Michaël Tanchum, Professor für Internationale Beziehungen, Universität Navarra (Spanien), Senior Fellow, Austria Institut für Europa- und Sicherheitspolitik (AIES), Wien, Fellow am „Truman Research Institute for the Advancement of Peace“, Hebrew University, Israel, und am „Centre for Strategic Policy Implementation“, Başkent University in Ankara (Başkent-SAM), Türkei.

 

Übersetzung aus dem Englischen: Wilfried Becker, Germersheim

 

1 Sara Stafanini: „Eni chief: Egypt’s gas gain won’t harm Israel“, in: Politico EU, 16.09.2015, www.politico.eu/article/eni-gas-egypt-israel-cyprus-zohr/ [letzter Zugriff: 17.05.2021].

2 „ENI Ship blocked off Cyprus leaves“, in: ANSA, 23.02.2018, www.ansa.it/english/news/ business/2018/02/23/eni-ship-blocked-off-cyprus-leaves-3_3c4d2077-f068-4847-b5edd77f9ac4fad4.html [letzter Zugriff: 17.05.2021].

3 Michaël Tanchum: „The Logic Beyond Lausanne: A Geopolitical Perspective on the Congruence between Turkey’s New Hard Power and its Strategic Reorientation“, in: Insight Turkey, 22. Jg., Nr. 3, 2020, S. 41–55.

4 „Turkey-Egypt talks ‚frank and in-depth‘: Turkish Foreign Ministry“, in: Daily Sabah, 06.05.2021, www.dailysabah.com/politics/diplomacy/turkey-egypt-talks-frank-and-in-depth-turkish-foreignministry [letzter Zugriff: 17.05.2021].

5 „Turkey invites Israeli energy minister to diplomacy forum“, in: Hürriyet Daily News, 23.04.2021, www.hurriyetdailynews.com/turkey-invites-israeli-energy-minister-to-diplomacy-forum-164172 [letzter Zugriff: 17.05.2021].

6 Mediterranean Energy Perspectives, Observatoire (OME) Méditerranéen de l’Energie, 2018,  S. 74–75.

7 601 Öleinheiten des kompletten Energieverbrauchs entsprechen 667,11 Milliarden Kubikmetern Naturgas. 38 Prozent des Gesamtverbrauchs aus Naturgas entsprechen 253,5 Milliarden Kubikmetern.

8 David Butter: „Egypt’s Energy Ambitions and its Eastern Mediterranean Policy“, in: Michaël Tanchum (Hrsg.): Eastern Mediterranean in Uncharted Waters: Perspectives on Emerging GeoPolitical Realities, Konrad-Adenauer-Stiftung, 2020.

9 „Turkey’s Kanuni drillship sets sail to complete, test Black Sea wells“, in: Daily Sabah, 05.05.2021, www.dailysabah.com/business/energy/turkeys-kanuni-drillship-sets-sail-to-complete-testblack-sea-wells [letzter Zugriff: 17.05.2021].