Günter Rinsche zum Gedenken

von Bernhard Vogel

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Am 11. Juli haben wir in der Liebfrauenkirche in Hamm von Günter Rinsche Abschied genommen. Er starb nach langer, schwerer Krankheit kurz vor seinem 89. Geburtstag.

In ungewöhnlicher Weise hat er seinem Vaterland über Jahrzehnte selbstlos gedient, zunächst als Grenzgänger zwischen Wissenschaft und Politik, dann als gestaltende Kraft auf allen parlamentarischen Ebenen. „Neugier und Mangel an Geduld“ hielt er selbst für seine hervorstechenden Charakterzüge. Ich dagegen habe an ihm zwar auch seine Neugier, vor allem aber sein Durchsetzungsvermögen, seine Beharrlichkeit und stete Hilfsbereitschaft bewundert.

1952 gehört er zu den ersten deutschen Studenten, die mit einem Fulbright-Stipendium ein Studienjahr in den Vereinigten Staaten verbringen dürfen. An der Universität zu Köln wird er Schüler Heinrich Brünings, bei dem er eine Diplomarbeit über das US-amerikanische Parteiensystem verfasst. Er wird Assistent am Institut für Mittelstandsforschung der Universität zu Köln und zum Doktor rer. pol. promoviert. Die Habilitation scheint nur noch eine Frage der Zeit, auch nachdem er zunächst in das nordrheinwestfälische Wirtschaftsministerium nach Düsseldorf gewechselt ist und dort die Leitung einer Arbeitsgruppe „Grundsatzfragen des Mittelstandes“ übernommen hat und ihm danach Sonderaufgaben im Landesamt für Forschung übertragen worden sind. Aber dabei sollte es nicht bleiben. Schon während seines Studiums ist er der  Jungen Union und der CDU beigetreten. 1956 – mit 26 Jahren – wird er Ratsherr seiner Heimatstadt Hamm, zunächst auf den Bänken der Opposition. Acht Jahre später wird er zum damals jüngsten Oberbürgermeister der Bundesrepublik gewählt. Er wirkt in seinem Amt so erfolgreich, dass er 1969 mit den Stimmen aller Ratsmitglieder wiedergewählt wird. Es ist vor allem sein Verdienst, dass Hamm im Zuge der kommunalen Neugliederung Nordrhein-Westfalens zur Großstadt wird, mit mehr als verdoppelter Einwohnerzahl und verzehnfachter Fläche. Sein kommunalpolitisches Engagement sollte nur der Auftakt seiner ungewöhnlich langen Laufbahn auf allen parlamentarischen Ebenen sein. Bei der „Erhard-Wahl“ von 1965 zieht er mit 46 anderen jungen Kollegen – unter ihnen Egon Klepsch, Manfred Wörner, Heiner Geißler und ich – als direkt gewählter Abgeordneter in den Bundestag ein.

Für die nordrhein-westfälische CDU gilt er als Hoffnungsträger. Ihr damaliger Spitzenkandidat, Heinrich Köppler, beruft ihn in sein Schattenkabinett. Rinsche wechselt 1975 nach Düsseldorf in den Landtag und wird wirtschaftspolitischer Sprecher seiner Fraktion. 1979 kandidiert er bei der ersten Direktwahl für das Europäische Parlament. Straßburg und Brüssel werden zum Mittelpunkt seines politischen Wirkens. Er wird Mitglied des Vorstands der EVP-Fraktion und ab 1989 für zehn Jahre, bis zu seinem Ausscheiden, Vorsitzender der CDU/CSU-Gruppe. Er engagiert sich für das zusammenwachsende Europa und ist an führender Stelle mitverantwortlich für die weltweiten Kontakte des Europäischen Parlaments. Asien gilt sein besonderes Interesse.

Nicht meine Wahl zum Thüringer Ministerpräsidenten, wohl aber die damit unvermeidlich verbundene Übernahme auch des Thüringer Landesvorsitzes der CDU zwang mich aus rechtlichen Gründen 1995 schweren Herzens dazu, auf den Vorsitz der Konrad-Adenauer-Stiftung zu verzichten. Was lag näher, als die Mitgliederversammlung zu bitten, Günter Rinsche zu meinem Nachfolger zu wählen? Schon seit seiner Zeit als Oberbürgermeister von Hamm gehörte er dem Vorstand der Konrad-Adenauer-Stiftung an und war darum ihrer Arbeit sowohl im In- als auch im Ausland eng und vielfältig verbunden. An seiner Bereitschaft, der Stiftung loyal zu dienen und in den besonders schwierigen Jahren nach dem Zusammenbruch des europäischen Kommunismus zusätzliche Führungsverantwortung zu übernehmen, bestand kein Zweifel, zumal ihn mit Helmut Kohl eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit verband.

Seine sechsjährige Amtszeit war zudem durch eine bedeutende Strukturveränderung der Stiftung geprägt. Zum einen wurde das Amt eines Generalsekretärs geschaffen und mit dem bisherigen CDU-Landesund -Fraktionsvorsitzenden in Schleswig-Holstein, Ottfried Hennig, besetzt. Zum anderen forderte der weitere Ausbau der Aktivitäten der Stiftung in Ost- und Südosteuropa die Aufmerksamkeit des neuen Vorsitzenden. Im Juli 1998 ging für Günter Rinsche – und für Helmut Kohl – ein Traum in Erfüllung: Die in Berlin neu erbaute Akademie der Stiftung konnte der Öffentlichkeit übergeben werden. Sein Wunsch: „Der Neubau möge das Haus der Bürger, der Besucher, der Vermittler von Informationen und der lebendigen Demokratie werden“ sollte in Erfüllung gehen.

Als mir 2001 der Vorsitz der Stiftung wieder übertragen wurde, hatte ich allen Grund, Günter Rinsche von Herzen zu danken. Er hatte Kurs gehalten. Bis zu seinem Tod blieb er der Stiftung eng und freundschaftlich verbunden. Aus dem Europäischen Parlament war er 1999 ausgeschieden. Europäer ist er geblieben! Sein Wirken hat Spuren hinterlassen, denen die Arbeit der Konrad-Adenauer-Stiftung gerade heute folgen sollte.

 

Bernhard Vogel
Ministerpräsident a. D.
Ehrenvorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung
Herausgeber, „Die Politische Meinung“