von Ralf Konersmann

Eine intakte Öffentlichkeit braucht den Mut zum Gespräch

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Nachdem die Idee sich längst schon angekündigt hatte, kamen Wort und Begriff der Öffentlichkeit im 18. Jahrhundert auf – im Jahrhundert der Aufklärung. Ohne damit Exklusivität beanspruchen zu wollen, war die Öffentlichkeit doch eine genuin bürgerliche Erfindung. Sie verstand sich als Forum der Allgemeinheit, als Einladung an jedermann.

Der einmal gefundene Begriff der Öffentlichkeit lebte von Erwartungen, die er wachrief und verstärkte, ja potenzierte. Einer Definition dessen, was da im Entstehen war, bedurfte es ebenso wenig wie eines ausformulierten Programms. Im Rückblick wirkt es eher so, als hätten weitere, gleichfalls neu gefasste Begriffe ähnlichen Zuschnitts – Begriffe wie Kultur, Bildung, Aufklärung, Geist, Gefühl, Geschmack, Geselligkeit – einander evoziert, gestützt und bestätigt, um gemeinsam ein Klima des Aufbruchs und der geistigen Unabhängigkeit zu erzeugen.

Hinzu kam ein nicht weniger ausgeprägtes Klima der wechselseitigen Anteilnahme, ein Klima der Verständigung und Selbstbesinnung. Man wollte wissen, wer man war und wo man stand in diesen soeben entdeckten Universalgeschichten der Natur und des Menschengeschlechts. Um all diesen Fragen und Themen auf die Spur zu kommen, fand man sich in neu entstandenen, häufig halbprivaten Zirkeln zusammen, gründete Journale und pflegte Korrespondenzen, um auf diese Weise – und gleichsam nebenbei – der Öffentlichkeit Gestalt zu geben. Binnen weniger Generationen erwuchs die europäische Öffentlichkeit als ein erstaunlich freimütiger und themenreicher, Standes- und Landesgrenzen überschreitender Potlatch der Meinungen und Urteile, der Beobachtungen und Phantasien.

Gewiss, auf dem Flickenteppich der damaligen Realitäten und Realisationen bot das neue Kommunikationsgefüge ein buntes Bild, Rückschläge und Enttäuschungen blieben nicht aus. Wer jedoch den Impuls verstehen will, der einst von diesem Supermedium ausging, muss sehen, was die Öffentlichkeit einmal sein sollte: ein Forum der Begegnung und des unumschränkten Räsonnements.

 

Reden und reden lassen

 

Das Wort „Öffentlichkeit“ begann seine Karriere als Erwartungs- und Bewegungsbegriff, der nicht einen schon vorhandenen Sachverhalt beschrieb, sondern diejenigen ansprach, die bereit waren, neue, zeitgemäße Sprachund Lebensformen gemeinsam zu erproben. Das Muster dieser Verwirklichung, das all die Initiativen, literarischen Experimente und medialen Neuerungen miteinander verband, war das Gespräch unter Gleichen. Die bürgerliche Öffentlichkeit verstand sich ganz wesentlich als Gesprächskultur. „Der Grund aller Gesellschafften ist die Conversation“, schrieb Christian Thomasius im Jahr 17101 und gab damit der Ausgangsintuition dieser neuen, ebenso selbstbewussten wie gesprächsfreudigen citoyennité Prägnanz.

Dass die großen literarischen Ereignisse der Epoche Konversationsromane waren, allen voran Jean-Jacques Rousseaus Nouvelle Héloïse (1759) und Johann Wolfgang Goethes Werther (1774), bestätigt den Gesamteindruck. Die Romane machten es vor: Ein Gespräch dreht sich um Betrachtungen und Erwägungen, die sich beständig fortentwickeln, ohne dass die Beteiligten gehalten wären, klare Ergebnisse vorzulegen. Ein Gespräch ist kein Instrument.

Sein Sinn liegt in ihm selbst, und eben dadurch unterscheidet es sich vom Machtanspruch der Politik. Sein Vorbild hat es in der sokratischen Skepsis mit ihrer charakteristischen Verschränkung von Wissen und Nichtwissen. Wie der im Jahrhundert der Aufklärung vielbewunderte Sokrates es vorgemacht hatte, so galt es auch jetzt, nicht einfach blind zu glauben, sondern ernsthaft zu prüfen; nicht gedankenlos mitzumachen, sondern innezuhalten; nicht bloß nachzusprechen, sondern sich selbst ein Urteil zu bilden.

In einem Gespräch kommt es nicht auf äußere Autoritäten an, sondern auf diejenigen, die es führen. Die Idee ist: Man spricht selbst und steht ein für das, was man sagt. Die Beteiligten treten als Personen und sogar unter ihrem Namen hervor, sie zeigen sich, werden wahrgenommen und gesehen. Wer öffentlich und außerhalb des vertrauten Kreises das Wort ergreift, braucht Mut, aber auch Feingefühl. Reden und reden lassen – so lautet die Elementarregel der Gesprächssituation.

Die Erfahrung, klüger aus einem Gespräch herauszukommen, als man hineinging, ist weniger dem förmlichen Austausch von Informationen zu danken als der gesprächstypischen Produktivität. Um diese vom Engagement der Beteiligten getragene Produktivität zu entfalten, muss ein Gespräch offen sein: offen im Sinne sowohl der Unbeschränktheit als auch der Aufrichtigkeit und der Publizität. Es war diese Kombination, mit der sich das Gespräch als Muster des öffentlichen Gedankenaustauschs empfahl. Die Öffentlichkeit, so die historische Ausgangsintuition, lebt vom Geist der Freimütigkeit.

 

Meinungsmacher und Manipulatoren

 

Und doch war dieser Geist schon bald verflogen. Im Zeitalter der Revolution wurde die Öffentlichkeit politisiert, und auf dem Forum der Bürger dominierten die Konflikte der Gruppen und Gruppierungen. Wer ein Gespräch führt, darf neugierig sein und für alles ein offenes Ohr haben; wer Politik macht, muss sich und seine Sache durchsetzen wollen.

Bereits in seiner magistralen Aufarbeitung dieser Geschichte, die 1962 erschien, hat Jürgen Habermas vom Verfall der Öffentlichkeit gesprochen.2 Was demnach die Öffentlichkeit verloren hatte, war ihr namengebendes Prinzip: die Offenheit und, näherhin, das offene Gespräch. Als Symptome des Niedergangs nannte Habermas die Annäherung der öffentlichen Rede an den Jargon der Werbung, das Vordringen ökonomischer Interessen und strategischer Denkmuster, die Vermengung von gesellschaftlicher und staatlicher Sphäre, schließlich das Vordringen des Populismus. Die Öffentlichkeit, so der Befund, war zur Bühne der Meinungsmacher und Manipulatoren geworden. All diesen Tendenzen war gemeinsam, die Vorbildfunktion des Gesprächs zu verdunkeln. Das gilt auch für diejenigen Einflussfaktoren und Tendenzen, die seither hinzugekommen sind und das Bild der Öffentlichkeit weiter verändert haben. Ich rede von der in jüngster Zeit vermehrt auftretenden Strategie, unter Ausnutzung der Wertschätzung, die Moral und Wissenschaft genießen, das öffentliche Gespräch an einer bestimmten Stelle einzufrieren und jeden Versuch, es dennoch fortzusetzen, als Ausdruck der Unbelehrbarkeit zurückzuweisen und politisch unter Verdacht zu stellen.

Die Idee, das öffentliche Gespräch mit Hinweis auf die Gewalt der Tatsachen in den Griff zu bekommen, entstammt dem 19. Jahrhundert und ist eine Versuchung aller politischen Richtungen. So propagierte Friedrich Engels (1820–1895) einen auf Philosophie und Wissenschaft gegründeten Sozialismus, der sich einfach deshalb durchsetzen werde, weil er mit dem Gesetz der historischen Entwicklung übereinstimme. Ebenfalls unter Verweis auf das Zauberwort „Evolution“ erklärte Ernest Renan (1823–1892), der als Mitglied mehrerer europäischer Akademien erheblichen Einfluss besaß, dass die Wissenschaft erfüllen werde, was die Religion versprochen habe, doch zu leisten nicht imstande gewesen sei. Renan teilte die positivistische Vorstellung einer Gesellschaft, die störungsfrei rundläuft wie eine gut geölte, von Sozialingenieuren betreute Maschine.

 

Das Worte haben die „Experten“

 

Die Frage, ob Funktionalisierungen wie diese aus machtstrategischem Kalkül oder guten Glaubens erfolgen, ändert an der Problemlage nichts. So oder so fällt der Wissenschaft die Rolle einer Instanz zu, die über das Nichtverhandelbare entscheidet. Die Einführung dieses Elements verändert das Verhältnis von Politik und Öffentlichkeit dramatisch. Die Politik macht sich klein, um sich von der Wissenschaft die Alternativlosigkeit eines Programms bescheinigen zu lassen, zu dem das öffentliche Gespräch im Grunde nichts beizutragen hat. Das Wort haben die „Experten“ – eine Wortwahl, die bereits andeutet, wohin die Reise geht.3 Die Wissenschaft braucht und kennt keine Experten, sehr wohl aber die Politik.

Von solcher Anerkennung mag die Wissenschaft, die ihre Praxistauglichkeit kaum eindrucksvoller unter Beweis stellen kann, profitieren. Auf lange Sicht riskiert sie jedoch ihren Ruf, weil sie hilflos zusehen muss, wie ihre Argumente schon im nächsten Schritt neu ausgerichtet werden. Politisch gewendet, besagen sie, dass eigentlich nur beschränkt oder böswillig sein kann, wer die auf Daten und Fakten basierten Entscheidungen infrage stellt. Die Politik bekommt gleichsam die Hände frei und kann die Gespräche ins Leere laufen lassen. Nachdem die Zahlen auf dem Tisch liegen, gilt die Klärung der Sachfragen als abgeschlossen, und die Aufmerksamkeit wendet sich den Maßnahmen zu, die nun zu treffen sind. An die Stelle der Gespräche tritt die Überzeugungsarbeit.

Die Politik muss entscheiden, die Wissenschaft lehrt das Zögern. In dieser Lage ist die Politik versucht, den Strukturkonflikt zu überspielen und die Wissenschaft durch das Schlechtreden der „Elfenbeintürme“ und durch Schlagworte wie „Aktualität“ und „Relevanz“ auf ihre Seite zu ziehen. Dem muss die Wissenschaft widerstehen. Gewiss darf und soll sie antworten, wenn ihr Urteil gefragt ist, und auch einmal ein Gastspiel im Feld des Politischen geben. Im Übrigen aber muss sie darauf achten, mit eigener Stimme zu sprechen und gehört zu werden – eben als sie selbst: als Wissenschaft. Dazu gehört auch die Klarstellung, dass sie anders als die Politik mit gutem Grund von der Verpflichtung freigestellt ist, etwas Bestimmtes „erreichen“ zu müssen. Das methodengeleitete Erzielen von Resultaten, die grundsätzlich revidierbar und in diesem Sinne diskutabel bleiben, ist ihr genug.

Tatsächlich ist auch die Wissenschaft ebenso wie das öffentliche Gespräch ihrer Idee nach ein Organ der Skepsis: Ausdruck der Einsicht, dass alles Wissen von endlosen Weiten des Nichtwissens umgeben ist. Aus dem Bestreben, diese Ausgangslage zum Aufbau einer neuen, ebenso freimütigen wie selbstkritischen Gesprächskultur zu nutzen, ist einmal die bürgerliche Öffentlichkeit hervorgegangen. Das Gespräch ist „die aufrichtige Mühe“, schrieb Gotthold Ephraim Lessing,4 die dem Menschen nicht erspart werden kann, weil er die Wahrheit nicht hat, sondern sie, ohne Gewissheit des Erfolgs, suchen muss.

 

Ralf Konersmann, geboren 1955 in Düsseldorf, Publizist, Lehrstuhlinhaber und Direktor des Philosophischen Seminars, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Autor zahlreicher Bücher, Aufsätze, Essays und Feuilletons. Zuletzt erschien im S. Fischer Verlag „Die Unruhe der Welt“ (5. Auflage 2015) sowie das „Wörterbuch der Unruhe“ (2017, ausgezeichnet mit dem Tractatus-Preis 2017). 2021 erscheint „Welt ohne Maß“.

 

1 Christian Thomasius: Kurzer Entwurf der politischen Klugheit, Frankfurt/Leipzig 1710, S. 108.

2 Jürgen  Habermas:  Strukturwandel  der  Öffentlichkeit.  Untersuchungen  zu  einer  Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft, Darmstadt/Neuwied 1962, S. 211 ff.

3 Henning Ottmann: „Bloß keine Experten“, in: Süddeutsche Zeitung, 28.12.2012, S. 12.

4 Gotthold Ephraim Lessing: „Eine Duplik“, in: ders.: Werke, hrsg. von Karl Eibl u. a., Darmstadt 1996, Bd. 8, S. 30–101, hier S. 32 f.