Die Politische Meinung

innovatio hominis

von Birgitta Wolff

Innovation durch Aufhebung der geistigen Schollenbindung

Dominium terrae: Es steht geschrieben (Gen. 1,28), der Mensch habe von Gott den Auftrag erhalten, sich die Welt untertan zu machen. „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen“ – spätestens mit dieser landauf, landab bekannten Definition von Immanuel Kant (1724–1804) wurde die aufklärerische Fortschrittsgläubigkeit unhintergehbar auf den menschlichen Verstand gelenkt.

 

Die Kulturgeschichte des Menschen ist geprägt von Aufrufen, der Mensch möge sich (geistig) bewegen und entwickeln – damit er letztendlich nicht im Stand des „Puerilismus“ (Johan Huizinga) verbleibt, damit das im Menschen liegende Potenzial voll ausgeschöpft wird. Aber unabhängig davon, ob kaschiert oder legitimiert wird, ob als fremder Auftrag oder eigener Anspruch formuliert, lassen all diese Appelle einen im Menschen liegenden schönen Götterfunken aufblitzen: dass der Mensch nicht nicht erneuern kann – um ein Axiom Paul Watzlawicks zu adaptieren.

 

Wen wundert es da, dass der Mensch seine ihn bewegende Kraft, das „Sich­wundern“, die curiositas, domestizieren und für sich methodisch handhabbar machen will – indem er sie verwissenschaftlicht und institutionalisiert: In einem ersten Schritt wird sich der bestehenden Grenze des Wissens angenähert, im zweiten eine Frage, eine These entwickelt, um ein Interesse, eine Motivation zur Überschreitung dieser Grenze, eine Perspektive über den Tellerrand des Wissens zu kreieren, und schließlich wird in einem dritten Schritt neues Wissen generiert und damit die Wissensgrenze überschritten beziehungsweise hinausgeschoben. Solchermaßen wird Wissenschaft nicht nur an und in einer Universität praktiziert. Und so entsteht Wissen – aber noch keine Innovation.

 

Technische und soziale Innovationen

 

Der Fortschritt vom hölzernen Rührlöffel zum elektrischen (Plastik­)Mixer oder vom Waschbrett zur Waschmaschine ist auf den ersten Blick „nur“ ein technischer, doch in summa führte die Technisierung von Küche und Haus­ halt zu einem Gewinn an Lebenszeit, der wiederum andere Entwicklungen ermöglichte. Kurz: soziale Innovationen. Gibt es überhaupt rein technische Innovationen? Beispiel „ Smartphone“: eine technische Neuerung, gewiss. Aber die sozialen und kulturellen Implikationen sind unübersehbar und reichen von der Verkürzung der menschlichen Aufmerksamkeitsspanne bis zum veränderten Kommunikationsverhalten; zudem entfaltet das Albert Einstein zugeschriebene Diktum „Wissen heißt wissen, wo es geschrieben steht“ eine ganz neue Wucht. Auch das Smartphone ist ein wunderbares Beispiel für soziale Innovation mit technischem Aufhänger. Insbesondere durch die Digitalisierung erreicht Technik eine solche Wirkungstiefe und ­breite, dass sie unser Leben fundamental ändert.

 

Eine Innovation ist nicht nur die eigentliche technische Erfindung, sondern umfasst auch die gesellschaftliche Implementierung dieser Neuerung. Die „soziale Innovation“ bedeutet, dass eine systematische, individuumsübergreifende Verhaltensänderung stattfindet. An dieser Stelle kommt die Universität durch ihre disziplinäre Breite ins Spiel, da hier Juristen, Ökonomen, Geistes­ und Sozialwissenschaftler von Anfang an mit Ingenieuren, Naturwissenschaftlern und Medizinern zusammenarbeiten können, um die soziale Innovationsdimension parallel zur technologischen mitzudenken, vielleicht sogar vorauszudenken, um das gesamte Spektrum an neuen Handlungsperspektiven für den Menschen auszuloten, vom rationalen Erklären bis zum emotionalen Annehmen beziehungsweise aktiven Wollen. Denn was nutzt die Existenz einer technischen Möglichkeit, Autos transaktionskostenarm und ökologisch sinnvoll gemeinsam zu nutzen, wenn die bereitstehende Web-­Plattform nicht genutzt wird? Entscheidend ist, dass viele Menschen diese Plattform annehmen und auf eigene Autos sowie exzessiven Individual­ verkehr verzichten. Innovation ist also nicht nur die technische Neuerung, sondern darüber hinausgehend die Verwertung des Wissens: an Märkten, aber selbstverständlich auch in Non­-Profit-­Kontexten.

 

Umgekehrt sind soziale Innovationen ohne technischen Anlass möglich: So denken Forscher und Forscherinnen der Goethe­ Universität etwa angesichts neuer gesellschaftlicher Herausforderungen neu über „Toleranz“ nach; zum Beispiel darüber, ob türkische Politiker in unserem Land, das sich als freiheitliches begreift, Wahlkampf machen dürfen.

 

Hinzu kommt, dass nicht jede Innovation per se „gut“ ist: Es kommt darauf an, was man daraus macht. Es gilt, für jede Innovation die Kontrolle und Steuerbarkeit, die menschliche Souveränität (nicht zuletzt im Sinne von Selbstbestimmung) zu erlangen und zu bewahren: Will ich bequem im Internet einkaufen, selbst wenn ich damit meine Daten auch für andere Nutzungen freigebe? Solche Selbstreflexionsansprüche und das erforderliche Urteilsvermögen kann die Wissenschaft in ihrer disziplinären Breite fördern.

 

Kreativitätsforderung als Innovationsquelle

 

Im Sinne dieses weiten Verständnisses von Innovation waren und sind die Hightech­Foren der Bundesregierung breit aufgestellt: „Hightech“ wird hier gerade nicht als rein technologische Neuerung, sondern im weitesten Sinne verstanden – es geht um sämtliche Innovationsfacetten, die die gesellschaftliche Zukunft betreffen. Wenn nun aber Innovationen nicht nur technisch, sondern unmittelbar vom Menschen aus gedacht werden, zeitigt dies Auswirkungen hinsichtlich der Bedeutung und der Instrumente der „Kreativitätsförderung“ als Quelle potenzieller Innovationen.

 

Für kreative Menschen, so auch Wissenschaftler, ist es wesentlich, andere Perspektiven einnehmen zu können – denn nur so kann man zum Beispiel die Gegenargumente, die gegen die eigene These vorgebracht werden können, vorwegnehmen, sie in die eigene Argumentation einbinden und widerlegen. Nur wer das argumentative Möglichkeitsspektrum aus einer Art Vogelperspektive überblickt, wird die eigentliche Argumentation „berechnen“, den wissenschaftlichen Wettstreit auch in seinem Sinn beeinflussen können. Mit anderen Worten: Der zwanglose Zwang des besseren Arguments muss im notwendigen Umfang gewürdigt werden. Wie aber kann Multiperspektivität gefördert werden, in einem Land, in dem „Quer­“ oder „Seiteneinsteiger“ eher als Schimpfworte denn als Chance verstanden werden?

 

Die Antwort ist kein Abrakadabra, sondern kann mit dem so einfachen wie inspirierenden Mittel der „Personalmobilität“ im weitesten Sinne geboten werden: indem der Mensch nicht mehr an die geistige Scholle gebunden wird, sondern (immer wieder) auf die geistige Walz geht. Auch dies wäre allerdings in vielen Bereichen soziale Innovation, über die noch aufgeklärt und für die geworben werden muss.

 

Personalmobilität bedeutet sektorenübergreifende Aus­ und Weiterbildung sowie horizontale Flexibilität: indem zum Beispiel berufsbegleitende Bachelorstudiengänge auch für Menschen ohne konventionelle Hochschulzugangsberechtigung geschaffen werden. So erhält nicht nur etwa eine OP­ Schwester Zugang zur Medizin oder ein Landschaftsgärtner zur Biologie, sondern auch eine Managerin zur Kunstgeschichte oder ein Designer zur Betriebswirtschaftslehre. Personalmobilität bedeutet auch Job­-Rotation und „mutige“ Personalrekrutierung von Menschen, deren Ausbildungs­-  und Berufsweg nicht „geradlinig“ verläuft, die aber durch ihr anderes Wissen, durch ihren mäandernden Werdegang, ein unvorhergesehenes und kreatives Moment einbringen können.

 

Kreaktivitätsunterstützung in der Wissenschaft

 

Das Mercator Science­-Policy-Fellowship-­Programm zum Beispiel verleiht der Idee eine konkrete Gestalt, Einblick in andere Sektoren zu ermöglichen sowie Anregungen und Austausch zu fördern, indem Expertinnen und Experten aus den unterschiedlichsten Sphären (insbesondere Verwaltung, Politik und Wissenschaft) zusammengebracht werden. Aus dem Verbund der Rhein-Main-Universitäten (RMU, Zusammenschluss aus Technischer Universität Darmstadt, Johannes Gutenberg-Universität Mainz sowie Goethe-Universität Frankfurt), der dieses gesellschaftliche Austauschprogramm zusammen mit der Mercator-Stiftung trägt, nahmen bisher allein 180 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen (davon 165 Professorinnen und Professoren) der Goethe-Universität teil (was einem guten Viertel aller Professorinnen und Professoren dieser Universität entspricht!). Die Folgen waren und sind eine Reihe vertiefender Follow-up-Projekte: Austausche über neue Möglichkeiten zur Gestaltung von Alterssicherungssystemen zwischen Wirtschaftswissenschaftlern und Experten in zuständigen Berliner Ministerien, Workshops und Konferenzen in Berlin und Brüssel zu Fragen der Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz (KI) sowie Publikationen mit Beiträgen aus allen Teilnehmergruppen. So kommen die unterschiedlichen Sphären, aber auch Theorie und Praxis, zur Interaktion, als entstehendes Netzwerk perspektivisch auch unabhängig vom konkreten Programm.

 

Aber auch die Freiheit der Wissenschaft per se kann Kreativität im Sinne von Überraschungen generieren und Innovationstreiber sein. Es liegt im Selbstverständnis der Wissenschaft, dass sie grundsätzlich frei und ohne konkreten Verwertungsanspruch forschen darf, dass sie auch l’art pour l’art sein kann. Universitäre Forschung spielt sich ergebnisoffen ab. Sie braucht Zeit und Raum zum Ausprobieren, zum Denken, zum Arbeiten. Forschende stehen unter Umständen jahrelang im Labor und experimentieren, bis endlich einer der Versuche funktioniert, lesen ganze Bibliotheken, bevor ein gedanklicher Durchbruch erzielt wird.

 

Eine Grenze wird dabei gewiss verschoben – die der Frustrationstoleranz bei Forschenden und Finanzierenden. Die Chance dieser freiheitlicheren und „verspielteren“ Herangehensweise liegt darin, dass auf diesem Weg viel­ leicht noch Dinge entdeckt werden, an die vorher nicht gedacht wurde, oder dass die vielleicht zunächst nicht akkurate Problemdefinition verändert wird. Und wenn dann die Frage reformuliert wird, erhält man die Chance, Prozesse noch einmal anders zu durchdenken und auf Antworten zu stoßen, nach denen am Anfang überhaupt nicht gefragt wurde. Auch für diese Art der Kreativitätsunterstützung in der Wissenschaft gibt es Förderinstrumente, beispielsweise das Freigeist-Fellowship der VolkswagenStiftung oder den Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis.

 

Wissenschaft braucht Wagniskultur

 

Eine menschliche Gesellschaft, die grundsätzlich auf Vorhersehbarkeit und Planbarkeit fußt (denn ich muss wissen, dass derjenige, der den Blinker setzt, auch wirklich abbiegt), braucht einen Freiraum, eine Spielwiese, ein Experimentierfeld, in und auf dem ein Freigeist leben kann: Denn die Erkenntnis, die zur Innovation wird, kommt oft unvorhergesehen oder generiert anderes als erwartet. Entsprechend können wir zwar keine Innovationen säen, aber immerhin das Feld dafür bestellen, können wir zwar keine Innovationen bestellen, aber Menschen dazu befähigen und Räume dafür schaffen.

 

Natürlich muss Forschung für öffentliche Finanzierungsquellen begründen, warum genau diese oder jene Untersuchung im Hier und Heute sinnvoll ist. Dabei ist auch die Erkenntnis, dass sich etwas nicht so wie erwartet verhält, eine Erwartung oder Hoffnung nicht zutrifft, wissenswerte Erkenntnis. Somit kann am Ende eines jeden – auch guten – Forschungsprozesses durchaus ein „Nichts“ stehen, das heißt, dass (zunächst) weder Neues noch im weitesten Sinne Verwertbares entsteht. Echte Forschung war, ist und bleibt ein Vabanquespiel, ein Wagnis, ein Wechsel auf die Zukunft. Daher ist so, wie es für eine unternehmerische Investition eines Kapitals und einer Risikobereitschaft bedarf, eine Wagniskultur sowohl in der Wissenschaft als auch in der Gesellschaft notwendig. Will man den Boden für eine Innovationen ermöglichende Wagniskultur bereiten, gehört es daher als Analogon zum Unternehmerrisiko zwingend dazu, nicht für jede Investition eine Innovation – eine unmittelbare Rendite – zu erwarten.

 

Ein neues „Narrativ“?

 

Gebote und Weckrufe wie die eingangs zitierten gibt es auch heute zuhauf: „Yes, we can“ oder „Wir schaffen das“. Will man Veränderung, so braucht der Mensch anscheinend die direkte Anrede, das Pathos, muss eine Aufbruchsstimmung erzeugt werden. Insofern wird es auch Reden und Schriften mit Appellcharakter bedürfen, wenn eine Innovationskultur in der Gesellschaft implementiert werden soll. Vielleicht ein neues „Narrativ“. Soll jedoch tat­ sächlich die Innovationsstärke erhöht werden, dann ist auch eine Veränderung der formalen Rahmenbedingungen unabdingbar: eine experimentierfreundliche Förderstruktur und konkrete Anreize und Gelegenheiten – wie sie zum Beispiel das Mercator Science-Policy Fellowship-Programm der RMU oder auch das Freigeist-Fellowship der VolkswagenStiftung jeweils punktuell bieten. Die Wissenschaft kann der Gesellschaft dabei als Modell dienen, wie Wagnis in concreto ermöglicht wird: indem erstens Freiraum geschaffen, zweitens freier Geist finanziert, drittens ergebnisoffen geforscht und so Wissen generiert wird. Wenn dann noch in der Interaktion mit „der Praxis“ aus Wissen Innovation wird – keineswegs nur im kommerziellen Sinne –, ist das Ziel erreicht.

 

Birgitta Wolff, geboren 1965 in Münster, ehemalige Kultusministerin und Landesministerin für Wissenschaft und Wirtschaft des Landes Sachsen-Anhalt, seit 2015 Präsidentin der Goethe Universität Frankfurt am Main.