von Vladimir Kreck

Die Lage Nigerias

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Nigeria ist mit etwa 200 Millionen Einwohnern nicht nur das bevölkerungsreichste Land Afrikas, sondern auch seit einigen Jahren die größte Volkswirtschaft des Kontinents. Das Land ist reich an Öl­, Gas­ und weiteren natürlichen Vorkommen. Allein der Erdölexport spült jedes Jahr Milliarden US-Dollar ins Land. Nigeria ist der weltweit größte Produzent von Maniok, noch vor Thailand. Das Land verfügt über eine große Kakaoindustrie. Trotzdem verlassen jedes Jahr Tausende Menschen das Land und machen sich auf den Weg nach Europa, um dort Asyl zu beantragen. 2018 verzeichneten die europäischen Statistiken für die Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) etwa 25.000 nigerianische Asylanträge und damit die meisten aus einem afrikanischen Land. In der Asylstatistik des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) belegt Nigeria seit Jahren einen Platz unter den Top­5­-Herkunftsländern. 2019 stellten erneut mehr als 10.000 Nigerianer Asylanträge in Deutschland.

In den deutschen Medien ist Nigeria vor allem aufgrund des Konflikts mit der islamistischen Terrormiliz Boko Haram und deren Splittergruppe Islamischer Staat Westafrika-­Provinz (ISWAP) präsent. Die Islamisten terrorisieren den Nordosten des Landes seit nunmehr zehn Jahren. Der Konflikt dürfte bereits mehr als 30.000 Todesopfer gefordert haben und vertrieb etwa zwei Millionen Menschen, die überwiegend als Binnenflüchtlinge in Lagern leben. Auch über andere gewaltsame Konflikte wird in Deutschland berichtet, so zum Beispiel über die tödliche Auseinandersetzung um die Landnutzung in Zentralnigeria zwischen christlichen Bauern und muslimischen Viehhirten. Doch die teilweise prekäre Sicherheitslage des Landes ist nur selten ein Grund, warum die Menschen Nigeria in Richtung Europa verlassen. Im verarmten Norden des Landes können nur wenige das Geld für eine Flucht aufbringen.

Die bei Weitem größere Zahl von Nigerianern, die in Europa ankommen, stammt aus dem vergleichsweise friedlicheren und wohlhabenderen Süden des Landes. Diese Menschen sind irreguläre Migranten, die sich eine wirtschaftliche Perspektive in der EU erhoffen. Häufig sammeln Familien oder ganze Dörfer Geld, um ihnen die Reise zu ermöglichen. Dies geschieht in der Hoffnung, dass sie in der EU wirtschaftlich Fuß fassen und Geld an ihre Familien oder Gemeinschaften zurückschicken. Dabei haben diese Menschen eigentlich keine Chance auf ein Bleiberecht. In Deutschland werden jedes Jahr mehr als neunzig Prozent der nigerianischen Asylanträge abgelehnt. Gegenwärtig müssten etwa 12.000 Nigerianer Deutschland verlassen. Etwa 20.000 weitere warten auf die gerichtliche Entscheidung über eine Anerkennung als Flüchtlinge.

Dennoch ist zu erwarten, dass die Zahl der Menschen, die Nigeria in Richtung Europa verlassen, in den nächsten Jahren nicht sinken, sondern eher steigen wird. Das hat damit zu tun, dass Nigeria nur auf den ersten Blick ein Wirtschaftsriese ist. Das im Vergleich zu anderen afrikanischen Staaten hohe Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist insbesondere eine Folge der Bevölkerungsgröße. Das BIP pro Kopf hingegen liegt nur bei etwa 2.000 US-Dollar und damit deutlich unter dem von Südafrika, der zweit­ platzierten Volkswirtschaft des Kontinents. Nigerias Wirtschaftskraft ist zurzeit eher mit der von Zimbabwe oder der Republik Kongo zu vergleichen.

Ein Grund dafür ist, dass Nigerias Wirtschaft in hohem Maße von der traditionell beschäftigungsarmen Ölindustrie abhängig ist. Rohölexporte machen etwa neunzig Prozent des nigerianischen Gesamtexports aus und finanzieren den staatlichen Haushalt mit bis zu siebzig Prozent. Damit ist das Land besonders anfällig für volatile Entwicklungen auf dem internationalen Rohstoffmarkt. Dies machte sich zuletzt 2014 negativ bemerkbar. Mit dem damaligen Ölpreisverfall ist Nigeria in eine schwere Wirtschaftskrise geraten, von der es sich nur schleppend erholt. Eine hohe Arbeitslosigkeit hat seitdem dazu beigetragen, dass die ohne­ hin große Armut im Land gestiegen ist. Laut World Poverty Clock fristen heute etwa 95 Millionen Nigerianer und damit etwa 48 Prozent der Gesamtbevölkerung ihr Dasein unterhalb der Armutsgrenze. 2018 über­ holte Nigeria sogar Indien als das Land, in dem weltweit die meisten Menschen in extremer Armut leben.

Nigeria verzeichnet darüber hinaus ein rasantes Bevölkerungswachstum. Die Geburtenrate liegt bei etwa 5,5 Kindern pro Frau. Die Bevölkerung wächst jedes Jahr um rund zwei Prozent und damit gegenwärtig um fünf Millionen Menschen. Die Vereinten Nationen (United Nations, UN) schätzen, dass Nigeria 2050 mit mehr als 400 Millionen Einwohnern nach In­ dien und China und noch vor den USA die drittgrößte Bevölkerung der Welt ernähren muss. Experten sind sich einig, dass nur ein zweistelliges Wirtschaftswachstum diese Entwicklung auffangen kann. Von einer solchen Wachstumsrate ist Nigeria mit gegenwärtig etwa zwei Prozent jedoch weit entfernt. Das rasante Bevölkerungswachstum bei ausbleibendem Wirtschaftswachstum verschärft somit die Armut im Land.

Das Thema „Migration nach Europa“ spielt auf der Agenda der politischen Entscheidungsträger keine entscheidende Rolle. Denn das Land steht vor anderen immensen Herausforderungen. In den nächsten Jahren gilt es nicht nur, die Sicherheitsprobleme im Norden Nigerias zu bewältigen und die Wirtschaft anzukurbeln. Die Kriminalität, auch die organisierte, breitet sich im gesamten Land aus. Sechzig Prozent der Bevölkerung sind nicht an das ohnehin häufig kollabierende Stromnetz angeschlossen. Die bereits marode Straßeninfrastruktur verfällt zunehmend. Laut An­ gaben des UN-Kinderhilfswerks UNICEF steht Nigeria mit 13,5 Millionen Kindern, die keine Schule besuchen, weltweit am Ende der Statistik. Außerdem schätzt die Weltgesundheitsorganisation auf Grundlage von Daten aus 2015, dass jährlich etwa 58.000 Frauen bei Geburten sterben. Verantwortlich für den gegenwärtigen Zustand des Landes ist zu großen Teilen die Korruption unter den politischen Eliten, die der Entwicklung des Landes seit Jahrzehnten Milliarden US­Dollar illegal entziehen.

Im gegenwärtigen Umfeld bleibt vielen Menschen nur der Versuch, den gefährlichen Weg nach Europa auf sich zu nehmen, und es hat sich längst eine illegale Industrie im Süden des Landes und vor allem in den Bundesstaaten Edo und Delta etabliert, die gegen viel Geld die illegale Migration ermöglicht. Im kinderreichen Nigeria trifft es oft junge Frauen, die von ihren Familien sogar in die Sklaverei verkauft werden. Sie müssen dann, einmal in Europa angekommen, als Prostituierte auf den Straßen von Rom, Paris oder Berlin arbeiten. Ob die Informationsveranstaltungen der nigerianischen Regierung und der europäischen Organisationen, mit denen die Menschen im Süden für die Gefahren entlang der Flüchtlingsrouten und für die geringe Chance auf ein Bleiberecht sensibilisiert werden sollen, eine baldige Trendwende einleiten, bleibt mit Blick auf die schwierige Lage im Land fraglich.

 

Vladimir Kreck Auslandsbüro Nigeria der Konrad­-Adenauer­-Stiftung